Kwatsch mit K

After Party


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Als er nach einer durchzechten Partynacht aufwachte und sich hundeelend fühlend zur Toilette schleppte, öffnete er das Schlafzimmerfenster und legte sich mit dröhnend-dickem Kopf wieder zurück ins Bett.

Draußen war es bewölkt und menschenstill, nur der Wind ging etwas, sodass hin und wieder die Bäume und Blätter rauschten. Es erinnerte ihn an Vergänglichkeit, an Vergangenes und Endliches. Eine Träne lief ihm aus einem seiner verquollenen Augen die Wange hinunter, postalkoholische Depression und Einsamkeit überfielen ihn. Er schämte sich dafür. Erinnerungsfetzen von letzter Nacht blitzten in ihm auf, erzeugten ein schlechtes Gewissen, eine Traurigkeit aufgrund der Sinnlosigkeit des gestern betriebenen Aufwands. Des Sichzurechtmachens und Sichnichtsanmerkenlassens, des Trinkens und Feierngehens bis in die Morgendämmerung. Wie oft hatte er das jetzt schon mitgemacht, wie oft schon die Hoffnung gehabt, dass es dieses Mal anders laufen würde, dass er jemanden kennen lernen und sich vielleicht sogar verknallen würde. Tief im Innern sehnte er sich danach: Liebesrausch und Zuwendung, Geborgenheit und Nähe, die Magie einer zwischenmenschlichen Begegnung, voller Hingabe und Aufmerksamkeit füreinander. Aber all das konnte er sich nicht so konkret eingestehen. Seine Bedürfnisse lagen als diffus verknoteter Ball schwer auf seiner Seele und machten ihn traurig, ohne dass er wusste, warum genau. Er ahnte lediglich etwas, hatte jedoch keinen Zugang zu seinem Selbst, aus Schutz und Angst, weil es begraben lag unter Ansozialisiertem, Konditioniertem, Rollen- und Selbstbildern, Meinungen, wie etwas und jemand zu sein hatte. Vor allem er als Kerl durfte sich nicht so eine weiche Gefühlsduselei erlauben. Die Abwehr ließ ihn leugnen und sich ablenken, die Flucht ergreifen in Betriebsamkeit, in Leistung und Erfolg, in Status und Anerkennung sowie Sport und Alkohol. Letzteres vor allem am Wochenende, ohne hielt er es gar nicht mehr aus. Das oberflächliche Gelaber über was man so macht, über Fußball, oder Pseudo-Deeptalk à la "Ich reise gerne und möchte die Welt sehen" ohne das Eigentliche auszusprechen und ein "um es bei Instagram zu posten und Likes zu kriegen" anzufügen. Alles ohne Tiefe, weil er sie selbst nicht vermochte herzustellen und damit war es sinnlos und nur ein Zweck, ein Mittel oder bloß ein Versuch, wenigstens unter Leuten zu sein mit der kümmerlichen Hoffnung, dieses Mal würde die Nacht magisch werden. Um sich dann beim siebten Bier zu später Stunde am Rand einer Tanzfläche in diesem einen Club wieder zu finden, leicht wankend, trübsinnig dreinschauend, inzwischen unfähig zu einer richtigen Konversation.

Und dann lag er wieder da, wie jedes Wochenende, aus dem Fenster durch die Bäume hindurch in die graue Leere starrend. Und so leer er sich fühlte, so voll war er mit Gefühlen, mit Sehnsüchten, die ihn auf unerfüllte Bedürfnisse hinweisen, ihm zeigen wollten, dass er in Not war. Sein toller Medienjob, sein durchtrainierter Körper, sein damit verknüpftes Ansehen; all das half ihm jetzt nicht mehr, weil er bedingungslos geliebt werden wollte, nicht für das, was er tat, sondern für das, was er war. Bloß wusste er selbst nicht, wer er eigentlich war und so zog sich das Grau zu einem undurchsichtigen Nebel zusammen. Einem Nebel, der so viel Ungewissheit, Unbekanntes und Unsicheres beinhaltete, dass er sich nicht hinein traute und ihm so nur die Flucht in das altbekannte Terrain des alltäglichen Hamsterrads blieb. Die Blätter draußen rauschten weiter und signalisiertem ihm die ablaufende und unwiederbringliche Zeit, die tickte. Das Vergangene und Vergängliche, das Endliche und Endgültige.

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Kwatsch mit KBy K der Konstler