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Jeder hat sie. Obwohl keiner sie haben will: Vorurteile. Und selbst Gott ist nicht davor gefeit. Auch er wird von uns in Schubladen einsortiert. Und die Vorbehalte Gott gegenüber sind zahlreich.
Jeder hat sie: Vorurteile
Eigentlich sind sie total verpönt. Aber jeder hat welche: Vorurteile. Jene altvertrauten Vorbehalte, mit denen wir anderen begegnen. Vorurteile gibt es im Prinzip gegen alles und jeden. Gegen Männer, gegen Frauen, gegen Jugendliche, gegen Alte. Nichts und niemand ist wohl davor gefeit. Noch nicht einmal Gott. Auch gegen ihn gibt es Vorurteile. Beispiele gefällig? „Gott ist ein verwirrter Tattergreis“, „Er ist bloß eine Wunschvorstellung religiöser Menschen“, „Gott kann kein liebender Gott sein, wenn er so viel Leid zulässt“, „alle Religionen meinen denselben Gott“, „Gott existiert überhaupt nicht.“
Ich glaube, Gott hält das aus. Immer wieder wird er in Schubladen gesteckt. Von Vielen. Vielleicht sogar von jedem von uns. Doch das hindert Gott offenbar nicht daran, auf uns zuzugehen. Und zwar ganz ohne Vorurteile. Jesus demonstriert das eindrücklich. Da begegnet er dem Nathanael. Einem Mann, von dem es in der Bibel heißt: „Später begegnete Philippus dem Nathanael und erzählte ihm: »Wir haben den gefunden, von dem Mose geschrieben hat und den die Propheten angekündigt haben. Es ist Jesus aus Nazareth, der Sohn Josefs.« »Nazareth?«, entgegnete Nathanael. »Was kann von da schon Gutes kommen!« Doch Philippus antwortete ihm: »Komm mit und überzeuge dich selbst!«“ (Johannes 1,45-46).
Aus dem verschlafenem Nest?
Offensichtlich ist Nathanael ein Kenner der hebräischen Bibel, des Alten Testaments. Denn das Gespräch zwischen Philippus und ihm dreht sich darum. Genaugenommen um eine ihrer zentralsten Aussagen. Um die prophetische Ankündigung des Messias. Gott würde ihn senden. Um sein Volk Israel zu erretten aus der Fremdherrschaft. Ja mehr noch: der Messias würde alles heil machen. Die ganze Welt. Alles und jeden erretten vor dem Untergang, aus dem Elend, aus dem Leid. Und sogar vor dem Tod (5. Mose 18,15-20; Jesaja 49,2.6).
Bis heute ist von einer Messiasgestalt die Rede, wenn jemand eine allumfassende Erlösung verspricht. Philippus jedenfalls berichtet: „Nathanael. Wir haben ihn gefunden. Er ist da. Der Messias. Es ist Jesus aus Nazareth“. „Bitte was?“, platzt Nathanael heraus. „Aus Nazareth? Der Retter der ganzen Welt kommt doch niemals aus Nazareth. Aus dem verschlafenem Nest.“ Vordergründig scheint Nathanael sogar Recht zu behalten. In der jüdischen Bibel wird der Messias nicht mit Nazareth in Verbindung gebracht. Nein, aus Bethlehem soll er kommen (Micha 5,1). Zwar ebenfalls ein winziges Dörfchen. Aber wenigstens eins mit großer Geschichte. Kam doch Israels größter König von dort: David (1. Samuel 16,1.12f).
Die eigenen Vorurteile hinterfragen – weil es sich lohnt
Und doch geht Nathanael einem Vorurteil auf den Leim. Auch, wenn es damals ziemlich weit verbreitet ist. Und auch noch ganz fromm daherkommt. Sicher: der Erretter Israels und der ganzen Welt soll aus Bethlehem stammen. Aber das ist bei Jesus auch tatsächlich der Fall. Er ist dort geboren. Aber in dem unbedeutenden Dörfchen Nazareth aufgewachsen. Deshalb ist es völlig korrekt, wenn Philippus von ihm sagt: Der die ganze Welt heilmachen wird, das ist Jesus aus Nazareth.
Doch nun geschieht etwas ganz entscheidendes in dieser Begegnung. Philippus diskutiert nicht lange. Vermutlich ist ihm zu diesem Zeitpunkt auch noch nicht klar, dass Jesus in Davids Heimatdorf geboren wurde. Deshalb fordert er den Nathanael einfach auf: