Regeln für gute Texte: Wer das Passiv auflöst, schreibt lebendiger. Und kann die Handelnden beim Namen nennen.
Wer Sprache definitiv umbringen will, der muss alles im Passiv ausdrücken. Der Passiv heisst auf Deutsch Leideform. Eine ganz traurige Sache ist er also, weil da jemand etwas erleidet. Das will ja keiner. Leiden muss immer derjenige im Passiv, der von einem anderen, der hoch aktiv ist, behandelt wird. Der Handelnde wird entweder an den Satz angehängt mit einem «durch» oder mit einem «von». Oder er wird schlicht verschwiegen, denn der Satz funktioniert auch ohne ihn.
Der Passiv lässt jemanden leiden
Ein Beispiel: Der Stadtrat erlässt das Gesetz. Der Stadtrat handelt, ist aktiv. Als Passivkonstruktion lautet der Satz: Das Gesetz wurde durch den Stadtrat erlassen. Oder: Das Gesetz wurde vom Stadtrat erlassen. Jetzt leidet das Gesetz an der Erlassung des Stadtrats, sozusagen. Aber der Satz ist auch mit «Das Gesetz wurde erlassen» vollständig. Und schon weiss niemand mehr, wer hier eigentlich handelt und Gesetze erlässt.
Die Konstruktion wird deshalb meist dann genutzt, wenn der Handelnde nicht wichtig ist, das Ergebnis seines Handelns ist wichtiger. Etwa in «Die Wände wurden erst vor zwei Wochen gestrichen.» Da ist es nicht wichtig, wer der fleissige Handwerker war. Wichtig ist: Er ist erst vor kurzer Zeit aktiv geworden.
Im Passiv wird der Aktive verschleiert
In diesem Fall geht der Satz auch in Ordnung. Er geht aber nicht mehr in Ordnung, wenn verschleiert werden soll, wer aktiv gewesen ist. Das funktioniert zum Beispiel dann, wenn das Handeln nicht rechtens oder nicht gut war. Etwa im Satz «Das Licht wurde über Nacht schon wieder angelassen», zu sprechen mit deutlichem Groll in der Stimme. Dann will der Sprecher niemanden direkt anklagen, sondern diffus mehrere beschuldigen. Möglich auch, dass jedem klar ist, wer der Übeltäter oder die Übeltäterin war.
Kriminell wird die Sache in zwei Fällen: Wenn der Handelnde verschwiegen werden soll. Oder wenn jemand zu faul ist, gutes Deutsch zu schreiben.
Wer im Passiv schreibt, benennt den Schuldigen nicht
Im Satz «Der Beamte wurde bestochen» geht es wohl darum, den Handelnden zu verschweigen und alle Schuld auf den Beamten zu schieben. Plötzlich nämlich ist rein sprachlich gar nicht mehr wichtig, wer ihm das Geld gegeben hat. Dieser Fall ist oft eine Politiker- oder Journalistenkrankheit. Der eine will den Schuldigen nicht benennen, der andere ist entweder zu faul zu recherchieren. Oder er tappt in die Falle, die ihm der Politiker gestellt hat, oder wer immer da so geredet hat. Und der Journalist merkt nicht, dass die eigentliche Geschichte vielleicht woanders sitzt.
Die tot-passivierte Sprache
Mich interessiert hier mehr der Fall der totpassivierten Sprache. Die ist nämlich oft auch völlig unverständlich vor lauter Nebelpetarden und Schreiberlingenfaulheit. Ich gebe zu: Dieses Mal musste ich länger suchen. Aber tatsächlich steht im Sprachförderkonzept der Stadt Zürich – jawohl: im Sprach-Förderkonzept – folgendes:
«2009 trat das durch den Stadtrat am 9. Juli 2008 genehmigte erste Konzept für die städtische Mitfinanzierung von Deutschkursen für fremdsprachige Erwachsene in Kraft.»
Wer dieses Sprachmonster zerkleinern will, muss sich auf die Suche nach dem eigentlichen Akteur machen. Das ist der Stadtrat. Nimmt man ihn zum Subjekt und löst den Satz auf, heisst er so: Am 9. Juli 2008 genehmigte der Stadtrat das erste Konzept für die städtische Mitfinanzierung von Deutschkursen für fremdsprachige Erwachsene, 2009 trat das Konzept in Kraft. Das ist ein Satz,