Bei einem Kaffee las er wie jeden Morgen die FAZ. Die letzte Zeitung, die noch halbwegs vernünftig war. Er wollte stets informiert sein über die Geschehnisse in der Welt, über Wirtschaft und Politik. Dies war wichtig!
Mal sehen, was sich die Linksgrünen wieder für utopische, oder besser idiotische, Ideen hatten einfallen lassen. Dies ließ sich dem Blatt hervorragend kritisch entnehmen.
Und schon kam der erste Aufreger: Jemand aus der linksalternativen Ecke brachte einmal mehr das bedingungslose Grundeinkommen auf den Tisch. So ein Schwachsinn! Dann würde doch keiner mehr arbeiten gehen! Was wäre denn dann mit der Wirtschaft? Das machte ihn rasend! Wie konnte man nur auf solch eine unsägliche Idee kommen und es ernst meinen?
Der Mensch ist grundsätzlich faul und muss zum Arbeiten gezwungen werden! Das war immer so und wird bzw. muss auch immer so bleiben! Daher muss eine gewisse Disziplin auch schon früh in der Schule anerzogen werden, um klar zu machen: ein jeder MUSS arbeiten! Und der Tüchtige wird belohnt, wie man unschwer an den mutigen Unternehmern erkennen konnte. Sie alle hatten mit Fleiß und Mut etwas riskiert, etwas aufgebaut und waren nun die tragenden Säulen der Gesellschaft. Selbstverständlich sollten diese Leistungen auch monetär gewertschätzt werden, genauso wie die Verantwortung, die diese Männer trugen. Als Eckpfeiler der Wirtschaft schafften sie Arbeitsplätze und stärkten die Wirtschafskraft Deutschlands, da sollte man dankbar sein und sie nicht etwa noch mehr in die Verantwortung nehmen, wie durch höhere Steuern, als eh schon!
Er sah nicht, dass der Reichtum eines einzelnen Menschen nicht durch diesen alleine, sondern stets von mehreren erwirtschaftet wurde. Dass entweder geerbt oder sich auf Kosten anderer bereichert wurde. Dass ein superreicher Milliardär nicht eine Milliarde Mal mehr oder härter gearbeitet hatte, als Durchschnittsverdienende. Dass Gewinne privatisiert und Verluste sozialisiert wurden und sich somit Einzelne durch die Mehrheit der Gesellschaft bereicherten.
Er merkte nicht, wie er selbst sein Leben lang unter den Anforderungen der Arbeitswelt litt. Unter dem Konkurrenzdruck des immer bestehenden Wettbewerbs, auch unter Kollegen. Darunter, keine „Schwäche“ zu zeigen, keine Fehler zu machen und sie nicht eingestehen zu dürfen, auch um seine Position zu rechtfertigen. Sich nach bestimmten Regeln und Normen verhalten zu müssen, die entgegen seiner seelischen Bedürfnisse gingen. Er hatte dieses toxische mindset introjiziert, sich damit identifiziert und es dann niemals mehr hinterfragt, konnte sich so nichts Anderes vorstellen.
So lief es halt, dachte er. Das (Arbeits-)Leben war hart und von nichts kam nichts. Das konnte man sich nicht aussuchen, aber durch seine Anstrengungen und Leistungen, gehörte er wenigstens zu den Wohlhabenden. Ja, die die über den Kapitalismus jammerten, waren nur neidisch! Denn dieser hatte uns den Wohlstand gebracht und die ganze Gesellschaft profitierte von mutigen Unternehmern. Trickle Down Effect. Und ohne die Wirtschaft ging es ja nun nicht!
Er merkte nicht, dass die Wirtschaft eigentlich den Menschen dienen sollte, nicht umgekehrt. Dass sie generell nur ein von Menschen erdachtes (Glaubens-)Konstrukt war, das sich dementsprechend auch umdenken und verändern ließe. Aber dies war für ihn alles nur linksradikaler Sozialismus, eine lächerliche, unrealistische Hippiefantasie, die nichts mit der Realität zu tun hatte.
Er merkte nicht, dass der sogenannte Wohlstand in Form von Status und materiellen Gütern ein Fass ohne Boden war und nur kurz befriedigte, jedoch nicht glücklich machte. Im Gegenteil: Er hatte nun mehr zu verlieren und zu verteidigen. All das ließ seine Frustration wachsen und er projizierte sie auf Andere, die gefälligst auch Leistung zu erbringen hatten. Dabei war es paradox, ja geradezu auf tragische Art und Weise: So war er einerseits wirtschaftstreu und beschwerte sich dann andererseits beispielsweise über Pflegekräfte, die der deutschen Sprache n