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DK8: Online-Wahlen an der FSU


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Foto der Wahlscheine zur Kommunalwahl in NRW 2009 von Awaya Legends (Flickr)

Die Wahlen zu universitären Gremien sprechen in aller Regel wenige

Studenten an. Ein Fünftel oder weniger der Wähler kommen ihrem
Recht nach. Die Friedrich-Schiller-Universität (FSU) in Jena glaubt nun,
ein Gegenmittel gefunden zu haben: Online-Wahlen.

In der aktuellen Wahl sollte das System POLYAS der Firma Micromata

zum Einsatz kommen. Über ein Formular meldet sich die Student unter
Verwendung seines Geburtsdatums, seiner Matrikelnummer sowie einer
festgelegten Passphrase an. Danach wird von der Software ein
Wahlschein präsentiert. Studierende geben die Stimme ab und die
Software zählt am Ende aus. Eigentlich klingt das alles ganz
einfach. Wie jedoch schon der Start zeigte, gibt es eine Vielzahl
von Problemen.

Christoph Pregla erzählt im Podcast, dass eine von drei Komponenten

der Software zunächst nicht gestartet werden konnte. Es gab dann
längere Telefonate zwischen Micromata und der FSU. Die beteiligten
Personen verließen dann die Räumlichkeiten. Es ist unklar, was in
dieser Zeit mit dem Rechner passierte. Ein Angreifer hätte
eventuell leichtes Spiel. Die Software konnte letztlich gestartet
werden. Jedoch fiel irgendwann auf, dass die Online-Version des
Wahlzettels von der Druckversion abwich. Während auf dem gedruckten
Wahlzettel korrekt die Abgabe von drei Stimmen möglich war, konnten
online nur zwei Stimmen abgegeben werden. Dieser Fehler führte dann
zum Abbruch der Online-Wahl durch das Wahlamt.

Im zweiten Teil des Podcasts erzählt Christoph dann von weiteren

Problemen, die er bei der Software sieht und auch von Aktionen, die
vom Studierendenrat der FSU geplant werden. Constanze Kurz liefert
im ersten Teil einige Informationen zu den theoretischen Problemen
von Online-Wahlen und erzählt von der GI- sowie ÖH-Wahl. Es war
eigentlich geplant, die Aufzeichnung zu dritt mit Christoph zu
machen. Aber wir hatten das Treffen verpeilt. Daher gibt es zwei
getrennte Gespräche.

Im folgenden habe ich noch einige Informationen zum Hintergrund aufgeschrieben. Dies entstammt meiner Mitschrift aus der Veranstaltung sowie meiner Erinnerung:

Am 5. April 2012 fand an der FSU eine Präsentation von Micromata
statt. Dort sprachen sowohl Vertreter des Wahlamtes wie auch
Firmenvertreter. Herr Rüttger vom Wahlamt machte dort deutlich,
die Einführung der Online-Wahlen zwei Ziele verfolgen.

  1. Erhöhung der Wahlbeteiligung
  2. Kostenersparnis durch Vereinfachung des Verfahrens
  3. Im Sommersemester 2012 finden kleine Gremienwahlen, Wahlen zum

    Stura, zu den Fachschaftsräten und zum Rat der Graduiertenakademie
    statt. Daneben gibt es eine Urabstimmung über Online-Wahlen. Dadurch
    ergibt sich gegebenenfalls die Möglichkeit, Online-Wahlen bei
    studentischen Gremien einzusetzen. Die laufende Online-Wahl
    berücksichtigt nur Gremien der Uni.

    Momentan gibt es an der FSU 18.000 Wahlberechtigte. Für die müssen Zettel

    gedruckt und versandt werden. Das verursacht für die FSU einen
    erheblichen Aufwand. Denn es ist viel Personal eingebunden und
    verschlingt viel Zeit. Des Weiteren wäre das Verfahren nicht
    umweltfreundlich. Denn aufgrund der geringen Wahlbeteiligung landen
    mehr als 80 % der Ausdrucke im Papierkorb. Angeblich entstehen
    dadurch Kosten von ca. 20.000 €. Im Verlauf der Präsentation gab es
    keine Aussage, was POLYAS kostet. Intuitiv wäre zu erwarten, dass
    das System weniger Kosten verursacht.

    Ein weiteres Ziel ist die Erhöhung der Wahlbeteiligung. Denn

    schließlich nutzen viele Studenten Facebook, also werden sie ihre
    Stimme gern online abgeben. So lautete in etwa die Begründung.

    Seit 2008 gibt es an der FSU Überlegungen zur Durchführung von

    Online-Wahlen. Zwei Jahre später fand eine Testwahl mit Micromata an
    der Graduiertenakademie statt. Am 29. Februar 2012 wurde eine neue
    Wahlordnung verabschiedet. Diese ermöglicht erstmalig Online-Wahlen.

