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Auf nach Ihlow, das war eine viel zu lange Sommerpause! Aber der Herbstanfang hat es wieder eingeläutet, dass ich mich wieder an das Mikrofon gesetzt und eine neue Folge der Friesenzeit getextet und aufgenommen habe.
Heute geht es ins benachbarte Ihlow, südlich von Aurich. Hier nehme ich Dich mit in das alte Kloster, das heute zwar nicht mehr in der Form steht, aber immer einen Besuch wert ist. Hier habe ich im Klostercafe ein tolles Buch entdeckt, das sich „Sagenhaftes Kloster Ihlow“ nennt und noch einige Geschichten bietet.
Liebe Grüße aus Ostfriesland,
PS: Die Tonqualität ist leider nicht so gut – ich habe diese Folge mit einem „Notmikrofon“ im Urlaub aufgenommen – nein, das mache ich nie wieder…
Willkommen zu einer neuen Friesenzeit. Heute entführe ich euch in den Forst von Ihlow, unweit von Aurich.
Wenn ihr dort spazieren geht, findet ihr heute eine Oase der Ruhe, das beeindruckende Klostergelände mit seinem Café und der besonderen Atmosphäre die über und unter der Erde in den alten Mauern ausstrahlen.
Doch wenn die Sonne sinkt und der Wind durch die Wipfel fährt, erinnert der Ort an eine ganz andere, dunklere Zeit.
Es gibt einen Teich dort, tief im Wald. Er liegt verborgen, umrahmt vom Schilf und beschattet von alten, düsteren Tannen, die das Licht kaum bis zum Wasser durchlassen. Das Wasser ist schwarz, unergründlich – und es ist der Schauplatz einer Legende, die man sich in dieser Gegend seit vielen Generationen erzählt.
Es war die Zeit, als das Kloster Ihlow noch als das größte Gotteshaus zwischen Bremen und Groningen in den Himmel ragte.
Unweit des Klosters, im einst herrschaftlichen Jagdschloss, hielt sich eine Fürstentochter auf. Sie kannten sich von früher, von den Höfen, und als sie sich eines Tages zufällig an der Vosskuhle begegneten, war das Entsetzen bei ihr – und das Wiedererwachen alter Gefühle bei ihm – recht groß. Denn unter der Kutte des Mönchs schlug natürlich noch immer dasselbe Herz wie zuvor.
Was als flüchtiger Blick begann, entflammte schnell zu einer leidenschaftlichen, verbotenen Liebe.
Sie trafen sich im Geheimen, im Schutz der Bäume, während er eigentlich die *Hora* – die Gebetsstunden der Mönche – hätte singen müssen.
Doch der Abt, ein Mann von eisiger Strenge und mit einem finsteren Blick, ahnte den Verrat an den Ordensregeln und legte sich auf die Lauer.
Als er die Wahrheit erfuhr, ließ er den jungen Mönch sofort in eine Zelle sperren. Harte Buße, so hieß es.
Doch Liebe kennt bekanntlich keine Mauern. So schmuggelte die Fürstentochter eine Nachricht in den Kerker: Sie würde ihn am Abend am Schlossteich erwarten.
Der junge Mönch schaffte es wohl durch Hilfe eines mitfühlenden Bruders, durch ein verstecktes Pförtlein aus dem Kloster zu entkommen. Sein Herz hämmerte – und nicht nur vor Angst, sondern viel mehr vor Verlangen.
Und in der Dunkelheit fanden sie zueinander.
Aber sie waren nicht allein.
Aus dem Schatten der Tannen trat plötzlich der Abt. Sein Gesicht war durch den Neid und das eigene, unterdrückte Begehren nach der Fürstentochter bösartig verzerrt. Er lachte – ein höhnischer, markerschütternder Laut, der den Sturm für einen Moment verstummen ließ. Er wirkte in diesem Augenblick nicht mehr wie ein Geistlicher, sondern wie der Leibhaftige selbst.
Mit einer übermenschlichen Kraft riss er den jungen Mönch von der jungen Frau, der vor Entsetzen wie gelähmt war, und schleuderte ihn in die eisigen Wasser des schwarzen Teiches. Das Wasser schäumte auf, ein unnatürliches Leuchten ging davon aus, des Fürsten Tochter schrie, als sich der Abt ihr zuwandte … und dann ward es still.
Am nächsten Tag fanden Jäger die Fürstentochter am Ufer. Doch vom Abt fehlte von da an jede Spur.
Man sagt, bis heute meiden Einheimische von Ihlow den Forst, wenn ein schwerer Sturm aufzieht.
‚Hab‘ ich Euch endlich! So will ich dich denn weicher betten, als in dem Schoß der Jungfrau!‘
Und an manchen Nächten, wenn die Stille wieder einkehrt, steigt angeblich eine weiße Gestalt aus dem Wasser. Eine Frau, die ringend die Hände zum Himmel streckt und leise, fast wie ein Wimmern, ihren Liebsten ruft.
Es ist unter anderem dem Buch ‚Sagenhaftes Kloster Ihlow‚ zu verdanken, das man im kleinen Klostershop für ein paar Euro erwerben kann – ein schönes Andenken, wenn man diesen Ort besucht.
Ob sich die Ereignisse vor vielleicht 700 Jahren so zugetragen haben, wird das Dunkel des Ihlower Teiches wohl nie preisgeben.
Doch Geschichten wie diese lehren uns eines: Unser Land ist nicht nur aus Backsteinen und Geschichte gebaut, sondern aus den Träumen und Albträumen derer, die vor uns hier gelebt haben.
Also, wenn ihr das nächste Mal in Ihlow seid und der Wind an den Tannen ins Rauschen gerät – haltet kurz inne.
Vielleicht hört ihr ja mehr als nur den Wind…
Ich hoffe, die Folge hat euch gefallen. Übrigens: Die Stimme, die ihr gerade gehört habt, könnt ihr auch buchen, für eure Telefonansage, euren Podcast oder euer Hörbuch. Alles dazu auf https://Medi2go.de. Da seht ihr auch, woran ich sonst gerade so tüftel.
Weiterführende Links und Informationen:
Wer die Sage nicht nur hören, sondern den Ort selbst erleben möchte, sollte sich die Klosterstätte Ihlow nicht entgehen lassen. Sie liegt mitten im Ihlower Forst, rund acht Kilometer südlich von Aurich.
Ein bisschen Geschichte: 1228 gründeten Zisterziensermönche hier ihr Kloster „Schola Dei“, die „Schule Gottes“. Die Klosterkirche war fast 68 Meter lang und damals das größte Gotteshaus zwischen Bremen und Groningen. Mit der Reformation wurde das Kloster 1529 aufgelöst und die Kirche zerstört. Später entstand auf dem Gelände ein Jagdschloss der ostfriesischen Fürsten, genau jenes Schloss, in dem sich in unserer Sage die Fürstentochter aufhält.
Das erwartet dich heute:
Mein Tipp: Verbinde den Besuch mit einem Spaziergang durch den Ihlower Forst. Am besten an einem windigen Herbsttag, dann verstehst du, warum sich hier solche Sagen halten ;-)
Aktuelle Öffnungszeiten, Führungen und Anfahrt findest du auf der Website der Klosterstätte Ihlow.
Adresse: Zum Forsthaus 1, 26632 Ihlow-Ludwigsdorf (Google Maps)
Geschichte neu geschrieben und vertont von Jürgen Jester
Für weitere Vertonung dieser Episode nutzte ich diese tollen Stücke, mein Dank geht an:
Freie Musik by Julius H. from Pixabay, die ich als Titelmelodie nutze
Weitere Musik lizenziert von Phat Phong Studio
Realisierung: Medi2go.de
Der Beitrag Die Sage vom ‚Abt von Ihlow‘ – Friesenzeit #18 erschien zuerst auf Nakieken.
Stellt euch vor, es ist der kürzeste Tag des Jahres. Der Himmel ist grau, der Wind pfeift und an eurer Tür klopft ein Fremder, der niemals altert.
Er bietet euch Geld für ist eine Fahrt, die kein lebender Seemann freiwillig antreten würde.
In der heutigen Folge von Friesenzeit begleiten wir den Fischer Jan Hugen auf seiner dunkelsten Reise: Eine Überfahrt mit unsichtbarer Fracht, deren Ziel ein Ort ist, der auf keiner Seekarte verzeichnet ist – das Witte Aaland.
Kommt mit an Bord, wenn wir an Grenze zwischen Leben und Tod segeln….
