Kwatsch mit K

Konferenztagung 3


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!Achtung, Triggerwarnung: Gewalt und Brutalität!

Die alt bekannte Müdigkeit machte sich breit. Er spürte sie vor allem im Kopf, als eine bleierne Schwere um die Augen herum, aber auch durch eine Mattheit im Rest des zusammengesackten Körpers.

"Können sie die Präsentation im Vollbild zeigen?" Eine Teilnehmerin der Konferenztagung hatte ihn angesprochen. Mit seinen müden Augen schaute er auf und realisierte, was sie von ihm wollte: Die gerade laufende PowerPoint-Präsentation wurde zwar auf dem Beamer gezeigt, aber so dass auch die folgenden Folien zu sehen waren und eben nicht bildfüllend im Vollbildmodus. "Da kann ich nichts machen, das müssen Sie an Ihrem Gerät einstellen." antwortete er mit belegter Morgenstimme in einem gleichgütligen Ton. Diesen Satz hatte er als Veranstaltungstechniker schon oft gesagt. Bei jeder Veranstaltung bestimmt drei, vier Mal.

Die Teilnehmerin sah ihn irritiert und etwas empört an, ging dann aber zu einem Kollegen, damit dieser sich darum kümmerte.

Auch im dritten Jahr der Pandemie gab es noch immer Leute, die trotz täglicher Nutzung von PowerPoint, Zoom und Co. noch immer keine Ahnung hatten, wie diese funktionierten. Früher wäre er noch aufgestanden, zum Laptop (Fremdgerät) gegangen und hätte freundlicherweise alles korrekt eingestellt. Mittlerweile aber, scherte er sich nicht mehr drum. Es war ihm inzwischen scheißegal, wenn die Leute es nicht hinbekamen, auch wenn sie dann meistens annahmen, er als Techniker wäre schuld an den Fehlern. Als er mit dem Job anfing, machte ihm das noch etwas aus und er versuchte auch die fremdverschuldeten Fehler auszubügeln sowie gewisse Erwartungen zu erfüllen, die außerhalb seines Verantwortungsbereichs lagen. Er war motiviert, wollte helfen, aber vor allem nicht der Buhmann sein und die fragenden oder bösen Blicke ernten, wenn etwas nicht lief. Da ihm mit der Zeit jedoch immer mehr die Wertschätzung fehlte, weil man bei einfach allem was mit Bild, Ton und Computer von einer Selbstverständlichkeit ausging, dass er das zu regeln hatte, entwickelte er eine Scheißegal-Einstellung. Wozu sich den Arsch aufreißen und sich zum "Mädchen für Alles" machen? Vor allem, wenn er dafür weder Dank noch irgendwie Wertschätzung erfuhr und schließlich lernten auch die Leute nicht dazu. "Wenn du mit PowerPoint oder Zoom arbeiten willst, musst du es lernen!" dachte er sich, "oder soll ich dir noch Outlook und Word erklären?".

"Können sie ihn lauter machen?" fragte Frau Eingeschnappt wieder. Der aktuelle Redner sprach sehr leise und hielt das Mikro fast auf Bauchhöhe. Als die technische Fachkraft das Potentiometer bediente und so den elektrischen Widerstand verringerte, um die Lautstärke zu erhöhen, fing es sofort an fies zu fiepen: Rückkopplung. Seine Schuld natürlich - er erntete dementsprechende Blicke aus zusammen gekniffenen Augen.

"Er sollte das Mikro an die Schallquelle halten. An den Mund!" sagte er ihr trocken. Wieder ein gehässiger Blick von ihr, der alles ausdrückte.

Ja richtig, seine Schuld, er war der Dumme. Kann ja gar nicht sein, dass wir alle dumm sind, dachte er sich stellvertretend für die Teilnehmenden.

Genau deswegen half er ihnen nicht mehr. Er erledigte seinen Job nach Vorschrift, baute alles an Technik auf und regelte seinen Scheiß - nicht den der anderen. Er stumpfe ab, saß dann stundenlang lebensgelangweilt in Vorträgen, Labereien und Diskussionen und schubste ab und zu einen Lautstärkeregler oder betätigte einen Umschaltknopf für das Bild. Ansonsten beschäftigte er sich mit seinem Handy, aktualisierte sämtliche soziale Netzwerke und seinen Email-Account viel zu oft und las Nachrichten oder den Kicker, schrieb bei WhatsApp mit Leuten und gab nen Fuck. Diese reizlose, unsinnige Umgebung ließ ihn einfach nur müde sein. So richtig hart müde. Da half auch der ganze Kaffee schon lange nicht mehr. Den trank er nur, weil er es sich angewöhnt hatte. Der saure Magen bedankte sich mit Sodbrennen bei ihm.




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Kwatsch mit KBy K der Konstler