    Im Verlauf der Veranstaltung wurde mehrfach erwähnt, dass die DFG

    und die Gesellschaft für Informatik (GI) POLYAS
    einsetzen. Insbesondere letztere als Vereinigung der Informatiker
    wurde als Beleg aufgeführt, dass das System gut ist. Denn was das
    schon Informatiker einsetzen … Mir fällt da nur ein: »Der Schuster
    hat immer die schlechtesten Schuhe«.

    Die Studierenden haben mittlerweile alle ein Anschreiben

    bekommen. Dort steht drin, wo man sich anmelden kann, wie sich das
    Loginkennzeichen zusammensetzt (Matrikelnummer und Geburtsdatum),
    wie die Passphrase ist und wie der Fingerprint des SSL-Zertifikats
    aussieht. Somit wäre der Login und die Wahl theoretisch
    möglich. Laut Auskunft von Christoph gibt es einen zweiten Anlauf
    für die Online-Wahl. Dieser startet am 9. Juli 2012. Mittlerweile gibt es dazu eine Wahlbekanntmachung.

    Bei der Präsentation gab es an der Stelle Screenshots vom

    Wahlportal. Lustigerweise war im Suchfeld des Browsers zu lesen,
    welche Frage derjenige zuletzt an Google gegeben hatte. Diese
    lautete: »Wie mache ich einen Screenshot?«

    Der technische Wahlvorgang war für mich nicht nachvollziehbar. Denn

    zum einen besteht dieses aus einer Vielzahl von Schritten, wo
    diverse Dinge passieren. Ich konnte da nicht gleichzeitig
    mitschreiben und -denken. Jedoch gibt es die Diplomarbeit »Anbindung
    eines externen Authentifizierungsdienstes an ein Online-Wahlsystem«
    von Christian Backes. Dort stehen einige Details dazu drin (siehe Shownotes unten).

    Schließlich folgten Fragen, die entweder vorab abgegeben wurden oder

    sich im Anschluss stellten. Ein Teil bezog sich auf Verschlüsselung
    und Technik. Micromata generiert die Passphrases (TANs) und
    verschlüsselt diese mit GnuPG. Das Ergebnis wird an die FSU
    gegeben. Die Erzeugung der TANs könnte jedoch auch bei der FSU
    erfolgen.

    Das System ist abgeschottet. Es läuft nur die Wahlsoftware und keine

    anderen Dienste. Gleichzeitig findet eine Prüfung mit Aide und Tripwire statt.

    Die Software wurde in Java geschrieben. Micromata verwendet

    Bouncycastle mit 2048 Bit RSA und 256 Bit AES. Weiterhin wird
    angeblich intern SHA-256 als Hashalgorithmus benutzt. Im Rahmen der
    Vorführung später waren jedoch Zeilen mit MD5 zu lesen. Auf
    Nachfrage antwortete ein Vertreter der Firma, dass die Logmeldungen
    noch nicht angepasst wurden.

    Gerade im Lichte des Vorfalls an der FSU ist die Frage nach der

    Verfügbarkeit interessant. Angeblich gab es bisher einen
    Hardwareausfall. Dies führte zu sechs Stunden
    Nichterreichbarkeit. Ansonsten wurde immer 100 % Verfügbarkeit
    erzielt. Wie wohl die offizielle Zahl für die FSU aussieht?

    Die Vertreter des Stura wollten auch wissen, welche unabhängigen Sicherheitsunternehmen den Code geprüft haben sowie wie dieser Test durchgeführt wurde. Nach meiner Mitschrift beantwortete der Vertreter von Micromata die Frage nach den Prüfunternehmen insofern, als das der Code vom BSI und von der DFG geprüft wurde. Einen Penetrationstest soll es seitens der DFG und von »Redteam Aachen« gegeben haben. Auf meine Nachfrage in der Veranstaltung, zu welchem Ergebnis die Tester gekommen sind, wurde gesagt, dass keine Schwachstellen außer Denial of Service gefunden wurden. Ich nahm an, dass es sich um die Firma RedTeam Pentesting aus Aachen und verlinkte darauf. Die Firma nahm Kontakt zu mir auf und teilte mir mit, dass sie keinerlei Auskunft über Kunden und Nichtkunden erteilen und nur in Einzelfällen eine Freigabe der Testergebnisse erteilen. Der Geschäftsführer von Micromata, Herr Reinhard, ließ in der Zwischenzeit mitteilen, dass die obige Aussage so nicht von seinen Mitarbeitern getroffen wurde. Dies betrifft sowohl die Aussage zum BSI wie die zum RedTeam. Damit bleibt also weitgehend offen, welche externe Firma den Code wie geprüft hat.

    Irgendwann war meine Batterie am Ende und ich habe nicht weiter

    mitgetippt. Am Ende ging es noch um das Kompilieren der
    Software. Das sprach Christoph auch im Podcast an. Daneben gab es
    weitere eher technische Fragen.