Liebe Grüße aus Ostfriesland,
Jürgen
Das Transcript der Folge:
Willkommen bei einer neuen Folge von „Friesenzeit“. Heute habe ich eine Geschichte für euch, die an die Grenze zwischen unserer Welt und dem Reich der Schatten führt. Ich habe sie in einem alten, abgegriffenen Buch ostfriesischer Sagen, das nach der Widmung Gerald aus Norden 1966 von mutter und Vater zur Kommunion geschenkt bekam – hier ein Foto:
Die Sage, die ich euch heute erzählen möchte geht um Jan Hugen, einen armen Fischer aus Neßmersiel. Doch geht es dabei nicht um den Fischfang. Es geht um einen Auftrag, den man nicht ablehnen kann, und um eine Reise, die wir alle eines Tages antreten müssen.
Legt euch ein Kissen in den Rücken, schließt vielleicht die Augen und stellt euch vor, ihr steht an der äußersten Kante des Deiches, dort, wo das Land endet und die Unendlichkeit des Wattenmeeres beginnt.
Jan Hugen war ein Mann, der das Schweigen gelernt hatte. Sein Haus war kein stolzer Hof, sondern eine kleine, Hütte am äußersten Ende von Neßmersiel, in der schon sein Vater und Urgroßvater grlebt hatten. Direkt gegenüber liegt auch heute noch die Insel Baltrum – Beermeroog, wie man sie damals nannte.
Wenn der Wind scharf von Nordwesten kam, peitschte die Gischt bis an seine Fensterläden. Jan war Fischer. Er kannte jede Priel, jede Untiefe und das tückische Spiel der Gezeiten vor der ostfriesischen Küste. Sein Leben war karg; es reichte meist nur gerade so, um seine Frau und die Kinder satt zu bekommen.
Doch es gab da diesen einen Tag im Jahr, vor dem Jan sich immer noch fürchtete, obwohl er den Segen, den er brachte, doch so dringend brauchte. Es war der Tag der Wintersonnenwende – der kürzeste Tag des Jahres, an dem das Licht kaum die Kraft hat, den grauen Himmel zu durchbrechen.
Und pünktlich um Schlag zwölf Uhr geschah es jedes Jahr aufs Neue. In der Stunde, in der die Schatten am kürzesten sind, klopfte es an die Holztür und herein trat ein Mann, der Jan Hugen immer seltsam vertraut vorkam, obwohl er ihn nur einmal im Jahr sah. Er schien niemals zu altern. Er war klein, stämmig und trug Kleidung, die so gar nicht in seine Fischerhütte passen wollte: Ein Mantel aus feinem, gelbem Tuch mit glänzenden Silberknöpfen, schwarze Samthosen und seidene Strümpfe. Seine Schnallenschuhe waren so blank gewienert, als wäre er gerade erst aus einer Kutsche gestiegen, ohne jemals den schlammigen Kleiboden der Marsch berührt zu haben.
Der Fremde stellte immer dieselbe Frage: „Bin ich hier recht beim Vetter Fischermann? Darf ich ein Wort mit Euch sprechen?“
Jan wusste, was nun kommen würde. Er führte den Gast an das kleine Fenster, das den Blick hinaus aufs Watt ermöglichte. Der Fremde erklärte, er habe eine Ladung zu verfrachten und suche einen Schiffer.
„Wohin soll die Reise gehen?“, fragte Jan jedes Mal, obwohl er die Antwort längst kannte.
„Nach Witte Aaland“, lautete die Antwort. Der Weg war präzise vorgegeben: Unter Baltrum hindurch, die Akumer Ee hinaus, immer geradeaus bis nach Störkensmuh – dorthin, wo die Welt für die Lebenden endet.
Als Jan Hugen sich nach der Ladung erkundigte, antwortete der Fremde mit einer eisigen Stimme: „Es sind die verstorbenen Seelen des vergangenen Jahres.“
Ein Schauer lief Jan über den Rücken. „Das ist mir zu schaurig“, entgegnete er, wie er es jedes Jahr tat. Doch der Fremde antwortete nur schlicht: „Wir müssen alle nach Witte Aaland.“ Ein Satz, den Jan nichts entgegenzusetzen hatte. Es war schließlich die Wahrheit.
Schließlich ging es ums Geschäftliche. Der Fischer war ein praktischer Mann. Er schätzte die Fracht wieder auf etwa dreitausend Seelen. Man feilschte um den Lohn. Der Fremde bot einen halben Pfennig pro Kopf an, doch Jan bestand auf zwei Pfennigen – einem „Krummsteert“. Eine Nachtfahrt mit einer solchen Fracht war gefährlich, und die Angst musste bezahlt werden. Der Fremde willigte ein, zählte das Geld Stück für Stück auf das hölzerne Fensterbrett und verschwand so lautlos, wie er gekommen war.
Die Nacht kam wie jedes Jahr wieder viel schnell und schwarz über Neßmersiel. Als die Kirchturmuhr Mitternacht schlug, stand Jan Hugen an seinem Boot unter dm Deich. Er hatte die Segel bereit und die Lampen gelöscht, so wie es vereinbart war. Der Mond verbarg sich hinter dichten Wolken.
Zuerst sah er nichts. Er hörte nur das Glucksen des Wassers gegen den Rumpf. Doch dann spürte er es. Das Boot begann zu schwanken. Es sackte tiefer und tiefer in das Wasser ein, Zentimeter um Zentimeter, so als würden unsichtbare Lasten an Bord gehievt. Es war ein unheimliches Gefühl – ein Schiff zu steuern, das schwer beladen war, auf dem man aber keine einzige Gestalt erblicken konnte.
Als die Schaluppe so tief im Wasser lag, dass die Reling fast die Wellen berührte, wusste Jan: Die Ladung war vollzählig. So setzte er stumm das Segel.
Die Fahrt durch die Akumer Ee war mit diesem Auftrag immer ganz anders als sonst auf See. Es war absolut still auf dem Meer. Kein Vogelruf, kein knarren des Holzes, kein Klatschen der Wellen. Nur manchmal hörte er ein leises Rascheln, wie von Mäusen, die durch trockenes Stroh huschen.
War es der Wind in den Segeln? Oder war es das Flüstern von tausenden Stimmen, die keine Kehlen mehr hatten? Weiße Nebelstreifen flossen um das Boot herum, verwebten sich ineinander wie geisterhafte Finger. Jan starrte starr nach vorn, die Hand fest am Ruder, während die Sterne über ihm still funkelten.
Schließlich tauchte es aus der Dunkelheit auf: Witte Aaland. Es war kein Land aus Erde und Stein. Es schien aus sich selbst heraus schwach zu leuchten, wie ein fernes Gestirn, das auf dem Wasser ruhte. Jan brachte das Schiff zum Stehen und legte an einem unsichtbaren Ufer an.
Plötzlich zerriss die Stimme des Fremden die Stille. Er stand nicht neben Jan, und doch schien seine Stimme von überall her zu kommen. Er begann, Namen zu rufn. Einen nach dem anderen. Es waren die Namen derer, die im letzten Jahr von der Erde gegangen waren.
Jan Hugen hielt den Atem an. Er hörte Namen von Menschen aus weit entfernten Städten, aber dann hörte er auch Namen aus Neßmersiel. Er hörte die Namen von Nachbarn, mit denen er noch im Sommer am Deich gestanden hatte. Er hörte den Namen des alten Schusters und den des kleinen Kindes, das im Frühjahr vom Fieber geholt worden war.
Wieder packte ihn das Grauen. Er sah zu, wie sein Schiff mit jedem gerufenen Namen ein Stück höher aus dem Wasser stieg. Die Last wurde leichter. Die Seelen verließen das Holz und gingen hinüber in das weiße Leuchten. Jan schüttelte die Angst ab und dachte an das, was er dem Fremden gesagt hatte: „Wir müssen da ja alle hin.“ Es war kein Ort des Schreckens, es war einfach der Ort der Bestimmung.
Als der letzte Name verhallt war und das Schiff wieder leicht und leer auf den Wellen tanzte, wendete Jan sein Boot. Er segelte zurück in die Welt der Lebenden, während hinter ihm das Witte Aaland im Morgennebel verschwand.
Jahr für Jahr tat Jan Hugen diesen Dienst. Er konnte seine Familie ernähren – dank des Fremden, aber er wurde auch von Jahr zu Jahr weiser.
Er hatte gelernt, dass das Ende nicht das Nichts ist, sondern dass das Leben eine Reise ist.
Diese alte Geschichte erinnert uns an etwas, das wir in unserer lauten, modernen Welt oft vergessen. Wir bauen Mauern, wir häufen Reichtümer an, und Menschen streben nach einer Macht, die über das Schicksal anderer bestimmen will.
