ERF Gottesdienst

Christliche Meditation für Anfänger


Listen Later

© Free-Photos / pixabay.com
Tief ein- und ausatmen. Ein- und ausatmen. Und noch einmal: ein- und ausatmen. Ich sitze auf dem Zimmerboden und versuche mich auf meine Atmung zu konzentrieren. Immer wieder lasse ich dabei meinen Blick durch den Raum schweifen und bleibe schließlich bei meinem Rock hängen, dessen Muster überhaupt nicht zu meinem Oberteil passt. Ich hätte heute Morgen mal lieber richtig in den Spiegel schauen sollen, denke ich mir. Da fällt mir wieder ein, dass ich mich ja nur auf meine Atmung konzentrieren wollte. Also erneut: Tief ein- und ausatmen. Meine Hände habe ich auf meinen Oberschenkeln abgelegt: eine empfangende Haltung, so steht es zumindest in der Schritt für Schritt Anleitung für christliche Meditation.
 
Von den Psalmisten abgeschaut: Christliche Meditation dreht sich um das Wort Gottes
Christliche Meditation? Manch einer wird jetzt vielleicht kritisch die Augenbrauen hochziehen: Was ist denn bitte schön christlich am Meditieren? So erging es zumindest mir bisher: Das Wort Meditation lag gemeinsam mit den Begriffen Yoga und Esoterik irgendwo ganz weit unten in meiner pauschal benannten „Hokuspokus“-Schublade. Doch dann stoße ich auf das Buch „Süßer als Honig, kostbarer als Gold“ von Jan Johnson. Darin erklärt die Autorin 40 verschiedene Übungen, die dabei helfen, über bestimmte Bibeltexte zu meditieren. Johnson betont dabei die lange Tradition des Meditierens im Christentum, die jedoch in den letzten Jahrhunderten vernachlässigt wurde. Durch die Fokussierung der Aufklärung auf das „Denken“, wird heute das Meditieren von vielen nur noch mit fernöstlichen Religionen, wie dem Hinduismus und dem Buddhismus, in Verbindung gebracht.
Doch kaum eine Sehnsucht ist derzeit so groß, wie die, zur Ruhe zu kommen, innezuhalten und loszulassen. All diese Bedürfnisse können beim Meditieren befriedigt werden. Dabei entsteht jedoch schnell und oft auch unbewusst eine Vermischung verschiedener religiöser Praktiken. Die Autorin Jan Johnson aber grenzt sich klar von fernöstlichen Religionen ab, indem sie sich daran orientiert, was auch schon in der Bibel praktiziert wurde. Vorbilder sind ihr vor allem die Psalmisten: Diejenigen, die in den Psalmen immer wieder betonen, wie sie Tag und Nacht über Gottes Wort nachsinnen (vgl. Psalm 1,2). Denn genau das bedeutet das lateinische Wort meditatio: nachsinnen, nachdenken. Das intensive Nachsinnen ist für Johnson eine christliche Praxis, sobald der Gegenstand der Meditation das Wort Gottes ist.
 
Es geht nicht darum, den Verstand zu verlieren
Einen Bibeltext in das Zentrum der Meditation zu stellen, schließt jedoch nach Johnson Atem- und Konzentrationsübungen nicht aus, sondern sie seien sogar Voraussetzung dafür. Der Unterschied zu fernöstlichen Traditionen ist das Ziel der Körperwahrnehmung.
Denn es geht darum die Gedanken von der Geschäftigkeit, dem normalen Alltagstempo wegzulenken und im Moment gegenwärtig zu sein; nicht darum, den Verstand abzuschalten und in eine andere Sphäre abzutauchen.
 
Dieser Einstieg bereitet auf Gottes Reden vor. Oder anders ausgedrückt: Dem Wort Gottes wird durch das Bewusst-Sein der Gegenwart überhaupt erst Raum gegeben. Als zweiten Schritt schlägt Jan Johnson vor, einen Abschnitt aus der Bibel zu lesen. Dieser sollte wiederholt betrachtet werden, um dann im letzten Teil in der Stille wahrzunehmen, was Gott dazu sagt. Bei der biblischen Meditation geht es also zusammengefasst um das Loslassen eigener Gedanken und das Sich-Öffnen für Gottes Wahrheit. Diese Methode wird bereits seit dem 5. Jahrhundert praktiziert und heißt lectio divina, „göttliches Lesen“.
...more
View all episodesView all episodes
Download on the App Store

ERF GottesdienstBy ERF - Der Sinnsender