ERF Gottesdienst

Fördert der christliche Glaube Depressionen?


Listen Later

© Sander Weeteling / unsplash.com
 
Prof. Dr. Ulrich Giesekus (Foto: ERF Medien)Nicht hinter jedem emotionalen Unwohlsein steckt eine ausgeprägte Depression. Dennoch ist nicht zu übersehen, dass sich diese Erkrankung zu einer Art Volksleiden entwickelt. Prof. Dr. Ulrich Giesekus leitet das Beraternetzwerk „BeratungenPlus“ und lehrt Psychologie und Seelsorge an der Internationalen Hochschule Liebenzell. Neben dieser Arbeit bietet er Seminare und Vorträge in Kirchengemeinden an, damit Christen von seinen Erfahrungen im Umgang mit Depressionen profitieren. ERF Medien hat mit ihm über Glaube und Depression gesprochen. Welcher Zusammenhang besteht zwischen dem Glauben an Gott und der Erkrankung der Seele?
 
ERF Medien: Herr Dr. Giesekus, Christen neigen dazu sich ständig selbst zu hinterfragen und durch Disziplin und Selbstkasteiung verbessern zu wollen. Fördert der christliche Glaube durch Schuldgefühle und Sündenbewusstsein Depressionen, oder verhindert er diese Erkrankung eher?
Dr. Ulrich Giesekus: Das hängt von dem jeweiligen Glauben ab! Ein gesetzlicher und selbstzerfleischender Glaube ist natürlich schädlich. Sehr viele Menschen aber – und zwar die deutliche Mehrheit – können durch ihre Glaubenspraxis Trost, Zuspruch, Mut und Hoffnung gewinnen und mit Krisen besser umgehen.
Auch wenn es schädliche Formen des Glaubens gibt: Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen eindeutig, dass der Glaube eine starke Ressource im Umgang mit Krisen ist. Insgesamt kann man festhalten, dass Glaube nicht nur präventiv, sondern auch heilsam ist. Aber natürlich gibt es hier auch Ausnahmen.
 
„Leid ist nie gewollt“
ERF Medien: Christen sind durch ihren Glauben an einen wohlwollenden Gott also auf besondere Weise gegen Depressionen gewappnet. Müssten sie dann im Vergleich nicht weniger an Depressionen erkranken als Nicht-Christen?
Dr. Ulrich Giesekus: Eine genaue Statistik habe ich dazu nicht im Kopf. Es gibt aber weit über 1000 Untersuchungen zum Thema Glaube und Gesundheit. Fast alle zeigen: Die Widerstandskraft gegenüber krankmachenden Faktoren ist bei gläubigen Menschen deutlich höher.
 
ERF Medien: Treten Depressionen bei Christen dann deshalb auf, weil sie zu wenig Glauben haben?
Dr. Ulrich Giesekus: Depressionen haben viele Ursachen, von erblicher Veranlagung über Kindheitserfahrungen und Traumatisierung bis hin zu Mobbing am Arbeitsplatz oder inneren Einstellungen. Eine Depression auf eine einzige Ursache zurückzuführen ist immer eine starke Verkürzung! Die meisten Gläubigen erleben in ihrem Glauben eine starke Hilfe, zum Beispiel durch Gebete, Lieder oder christliche Gemeinschaften, in denen sie sich aussprechen können. Dadurch erleben sie eine Erleichterung – auch im Bereich ihrer traurigen Gefühle.
Eine echte Depression kann angefangen von der Schilddrüsenerkrankung bis hin zu emotionalem Stress alle möglichen Ursachen haben. Im Einzelfall kann man nie sagen: Diese Depression hat genau diese Ursache. Oft lässt es sich von der Krankheitsgeschichte her vermuten. Aber selbst bei einem Menschen, der als Kind schwer missbraucht wurde, muss man körperliche Untersuchungen durchführen, einfach um sicherzugehen, dass auch diese Depression, obwohl es so naheliegend scheint, nicht auf eine andere Erkrankung zurückgeht.
 
ERF Medien: Dennoch: Depressionen treten auch ohne einen sofort ersichtlichen Auslöser auf. Gehören depressive Gedanken vielleicht einfach zum Leben als Christ dazu, wenn man gemäß Philipper 2,12 „seine Rettung mit Furcht und Zittern erarbeiten“ und am Leiden Jesu teilhaben will?
Dr. Ulrich Giesekus: So ein Denken entsteht, wenn Texte außerhalb des …
...more
View all episodesView all episodes
Download on the App Store

ERF GottesdienstBy ERF - Der Sinnsender