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Die Zehn Gebote gehören zu den bekanntesten Texten der Bibel. Ihre Entstehung ist Stoff vieler Filmproduktionen – vom Monumentalfilm bis zum Zeichentrick. Und immer ist die Szene besonders beeindruckend, in der Mose die Steintafeln von Gott erhält. Manche Theologen würden darüber nur müde lächeln und sagen, dass in Wirklichkeit alles ganz anders war. Eine solche Begegnung auf dem Berg Sinai hat es ihrer Meinung nach nie gegeben. ERF.de hat mit Prof. Dr. Herbert H. Klement, Professor für Altes Testament an der Evangelischen Theologischen Fakultät in Leuven (Belgien), bis 2015 auch Professor für Altes Testament an der Staatsunabhängigen Theologischen Hochschule Basel, über diese und andere Fragen rund um den jüdisch-christlichen Moralkodex gesprochen.
Prof. Dr. Herbert H. Klement, Professor für Altes Testament. Bild: STH Basel
ERF Medien: Die Zehn Gebote stehen in den fünf Büchern Mose. Dieser Teil des Alten Testamentes wird auch Pentateuch genannt. Wie und wann dieses Kernstück der Bibel entstanden ist, wird von Theologen sehr unterschiedlich beantwortet. Können Sie kurz die wichtigste Position erklären?
Prof. Dr. Herbert H. Klement: Nach den Angaben in der Bibel hat Mose die Zehn Gebote im Auftrag Gottes dem Volk Israel vermittelt. Das ist die Überzeugung der Christenheit durch Jahrhunderte hindurch gewesen. Und so wird es auch bis in die Gegenwart hinein von vielen Christen vertreten. Seit 200 Jahren gibt es in der kritischen theologischen Forschung allerdings eine Richtung, die die Darstellung der Bibel zur Geschichte Israels als historisch nicht glaubwürdig ansieht. In diesem Denken wurde z.B. alles als problematisch angesehen, was in den biblischen Texten übernatürlich ist, vom Jenseits handelt oder wo es um Engelerscheinungen und Wunderereignisse geht.
Außerdem dachte man, dass sich die Religion Israels über die Jahrhunderte entwickelt habe und am Anfang sehr primitiv gewesen wäre. Für Israels Geschichte nahm man an, dass sich erst im Exil in Babylon in einer Art abgeschotteter religiöser Gemeinschaft die Theologie gebildet habe, die heute den Pentateuch präge. Nach dieser Vorstellung wären die Zehn Gebote ungefähr im fünften Jahrhundert vor Christus entstanden. Sie werden der als legendär angesehenen Gestalt des Mose in den Mund gelegt. Die Mosegeschichten selbst gelten dabei als Legenden. Diese Position wird bis heute von vielen vertreten – insbesondere in der deutschsprachigen akademischen theologischen Forschung. Hier bildet sie noch eine Mehrheitsposition. Die internationale Situation ist vielschichtiger. Es gab im 20. Jahrhundert zum Beispiel eine eher konservativere archäologische Forschungsrichtung, die die biblischen Geschichten erst einmal für grundsätzlich glaubwürdig ansah, solange sie mit der archäologischen Forschung oder mit dem archäologischen Befund der biblischen Umwelt übereinstimmte.
Historisch gesehen passen die Gebote in die Zeit um 1400 v. Chr.
ERF Medien: Grob zusammengefasst lautet eine Meinung also, dass es in irgendeiner Form wirklich eine Gottesoffenbarung am Sinai gegeben hat, was die Zehn Gebote angeht. Dagegen geht die zweite Lehrmeinung davon aus, dass sich Menschen im Lauf der Zeit Gedanken über Religion gemacht und dann Texte dazu aufgeschrieben haben. Welche Meinung ist für Sie schlüssiger und warum?
Prof. Dr. Herbert H. Klement: Das religionsgeschichtliche Modell geht davon aus, dass der Glaube der Israeliten primitiv angefangen und sich zu immer komplizierteren, abstrakteren Glaubensformen entwickelt habe. Also dass sich beispielsweise aus dem Glauben an viele …