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„Einfach mal losschreiben“, denke ich mir selbstbewusst. „Zum Thema Musik wird mir schon was einfallen, schließlich habe ich das studiert.“ Oder zumindest so was Ähnliches. Sechseinhalb Jahre lang bin ich pflichtbewusst zur Uni gegangen und habe Musikwissenschaft studiert. Ich habe Seminare zur Musikgeschichte, den aktuellen Charts und den Kompositionstechniken des Barocks besucht. Mal mehr, mal weniger euphorisch, das gebe ich zu. Aber zwischen der rationalen Herangehensweise zu einem emotionalen Ausdrucksmittel ist mir Eines nicht verloren gegangen: die Freude an der Musik, dem Hören und dem Selbermachen.
Das ist nicht selbstverständlich. Wie oft wurde mir im Vorfeld von ernüchterten Kommilitonen prophezeit, dass der Kopf einfach nicht mehr auszustellen wäre, sobald Musik läuft. Eine These, die sich auch in anderen Berufen wiederfindet: Mediziner stellen erstmal eine Diagnose, wenn sie außerhalb der Praxis jemand kennenlernen und Friseure zupfen dir in Gedanken die Augenbrauen, während sie mit dir sprechen. Wie ist es bei mir? Nach dem Studium lautet mein Fazit: Stimmt schon, das mit dem Analysieren. Wenn ich einen Song höre, dann achte ich auf die Instrumentierung, die Akkorde, die Gesangstechnik. Aber das nimmt der Musik nicht ihren Reiz.
Analysieren bedeutet zuerst einmal, einen Gegenstand sehr genau zu betrachten und seiner Beschaffenheit auf den Grund zu gehen. Für mich ist besonders die Musik zur Ehre Gottes wichtig geworden: der Lobpreis. Bei dieser Musik beginne ich mit einer Entscheidung. Sie ist für mich mehr als Unterhaltung oder Füllmaterial, damit der Gottesdienst am Sonntag auf 60 Minuten kommt. Lobpreis verleiht vielmehr auf einzigartige Weise Gefühlen und Gedanken meines Glaubens einen Ausdruck.
Es beginnt in der Stille
Mir hilft es, wenn ich allein in meinem Zimmer bin und einen Moment innehalte, um einen Blick in mein Herz zu werfen. Dann weiß ich, dass ich nicht nur als Zeitvertreib singe oder um andere Leute zu beeindrucken und mein Lobpreis dadurch zur christlichen Karaoke verkommt. Nach ein paar Minuten, in denen sich das Chaos meiner Gedanken und Gefühle geordnet hat, kann ich ruhig und ehrlich vor Gott kommen. Ungeschminkt, verletzlich. Oft kommen Eindrücke hoch, die mein Herz so lange und manchmal unbewusst vereinnahmt haben. Ganz gleich, ob es Freude ist oder einer der dunkleren Töne der Gefühlspalette wie Wut, Trauer oder Angst.
Während andere dann vielleicht vorsichtig einige Worte vor Gott aussprechen, ist es bei mir meistens ein Lied. Ich bin kein begnadeter Songwriter, aber ich kann die Worte von anderen zu meinen eigenen machen. Musik ist dabei für meine Seele, was Essen für den Körper ist. Sie ist wohltuend und gibt mir neue Kraft. Mit ihr kann ich meinen Emotionen angemessen Ausdruck verleihen. Und ich bin mir sicher, dass der Einzige, der gerade im Publikum sitzt, mein Anliegen versteht. Musik ist einer meiner Wege, um Gott zu loben, anzuklagen, zu fragen – ihm zu begegnen.
Mein Tagebuch in Noten
Manche Songs sind für mich aber nicht nur Momentaufnahme, sondern vielmehr Lebensbegleiter. Dann reichen oft schon ein paar Sekunden, um Erinnerungen an eine bestimmte Zeit in mir wachzurufen. Ein Beispiel: 2015 habe ich meine Bachelorarbeit geschrieben. Wie so viele Studenten bin auch ich an den Punkt gekommen, an dem es anstrengend wird. Wenn nach wochenlanger Arbeit das Ende immer noch nicht in Sicht ist – und der Gedanke, das Studium abzubrechen und eine Berufslaufbahn ohne akademischen Abschluss zu verfolgen, eine attraktive Alternative wird. Meine Vier-Minuten-Flucht war dann der Song It is well (Mir ist wohl) von Kristene …