ERF Gottesdienst

Los, streitet euch!


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© Mosa Moseneke / unsplash.com
Ich bin jemand, der Konflikten gerne aus dem Weg geht. Sobald sich ein Streit anbahnt, merke ich, dass mein Herzschlag schneller wird und meine Wangen sich röten. Mein Körper gerät sofort in eine Habacht-Stellung. Stress. Dann ziehe ich mich lieber schnell zurück. Gelingt die Flucht nicht, versuche ich wenigstens, den Streit so schnell wie möglich beizulegen.
 
Mit dem Kürbis gegen die Wand
Erst vor kurzem bin ich dem Zorn meiner Mitbewohnerin ausgesetzt gewesen. Ich kam nach Hause und habe sie in der Küche getroffen, als sie gerade Kürbiscremesuppe zubereitete. Zu spät habe ich die unterkühlte Stimmung wahrgenommen, da flogen mir auch schon geballte Vorwürfe, Kritik und Sätze um die Ohren, die mit „Du hast immer…“ und „Nie machst du…“ anfingen. Dabei ließ sie ihre Wut am Kürbis aus, den sie mit dem Küchenmesser bearbeitete und auf die Arbeitsplatte knallte. Ich fühlte mich ihrem Wutausbruch genauso hilflos ausgeliefert wie dieser Kürbis. Da hatte sich wohl einiges bei ihr angestaut und ihr emotionales Fass überlaufen lassen. Meine Versuche, sie zu beschwichtigen und mich zu rechtfertigen, liefen ins Leere.
So läuft das meistens: Ich weiß nicht, wie mir geschieht und finde nicht mehr die richtigen Worte, um meinen Standpunkt überzeugend zu vertreten. Dann gebe ich lieber schnell klein bei. Im Nachgang ärgere ich mich darüber und mir fallen tausend gute Argumente ein. Der Streit, oder besser Nicht-Streit, hat mich noch lange beschäftigt. Weil er nicht ausgetragen wurde.
Mein Harmoniebedürfnis und meine Unsicherheit hindern mich am Streiten. Kommt es doch einmal zum Streit, fühle ich mich elend. Aber ist das der richtige Anhaltspunkt, nach dem ich Streit bewerten sollte? Vielleicht habe ich eine falsche Perspektive auf Streit. Aber was könnte an Streit positiv sein? Ich habe mir den Streit vorgeknöpft.
 
1. Streit bildet den Charakter
Auseinandersetzungen gehören zur Entwicklung des Menschen. Streit ist eine sehr offene und direkte Kommunikationsform. Dabei ist man den Emotionen des anderen und vor allem seinen eigenen meist ungefiltert ausgesetzt. Damit umzugehen muss man lernen.
In meinem Fall lautet die Lösungsstrategie meistens: Nachgeben und einlenken. Aber dass das in vielen Fällen außer Frust über mich selbst nichts bringt, habe ich inzwischen kapiert. Beim genaueren Hinschauen ist die Botschaft hinter dieser Verhaltensweise sogar ziemlich destruktiv: Man zeigt dadurch keinen eigenen Standpunkt. Für den anderen wird nicht erkennbar, was man eigentlich will. Psychologen und Konfliktforscher werten dieses Verhalten als Hinweis auf ein geringes Selbstwertgefühl und Verlustangst.
Auch nicht besser ist Flucht oder Rückzug. Das ist in der Regel ein Selbstschutzmechanismus, weil man mit dem emotionalen Ausbruch nicht zurechtkommt. Allerdings wirkt es oft so, als interessiere man sich gar nicht für den Konflikt. Man sollte sich klar machen, warum sich der Einsatz für die Sache lohnt und sich dem Streit stellen.
 
Auf Beobachtungsposten
Streit bietet die Chance, sich selbst dabei zu beobachten, wie man in emotionalen Stresssituationen reagiert. Gerade in Konfliktsituationen treten negative Eigenschaften zutage. Fragen wie „Warum ziehe ich mich beleidigt zurück? Warum fahre ich in dieser Situation aus der Haut? Warum kränkt mich diese Bemerkung dermaßen?“ bilden die Basis, um zu erkennen, welcher Streittyp man ist und dann an sich zu arbeiten. Beim nächsten Streit kann man seine Gefühle dadurch besser einordnen und kontrollieren.
Konstruktiv ist ein Streit, wenn man hinterher analysiert und auflöst, was …
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