Doch die Legende vom Witten Aaland flüstert uns eine Wahrheit zu, die all diese Grenzen einreißt.
Denn egal, wie hoch die Mauern sind, die wir errichten, oder wie groß der Stolz ist, den wir vor uns hertragen:
Auf der letzten Fahrt sind wir alle gleich schwer – und am Ende zählt nicht, was wir besessen haben, sondern dass wir bereit sind, wenn unser Name gerufen wird.
Ich danke euch fürs Zuhören und freue mich schon jetzt auf die nächste „Friesenzeit“.
Passt auf euch auf …
Weiterführende Links:
https://de.wikipedia.org/wiki/Witte_Aaland
https://www.mgmindex.de/index.php?title=Krummsteert
Geschichte neu geschrieben und vertont von Jürgen Jester
Für weitere Vertonung dieser Episode nutzte ich diese tollen Stücke, mein Dank geht an:
Freie Musik by Julius H. from Pixabay
Weitere Musik lizenziert von Phat Phong Studio
Realisierung: Medi2go.de aus Wiesmoor
Der Beitrag Die Sage vom ‚Witte Aaland‘ – Friesenzeit #17 erschien zuerst auf Nakieken.
Moin und herzlich willkommen zur „Friesenzeit“. Schön, dass Du wieder dabei bist. Vor einigerZeit habe ich ein altes Buch auf Rebuy gefunden, dessen Inhalt uns heute weit zurückführt – und zwar nehme ich euch mit in das Jahr 1528.
Es ist eine Zeit, in der das Leben hier im Land viel gefährlicher war, als wir es heute kennen. Die Marschen waren tiefer, die Moore dunkler und die Macht der Grafen oft so unumstößlich wie die aufkommede Flut. In dieser Zeit lebte Graf Enno der Zweite. Er war ein Mann, der das Leben in vollen Zügen genoss, und eine seiner großen Leidenschaften war die Jagd.
Doch wie es oft so ist mit den Mächtigen – und das hat sich leider seither nicht geändert: Wenn ihnen etwas gefällt, dann wollen sie es besitzen. Und genau dieser Wunsch des Grafen führte zu einer Begebenheit, die wir heute als die Legende der klugen Nonne von Oldehof kennen.
Stellt euch einen klaren Herbsttag vor. Die Luft riecht bereits nach feuchter Erde und aufziehender kalter Nächte. Graf Enno war mit seinem Gefolge auf der Jagd. Sie hatten den ganzen Tag die Wälder und Wiesen des Moormerlandes durchstreift.
So kamen Sie erschöpft, aber zufrieden mit dem Verlauf der Jagd zu Halt im Schatten unter einem gewaltigen Baum, dem „Biggenboom“. Das war eine weithin bekannte Eiche, so alt und mächtig, dass man sagte, ihre Wurzeln reichten bis in die Unterwelt.
Während Enno dort lehnte und den Schweiß von der Stirn wischte, glitt sein Blick über die weite Ebene. Und dort, am Horizont, sah er das Vorwerk Oldehof liegen. Es gehörte zum Kloster Barthe.
Die roten Backsteine leuchteten im Licht der tiefstehenden Sonne, und der Rauch der Kamine stieg friedlich in den Himmel. In diesem Moment reifte in Enno ein Plan. Er sah nicht das einfache Leben der Nonnen, die dort arbeiteten und beteten. Er sah ein Jagdschloss. Er sah Prunk, Feste und einen Ort, an dem er sich nach der Jagd zur Ruhe betten konnte.
Wohl noch am selben Abend, ließ er den Befehl verfassen: Die Nonnen sollten Oldehof räumen. Für ihn war es diese Entscheidung nur ein Federstrich, doch für die Frauen im Vorwerk war es der Verlust ihrer Heimat, ihrer Sicherheit und ihres Lebenswerks.
Als der Bote des Grafen die Nachricht in Oldehof überbrachte, brach unter den Nonnen Verzweiflung aus. Wir müssen uns vorstellen, dass diese Frauen damals kaum Rechte hatten. Ein gräflicher Befehl war Gesetz. Die Äbtissin und die älteren Schwestern waren ratlos. Sie sahen sich schon mit des Klosters Hab und Gut auf den schmutzigen Landstraßen, vielleicht sogar ohne Ziel und ohne Brot.
Doch unter ihnen war Etta – Etta war eine Bauerntochter aus dem Dorf Selverde und keine hochrangige Nonne. Sie hatte das Landleben im Blut. Sie wusste, wie schwer es war, den Boden zu bestellen, aber sie kannte auch die Eigensinnigkeit der friesischen Natur. Während die anderen klagten, saß Etta schweigend am Tisch und dachte nach. Sie wusste, dass man einem Grafen nicht mit Gewalt widersprechen konnte. Aber man konnte ihn vielleicht bei seiner Ehre packen.
Etta schlug vor, nicht zu fliehen, sondern direkt zum Grafen nach Aurich zu reisen. Sie überzeugte die Äbtissin und die älteste Mitschwester, sie zu begleiten.
Ja es muss schon ein beeindruckendes Bild gewesen sein: Drei Frauen in ihren schlichten Kutten, die den weiten Weg durch Schlamm und Wind auf sich nahmen, um vor den mächtigsten Mann der Region zu treten.
In Aurich angekommen, ließ man sie warten, bis der Graf ihnen Gehör schenkten wollte. Schließlich wurden sie vor Enno geführt. Er war mit sicherheit überrascht, die Frauen zu sehen, und sicherlich war er in diesem Moment sogar ein wenig amüsiert über ihren Mut.
So soll Etta das Wort ergriffen haben. Sie sprach ruhig und respektvoll. Sie erhob keinen Anspruch auf das Land, denn sie wusste, dass Enno darauf natürlich nicht hören würde. Stattdessen berief sie sich auf das alte Gnadenrecht. Ein Recht, das besagte, dass selbst dem schlimmsten Verbrecher eine letzte Bitte gewährt werden musste, bevor das Urteil vollstreckt wurde.
Sie fragte den Grafen direkt, ob er ihnen, den Dienerinnen Gottes, dieses Recht verweigern wolle. Enno, der sich als gerechter Herrscher sah, konnte hier kaum Nein sagen. Er stimmte zu.
Ettas Bitte klang bescheiden, fast schon kleinlaut: Sie bat darum, den geliebten Boden nur noch ein einziges Mal besäen und die Ernte einbringen zu dürfen. Sobald die Früchte dieser letzten Saat geerntet seien, würden sie den Hof verlassen und dem Grafen für sein Schloss überlassen. Enno rechnete kurz im Kopf nach – ein Jahr Verzögerung, vielleicht auch nur ein halbes, je nach Frucht. Das war ein Preis, den er zu zahlen bereit war. Er gab ihnen sein gräfliches Ehrenwort.
Die Frauen kehrten also nach Oldehof zurück. Noch im selben Herbst begannen sie mit einer Arbeit, die alle Nachbarn verwunderte. Sie pflügten ein gewaltiges Feld direkt um den Hof herum um. Doch sie säten kein Getreide.
Als das Frühjahr kam, brachten sie säckeweise Eicheln aus – die Früchte des mächtigen Biggenbooms, die sie eifrig gesammelt hatten. Sorgfältig setzten sie eine Eichel nach der anderen in langen, geraden Reihen in die Erde. Die Monate vergingen. Der nächste Sommer kam und ging, und der Herbst färbte das Land schon wieder braun.
Graf Enno erinnerte sich an sein Versprechen. Er schickte seine Boten nach Oldehof, um nachzusehen, ob die Ernte schon in den Scheunen lag. Doch die Boten kehrten mit einer merkwürdigen Nachricht zurück: Es gäbe nichts zu ernten. Nur winzige grüne Triebe würden aus der Erde schauen.
Wütend und etwas verunsichert, ließ Enno die drei Frauen erneut zu sich rufen. Er warf ihnen vor, ihn hintergangen zu haben. Doch Etta blieb ganz ruhig. Sie erklärte ihm, dass die Natur ihren eigenen Rhythmus habe. Sie hätten Eicheln gesät, so wie sie es angekündigt hatten. Und sie würden erst gehen können, wenn diese Saat Früchte trüge – wenn also die Eicheln von den Bäumen fielen, die sie gerade erst gepflanzt hatten.
In diesem Moment wurde es still im Thronsaal von Aurich. Graf Enno erkannte die Falle. Er wusste, dass eine Eiche Jahrzehnte, wenn nicht sogar ein Jahrhundert braucht, bis sie die ersten Früchte trägt. Er war überrumpelt worden von einer einfachen Bauerntochter aus Selverde.
