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„Angst essen Seele auf“ heißt ein Melodrama von Rainer Werner Fassbinder – und tatsächlich erleben viele Menschen Angst als etwas Bedrohliches, gegen das sie sich nicht wehren können. Doch die Gründe für Ängste sind ebenso unterschiedlich wie die Arten der Angst. Cornelia Mack, Sozialpädagogin und Seelsorgerin, hat sich in ihrem Buch „Angst: Verstehen, entmachten, verwandeln“ intensiver mit dem Phänomen Angst beschäftigt. Im Interview berichtet sie, welchen Zweck gesunde Angst hat und was man gegen ungesunde oder übersteigerte Ängste tun kann.
Autorin Cornelia Mack hat gelernt,
mit ihren Ängsten umzugehen.
(Foto: privat)
ERF Medien: Frau Mack, in Ihrem Buch habe ich den Satz gelesen: „Angst ist für die Seele wie der Schmerz für den Körper.“ Was meinen Sie damit?
Cornelia Mack: Ein Schmerz im Körper signalisiert mir: Es stimmt etwas nicht. Und die Angst zeigt mir das auch. Ich merke: Irgendetwas ist nicht in Ordnung. Entweder könnte es gefährlich werden oder ich erlebe Situationen, mit denen ich nicht umgehen kann. Wenn ich immer wieder an denselben Stellen Angst bekomme, obwohl es eigentlich nicht begründet ist, hilft es, sich zu fragen: Was signalisiert mir meine Angst? Gibt es Bereiche in meinem Leben, die nicht aufgearbeitet sind oder neu geklärt werden müssen? Insofern ist die Angst für die Seele, was der Schmerz für den Körper ist. Sie ist ein Signal.
ERF Medien: Bis zu welchem Punkt ist Angst eine gesunde Reaktion und wo beginnt die Störung?
Cornelia Mack: Die Störung beginnt, wenn ich beherrscht bin von Angst und jede Entscheidung davon geleitet ist. Dann hat die Angst die Macht in meinem Leben. Ich werde durch diese Ängste zum Angst-Ausweichverhalten angeleitet. Ich versuche also Situationen zu vermeiden, die Angst machen. Wenn ich das tue, weitet sich die Angst immer mehr aus. Daraus kann sich eine generalisierte Angststörung entwickeln ‒ und dann wird‘s krankhaft.
Fremdes kennenlernen statt Angst davor zu haben
ERF Medien: Menschen haben vor ganz unterschiedlichen Dingen Angst. Welche Ängste begegnen Ihnen besonders häufig in der Seelsorge?
Cornelia Mack: Was mir im Moment nicht nur in der Seelsorge begegnet, sondern auch in normalen Alltagsgesprächen, ist die Angst vor Fremdem. Viele Menschen, die sich gut eingerichtet haben in ihrem Leben, haben durch die Flüchtlingsthematik Angst vor Fremden. Es ist verständlich, dass man diese Angst hat. Denn wenn man weiß, wie das Leben funktioniert, wird es durch Fremdes, das in das Leben hineinkommt, in den Abläufen gestört. Ich muss mich auf Neues einstellen. Diese Angst kann auch bei anderen Situationen, wo Fremdes in mein Leben kommt, sichtbar werden: Wenn ich eine neue Arbeitsstelle antrete, neue Nachbarn bekomme oder ein Schwiegerkind kennenlerne. Das sind Dinge, die mir zunächst Angst machen können, weil ich mich damit noch nicht auskenne.
Es gibt noch eine weitere häufige Angst. Das ist die Angst, etwas Wichtiges zu versäumen. Wir leben in der sogenannten Multioptionsgesellschaft, also einer Gesellschaft der vielen Möglichkeiten. Ein Kennzeichen dieser Multioptionsgesellschaft ist, dass ich, wenn ich mich für eine Sache entscheide, mich gleichzeitig gegen etwas Anderes, eventuell noch Besseres entscheide. Man spricht von der sogenannten Versäumnisangst. Deswegen haben Menschen Angst davor, sich zu schnell zu entscheiden oder zu binden. Ich beobachte es in der heutigen Zeit oft, dass junge Leute Angst davor haben, sich an einen Partner zu binden. Denn es könnte ja noch was Besseres kommen.
ERF Medien: Wie kann …