© Daniel Lincoln / unsplash.com
Die Gentechnologie spielt weltweit eine bedeutende Rolle in Pflanzenbau, Tierzucht, Lebensmittelproduktion, Pharmaindustrie, Transplantationsmedizin und leider in absehbarer Zeit auch in der Reproduktionsmedizin. Sie hat einen überwältigenden Siegeszug angetreten, den manche mit Skepsis, manche mit Begeisterung verfolgen. Dr. Siegfried Scherer, Biologe, geht in folgendem Grundlagenartikel auf die Frage ein, ob Gentechnik grundsätzlich verwerflich ist und welche Chancen und Gefahren er in der zunehmenden Möglichkeit der Anthropotechnik sieht.
Prof. Dr. Siegfried Scherer leitet den Lehrstuhl für Mikrobielle Ökologie und forscht am Department für Grundlagen der Biowissenschaften der TU München an bakteriellen Krankheitserregern und evolutionsbiologischen Themen.
(Foto: TU München)In Deutschland stehen (noch) keine gentechnisch veränderten Pflanzen und Tiere auf der Speisekarte. Aber auch Deutsche nutzen Gentechnik: Es gibt in unseren Supermärkten kaum ein Waschmittel, in dem keine gentechnisch produzierten Enzyme verwendet werden. Wer nicht direkt beim Biobauern kauft, kann davon ausgehen, dass viele unserer industriell hergestellten Lebensmittel indirekt mit Gentechnik in Berührung kommen. Rund 80% der weltweit angebauten Baumwollpflanzen sind gentechnisch verändert, und hunderte von Medikamenten auf dem deutschen Markt werden mit Hilfe gentechnischer Verfahren hergestellt.
Dem Schöpfer ins Handwerk gepfuscht?
Aber ist Gentechnik ethisch verantwortbar? Oder handelt es sich um einen unzulässigen, künstlichen Eingriff in die Schöpfung? Als ich 1988 in den USA gentechnische Verfahren erlernte, war es für mich eine ernsthafte Frage, ob ich solche Techniken anwenden darf. Mein Wissen über Bakteriengenetik hat mir geholfen, eine auf Sachargumenten beruhende Entscheidung zu treffen. Ich bin, sozusagen, „Gentechniker“ geworden, wir erzeugen an meinem Lehrstuhl an der TU München routinemäßig transgene [1] Bakterien und ich kann bis heute ruhig schlafen.
Die Einfügung von Fremd-DNA in das Genom (nicht nur) von Bakterien ist ein natürlicher Vorgang. In der Schöpfung existieren verschiedene geniale Mechanismen für den Transfer von DNA zwischen Spezies. Doch erst vor kurzen haben wir erkannt, wie häufig die Erzeugung von transgenen Organismen in der Natur wirklich ist. Ein Beispiel: In jedem menschlichen Dickdarm wird jeden Tag zwischen tausenden von Bakterien verschiedener Spezies DNA ausgetauscht. Damit nicht genug: Nach einer Mahlzeit nehmen unsere Darmbakterien nicht selten auch etwas von pflanzlichem und tierischem Erbgut auf. Darüber hinaus gibt es sogar Evidenz dafür, dass wir selber DNA aus Nahrungsorganismen in unsere Chromosomen einbauen. Diese Fremd-DNA verschwindet schnell wieder, es sei denn, sie würde in die Vorläufer unserer Keimzellen gelangen.
Als Christ glaube ich, dass Gott das Leben mit faszinierenden Mechanismen der Variabilität ausgestattet hat. Leben ist genau so konstruiert, dass es evolvieren kann [2]. Als Gentechniker benutzen wir im Kern die vom Schöpfer in die Natur hineingelegten Werkzeuge (Enzyme, Vektoren etc.) zur genetischen Veränderung von Lebewesen. Der Mensch greift schon lange in die Genome von Bakterien und Pflanzen ein, auch durch Mutationszüchtung. Gentechnische Verfahren führen jedoch viel schneller zu den gewünschten Zielen, als dies in der Natur oder durch jede Art von Züchtung je der Fall sein kann, und sie sind sicherer, weil gezielter. Allerdings: Auch mit natürlichen Werkzeugen können wir auf diese Weise Veränderungen hervorbringen, die man in der Natur niemals erwarten würde. Ähnliche wie die …