ERF Gottesdienst

Die Anti-Helden der Bibel


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© Ameer Basheer / unsplash.com
Ich habe schon immer Geschichten geliebt und als Kind aus christlichem Elternhaus habe ich natürlich auch die Geschichten meiner Kinderbibel verschlungen. Spannend fand ich Dabei besonders die abgedrehten Stories und manches, was ich da las, keineswegs komisch oder befremdlich gefunden. Vor allem aber habe ich nicht hinterfragt, wie mir die „biblischen Helden“ präsentiert wurden, zum Beispiel im Kindergottesdienst. Für mich als Kind war klar: Die Personen der Bibel gehen ihren Weg mit Gott und sind daher Vorbilder. Ihre Schattenseiten wurden zwar nicht verschwiegen, aber kamen deutlich seltener vor.
Dabei – so wurde mir erst im Erwachsenenalter klar – können wir von den Schattenseiten der biblischen Helden viel mehr lernen als von ihren Erfolgen. Die Menschen der Bibel sind nämlich keineswegs übermenschliche Glaubensvorbilder, sondern haben ihre Kanten und Ecken, ihre Fehler und Schwächen. Um wirklich von ihnen zu lernen, lohnt es sich, sie zu entzaubern und sie von ihrem Podest zu heben. Drei Beispiele habe ich dafür ausgesucht.
Wir können von den Schattenseiten der biblischen Helden viel mehr lernen als von ihren Erfolgen.
 
Der „gehorsame“ Abraham
Abraham ist das Vorbild schlechthin in puncto Gottvertrauen, Gehorsam und Durchhaltevermögen. Er ist der erste Glaubensvater, der Gründer Israels, schlichtweg ein absoluter Held. Aber Moment mal, stützt die Bibel diese These überhaupt?
Ja, Abraham war sehr mutig. Er verließ seine Familie und zog über 1.500 Kilometer weit weg. Das war nach damaligen Verhältnissen kein 2-Tages-Trip mit dem Auto, sondern eine lange beschwerliche Reise. Aber Abraham war nicht in allen Situationen ein Glaubensheld. Er ist noch nicht lange in Kanaan und was geschieht? Er muss wegen einer Hungersnot in Ägypten Schutz suchen. Und was tut Abraham dort als Erstes? Er stiftet seine Frau Sara zum Erzählen von Halbwahrheiten an (vgl. 1. Mose 12,11-14). Abraham hat nämlich Angst, dass ihn die Ägypter wegen seiner schönen Frau umbringen, also erzählt er, sie sei seine Schwester. Dies ist keine Lüge, denn tatsächlich ist Sara seine Halbschwester. Aber es ist eben nur die halbe Wahrheit.
So kommt es, wie es kommen musste: Ausgerechnet der Pharao selbst verguckt sich in Abrahams Frau und holt sie in sein Haus. Auch jetzt tut Abraham noch nichts. Doch statt dass Gott Abraham wegen seiner Lüge straft, weist er den Pharao darauf hin, was hier gespielt wird. Dieser gibt Abraham nicht nur umgehend seine Frau zurück, sondern sorgt auch noch dafür, dass es den beiden an nichts mangelt (vgl. 1. Mose 12,18-20).
Zeichnet sich Abraham an dieser Stelle als besonders gehorsam aus? Sicherlich nicht. Vielmehr versucht der Glaubensheld Abraham hier mit Halbwahrheiten und Lügen einem Problem aus dem Weg zu gehen, ohne auf Gott zu vertrauen. Und das geht gehörig schief. Wer hier allerdings treu ist, das ist Gott. Diese Treue Gottes zieht sich durch die ganze Geschichte Abrahams. Denn Abraham wiederholt seinen Fehler später sogar noch mal (vgl. 1. Mose 20,1-18) und selbst hier verliert Gott nicht die Geduld. Auch den versprochenen Nachkommen Isaak schenkt Gott Abraham und Sara und auch das, obwohl die beiden es auch hier nicht lassen können, der Verheißung Gottes selbst nachzuhelfen (vgl. 1. Mose 16,1-16).
Was lerne ich also von Abraham? Ich lerne, dass auch Menschen mit großem Glaubensmut nicht davor gefeit sind, dem Schutz und den Verheißungen Gottes zu misstrauen und selbst nachhelfen zu wollen. Gleichzeitig lerne ich, dass dies auch gar nicht notwendig ist. Wir müssen Gott nicht unter die Arme greifen. Er macht seine Verheißungen auch so wahr. …
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