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Manchen Vätern aus der Bibel würde ich ja im Nachhinein gerne einen Erziehungsratgeber anbefehlen. Dem Patriarchen Jakob zum Beispiel. Zu seiner Zeit mag es ja völlig in Ordnung gewesen sein, Lieblingskinder zu haben. Aber hätte er sich nach dem heute gängigen Erziehungsdogma „Du sollst kein Kind bevorzugen!“ gerichtet, wäre seinem Liebling Josef so mancher Charakterfehler erspart geblieben. (Wahrscheinlich hätte sich Josef mit den heute beliebten Erziehungsmethoden andere Charakterfehler eingehandelt, aber das wäre an dieser Stelle reine Spekulation.)
Natürlich war es für Jakob mit seinen zwölf Söhnen und der nicht genannten Anzahl an Töchtern nicht ganz einfach, seine Gunst gerecht unter seinem Nachwuchs aufzuteilen. Aber mit Josef hat er es eindeutig übertrieben.
Wie man sich einen Angeber heranzüchtet
Josef wurde geboren, als Jakob schon nicht mehr ganz jung war. Die Sache mit dessen Lieblingsfrau Rahel und dem Kinderkriegen war kompliziert gewesen. Dann aber war er endlich da, der heiß ersehnte Spross! Entsprechend wurde Josef vom Herrn Papa von vorne bis hinten verhätschelt. Er bekam die meiste Aufmerksamkeit, die angesagtesten Klamotten und wurde so weit in den Himmel gehoben, dass Josefs Brüder irgendwann den Kanal voll hatten:
Seine Brüder hassten Josef, weil sie merkten, dass ihr Vater ihn lieber hatte als sie, und redeten kein freundliches Wort mehr mit ihm (1. Mose 37,4).
Josef hat sich daran nicht gestört, sondern seine Sonderstellung innerhalb der Geschwisterschar offensichtlich genossen. Er erzählte seinen Brüdern sogar munter von den großartigen Träumen, die er hatte. Das einzig Großartige in diesen Träumen war freilich er selbst. Er war der strahlende Mittelpunkt, vor dem sich seine Eltern und Brüder demütig verneigten. Dass seine Familie das ziemlich größenwahnsinnig fand, ging Josef überhaupt nicht auf. Am Ende war sogar sein Vater genervt und rüffelte:
Was für einen Traum hast du da gehabt? Sollen deine Mutter, deine Brüder und ich uns etwa vor dir verneigen? (1. Mose 37,10).
Segen kann arrogant machen
Der Rest der Geschichte ist schnell zusammengefasst: Die Brüder überfielen Josef, rissen ihm die Designerklamotten vom Leib, verkauften ihn als Sklaven an eine zufällig vorbeikommende Karawane, tränkten die Kleiderfetzen in Ziegenblut und erzählten dem entsetzten Jakob, sein Liebling sei von wilden Tieren gerissen worden.
Diese Geschichte von Neid und Eifersucht unter Geschwistern gehört fest zum Standardrepertoire von Kindergottesdiensten, Kinderbibeln und Jungschartreffen. Ein christlicher Evergreen. X-mal hoch und runter erzählt, gedreht, gewendet und ausgewrungen bis zum Geht-nicht-mehr. Und doch steckt da ein Aspekt drin, der bei allem Moralisieren über Neid und Eifersucht schnell übersehen wird: Segen.
Josef war besonders gesegnet. Er hatte eine enge Beziehung zu seinem Vater und bekam viel Aufmerksamkeit und Liebe. Leider aber hatte Josef auch einen klaren Hang zur Angeberei. Empathie war auch nicht gerade seine Stärke. Dass seine Brüder irgendwann wütend wurden und sich seiner auf wenig elegante Weise entledigten, ist nur zum Teil ihrem Neid und ihrer Eifersucht geschuldet.
Josef selbst hat die Nase so hoch getragen, dass er den Abgrund, auf den er zusteuerte, gar nicht sehen konnte. Erst nachdem dieser arrogante Pinsel maximal gedemütigt worden war und als unfreier Mann ein Sklavendasein führen musste, konnte sich der göttliche Segen, den er empfangen hatte, entfalten.
Verteilt Gott seinen Segen gerecht?
Aus unserer …