Zuerst stieg der Zorn in ihm auf, seine Wangen röteten sich. Doch dann – und das ist das Schöne an dieser Geschichte, über die in vielen Aufzeichnungen berichtet wird – siegte sein Sinn für Humor und seine Bewunderung für diesen scharfsinnigen Geist. Er begann laut zu lachen. Er sah ein, dass er gegen diese List nicht ankam, ohne sein eigenes Wort vor aller Welt zu brechen.
Er erlaubte den Nonnen, so lange in Oldehof zu bleiben, bis die Bäume ihre ersten Früchte trugen. Das war faktisch ein Wohnrecht auf Lebenszeit für alle Beteiligten.
Das Klostervorwerk blieb bestehen, bis schließlich die letzte Nonne in hohem Alter verstarb.
Etta von Selverde wurde zur Legende. In Dokkum wurde ihr später sogar eine Gedenktafel errichtet. Und wenn ihr heute durch Ostfriesland fahrt, vielleicht das Fundamet des Klosters besucht, das in einem herrlichen Wald bei Hesel zu finden ist, dann denkt daran:
Es ist eine Geschichte aus einer längst vergangenen Zeit, ja. Aber wenn man genau hinhört, dann hallt sie bis in unsere Gegenwart nach. Damals war es ein Graf mit Federkiel und Jagdhorn, heute sind es andere, die glauben, dass ihnen die Welt allein deshalb gehört, weil sie die Hebel der Macht in den Händen halten. Doch Etta hat uns gezeigt, dass es eine Kraft gibt, die stärker ist als jedes Dekret: die unerschütterliche, kluge Geduld derer, die das Land wirklich verstehen.
Denn am Ende bleibt eine Gewissheit:
Man kann einem Volk zwar das Land rauben, aber niemals den Verstand.
Wenn ihr das nächste Mal an einem Flohmarkt vorbeikommt oder auf Rebuy schnüstert, haltet die Augen besonders nach alten Büchern offen – man weiß nie, welche Schätze auf vergilbtem Papier schlummern!
Das war die Geschichte der klugen Etta von Oldehof. Ich hoffe, sie hat euch ein wenig Wärme in den Tag gebracht. Ein Gruß geht heute an Max Grund und seine Tochter, denen ich hoffentlich die Geschichte noch rechtzeitig zum Tee senden kann :)
Bis zum nächsten Mal, wenn es wieder heißt, willkommen zur „Friesenzeit“.
Viele Grüße,
Sage neu geschrieben von Jürgen Jester
Weiterführende Links:
Ettas Heimatdorf https://de.wikipedia.org/wiki/Selverde
Kloster Barthe: https://de.wikipedia.org/wiki/Kloster_Barthe
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Der Beitrag Die Sage der klugen Nonne Etta vom Klostervorwerk Oldehof – Friesenzeit #16 erschien zuerst auf Nakieken.
Rechtzeitig vor Weihnachten ist die Friesenzeit mit einer neuen Sage zurück. Die Folge 15 nimmt die Hörerinnen und Hörer mit nach Timmel, das heute attraktive Naherholungsgebiet hütet unweit des alten Ortskerns eine düstere Legende, von der ich heute erzählen möchte.
Aber genug der Worte – viel Spaß mit der alten Geschichte und viele Grüße aus Wiesmoor.
Geschichte / Author: verschiedene Sagenbücher / Jürgen Jester
Weiterführende Links:
Geschichte / Author: zwei alte Sagenbücher, neu geschrieben zur Veröffentlichung von Jürgen Jester
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Der Beitrag Die Sage vom Frauenmeer in Timmel – Friesenzeit #15 erschien zuerst auf Nakieken.
Die Friesenzeit ist wieder mit einer neuen Sage zurück von der Nordseeküste. Heute mit der Nummer 14, die ein wenig düster ausfallen könnte.
Die ostfriesische Sage von der Burg zu Halte spielt unweit der heutigen Meyer Wert in Papenburg. Ein Ort den alleine durch die Konzerte schon zigtausende Menschen besucht haben … und unweit, vielleicht einen volksmund-typischen Steinwurf entfernt soll sich diese Geschichte zugetragen haben. Es geht um blaue Flammen, ein geisterhafter Fährenmord und ein treuer Hund, der seinem Herrn das Leben rettet.
Aber genug der Worte – viel Spaß in der erzählten Legende, die ich für den Podcast neu ausgearbeitet habe.
Juer Jürgen
Geschichte / Author: verschiedene Sagenbücher / Jürgen Jester
Weiterführende Links auf Wikipedia: Halte
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Der Beitrag Die blaue Flamme von Halte – Friesenzeit #14 erschien zuerst auf Nakieken.
Die Friesenzeit ist zurück mit einer neuen Sage von der Nordseeküste. Heute mit der Nummer 13, die sich aber eher als Glücksfall entwickeln soll.
Ich freue mich besonders, dass ich euch heute mit nach Esens einladen darf. Ein ganz besonders charmantes Städtchen hier in Ostfriesland und nur etwas mehr als den typisch sprichwörtlichen „Steinwurf“ von der Küste entfernt. Es war auch wieder längst Zeit für eine neue Folge, leider spielt das Leben einem aber nicht immer so ideal in die Karten, wie man es gerne möchte. Trotzdem hoffe ich, ein paar Menschen da draußen an den Empfangsgeräten mit der Folge glücklich zu machen oder dazu zu bringen, in Esens einmal anzuhalten … es lohnt sich die hübsche Stadt in allen Facetten zu entdecken.
Aber genug der Worte – wer mitlesen will, hier ist der Text der von mir neu verfassten Legende, die ich wie immer für den Podcast neu ausgearbeitet habe. Das (kurze) Original findest Du am Ende in den Quellen auf der Wikipedia Seite zu Esens. Des Weiteren begegnete mir die Sage in zwei weiteren Büchern, die die diese Geschichte mit wenig Unterschieden erzählen. Daher wieder die Essenz aller in einer neuen Geschichte, viel Spaß.
Willkommen bei Friesenzeit – weiter geht es mit neuen Geschichten und Sagen unserer schönen Nordseeküste.
Die Legende stammt aus einer Zeit, als man sich noch mit Mauern vor Belagerern schützte und als Krieg und Hunger leider beinahe überall im Land zum Alltag gehörten.
Beginnen wir unsere Reise in die Vergangenheit auf dem Marktplatz des hübschen Küstenstädtchens. Hier stehen mehrere Bären und hält Wache. Viele gehen achtlos daran vorbei oder machen lustige Selfies – doch hinter diesem Tierzeichen verbirgt sich eine Geschichte, die so wunderbar ist, dass man sie kaum glauben mag.
Seiner Zeit war der tapfere Junker Balthasar der Herr von Esens. Leider lag zu jener Zeit kein Frieden über der Region. Immer wieder wurde geplündert oder geraubt, weshalb Esens zu dieser Zeit noch von hohen Mauern umgeben war.
In dieser unruhigen Zeit erschien ein Bärenführer in Esens – ein einfacher Mann, der mit seinem Tier durch die Lande zog, um die Menschen zu unterhalten. Der Bär, ein mächtiges Tier mit dunklem Fell und klugen Augen, war an Menschen gewöhnt, doch das Leben als Schausteller war hart.
Und immer wieder gerieten Nachbarn in Streit um Land, um Macht oder um Ehre. Und so kam ein neuer Krieg direkt vor die Tore der Stadt.
Der Reisende hoffte mit seinem Bären, im geschäftigen Esens ein paar Münzen zu verdienen, doch sein Besuch fiel in die schlimmste Stunde: Die Feinde des Junkers hatten die Stadt in Windeseile umzingelt. Niemand durfte mehr hinaus, niemand hinein. Und auch der Bärenführer war in der Falle – und mit ihm sein Tier.
Die Belagerung dauerte jedoch an, Tag um Tag, Woche um Woche. Die Vorräte der kleinen Stadt wurden knapp. Brot, Fleisch, selbst Wasser – alles schwand.
Der alte Turm, in dem der Bär eingesperrt war, hatte eine schmale Wendeltreppe, die sich nach oben wand – so eng, dass kaum ein Mensch sie hinaufging.
Ein Schrei, roh und tief wie Donner, rollte über die Felder.
Unten, im Lager der Belagerer, fuhren die Männer erschrocken zusammen.
„Was war das?“
„Ein großer Bär – auf dem Turm?“
Sofort wurde spekuliert: „Die Esenser haben noch so viel Nahrung, dass sie sogar einen Bären füttern!“, „Die hungern nicht – die verhöhnen uns!“
Und weil ihre eigenen Vorräte ebenfalls schwanden, glaubten sie, der Kampf sei aussichtslos. Noch in derselben Nacht packten sie ihre Waffen, löschten ihre Feuer – und zogen ab.
