Kwatsch mit K

Absolventenfeier 3


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Wieder einmal durfte er eine Rede halten. Er, Prof. Dr. Dingenskirchens, weiß, männlich, konservativ, langjähriger Vorsitzender des Konservativen Flügels der Konservativen, hatte schon viele Reden gehalten, eine langweiliger als die andere. Sie waren wie er: stocksteif, gestriegelt, angepasst, konform, ohne Ecken, ohne Kanten, alglatt, triefend. Und sie waren lang, zu lang, mit Längen, eintönig und zu lang.

Auch diesmal wählte er die langweiligsten Wörter, reihte sie aneinander zu langen und vorhersehbaren sowie den langweiligsten Sätzen, die die langweiligsten, unoriginellsten Inhalte enthielten.

Aus seiner Sicht hatte er sich natürlich Mal wieder selbst übertroffen: eine tolle Begrüßung, eine spannende Einleitung, einen informativen Hauptteil mit interessantem Fachwissen, ein wenig Emotion gepaart mit einer Prise Pathos, Stolz, Dank und nochmal Dank.

Doch dass die Rede überhaupt in Teile aufgegliedert war, merkte man nicht.

Er trug sie in einem so schon tausend Mal gehörten monotonen Duktus vor, dass man ab dem ersten Wort gar nicht mehr zuhören mochte, wollte geschweige denn konnte. Es war nicht möglich für das Durchschnittsgehirn, es sei denn man war so wie er. Instant schaltete man ab, sobald die ersten Worte der Begrüßung seinen Mund verließen. Es war auch nicht nötig zuzuhören, da man eh wusste, was nun folgte und die Kernaussage kannte. So war es nicht nur langweilig, ja die langweiligste Rede, die je geschrieben wurde, sondern auch überflüssig, bloße Lebenszeitverschwendung, ja existenziell bedeutungslos, hier zuzuhören.

Als nach einer unendlich lang erscheinenden Zeit der gähndenden Leere und des Dahinsiechens in ewiger Bedeutungs- und Sinnlosigkeit die letzten Worte verhallten, applaudierte man reflexartig, um sich wieder aufzuwecken und so das Ende herbei und die langsam entwichene Lebendigkeit zurück in die eigenen Körper zu klatschen. Fast wäre man umgekommen vor langer Weile.

Man war sich einig: Diese Rede hätte nie geschrieben, geschweige denn gehalten, werden dürfen. Aber es gab wohl immer diesen einen, der anderer Auffassung war. 

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Kwatsch mit KBy K der Konstler