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Schöpfung, damit verbinden wir Natur, Schönheit und Natürlichkeit. Längst genießen wir als Geschöpfe aber nicht mehr nur das, was der Schöpfer uns anvertraut hat, sondern werden selbst immer mehr zu Schaffenden, die in die Schöpfung eingreifen. Der israelische Historiker und Philosoph Yuval Harari postuliert in seinem Bestseller „Homo Deus“ sogar, dass der Mensch seine Höherentwicklung in naher Zukunft selbst in die Hand nehmen und mit technischen Möglichkeiten das „Mängelwesen“ Homo sapiens überwinden wird. Christian Enders, Mitarbeiter der SMD, ein Netzwerk von Christen in Schule, Hochschule und akademischer Berufswelt, hat den Biophysiker Alexander Fink um eine Einordnung dieser steilen These gebeten. Ein Interview.
Christian Enders: Herr Fink, was genau meint Yuval Harari mit der Überwindung des Homo sapiens und was ist Anthropotechnik?
Dr. Alexander Fink ist Biophysiker und Leiter des zur SMD gehörenden Instituts für Glaube und Wissenschaft in Marburg . Nach seiner Promotion war er zunächst in der Industrie tätig, von 2009 bis 2014 leitete er dann die Akademiker-SMD. Er ist verheiratet und Vater von zwei Kindern. (Foto: Christian Enders)Alexander Fink: Nach Yuval Hararis Ansicht hat der Mensch im 21. Jahrhundert die Kontrolle über sein Schicksal gewonnen und schickt sich an, seine eigene Natur zu vervollkommnen. Grundlage bildet ein biologistisches Menschenbild, nach welchem der Mensch ein biologischer Algorithmus, ein genetisches Programm ist, das wie ein Computer von technischen Unzulänglichkeiten befreit, „upgedated“ und optimiert werden kann. Diese Weiterentwicklung menschlicher Eigenschaften bezeichnet man als Anthropotechnik (griech. „anthropos“ = Mensch). Harari sieht hierbei drei Linien. Zunächst das „Bio-Engineering“: Die Gentechnologie ermöglicht das Verstehen der Funktionsweise unserer Gene, die sich dann zielgerichtet verändern lassen. Die Neurowissenschaften entschlüsseln den Zusammenhang von Gehirn und kognitiven Fähigkeiten und können diese verbessern.
Zweitens spricht Harari vom „Cyborg Engineering“, der Erweiterung des menschlichen Organismus durch anorganische Komponenten, denn Algorithmen lassen sich auf unterschiedlichen materiellen Trägern umsetzen. Drittens folgt die „Künstliche Intelligenz“. Computer können immer mehr Daten in immer kürzerer Zeit verarbeiten. Damit sind sie dem Menschen weit überlegen. Wenn der Mensch nur ein biologischer Algorithmus sein sollte, sollten bald auch Computer ein Bewusstsein entwickeln können. Diese Maschinen würden den heutigen Homo sapiens dann als kognitiv höchststehende Spezies der Erde ablösen, wobei der Homo sapiens sein Bewusstsein im Optimalfall auf solche Maschinen „uploaden“ können wird. Dem Homo sapiens folgt in der Evolution der höherstehende „Homo deus“.
Christian Enders: Welche Möglichkeiten besitzen wir in der Gentechnik schon heute?
Alexander Fink: Klar ist, dass unsere Möglichkeiten mit zunehmendem Verständnis in der Gen- und Gehirnforschung immer größer werden. Bis 1978 war es undenkbar, dass kinderlose Ehepaare durch künstliche Befruchtung (IVF) im Reagenzglas ein eigenes Kind zeugen könnten. Heute geschieht das täglich. Die Möglichkeiten der Gentechnik beginnen im Grunde schon bei den Züchtungserfolgen des frühen Menschen in der Getreide- oder Haustier-Züchtung und reichen heute über die bereits etablierten Methoden der therapeutischen und reproduktiven Klonierung bis hin zu gezielten Eingriffen in die Keimbahn z. B. mittels CrispR/Cas9. CrispR/Cas9 verspricht spannende Heilungschancen …