Am nächsten Morgen traute Ritter Balthasar seinen Augen nicht: Die Feinde waren fort und die Stadt war wieder frei.
Dann hörte man wieder das Brüllen – diesmal schwächer, müder.
Als man schließlich erkannte, warum die Belagerer aufgebrochen waren, folgte die Zeit des Bären. Man kümmerte sich natürlich bestens um das Tier und teilte die Kunde, dass dieses Tier die Stadt gerettet hatte.
Der Junker ließ den Bären im Triumph durch Esens führen. Die Menschen jubelten, Kinder stoben durch die Gassen und die Glocken läuteten zu diesem Feiertag.
Zum Dank für diese unbewusste Heldentat beschloss man, den Bären in das Stadtwappen aufzunehmen – als Zeichen des Mutes, der Standhaftigkeit und vielleicht auch des kleinen Wunders, das manchmal mitten in der Not geschieht.
Und so trägt Esens bis heute den Bären im Wappen.
Wenn man also einmal dort ist und ihn sieht – auf den Wappen, den Fahnen, oder in Form von Stauen in der ganzen Stadt, dann denk mal an diese Geschichte zurück, an dem ein vergessener, hungriger Bär zur Rettung einer Stadt wurde.
Und an die stille Botschaft, die vielleicht durch diese Legende sagen möchte:
Danke, dass Du mit mir nach Esens gekommen bist,
Für mehr Hintergundinformationen oder falls Du Lust hast,
Bis bald, wenn es wieder heißt – Willkommen zur Friesenzeit.
Quellen:
Esens auf Wikipedia https://de.wikipedia.org/wiki/Esens
Esens Homepage https://www.esens.de/
Musik: Phat Phong Studio
Der Beitrag Die Geschichte vom Bären im Stadtwappen von Esens – Friesenzeit #13 erschien zuerst auf Nakieken.
Unglaublich, woran merkt man, dass man schon eine Weile keinen Podcast mehr aufgenommen hat? Eine kleine Spinne hat hier tatsächlich ein Netz gebaut, ist das zu glauben? Ein Grund mehr, in die Tasten zu hauen und euch eine neue Geschichte zu präsentieren. Heute geht es nach Strackholt in den alten Tagen. Strackholt ist eine Ortschaft der ostfriesischen Gemeinde Großefehn. Westlich des Geestdorfes liegt die Ortschaft Bagband, östlich die Stadt Wiesmoor mit den zugehörigen Ortsteilen Voßbarg und Zwischenbergen. Und in dieser Region spielte vor ein paar hundert Jahren diese Sage der Teufelsscheune.
Viel Spaß und wenn Dir diese Folge gefallen hat, freue ich mich, wenn Du sie teilst, abonnierst oder einen netten Kommentar dalässt, damit noch mehr Menschen die alten Geschichten nicht vergessen. Bis zum nächsten Mal, wenn es wieder heißt „Willkommen bei Friesenzeit“.
Jürgen
Transcript der Folge:
Unsere heutige Geschichte führt uns zurück in eine Zeit, als der Tag an der Küste noch mit dem ersten Hahnenschrei begann und mit dem flackernden Licht der Öllampe endete. Damals – in einem kleinen Dorf im Herzen Ostfrieslands, wo der raue Küstenwind das flache Land beugt und die Menschen mit harter Arbeit ihr Brot verdienen,
Es war ein heißer Spätsommer, die Felder standen voll reifen Getreides. Die Ernte war nah. Doch dann… schlug ein Unglück zu.
Unrettbar war sie niedergebrannt, denn das Bauernpaar hatte alle Hände damit zu tun, das Feuer am Übergreifen auf das Wohnhaus zu hindern. Und da sie em Ende zumindest etwas retten konnten, stellte sich dann die Frage „Wohin mit der Ernte“ – denn alles schien verloren.
Was einst Leben und Zukunft bedeutete, lag nun in Asche.
Der Bauer, der in einer Nacht der Familie Zukunft verloren hatte,ward zum gebrochenen Mann. Wohin mit der Ernte, und was tun, wenn der Winter kommt – wovon sollen wir nur leben – das war die einzige Sorge, auf die er keine Antworten fand.
An Schlaf war nicht mehr zu denken, sodass er auch in der Nacht nach dem Unglück nicht schlafen konnte und zurück an die Brandstelle kehrte, um zu überlegen, wie es weitergehen sollte.
Zwischen den rußgeschwärzten Balken ging er auf und ab. Er trat dorthin, wo gerade Platz für Vieh entstanden war. Dort, wo seine Kinder hätten spielen können. Dort, wo bald die Ernte keinen Platz mehr finden würde.
Die Sonne war längst untergegangen. Ein kühler Wind strich durch die Trümmer, und gerade als der letzte Glanz des Tages verschwand,spürte der Bauer plötzlich eine Hand auf seiner Schulter. Eine tiefe Stimme sagte:
„Warum starrst du so traurig auf die Trümmer? Stell dir doch mal vor, dein Hof stünde wieder – genau so wie er war.“
Der Bauer fuhr herum.
Hinter ihm stand ein Fremder.
Dunkel gekleidet, mit fremden Augen, der wie glühende Kohlen in der Dunkelheit leuchteten.
„Wer bist du?“, fragte der Bauer misstrauisch.
Der Bauer konnte es nicht glauben, aber was hatte er zu verlieren?
„Nun gut – also hier. Auf derselben Stelle. Bevor der erste Hahn kräht.“
Der Bauer zögerte noch einmal, ehe er sagte :
„Dann fang an. Alles muss sein wie früher. Und wenn auch nur das kleinste fehlt – dann bin ich Dir nichts schuldig.“
Der Fremde nickte.
„Einverstanden. Aber wenn alles fertig ist, dann gehört mir… das erste Kind, das dir geboren wird.“
Dem Bauern gefror das Blut in den Adern.
Doch dann erinnerte er sich: Seit zwölf langen Jahren hatten sie auf ein Kind gehofft. Vergeblich.
„Dann sei es so“, sagte der Bauer, der noch immer nicht glaubte, was hier vor sich ging.
Der Fremde verschwand.
Doch aus der Dunkelheit klang es, als würde eine Elster höhnisch lachen.
Der Bauer kehrte heim zu seiner Frau. Er sagte ihr kein Wort von dem, was geschehen war. Sie schlief ein. Er jedoch nicht.
Und nach einer Weile drehte sie sich zu ihm und flüsterte: „Ich habe geträumt… Ein seltsamer, aber schöner Traum. Zu Weihnachten, mein lieber Mann… werden wir ein Kind erwarten.“
Der Bauer fuhr hoch.
Jetzt wusste er, warum der Fremde gelacht hatte. Und sein Schweigen wurde schwer wie Stein. Seine Frau spürte, dass etwas nicht stimmte. Um sich zu beruhigen, schlug sie vor, gemeinsam nach draußen zu gehen, um etwas Luft zu schnappen.
Der Mond stand hell am Himmel.Die Luft war still. Die Brandstelle lag leer da, wie ausgestorben.
„Siehst du?“, sagte sie. „Es war nur ein Traum.“
Plötzlich schlug die Uhr Mitternacht.
„Wann… hast du gesagt, muss es fertig sein?“
In diesem Moment erstarrten die kleinen Gestalten. Sie kreischten, fauchten, ließen alles stehen und liegen – und verschwanden in der Dunkelheit.
Das Bauernpaar lag sich in den Armen und wagte es nicht zu Bett zu gehen. Aber nichts weiter sollte in dieser Nacht passieren.
Am nächsten Morgen war das Gebäude noch immer da. Die Scheune waren vollständig errichtet – bis auf ein einziges Brett, das am hinteren Giebel der Scheune fehlte.
„Gott sei Dank!“, rief der Bauer. „Der Vertrag ist gebrochen!“
Doch am nächsten Tag… war es wieder verschwunden.
Und die Leute nennen sie noch immer:
So endet die Geschichte von der Teufelsscheune – ein altes Stück aus der ostfriesischen Sagensammlung.
Ob sie wahr ist? Ja, wer weiß das schon. Aber vielleicht achtest du beim nächsten Besuch in Strackholt einmal genauer auf die Giebel der alten Scheunen.
Wenn Dir diese Folge gefallen hat, freue ich mich, wenn Du sie teilst, abonnierst oder eine Bewertung darlässt, damit noch mehr Menschen die alten Geschichten nicht vergessen. Bis zum nächsten Mal, wenn es wieder heißt „Willkommen bei Friesenzeit“.
