Vom Ruderboot ins Klassenzimmer, vom Schulleiter zum Bildungsinnovator – Marco Haaf über Leistungssport, Führung und warum er glaubt, dass wir das Schulsystem neu erfinden müssen.
Originalteile-Podcast - Folge #86 mit Marco Haaf (Geschäftsführer aim Heilbronn)
Vom Ruderboot ins Klassenzimmer, vom Schulleiter zum Bildungsinnovator – Marco Haaf über Leistungssport, Führung und warum er glaubt, dass wir das Schulsystem neu erfinden müssen.
Ein Besprechungsraum in der aim auf dem Bildungscampus, irgendwo zwischen Strategie-Meetings und der nächsten Fortbildung. Marco Haaf, 50, sitzt entspannt am Tisch, Brille, waches Lächeln, die Ruhe eines Mannes, der weiß, dass echte Veränderung Zeit braucht. Als er später über seine Kindheit in Offenau spricht, über Rudertraining im Morgengrauen und die erste Silbermedaille als 24-jähriger Trainer, wird klar: Hier ist einer, der Bildung nicht als Verwaltungsakt versteht, sondern als Lebensaufgabe.
Es ist die Geschichte eines Heilbronners, der eigentlich Gebirgsjäger werden wollte und dann doch beim Ulmer Ruderclub landete. Sohn eines Südzucker-Betriebswirts und einer Arzthelferin, aufgewachsen in Bad Friedrichshall, zur Schule gegangen am Hohenstaufen-Gymnasium in Bad Wimpfen. Dort war er Schülersprecher, organisierte Partys und lernte nebenbei, wie demokratische Gremien funktionieren: »Wir wollten eine SMV-Party im Schwimmbad feiern. Der Schulleiter brauchte unsere Stimmen für einen Japan-Austausch. So war der Deal.« Heute verantwortet er als Geschäftsführer der aim die Zukunft der Bildung in einer Region, die sich gerade zur KI-Hauptstadt Europas entwickelt.
Der Weg dorthin war alles andere als vorgezeichnet. Während andere schon wussten, dass sie Lehrer werden wollen, trainierte Haaf Ruderinnen für die U23-Weltmeisterschaft, holte 1999 Silber im leichten Doppelzweier und wurde in Kanada zum »Coach of the Year« gewählt. »Ich habe mir das Standardwerk der DDR-Trainingslehre gekauft«, erinnert sich Haaf im zweistündigen Gespräch. »Und war dann überrascht, dass Kapitel 17 von der Erziehung zum sozialistischen Staatsbürger handelte.«
Am Hohenstaufen-Gymnasium entdeckte er später ein Talent, das ihm bis heute besonders am Herzen liegt: Carina Bär. Als junger Teenager kam sie 2005 zu ihm in die Ruder-AG, und Haaf erkannte sofort das Potenzial. »Ich habe damals zu ihr gesagt: Du wirst Olympiasiegerin.« Jahre später, 2016 in Rio, wurde aus der Prophezeiung Wirklichkeit. Bär holte Gold im Doppelvierer. »99 war toll«, sagt Haaf über seine eigene Silbermedaille als Trainer. Aber der Olympiasieg seiner ehemaligen Schülerin – das ist eine andere Dimension.
Was folgte, war ein klassischer Lehrerweg mit unklassischen Umwegen. Vom Referendariat am Albert-Schweitzer-Gymnasium in Neckarsulm über die Schulleitung bis zum geschäftsführenden Schulleiter aller Neckarsulmer Schulen. Besonders prägend: Die Corona-Jahre, in denen er als einziger Schulleiter Baden-Württembergs eine Abiturfeier durchsetzte. Als Demonstration. Auf dem Schulhof. Mit 500 Menschen im 1,5-Meter-Abstand, rotem Teppich und Musik. »Ich habe viel Ärger von meinem Chef bekommen«, sagt Haaf. »Aber wenn ich in die Gesichter der Jugendlichen geschaut habe, wusste ich: Es war genau das Richtige.«
An keinem einzigen Tag der Pandemie schloss er die Schulmensa. Weil es Kinder gab, die auch im Homeschooling ein warmes Mittagessen brauchten. »Wenn es für 25 ein Bedürfnis gibt, dann macht man das möglich.« Eine Haltung, die sich durch sein ganzes Leben zieht – vom Rudertraining mit 17-Jährigen bis zur Schulleitung.
Bewegend sind Haafs Einblicke in die Notwendigkeit von Veränderung im Bildungssystem. Von der Erkenntnis, dass Deutschunterricht oft kein Kommunikationsfach ist, bis zur Überzeugung, dass wir das Schulsystem nicht nur reformieren, sondern neu erfinden müssen. »Schule ist mehr als Unterricht«, sagt er. »Es ist Lebensraum für Kinder und Jugendliche.«
Heute, als Geschäftsführer der aim, will Haaf »innovative Bildung« nicht nur im Namen tragen, sondern leben. Seine Akademie bringt gerade KI-Roboter in Heilbronner Schulen, entwickelt digitale Zwillinge für Mitarbeitende und positioniert sich als Impulsgeberin für ein Bildungssystem im Umbruch. »Der Großraum Heilbronn wird eine wichtige Rolle im Transformationsprozess des Landes einnehmen«, sagt er. »Ich freue mich darauf, das mitzugestalten.«
Wenn er am Ende des Gesprächs »Heilbronn 2036« als seine Perspektive nennt und sagt, er wolle bis über den Ruhestand hinaus auf dem Bildungscampus bleiben, wird klar: Der Weg des ehemaligen Ruderers ist noch lange nicht zu Ende. Aber die Richtung stimmt.
Weblinks & Social Media von Marco Haaf:
Web: https://www.aim-akademie.org
LinkedIn: https://www.linkedin.com/in/marco-haaf-014aa2145/
Audio: Philipp Seitz (www.philipp-seitz.de)
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