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Fast drei Jahre lang hatte sie keinen Ton herausgebracht. Nach dem Tod ihrer Mutter konnte sie nicht mehr singen. Dann lief „Fallin‘“ von Alicia Keys bei ihrer Arbeit auf dem Kiez. Stephanie Joan Lingard (43) schrubbte gerade Füße im Nagelstudio und sang einfach mit. Und auf einmal war ihre Stimme wieder da. Heute hat es die singende Fußpflegerin und Kiezsängerin auf die Bühne von The Voice of Germany geschafft. Bis dahin war es ein langer Weg, der mit einem Versprechen an ihre schwerkranke Mutter begann.
Die jungen Männer tragen Säbel, Baseballschläger und Stangen. Vor dem „Network Café“ stehen sie dicht an dicht auf dem Hans-Albers-Platz. Drinnen sitzen die Gäste fest. Auch Niko Albers (55) kommt nicht mehr raus. Eine halbe Stunde zuvor hatten die Türsteher eine Gruppe junger Männer abgewiesen. Jetzt sind sie wieder da. Und sie sind nicht allein. Niko Albers hat viele Nächte auf dem Kiez erlebt. Als DJ im „Network Café“ und „Skyy“ sah er, wie der ganze Laden zerlegt wurde, bekam Schnaps als Arbeitsanweisung und musste vor allem eins sein: kräftig.
Vanity Trash ist schrill, bunt und laut. Hinter der Dragqueen mit der großen Klappe, den prallen Hüften und 250 Fummeln im Schrank steckt Kevin Wick (48). Seit fast 20 Jahren verwandelt er sich regelmäßig in die „Kiez-Wuchtbrumme“, tritt auf Bühnen auf und führt Touristen als KultKieztour-Guide über den Kiez.
Zwischen Brücke 1 und Brücke 10 kennt ihn jeder, den „Hubi“, der seine ersten Einsätze als Kellner bei Barkassen-Meyer hatte. Heute ist Hubert Neubacher (54) Chef der traditionsreichen Reederei, Geschäftsführer der Abicht Elbreederei und für viele so etwas wie der Außenminister der Branche. Einer, der Leute zusammenbringt, gefragt wird, wenn es um Barkassen geht und Kunst, Kultur und Stars wie Robbie Williams und Tina Turner in den Hafen holt.
Die Wache 15 auf dem Kiez kennt jeder. Klar: die Davidwache. Mythos, Filmkulisse, Hamburg-Symbol. Doch die 16 an der Budapester Straße? Die kennt heute kaum noch einer. Dabei sei sie früher für die „besonders harten Fälle“ zuständig gewesen, sagt Michael Ehnert (58). Der Hamburger Schauspieler hat ein Buch über „die kleine, dreckige Schwester der Davidwache“ geschrieben. In „Hamburg, Wache 16“ erzählt er vom Kiez der 70er-Jahre. Von Gewalt, Rotlichtmilieu, Hells Angels, Trinkerkneipen und den Menschen, die dort Dienst taten. Zugleich ist es eine sehr persönliche Geschichte. Die seiner Familie.
Auf dem Kiez ist sie bekannt als Panik-Petra, die Frau mit den pinken Haaren und den Nerven aus Stahl. Udo Lindenberg taufte sie einst die „Hebamme der Panik City“. Jahrelang war Petra Roitsch (50) Betriebsleiterin seines Multimedia-Museums im Klubhaus St. Pauli an der Reeperbahn. Als Teil seiner „Panik-Familie“ lebte sie zwischen genialen Geistesblitzen, spontanen Aktionen und Nachrichten, die der Panikrocker gerne mal nachts um 3 Uhr verschickte, wenn er zu „Hochtouren“ auflief.
Ricarda Belmar ist Gastgeberin, Hausmeisterin, Psychologin und manchmal auch Tatortreinigerin. Auf dem Kiez kauft sie alte Bordelle, baut sie zu Ferienwohnungen um und sammelt nebenbei Social-Media-Material für die skurrilsten Stories über „Dinkel-Dörte“ und „Hafer-Hans“, zurückgelassene Drogen, verwüstete Wohnungen und Gäste, die mit Chauffeur vorfahren. „Das ist hier ein Mikrokosmus. Eine Welt, in der es ganz schön irre zugeht“, sagt die 35-Jährige und grinst.
Wenn Thomas Stutzki (59) von früher erzählt, klingt es wie zwei Leben. Das eine spielt zwischen Börsentelefonen, Millionenbeträgen und schlaflosen Nächten im Anzug. Das andere zwischen Prominenten, Skandalen und durchfeierten Nächten im Tabledance-Club. Vor 28 Jahren wurde der heutige Kiez-Gastronom das Gesicht des „Dollhouses“ an der Großen Freiheit - dabei war er eigentlich Börsenmakler.
Das ganze Video auch bei YouTube unter https://youtu.be/xIXHmB58uj4
An Weihnachten trifft es sie am härtesten. Kein funkelnder Baum, kein Duft von Festessen, keine liebevoll verpackten Geschenke. Niemand, der am Esstisch Platz nehmen wird – wie die meisten Tage im Jahr. Nur die Stimmen aus dem Radio durchbrechen die Stille. Susanne Fink-Knodel (62) weiß, wie schmerzhaft das Fest für viele ihrer Senioren ist. Als Leiterin des Nachbarschaftsheims St. Pauli an der Silbersackstraße erlebt sie ihre Not jeden Tag. Für manche Kiezianer ist der Treffpunkt mehr Zuhause als die eigenen vier Wände und der einzige soziale Halt, der ihnen nach einem bunten Leben auf St. Pauli geblieben ist.
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