    Relativ wenig wurden eher juristische Fragen

    angesprochen. Constanze erwähnte bereits die Grundsätze, die
    zuletzt das Bundesverfassungsgericht an Wahlen im Allgemeinen
    gestellt hat. In den Leitsätzen zum Urteil 2 BvC 3/07 vom 3.3.2009 schrieben die Richter:

    Der Grundsatz der Öffentlichkeit der

    Wahl, […], gebietet, dass alle wesentlichen Schritte der Wahl
    öffentlich überprüfbar sind, […].

    Bei einer klassischen Wahl ist

    das vollständig gegeben. Da wird ein Papierzettel in eine Urne
    geworfen. Später werden alle Zettel herausgeholt und
    ausgezählt. Das Eregbnis wird anschließend übermittelt. Jeder
    Mensch mit grundlegenden mathematischen Fähigkeiten kann das
    Verfahren verstehen und sieht, wenn manipuliert wird. Wie ist das
    bei Online-Wahlen? Schon oben schrieb ich, dass der gesamte
    Wahlvorgang nicht so auf die Schnelle zu verstehen ist. Bereits
    hier benötigt man tiefergehende Kenntnisse in der Informatik, um
    den Ablauf zu verstehen. Das heißt, selbst wenn man davon überzeugt
    ist, dass die Software fehlerfrei funktioniert, kann nicht jeder
    die Funktionsweise einfach nachvollziehen. Wie das mit der
    Fehlerfreiheit ist, sieht man ja am Start des Systems an der FSU.

    Insofern bleiben die grundsätzlichen Bedenken bestehen. Selbst die

    Vertreter von Micromata räumten in der Präsentation ein, dass ihr
    System nicht den Anforderungen des BVerfG gerecht würde. Aber
    offensichtlich erheben sie an Uniwahlen andere Ansprüche.

    Ich würde mich freuen, wenn sich Studierende der FSU über die

    Probleme derartiger Wahlsysteme klar werden und ihr Kreuz für die
    Urabstimmung entsprechend setzen. Gleichzeitig benötigt die Stura
    die Unterstützung, um Informationen zu verteilen bzw. Gegenaktionen
    zu planen. Solltet ihr also Probleme sehen, meldet euch beim
    Stura. Habt ihr weitere Informationen zu POLYAS an der FSU oder
    anderswo, steht euch das Kommentarfeld offen. Viel Spaß beim Hören
    des Podcasts.

    Download und Anhören

    • MP3 als Torrent
    • OGG als Torrent
    • Shownotes
      • WP: Constanze Kurz
      • Micromata
      • POLYAS
      • Diplomarbeit »Anbindung eines externen Authentifizierungsdienstes an ein Online-Wahlsystem« von Christian Backes
      • CC-Schutzprofil BSI-CC-PP-0037-2008 des BSI
      • WP: Common Criteria for Information Technology Security Evaluation (CC)
      • WP: Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik
      • BSI
      • Wahlamt der FSU
      • Jenapolis: StuRa der FSU Jena erneuert Kritik an Onlinewahlen
      • WP: Wahl
      • Systeme und Verfahren von Wahlen
      • WP: Wahlcomputer
      • WP: Digitaler Wahlstift
      • Gutachten des CCC zu Wahlcomputern für das Bundesverfassungsgericht
      • WP: Internetwahl
      • WP: Gesellschaft für Informatik
      • Gesellschaft für Informatik
      • Infoseite zu Wahlen bei der GI
      • Mitteilung von POLYAS zur Wahl der Graduierten-Akademie aus dem Jahr 2010
      • WP: Briefwahl
      • WP: Wahlpflicht
      • Interview mit Gerda Marx zum Rücktritt als Leiterin der Wahkommission bei derStandard.at
      • Aufhebung des E-Voting durch den Verfassungsgerichtshof in Österreich
      • Papierwahl.at: Details zur Sourcecode-Einsicht
      • Papierwahl.at
      • WP: Kryptographie
      • WP: Hashfunktion
      • WP: Secure Hash Algorithm (SHA)
      • WP: Message-Digest Algorithm 5 (MD5)
      • WP: RSA-Kryptosystem
      • WP: Advanced Encryption Standard (AES)
      • WP: Geheimhaltungsvertrag
      • WP: Quellcode
      • Stura der FSU
      • WP: Bingo Voting
      • WP: Flame (Schadprogramm)
      • Pressemitteilung des BVerfG zur Verfassungswidrigkeit von Wahlcomputern
      • BVerfG, 2 BvC 3/07 vom 3.3.2009
      • Beschluss des Thüringer Oberverwaltungsgerichts zur Wahl an der FSU
      • Update: Klar gestellt, dass Aussage zur Prüfung des Code von Micromata-Vertretern kam.

        Update 2: Micromata widerspricht einer Aussage. Blogbeitrag entsprechend angepasst.

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