Der Beitrag Die Teufelsscheune von Strackholt – Friesenzeit #12 erschien zuerst auf Nakieken.
Willkommen zu einer neuen Folge von Friesenzeit – dem Podcast für alte Sagen und düstere Legenden.
In der heutigen, 11ten Folge sind wir zurück in Ostfriesland. Ich habe mir überlegt, künftig alle 5 oder vielleicht 10 Folgen einen Ausflug über die Grenzen zu machen. Wir werden sehen – doch auch künftig liegt der Schwerpunkt natürlich auf den sagenhaften Orten in Ostfriesland. Danke an die liebe Annette, eine Hörerin der ersten Stunde, die sich so sehr die alte Titelmelodie zurückgewünscht hat :-)
Aber genug erzählt, hier kommt die neue Geschichte:
Folge 11: Der Hilgenstein – Ein Schwur in der Wildnis
Willkommen zu Friesenzeit – der Podcast für alte Sagen und düstere Legenden. In der heutigen Folge begegnen wir keinem Ritter, keinem Spuk, keinem Fluch…
Die heutige Folge widmen wir einem Mann des Glaubens.
Es geht um eine Pilgerreise.
Und einem Stein, der heute noch stiller Zeuge dieser Sage ist.
Dies ist die Geschichte vom Hilgenstein – und dem Mönch Mimko von Meerhusen.
Lassen Sie uns an die Grenze zwischen Aurich und Wittmund reisen, denn unsere Geschichte beginnt im einstigen Kloster Meerhusen, das der Benediktinerorden am Ende des 12. Jahrhunderts östlich des damaligen Westermeeres bei Aurich gründete. Über die Geschichte des Klosters ist leider wenig bekannt, da nach der Reformation sämtliche Archive zerstört wurden und die Gebäude verfielen.
Doch eine Sage, die hier ihren Ursprung hat, erzählt von einem jungen Mönch, der in diesem Kloster diente.
Sein Name war Mimko – und in ihm brannte schon seit jungen Jahren das Verlangen, einmal das Heilige Land zu betreten, wo Christus einst gewandelt war. Und dieser Wunsch nach mehr, als Gebeten hinter den Klostermauern, erreichte schließlich sogar die Türen des Klosters in Ihlow. Ein Möch namans Hayo hegte schon lange denselben Wunsch und bot Mimko an, die Pilgerreise zusammen zu unternehmen.
Und gemeinsam machten sie sich zu Fuß auf – über die Alpen, durch fremde Länder und Städte und so wurden schließlich die Wochen zu Monaten. Der Weg war hart, das Wetter oft erbarmungslos, das Brot meist hart und das Wasser schal.
Doch endlich, nach unzähligen Etappen, erreichten sie Jerusalem. Die heilige Stadt. Sie standen vor dem Grab Christi – und weinten.
Sie verweilten zusammen an vielen Orten, an denen Jesus gewirkt hatte: In Nazareth, am See Genezareth, in Gethsemane am Westhang des Ölbergs, der im Neuen Testament erwähnt wird. Endlich wurde ihnen bewusst, angekommen zu sein als sie andere Pilger aus fernen Ländern trafen.
Doch die Reise forderte ihren Preis und Hayo erkrankte schwer. Ein Fieber, das sich leise anschlich, das ihm zuerst die Kraft nahm, dann die Farbe aus dem Gesicht. Und trotz Mimkos Fürsorge wurde es nicht besser. Eines Morgens blieben Hayos Augen geschlossen – er verstarb im heiligen Land.
Mimko war erschüttert. Sein Freund, sein Gefährte, sein Bruder auf dem Weg zu Gott – lag nun still unter fremder Erde. In seiner Verzweiflung wandte sich Mimko in der kleinen Kapelle von Nazareth an die Jungfrau Maria. Er kniete, stundenlang. Und er schwor:
„Lass mich heimkehren. Wenn du mir das Leben erhältst, will ich es dir weihen. Für alle Zeit. Ich will fern der Menschen leben, allein, im Gebet. Und dich nie mehr verlassen.“
Sein Fieber verging. Langsam kehrte seine Kraft zurück. Als hätte jemand seine Hand auf ihn gelegt. Oder als wäre sein Schwur tatsächlich gehört worden.
So trat Mimko den langen Rückweg an. Wieder durch Dörfer und Wälder, durch Städte und Hitze, über die Alpen zurück an die Nordseeküste. Ja und endlich, nach so vielen Wochen der Entbehrung, stand er wieder vor dem Tor des Klosters Meerhusen. Die Brüder dort trauten ihren Augen kaum, denn es grenzte fast an ein Wunder, dass Mimko unbeschadet heimgekehrt war.
Doch auch nach allen Strapazen hatte er nicht vergessen, was er der Jungfrau Maria in der kleinen Kapelle von Nazareth versprochen hatte.So trat er am nächsten Morgen vor den Abt – und sprach mit ruhiger Stimme:
„Ich habe überlebt, weil ich der Jungfrau Maria etwas versprochen habe. Ich muss daher das Kloster verlassen und will allein leben,
in der Einöde, und für Maria beten, solange mir Tage gegeben sind.“
Der Abt widersprach nicht. Stattdessen machte er sich mit Mimko auf den Weg hinaus in die Natur.
Und sie fanden einen Ort zwischen den Dörfern Middels und Ardorf, im Schutz eines kleinen Eichenwaldes. Fern von Wegen, doch nicht zur Gänze unzugänglich. Dort baute sich Mimko eine Hütte aus dem, was der Wald hergab. Und schließlich nahm er noch zwei Wacholderbüsche aus dem Klostergarten mit – pflanzte sie links und rechts neben die Tür. Als Zeichen des Lebens. Als Erinnerung an den Ort, von dem er kam.
Die Tage wurden zu Jahren. Mimko wurde ein fester Teil des Landes und ein stiller Wächter im Schatten der Eichen.
Bald nannte man ihn in den umliegenden Dörfern nur noch den heiligen Mann. Und nach und nach kamn die Menschen zu ihm.
Es begann mit Neugier, doch dann aus Ehrfurcht – denn Mimko hatte etwas mitgebracht: einen kleinen Stein – kaum größer als eine Faust, den er an der Mauer des Hauses Jesu in Nazareth mitgenommen hatte.
Und wenn jemand krank war – ein Kind mit Fieber, ein Greis mit Schmerzen, eine Frau mit Kummer – dann legte Mimko den Stein auf und
sprach ein stilles Gebet… und oft – sehr oft – besserte sich der Zustand.
Die Menschen erzählten sich, dass es nicht der Stein allein war, sondern das Herz des Mannes. Seine Worte spendeten jedem Trost. Seine sanften Hände und sein Schweigen ließ manche mehr erfahren, als eine laute Predigt von der Kanzel.
Und so wuchs der Efeu über die Wände der Hütte. Die Wacholderbüsche wurden zu stattlichen Pflanzen und jahr ein jahraus nisteten neue Vogelpaare unter dem Dach. Drei Jahrzehnte lebte er das Leben, das er selbst gewählt hatte.
Und dann – ward es still.
Er war still entschlafen, als man ihn eines Morgens fand.
Die Klosterbrüder von Meerhusen holten ihn zurück, betteten seine Überreste in einen steinernen Sarkophag und bestatteten ihn auf dem Kirchhof. Man sagte: Selbst die Tiere des Waldes seien dem Trauerzug gefolgt.
Jahrhunderte vergingen.
Mehr als sechshundert Jahre.
Dann, bei einem Sturm, den wir nur an der Küste erfahren, wurde eine alte Eiche entwurzelt – und unter ihrem Wurzelwerk kam ein steinerner Sarg zum Vorschein.
Es war Mimkos Grab.
Die Inschrift war zwar etwas verwittert, doch noch zu erkennen und man brachte den Sarkophag nach Emden, ins Museum – als Zeugnis einer Zeit, in der Menschen noch an etwas glaubten, das größer war als sie selbst.
Doch an der Stelle, wo einst seine Hütte stand, blieb nur ein einziger Stein zurück. Groß. Vierkantig. Wie eine große Schwelle.
Heute nennt man ihn den Hilgenstein – den heiligen Stein.
Ende.
Und auch heute noch kann man diesen Stein besuchen, ich war gerade da. Er liegt leider nicht mehr am selben Ort, denn der Hilgenstein und somit auch Mimkos Hütte, lag seiner Zeit auf dem heutigen Gelände des Militär-Flughafens in Wittmund.
Nach Wikipedia wurde der Hilgenstein 1951 wiederentdeckt und an seinen heutigen Standort nach Ardorf verbracht. Dort befindet er sich am nördlichen Ortsrand, 200 m südlich des Ortsausgangs auf der östlichen Seite der Heglitzer Straße in einer Umfriedung.
