Kwatsch mit K

Armselig


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Er nahm sein Smartphone und tippte auf die Instagram-App. Nach ein bisschen automatisiertem Durchdiefollowerscrollen, gelangte er über die Suchfunktion auf das Profil der jungen Klimaaktivistin Luisa Neubauer, das ihm schon vorgeschlagen wurde, weil er es nicht zum ersten Mal besuchte. Nein, er entschied sich allen Ernstes dazu, hatte anscheinend nichts besseres mit seiner Zeit anzufangen, als unter einem Posting von ihr einen zynischen, überheblichen, besserwisserischen, beleidigenden, verunglimpfenden und verachtenden Kommentar zu verfassen. In diesem Fall ging es um die Demonstration und den Widerstand gegen die Räumung des Dorfes Lützerath, das dem riesigen Kohlebagger des Energiekonzerns RWE weichen sollte, damit die darunter liegende Braunkohle abgebaut werden konnte und die, laut Angaben des Konzerns, für die Sicherheit der Energieversorgung notwendig war. Das glaubte und dachte auch er, schrieb es in seinem gehässigen Kommentar nieder, ignorierend dass eine unabhängige Studie diese Angabe bereits wiederlegte und die Braunkohle bzw. die Zerstörung des Ortes nicht nötig war, um die Energieversorgung zu gewährleisten. Hinzu kam, dass die schwarz-grüne Regierung (mit Betonung auf "Grüne") des Landes Nordrhein-Westfalens einen Deal mit RWE einging, der es dem Konzern gestattete, soviel Braunkohle bis zum Austritt im Jahre 2030 abzubauen und zu verbrennen, dass der CO2-Ausstoß dabei sechs Mal höher ausfallen würde, als in dem auch von Deutschland ratifizierten "Pariser Abkommen" zur CO2-Reduktion vereinbart war. Aber mit rationalen Argumenten oder Studien brauchte man ihm eh nicht kommen, die seien entweder gelogen oder manipuliert oder was auch immer, aber auf jeden Fall falsch, was schon darauf hindeutete, dass sein Motiv, jenen Kommentar zu verfassen, ein emotionales und kein rationales war, was er sich und anderen aber niemals eingestehen würde, denn er hatte natürlich vor allem immer recht und er wollte auch gar nicht sachlich diskutieren, sondern provozieren und diffamieren. Vor allem mit so unsäglich billigen Möchtergernargumenten, wie "die Klimaschützer würden ja auch CO2 beim Atmen ausstoßen oder bestimmt mit Papas Auto fahren" oder gleich den ganzen Klimawandel leugnen und Lachsmileys und solch erbärmlichen Sprüchen, die, je schlechter sie waren, umso treffender und witziger von ihm befunden wurden. Und jetzt, da er seinen Lebensstil, seine Privilegien, seine Sicht der Dinge und seine Wahrnehmung durch diese sogenannten Klimaterroristen, oder die Grünen, oder Linke, oder die Ampel, oder Geflüchtete, oder Homo- und Transsexuelle, oder Veganer, oder Menschen mit Migrationshintergrund, oder dem Gendersternchen, oder eben jungen Menschen, die sich engagierten, als bedroht ansah, was er allerdings auch nie zugeben würde, weil dies ja mit dem Eingeständnis einer Schwäche und damit konnotierten Gefühlen wie Angst und Sorge einherging, musste er sich aus seiner Sicht verteidigen. Dabei fragte er sich nicht, was sein Kommentar eigentlich bezwecken sollte, außer dass es als ein tragischer, jämmerlicher Ausdruck seiner Frustration und seiner Angst diente, was ihm ebenso nicht klar war und dass er nur seinen Hass schürte, ihn verbreitete, obwohl er eigentlich das Problem hatte, nicht die von ihm Kritisierten und Gegängelten. Auch das sah er nicht, während es ihm in den Fingern juckte und er seinen abfälligen Kommentar verfasste, in dem er Luisa Neubauer Selbstdarstellung und Selbstbereicherung vorwarf. Was ihn eigentlich und vor allem unterbewusst daran störte, dass sich jemand engagierte und mittlerweile so gut darin war, dass sie davon leben konnte, also ihre Herzensangelegenheit zum Job machte, war im Prinzip ein Abwehrmechanismus der Projektion, weil da jemand sich die Freiheit nahm und "aufbegehrte", was er sich so niemals erlaubte oder gestattete, hatte er doch durch Schuld, Scham und Strafe gelernt, gehorsam zu sein und sich entgegen seiner Bedürfnisse anzupassen. Angepasst an Normen und Regeln, unter denen er eigentlic
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Kwatsch mit KBy K der Konstler