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„Meine Erblindung ist ein Geschenk Gottes“


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© Milada Vigerova / unsplash.com
Ich lerne Theresa Rohrmaier vor einigen Jahren in Marburg kennen. Sie hat an der Blindenstudienanstalt ihr Abitur gemacht und studiert Erziehungswissenschaft an der Universität – und das fast blind. Bei ihrer Geburt hatte sie eine Netzhautablösung – verursacht durch eine zu hohe Sauerstoffzugabe. Bis zu ihrem 16. Lebensjahr kann sie noch etwa fünf Prozent sehen. Danach nimmt ihr Augenlicht immer mehr ab. Heute, mit 31 Jahren, ist sie vollständig erblindet – und hat einen Bachelor- und bald noch zwei Masterstudiengänge erfolgreich abgeschlossen. Später möchte sie gerne noch promovieren.  Aufgeben? Für Theresa keine Option. Sie glaubt an ihre Ziele.
 
Theresa Rohrmaier (Foto: privat)Ich frage mich, wie es wohl ist, in jungen Jahren zu erfahren, dass man bald blind sein wird? Wenn das ohnehin schon schwache Augenlicht noch schwächer wird? Theresa Rohrmaier schafft es erstaunlicherweise recht schnell, ihre Situation anzunehmen. Sie malt viel und versucht die Zeit, in der sie noch etwas sehen kann, bewusst zu genießen – anstatt sich nach ihrem Augenlicht zurückzusehnen. Dass sie ihre Umstände so gut akzeptieren kann, liegt ihrer Ansicht nach hauptsächlich an ihrem Glauben an Gott.  „Irgendwie hatte ich von Anfang an das Gefühl, dass es Gottes Weg für mich ist,“ erzählt sie mir. Nur in wenigen Momenten muss Theresa kämpfen. Vor allem in Alltagssituationen, wenn sie zum Beispiel die Anzeige an der Waschmaschine immer schlechter erkennen kann.
 
Blind an der Universität studieren
Ich bewundere ihre Willenskraft. Für die Universität Literatur wälzen, recherchieren, Texte lesen, Referate halten, Hausarbeiten und Klausuren schreiben – und das alles ohne sehen zu können. Theresa lässt sich davon nicht entmutigen und sucht gezielt nach Alternativen und Hilfen. Getreu dem Motto: Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Texte für die Seminare werden ihr von einem elektronischen Sprachassistenten vorgelesen. Während der Klausuren diktiert sie einer studentischen Hilfskraft die Antworten.
Seit ein paar Jahren ist Theresa mit einem Blindenstock unterwegs. Wenn ich mit ihr verabredet bin, vergesse ich oft, dass sie gar nichts mehr sehen kann, weil sie so flink unterwegs ist. Was ich besonders beeindruckend finde, ist, dass sie immer passend gekleidet ist. Mit dem passenden Schmuck und Make-Up. Mal eben in den Schrank greifen und die passende Hose auswählen? Das fällt manchen sehenden Menschen schon schwer. Wie muss es für jemanden sein, der gar nichts sehen kann?
Für den Alltag gibt es mittlerweile viele praktische Hilfen, wie zum Beispiel eine Handy-App, die Farben erkennt, Sprachassistenten oder Einkaufshilfen in Supermärkten. „Solche Möglichkeiten muss man eben kennen und sich damit beschäftigen“, erzählt Theresa mir. In ihren Freizeitaktivitäten lässt sie sich von ihrer Erblindung nicht einschränken. Sie geht mit Unterstützung einer Freundin joggen, geht auf Konzerte, zum Tanzen und sogar ins Kino. Auch ich war schon öfter dabei. Ich sitze dann im Sessel neben ihr und erzähle ihr im Flüsterton, was auf der Leinwand passiert. Manchmal, wenn sich eine Situation nicht über den Ton erschließt und die Leute im Saal plötzlich alle anfangen zu lachen, fragt Theresa mich, was gerade so lustig war. Ich beschreibe die Szene dann so genau wie möglich für sie.
Außerdem kocht Theresa sehr gerne – in den Genuss ihrer leckeren Gerichte durfte ich schon öfter kommen.
 
„Das macht mich wütend und verletzt mich“
Theresa ist ein sehr lebensfroher Mensch. Ihre Blindheit ist für sie kein Nachteil. Was sie …
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