Haltet doch mal inne, wenn ihr durch Ardorf kommt und legt eine Hand auf den Stein. Und wenn man still ist, sehr still… könnte man vielleicht, das Rascheln des Efeus hören, oder das leise Flüstern eines Gebets.
Bis bald, wenn es hoffentlich bald wieder heißt, willkommen zur Friesenzeit.
Quellen:
Author und Ausarbeitung: Jürgen Jester
https://de.wikipedia.org/wiki/Hilgensteen
Titelbild Brunnen-Hintergrund: Pixabay
Titelmusik von Julius H. auf Pixabay
Weitere Musikstücke zur Untermalung:
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Willkommen zu einer neuen Folge Friesenzeit – dem Podcast für alte Sagen und düstere Legenden.
Ab der heutigen, der zehnten Jubiläumsfolge, werde ich euch künftig mit auf die Reise zu sagenhaften Orten auch jenseits der Grenzen Ostfrieslands nehmen.
Ich entführe Dich in Zeiten, in der Burgen Schatten warfen, in denen das Böse lebte und dunkle Gestalten durch die Wälder streiften.
Manche Geschichten sind wahr, andere sind vielleicht nur Legenden, die der Volksmund doch noch immer erzählt.
Heute erzähle ich von einem Mann, dessen Name selbst nach Jahrhunderten Schrecken verbreitet:
Wer heute von Landau in Richtung Annweiler in den Pfälzer Wald fährt, wird auf halber Strecke von der B10 in Richtung Ramberg eingeladen. Um Ramberg zu erreichen, folgt man ab hier einfach der Beschilderung. Im Ort geht dann der Weg rechts ab zur nahen Burgruine, die nicht nur in der Region als ein lohnenswertes Ausflugsziel gilt.
Aber das war natürlich nicht immer so. Denn in längst vergangenen Tagen hätte hier niemand, der bei Trost war, nur zum Vergnügen einen Fuß in den dunklen Wald gesetzt. Denn schroffe Felsen, finstere Gesellen und tiefe Täler – das war der Pfalzer Wald im finsteren Mittelalter. Und mittendrin: die trutzige Burg Scharfeneck, beherrscht von einem Mann, dessen Name selbst den Tapfersten das Blut in den Adern gefrieren ließ…
Ritter Einaug von Scharfeneck wurde er genannt – ein Raubritter, wie er im Buche stand. Seit er in einer Schlacht sein rechtes Auge verloren hatte, war nicht nur sein Gesicht entstellt – sondern auch seine Seele. Was ihn einst gut in ihm war, ist mit dem verlorenen Auge erloschen – man kannte ihn nur als grausam und undunbarmherzig.
Sein Blick – nicht immer verborgen hinter einer schwarzen Binde – durchbohrte die Menschen wie ein glühender Dorn, und wer ihm begegnete, spürte diese Angst, abgrundtief und nagend.
Doch ‚Einaug‘ war mehr als nur grausam – er war listig. Und so schmiedete er einen Plan, von dem er nicht wusste, dass es zu Lebzeiten sein letzter werden würde:
Die reiche, friedvolle Burg Ramberg sollte sein nächstes Opfer sein.
Aber er wollte nicht mit seinen schwer gepanzerten Schergen anrücken.
Nein – heimlich sollte es geschehen. Lautlos. Heimtückisch.
Er nahm nur einen mit: seinen treuesten, aber ebenso gewissenlosen Knecht.
Bei Mondschein flüsterte er ihm zu:
„Hör mir gut zu, Gesell. Der Ramberger sitzt auf mehr Gold, als zehn Pferde tragen könnten. In dieser Nacht werden wir ihn erleichtern. Du schleichst dich in sein Schlafgemach… und stichst ihn nieder. Dann leerst du die Kästen und nimmst die wertvollsten Schätze mit. Ich beseitige die Wächter, öffne das Burgtor und warte mit unseren Pferden im Hof.“
Der Knecht grinste und zeigte seine schlechten Zähne im Schein der Fackel.
„Ein Plan nach meinem Geschmack“, zischte er.
So kamen sie zur Burg Ramberg – in schlichten Reisekleidern, friedlich und freundlich nach Obdach bittend. Man kannte Ritter Einaug nicht persönlich, und so ließ man ihn und seinen Begleiter ohne Arg ein.
Sie wurden freundlich empfangen, bewirtet, sogar mit Wein beschenkt, ehe ihnen ein Schlafplatz zugewiesen wurde.
Sie taten, als wären sie erschöpft von einer langen Reise. Doch ihre Augen – blieben wachsam und gierig.
Aber in dieser Nacht geschah etwas, womit keiner von ihnen gerechnet hatte…
Der Burgherr, Ritter von Ramberg, konnte nicht schlafen.
Etwas – vielleicht eine Ahnung, vielleicht ein göttlicher Fingerzeig – trieb ihn in die Burgkapelle.
Dort kniete er nieder, allein mit seinem Gebet, während in den Mauern seiner Burg das Verderben lauerte.
Derweil schlich sich der Knecht durch die dunklen Gänge und hörte in den angrenzenden Zimmern hier und da die Bewohner schlafen. Vor dem Gemach des Burgherrn ging er lautlos wie ein Schatten in die Hocke um die Tür zu inspizieren.
Alles war ruhig – so öffnete er das Schlafgemach – es war leer.
„Ah, falsch abgebogen“, murmelte er.
Im nächsten Raum hörte er ein tiefes, kehliges Schnarchen.
Ohne zu zögern, trat er leise ein und stach sofort zu – einmal, zweimal, dreimal – es war ein lautloser Mord im Dunkeln.
Zufrieden mit seiner Tat tastete er nach den Geldtruhen. Doch – nichts. Kein Gold, keine Kästen. Nur Kleider, Schatten und Stille.
Dann – Schritte hinter ihm.
Ein Licht.
Und eine autoritäre Stimme, die rief „Was treibst du da?“
Es war der Burgherr selbst. Der Knecht – starr vor Schreck, konnte nichts tun – die Klinge rutschte ihm aus der Hand und binnen Sekunden war er überwältigt.
Als das Licht heller wurde, da immer mehr Knechte herbeieilten, blickte er auf den leblosen Körper im Bett.
Ein starrer Blick – nur ein Auge.
Der Knecht hatte seinen eigenen Herrn erstochen.
Entsetzt sank er auf die Knie, stammelte, flehte, gestand alles.
Der Ritter von Ramberg – ein frommer Mann – hörte ihm zu. Und dann… tat er das Unerwartete:
„Geh – Lerne daraus – und kehr nicht zurück.“
Er ließ ihn frei. Nicht aus Schwäche – sondern weil er glaubte, dass Reue stärker sein kann als Rache.
Doch Einaug… der fand keinen Frieden.
Nicht im Tod. Nicht in der Ewigkeit.
Bis heute, so erzählt man sich, geistert er durch die Wälder rund um Scharfeneck – als wilder Jäger mit nur einem Auge, als dämonischer Reiter, der Fremde in die Irre treibt, als unsichtbare Last auf dem Rücken von Wanderern, so schwer, dass ihnen der Schweiß von der Stirn rinnt und die Knie nachgeben.
Und wenn er genug hat, springt er mit Gelächter von ihrem Rücken, ein Lachen, das nicht von dieser Welt ist – und das jedem, der es hört, das Blut in den Adern gefrieren lässt.
Also, wenn du dich einmal nachts in die Wälder der Pfalz wagst – und ein fernes Wiehern hörst, ein heiseres Lachen aus dem Dunkel, dann kehr besser um und bete, dass Einaug nicht auf Deiner Spur ist.
ENDE
Wenn euch diese Geschichte gefallen hat, dann lasst eine Bewertung da und abonniert Friesenzeit, damit ihr keine weitere dunkle Stunde verpasst.
Kennt ihr selbst eine Sage aus eurer Heimat, die nicht vergessen werden darf?
Dann schreibt mir – vielleicht wird sie hier bald erzählt.
Bis zum nächsten Mal – wenn der Nebel sich wieder senkt und die Schatten Geschichten flüstern.
Euer Jürgen
Der Beitrag Der Fluch von Scharfeneck – Friesenzeit #10 erschien zuerst auf Nakieken.
Hallo liebe Hörerinnen und Hörer! Zu Weihnachten möchte ich euch in das südlichere Ostfriesland mitnehmen, genauer gesagt zwischen Detern und Hollen, vielleicht sogar nah an Deternerlehe soll diese alte Geschichte gespielt haben. Da ich mittlerweile in mehr als nur einem Buch von dieser Geschichte gelesen habe, wollte ich diese tragische Sage gerne noch erzählen, ehe das Jahr zu Ende geht.
