Endlich lachte sie mal wieder. Aus vollem Herzen. Mit ganzer Inbrunst. Auch schon irgendwie übertrieben mit jeder fortschreitenden Stunde in der alkoholgeschwängerten Stimmung. Hitzig. Geladen. Da hatte sich etwas angestaut. Eine ganze Menge. Das musste jetzt mal raus. Durch Lebensfreude, wie sie sie schon lange nicht mehr gespürt hatte. Sie versuchte, sie aufzusaugen, festzuhalten, zu verstärken, hochzumultiplizieren, um noch mehr Ausgelassenheit und Leichtigkeit herstellen zu können. Haha, witzig! Oh man, wie lustig, haha. Noch ein Gläschen, klar! Prost!
Er war gelöst. Entlastet. Während sie mal ihren Spaß hatte. Auch wenn sie dabei so drüber schien, mit einer Art von Unauthentizität und versteckten Aggressionen. Aber dann stand er wenigstens nicht so in ihrem Fokus. Dann hatte sie ihn nicht im Fadenkreuz. Ab und zu schielte er rüber zu ihr und checkte, ob sie ihn nicht doch im Blick hatte. Aber alles gut. Er konnte sich Daniel widmen, der mit Sandra bei ihnen zu Besuch war. Jetzt sagte er auch mal was. Angeregtes Männergespräch. Ein paar Sätze voll mit Begeisterung. Für ihn schon ein Sprudeln.
Sonst is' nich' so mit Reden. Also bei der Arbeit schon, klar. Aber sonst nicht im Alltag. Nicht mit ihr. Ein stillschweigendes, jahrelang eingependeltes, auf Funktion ausgerichtetes Nebeneinanderleben in einer Wohnung. Unter ständiger Anspannung. Mit dem permanenten Gefühl, doch immer das Falsche getan zu haben oder zu tun. Mit einem immer währenden schlechten Gewissen ihr Gegenüber, das er einkonditioniert versuchte zu leugnen.
Sie dagegen unter Dauerstrom. Geladen bis in die Haarwurzeln mit Aggression, Wut und Ärger. Er schwieg aus Angst, sie um ihn zu strafen. Er musste doch wissen, was er verbockt hatte und immer falsch machte! Das war doch so klar, das brauchte man doch niemandem mit normalen Menschenverstand erklären!! Unglaublich! Empört und wutentbrannt schnaubte sie in seiner Nähe, bebte innerlich. Ihre vergiftete Stimmung strahlte in den ganzen Raum aus, verpesstete ihn, nahm ihn ein, drückte seine Seele gnadenlos an die Wand und nahm ihm die Luft zum Atmen. Das sollte er ruhig spüren! Bis er es kapierte.
Er kapierte es nicht. Frauen halt, dachte er nur.
Jetzt aber mal wieder Ausnahmezustand. Endlich mal Durchatmen. Als er kurz etwas lauter wurde, zog er damit auch die Aufmerksamkeit von Sandra auf sich, die sich so von ihr abwandte und lachte (er hatte wohl etwas witziges gesagt). Sie lachte auch, weil es alle taten, aber als sich kurz ihre Blicke streiften, sah er in ihr rotes Gesicht, samt der weit aufgerissenen Augen und ihrer zitternden Nasenflügel. Sie warf ihm den Blick einer drohenden Löwin kurz vor dem Angriffssprung zu und innerhalb einer Nanosekunde begriff er, dass er sich zurück zu halten hatte. Sofort blickte er verschämt nach unten, sein Körper sackte wieder in sich zusammen. Sein Lächeln war nur noch ein holes Überbleibsel des Witzes zur äußeren Fassade, innerlich schlug es Alarm.
Was erlaubte er sich?? Wegen ihm herrschte hier ewig schlechte Stimmung und jetzt wollte er ihre gute auch wieder kaputt machen, nur um mal Aufmerksamkeit zu kriegen?! Armselig!
Der Besuch bemerkte etwas zwischen ihnen, wenn auch diffus und aus einer privaten Pärchendynamik resultiertend. Um die awkwarde Stimmung wieder in die vorherige zu kippen und schnell abzulenken, fragte sie, ob noch jemand Wein oder Bier wolle. "Auf jeden Fall wollte ich ja noch erzählen, dass.." begann sie beim Einschenken eines Glases, während Daniel auch ihn wieder in ein Gespräch verwickelte.
Die vorherig herrschende Heiterkeit wurde wieder forciert, wollte aber genau deswegen nicht erneut entstehen und so tat man zwar noch so, aber die Luft war raus aus dem Abend. Nach dem Getränk verabschiedeten sich die Gäste.
Er fing möglichst leise und unbeholfen tollpatschig an aufzuräumen, während sie sich ein weiteres Glas Wein einschenkte, schweigend auf's Handy starrte, ihn passiv-aggressiv ignorierte und machen ließ. Er wusste dass sie trotzdem alles registrie