Frau N. legte größten Wert auf Sauberkeit und Ordnung. Schon früh, ja seit sie denken und sich erinnern konnte, "erzog" ihre Mutter sie zur Reinlichkeit. Alles hatte stets aufgeräumt, geputzt, gesaugt und blitzblank sein zu müssen, ohne Ausnahmen. Auch die Anziehsachen mussten knitterfrei und akurat sitzen.
Inzwischen war sie Mitte 60 und in Rente. Es gab nichts mehr für sie zu tun, außer die Wohnung, die sie gemeinsam mit ihrem Ehegatten bewohnte, ordentlich und rein zu halten. Selbstverständlich musste auch das Treppenhaus regelmäßig gewischt werden. Dies allerdings im Wechsel mit den Nachbarn von gegenüber, die gerade eingezogen waren. Ein junges Paar, das nun schon seit einigen Wochen dort wohnte, aber diesbezüglich noch nicht seinen Pflichten nachgekommen war. Im Gegenteil: Durch den Winter schleppten sie die kleinen Steinchen aus dem Straßenstreu in das Treppenhaus und ließen ihre mit Schneematsch verschmutzten Schuhe zum Abtauen vor der Wohnungstür stehen. Unmöglich!
Einmal hatten sie Besuch von zwei weiteren Personen, die ebenso ihre abtauenden Schuhe und Stiefel vor der Tür ließen, da überkam es sie! Hier musste sie intervenieren und zeigen: So nicht! Also stürmte sie entschlossen ins Treppenhaus, schnappte sich die Schuhe und stapelte sie auf der Fußmatte aufeinander.
Dies und der Fakt, dass die neuen Nachbarn bisher die Treppe nicht gewischt hatten, machte sie rasend und ließ sie nicht los, geschweige denn schlafen. Sie ertrug es nicht, wie konnte man nur so ignorant und asozial, so schmutzig und sorglos sein?
Ihren Frust ließ sie an ihrem Ehemann aus. Regelmäßig fand sie irgend etwas an ihm oder seinem Verhalten, dass ihr nicht passte. Dann machte sie ihm Vorwürfe, fing eine Diskussion an und ließ nicht locker, wurde immer lauter und schrie, sodass man sie durch das Treppenhaus im ganzen Häuserblock hören konnte. In ihrer immer wieder aufglühenden Wut, schlug sie die Türen zu und rammte Stühle gegen den Esstisch oder schmiss sie um. Bei diesen Kurzschlussreaktionen waren plötzlich alle Manieren und nachbarschaftlichen Verhaltensregeln über Board. Sie bekam überhaupt nicht mehr mit, wie außer sich sie war, wie laut sie schrie und schimpfte. Ihren Mann hörte man kaum. Er gab zwar auch mal Widerworte, aber es spielte keine Rolle, was er tat. Er wurde so und so in Grund und Boden geschrien. Zu den Schimpftiraden kam es, wenn er sich irgendwie nicht in ihrem Sinne verhielt und vor allem, wenn es etwas mit Hygiene, Ordnung oder Verhaltensregeln zu tun hatte. Hielt er sich nicht an ihre, fasste sie das sofort als eine Respektlosigkeit, ja als ein Angriff gegen sich, auf.
Eines Tages begegnete sie den neuen Nachbarn unten vor der Haustür. Sie wurde von beiden mit einem Lächeln begrüßt, also sprach sie das Paar an und sagte mit gefakter Reue, sie wäre diese Woche an der Reihe gewesen, hätte es aber noch nicht geschafft, die Treppe zu machen, würde dies aber noch erledigen. Eine passiv-aggressive Art, die Beiden auf ihre Pflichten aufmerksam zu machen. Dabei tat sie leicht gebrechlich und verletzlich, wie ein geprügelter Hund. Sie wollte Mitleid erregen, aber man kaufte es ihr nicht ab. Ihre dunkel-funkelnden Augen offenbarten eine Wachheit, einen scharfen Verstand und angestaute Aggressionen. Bei genauem Hinsehen war ihr die Frustration ins Gesicht gemeißelt.
Sie empfahl dem Pärchen, die frisch gewaschene Wäsche ab Frühling auf dem Dachboden aufzuhängen, dies spare Energie, als wenn man den Trockner benutze. Allerdings nicht ohne Hintergedanken, die zwar diffus waren, sie aber diesen Ratschlag erteilen ließ.
Eines frühen Sonntag Morgens ging sie auf den Dachboden über der Wohnung des Paares. Sie inspizierte die Wäsche und wie sie aufgehangen war. Eine Katastrophe! Überhaupt nicht sortiert oder richtig entknittert, ohne jegliche Ordnung geschweige denn Wäscheklammern. Einfach über die Leine geworfen, so wirkte das. Schrecklich! Unerträglich!
Mit zaghaften Schritten bewegte sie sich zu einigen Unterhosen von ihm und ihr, stel