ERF Gottesdienst

„Meine Mutter wird sterben.“


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© Lucas Sankey / unsplash.com
Markus Roll ist Ende 30. Als selbständiger Buchautor und Theologe ist er ständig auf Achse und hat einen vollen Terminkalender. Doch als seine Mutter Irene ihm Anfang 2014 eröffnet, dass sie an Krebs sterben wird, sagt Markus Roll alle Termine ab und zieht zu ihr nach Lübeck. Er hat uns erzählt, wie er die letzten 10 gemeinsamen Wochen erlebt hat.
ERF Medien: Nach zwei gescheiterten Chemotherapien entschloss sich Ihre Mutter Irene, keine weitere Behandlung zu machen. Wie kam es zu dieser Entscheidung?
Markus Roll und seine Mutter IreneMarkus Roll: Meine Mutter hat damals meine Brüder und mich zu sich gerufen und uns erzählt, dass die Ärzte ihr kaum Hoffnung auf eine Heilung machen konnten. Deswegen wollte sie sich nicht noch einmal der Tortur einer Chemotherapie unterziehen. Wir hatten gesehen, welche Nebenwirkungen und Schmerzen die Behandlung mit sich brachte, und wir konnten ihr nur zustimmen. Dass aber die Entscheidung, keine weitere Chemo zu machen, im Endeffekt bedeuten würde, dass sie stirbt – das ist mir erst später bewusst geworden.
 
ERF Medien: Irgendwann kam aber der Anruf, dass der Krebs so weit fortgeschritten war, dass sie sterben würde. Daraufhin packten Sie Ihre Koffer, um nach Lübeck zu ziehen. Warum?
Markus Roll: Ich wollte den Abschied ganz bewusst erleben. Fast wissenschaftlich habe ich aufgeschrieben, was in mir vorgeht. Einmal für mich selbst, um später nachlesen zu können, was ich in der Zeit erlebt habe. Aber irgendwann hat meine Mutter auch gesagt, dass sie weniger Besuch bekommen will. Damit ihre vielen Freunde trotzdem auf dem Laufenden bleiben, habe ich angefangen, meine Aufzeichnungen in einem Onlineblog zu veröffentlichen.
ERF Medien: Ab dann waren sie jeden Tag bei Ihrer Mutter, meistens mehrere Stunden am Stück. Wie haben Sie die gemeinsame Zeit gestaltet?
Markus Roll: Ich bin erst einmal in einen gewissen Aktionismus gestürzt. Ich habe ein weißes Blatt Papier und einen Stift gezückt und hab sie gefragt: „Liebe Mutter, was willst du noch erleben?“ Und dann haben wir eine Liste erstellt, doch leider sind wir nicht sehr weit damit gekommen. Schon nach 10 Tagen war es für sie nicht mehr möglich, das Haus zu verlassen. Sie war zu schwach.
 
ERF Medien: Was haben Sie in diesen ersten 10 Tagen unternommen?
Markus Roll: Wir hatten Jahre zuvor einen Italiener entdeckt, und dort sind wir noch einmal hingefahren. Es war wunderbar. Sie hatte einen extrem guten Tag und es war fast wie früher. Da schien mir das alles noch so unwirklich. Doch schon beim nächsten Ausflug war es anders. Wir haben ein Treffen ihrer christlichen Gemeinde besucht. Sie saß im Rollstuhl und ihre Freunde standen vor ihr und wussten nicht, was sie sagten sollten. Und ich fragte mich, was ich da eigentlich mache.  Es ist so skurril, die eigene Mutter zu Freunden zu schieben, damit sie sich von ihnen verabschieden kann.
Und dann, als wir wussten, dass wir vielleicht nur noch einen Ausflug schaffen, nahm sie all ihren Mut zusammen und fragte mich ob wir ihren zukünftigen Grabplatz besichtigen können. Und ich dachte nur: „Das ist ja… was für ein schrecklicher Wunsch!“ Ich fragte sie, ob das wirklich sein müsste, doch es war ihr sehr wichtig. Da standen wir dann an ihrem Grab und sie sagte zu mir: „Das kann doch gar nicht sein, dass ich in ein paar Wochen hier verbuddelt werde.“ Ich habe sie gehalten, während sie weinte. Das  war so unwirklich. Danach fühlte sie sich aber besser, denn es half ihr, sich auf ihren Tod  vorzubereiten.
ERF Medien: Über was redet man, wenn man weiß: uns bleibt nicht viel Zeit?
Markus Roll: Wir haben viel über die …
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