© Ana Blazic Pavlovic / Fotolia.com
Es ist der 2. Oktober – unser zweiter Hochzeitstag. Der Tag fängt schon mal gut an. Ich habe in der Nacht schlecht geschlafen, weil unser kleiner Sohn sehr unruhig war. Heute ist der Tag der Heimreise, es liegen über 600 km zwischen unserem Urlaubsort und dem Zuhause. Die ersten zweihundert Kilometer sind noch in Ordnung, aber dann lässt mein Mann unbedacht den Satz fallen, wie müde er doch sei.
Das ist der Moment, wo ich innerlich explodiere. „Müde?! Du? Ich bin doch die, die nachts nicht schlafen kann! Vielleicht hast du auch schlecht geschlafen, aber wie kannst du es wagen, es mir gegenüber zu erwähnen!“ Das alles habe ich nicht laut gesagt. Natürlich nicht. Allerhöchstens habe ich eine klitzekleine spitze Bemerkung gemacht. Hätte ich mir so unseren Hochzeitstag vorgestellt? Ganz sicher nicht.
Nur ein einfacher Satz von meinem Mann und doch macht er aus der liebenden Ehefrau ein kleines wütendes Rumpelstilzchen, das sich in seiner Selbstgerechtigkeit und Empörung suhlen möchte. Dieser scharfe Umgangston kommt häufiger vor, seitdem unser Kind die Ehebühne betreten hat. Denn jetzt kommt zum normalen Alltag mit stressiger Arbeit und dem ewigen Hin und Her wegen des Haushaltes auch noch Schlaf- und Freizeitmangel dazu. Das sagt jeder schlaue Ratgeber, aber wie sollen wir damit umgehen?
Liebe = Mann + Frau + X
Gerade war man noch ein wunderbar eingespieltes Team und nun ändert sich plötzlich etwas. Bei Paaren, die Kinder bekommen, lässt sich dieser Wechsel vorher schon erahnen. Manch andere Veränderung kommt völlig unerwartet. Da bekommt die Frau plötzlich ein aussichtsreiches Stellenangebot – in einer anderen Stadt. Soll sie verzichten oder das Leben ihrer Partnerschaft komplett umkrempeln? Immerhin würde das heißen, dass der Mann sich eine neue Stelle suchen muss oder erst mal eine Weile Hausmann wird. Das sorgt für ordentlichen Zunder.
Bei unlösbaren Problemen oder aufgeschaukelten Konflikten ist es manchmal besser, die Hilfe eines Paartherapeuten in Anspruch zu nehmen. Jörg Berger ist solch ein Paartherapeut. Zu ihm kommen Paare aller Altersgruppen – mit ihren jeweils ganz eigenen Themen.
Jörg Berger ist Autor des Buches„Stachlige Persönlichkeiten“. Er
arbeitet in Heidelberg.
(Foto: Blende 8, Friedrichsdorf)
Seiner Erfahrung nach sorgen bei jungen Paaren die jeweiligen Herkunftsfamilien für Zündstoff. Denn da ist der Ablösungsprozess noch im Gange und die Grenzen sind noch nicht klar gesteckt. „Fremdgehen und Fremdverliebtheit ist eher ein Thema der Lebensmitte, etwa Mitte 40. Da sind die aufregenden Zeiten, in denen man sich etwas aufbaut, vorbei und zur Routine geworden“, sagt Jörg Berger. Ältere Paare kommen hingegen, weil sich Enttäuschungen angesammelt und aufgestaut haben. Allein wären sie noch ertragbar gewesen, aber durch ihre Masse ziehen sie eine negative Bilanz nach sich. An dieser Stelle fragen sich unzufriedene Paare oft, ob es wirklich besser war, zusammenzubleiben.
Kind aus dem Haus – was nun?
Manche ältere Paare trifft auch die Einsamkeit nach dem Auszug der Kinder wie ein Hammerschlag. Plötzlich sind sie wieder auf sich allein zurückgeworfen und stellen fest, dass sie einander über die Jahre aus den Augen verloren haben. Jörg Berger rät in so einer Situation, sich wie ein junges Paar zu verhalten, das sich eben erst kennengelernt hat und eine Beziehung neu aufbaut. Wie es auch junge Paare oft machen, müssen diese Paare sich gegenseitig erklären, wie man tickt, warum man Dinge so empfindet und warum man so geworden ist, wie man ist.
„Das ist aber oft ein bisschen …