Gerade in der aktuellen weltpolitischen Lage, wo immer häufiger Menschen ohne Führungsqualitäten sich in höchste Machtpositionen kaufen und diese dann schamlos ausnutzen, würde ich mir hin und wieder wünschen, dass es eine höhere Macht gäbe, die wie in unserer heutigen Geschichte für Recht und Ordnung sorgt.
Nachdem ich von meinem guten Freund Oliver schon vor der letzten Folge ein neues (aber sehr altes) Buch über Sagen aus Ostfriesland zum Geburtstag bekam, habe ich auch diese schöne Sage etwas weiter ausgearbeitet und für eine Erzählung umgeschrieben. Wie immer ist unter Quellen das Buch oder die Bücher verlinkt.
Darum würde ich mir auch wünschen, dass auch diese alte Geschichte nicht in Vergessenheit gerät! Wenn Du mich dabei unterstützen magst, freue ich mich sehr, wenn Du die Folge mit Freunden oder Familie teilst – danke :)
Ich hoffe, die neue Folge gefällt Dir und kann vielleicht beim Einschlafen oder beim Träumen von Ostfriesland helfen ;-)
Wie immer freue ich mich natürlich über jeden Kommentar, neue Ideen oder Anregungen aller Art :)
Viele liebe Grüße aus Wiesmoor,
Hier nochmal die Textversion. Aufmerksame Hörer:innen werden es vielleicht schon bemerkt haben, dass ich mal wieder hier und da beim Einsprechen mich wieder spontan für ein paar Änderungen im Text entschieden habe, weil es dann vielleicht besser klingt – man möge mir verzeihen. Hier also zum Mitlesen:
Es war einmal vor langer Zeit, als in den Nebeln der norddeutschen Vorzeit Moor und Marsch einen großen Teil Ostfrieslands ausmachten. In jenen Tagen glaubten die Menschen auch nicht selten, dass die Kräfte der Natur von höheren Mächten gelenkt wurde. Und eben in dieser Epoche soll sich diese Geschichte zutragen haben.
Zwischen den kleinen Dörfern Detern und Deternerlehe erstreckte sich ein geheimnisvolles Stück Land, der sogenannte Püttkamp. Diese alten sumpfigen Wiesen verbergen noch immer ein düsteres Geheimnis, ein Geheimnis über das heute noch ein paar wenige Menschen Kenntnis haben.
Einst galt der Püttkamp ein Ort des Segens, denn dort sprudelte tatsächlich eine Quelle, die mehr bot als nur Wasser. Sie entsprang scheinbar tief, war glasklar und wurde wegen ihrer heilenden Kräfte als Geschenk Gottes verehrt. Viele Menschen, geplagt von Krankheit und Schmerz, pilgerten von überall her, um das Nass aus dem Brunnen zu kosten. Ein jeder war getrieben von der Hoffnung, bald der eigenen Pein entfliehen zu können, weshalb sich die Geschichte um den Brunnen auch immer weiter verbreitete.
Jene Quelle selbst lag gut geschützt innerhalb der Mauern einer mächtigen Burg, die dem Geschlecht der Grafen von Egge gehörte.
Als der alte Graf dann eines Tages den Weg alles Irdischen ging, übernahm sein Sohn, ein Mann von kühlem Herzen und glühendem Stolz, nach dessen Tod die Burg und Herrschaft. Der junge Graf Egge war bekannt für seine Härte und seinen Hochmut und so kam es wie es kommen musste: Kaum war er Herr der Burg, schloss er die Tore für die Kranken und Bedürftigen. Der Brunnen, einst ein Symbol göttlicher Gnade, wurde mit einem goldenen Gitter eingefasst, und bewaffnete Wächter mussten jeden abweisen, der auch nur wagte, dem Brunnen zu nahe zu kommen. „Kein Tropfen dieser Quelle“, sprach der Graf, „gehört einem Bauern oder Bettler. Sie ist mein Besitz, wie die Felder, Wälder und Menschen, die mir untertan sind.“
Hohe Wälle erhoben sich ringsum, und ein breiter, von dunklem Wasser gefüllter Graben schnitt sie von der Außenwelt ab. Auf zwei mächtigen Wachtürmen hielten Wächter Tag und Nacht Ausschau, denn der Graf misstraute dem Volk, das ihn insgeheim verfluchte. Und doch … wagte niemand, gegen ihn aufzubegehren. Die Bauern, die er für sich schuften ließ, mussten Zeuge sein, wie ihre Ernten niedergetrampelt wurden, wenn der Graf mit seinen Pferden durch ihre Felder jagte. Ihr Vieh wurde geraubt, ihre Dörfer unterdrückt. Er herrschte mit eiserner Faust, und es dauerte nicht lange, bis sich ein kalter Schatten über das Land legte. Wer es sich leisten konnte, zog in die Ferne – doch blieb dem größten Teil des Volkes im aufkommenden Winter nicht anderes übrig, als zu bleiben, um nicht vollends zu verarmen.
Doch das Schicksal eines Tyrannen sollte sich wandeln. Es war an einem heiligen Sonntag, als die gerechte Vergeltung nahte. Der Graf, der sich für den Herrn über alles hielt, hatte dem Priester befohlen, den Gottesdienst erst dann zu beginnen, wenn er selbst in der Kirche erschienen sei. Und er ließ den Prediger von Mal zu Mal länger warten, weil es ihm gefiel, den Priester zu demütigen.
Die Menschen freuten sich sichtlich, dass die Messe ohne den Unterdrücker begann. Kaum waren die ersten glücklichen Strophen gesungen, öffneten sich die Türen mit einem ohrenbetäubenden Krachen, und der Graf trat ein.
In seinen Augen brannte Zorn, und in seiner Hand hielt er das Schwert, das viele Menschen schon zuvor das Leben gekostet hatte. „Wie wagst du es, gegen meinen Befehl zu handeln?“ donnerte er. Doch der Priester, ruhig und unerschrocken, wandte sich ihm zu und sprach: „Ich diene nicht dir, Graf von Egge, sondern dem Herrn aller Herren. Dein Gebot hat in diesen Mauern des Herrn keinen Platz.“
Der Graf sah in den Gesichtern der Leute, dass sie die Meinung des Herrn Pfarrer teilten. In einem Anfall von Wut, wie ihn selbst seine engsten Gefolgsleute nie zuvor gesehen hatten, riss der Graf sein Schwert empor und schlug damit den Priester nieder. Das Blut tränkte die Stufen des Altars und ein Aufschrei ging durch die versammelte Gemeinde. Gerade als die ersten geschockt aufsprangen, erfüllte ein unheimliches Grollen die Luft.
Die Erde begann zu zittern, als hätte eine große Macht selbst den Frevel des Grafen gespürt. Dunkle Wolken sollen sich über der Burg zusammen gezogen haben, und ein gewaltiger Sturm brach los. Die Menschen flohen in Panik aus der Kirche, während die Mauern der Burg zu erbeben schienen.
Bis sich schließlich mit donnernden Grollen die Erde überall unter der Burg auftat und das Bauwerk, mitsamt seinem goldenen Brunnen, den Wachtürmen und all seinem Glanz, in den Tiefen der Erde riss.
Der Graf und seine Schergen wurden nie wieder gesehen.
Was blieb, war nur ein dunkler Tümpel, die Pütte, dessen Wasser von nun an bitter und kalt war. Von der Burg des Grafen Egge blieb nichts übrig, außer einem Namen, der in den Dörfern als Erinnerung weitergegeben wurde.
Die Straße, die einst zur Burg führte, trägt bis heute den Namen des Grafen: die Graf-Egge-Straße. Sie führt an der Pütte vorbei, die stumm von jener Zeit erzählt, als Stolz und Grausamkeit über das Land herrschten – bis höhere Mächte Gerechtigkeit walten ließen.
So wird die Sage noch heute erzählt, um zu mahnen, dass kein Herrscher größer, als andere Menschen und kein Hochmut vor dem Fall sicher ist.
Danke fürs Hören :-)
Quellen:
Author / Ausarbeitung: Jürgen Jester
Sage: „Die Burg des Grafen Egge“ aus dem Buch „Deutsche Burgensagen“ von Arno Reissenweber, Verlag Pawlak Herrsching o.J. , 70er Jahre
Titelbild Brunnen-Hintergrund: Pixabay
Titelmusik von Julius H. auf Pixabay
Weitere Musikstücke zur Untermalung:
Der Beitrag Der Heilbrunnen von Detern – Friesenzeit #9 erschien zuerst auf Nakieken.
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