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In Actionfilmen und Krimis gehört der Tod selbstverständlich dazu. Aber wenn der Tod einem plötzlich selbst auf den Leib rückt, hört das Interesse schlagartig auf. Professor Dr. Ernst Engelke aus Würzburg ist Sozialwissenschaftler, Theologe und Fachmann für Hospiz- und Palliativpflege und hat sich in seinem Buch „Gegen die Einsamkeit Sterbenskranker“ mit dem Thema Sterben befasst.
ERF Medien: Herr Engelke, Sie schreiben zu Beginn Ihres Buches: „Wenn irgendein mir unbekannter Mensch stirbt, dann trifft mich das nicht sonderlich. Aber wenn jemand, den ich gut kenne, stirbt, dann macht mir das sehr viel aus.“ Warum berührt uns der Tod erst, wenn er uns nahe kommt?
Ernst Engelke: Das hängt mit unserer Gespaltenheit dem Tod gegenüber zusammen. Auf der einen Seite lassen wir uns in Krimis vom Sterben anderer Menschen unterhalten. Ein Toter im Tatort reicht nicht, es müssen 40 sein. Aber es gibt dort keine Berührung. Man riecht nichts und wird nicht angefasst. Das ist der Unterschied. In dem Augenblick, wo ich in ein Krankenzimmer gehe oder mit jemand spreche, der sagt: „Ich habe eine tödliche Erkrankung“, werde ich berührt. Dann bekomme ich Angst. Und das versuche ich zu vermeiden. Das ist das typische Phänomen in allen Kulturen und zu allen Zeiten.
Nicht sterben wollen, muss erlaubt sein
Ernst Engelke: Gegen die
Einsamkeit Sterbenskranker:
Wie Kommunikation gelingen
kann; Lambertus 2012,
23,90 Euro, 384 Seiten,
ISBN: 978-3-7841-2111-6.
ERF Medien: Sie schreiben, dass nicht nur das Leben jedes Menschen einzigartig ist, sondern auch sein Sterben. Dennoch gibt es auch Übereinstimmungen. Was sind typische Aspekte des Sterbens?
Ernst Engelke: Eine typische Erkenntnis ist, dass mein Leben durch die Erkrankung bedroht ist. Eine weitere Erkenntnis ist, dass ich nur noch einige Tage zu leben habe. Vielleicht erlebe ich auch, dass sich jemand von mir entfernt oder ich auf einmal total verzweifelt bin. Aus diesen Erkenntnissen erwachsen Aufgaben: Wem erzähle ich, dass mein Leben bedroht ist? Wie gehe ich damit um? Welche Heilverfahren nehme ich in Anspruch, welche nicht? Das sind Aufgaben, die ich zu erfüllen habe. Und es gibt typische Einschränkungen, die sich aus einer tödlichen Erkrankung ergeben. Vielleicht kann ich nicht mehr gehen oder mein Atmen ist beeinträchtigt. Diese Einschränkungen sind verbunden mit der lebensbedrohlichen Erkrankung.
Jeder sterbende Mensch muss diese Erkenntnisse, Aufgaben und Einschränkungen bewältigen. Aber jeder geht anders damit um. Manche Menschen erzählen jede kleine Irritation im körperlichen Empfinden dem Ehepartner. Andere sagen gar nichts. Manche gehen direkt zum Arzt, andere wiederum warten ab. Auch die Aufgaben werden verschieden wahrgenommen. Das hängt von der Persönlichkeit ab, vom Alter, der eigenen Biografie und der Art der Erkrankung. Auch wie Angehörige mit meiner Erkrankung umgehen, Ärzte mich behandeln und wie ich gepflegt werde, beeinflusst meinen Umgang mit der Krankheit.
ERF Medien: Welche Bedürfnisse hat ein Sterbenskranker?
Ernst Engelke: Es gibt allgemeine Formulierungen wie denjenigen ernstnehmen und ihn wertschätzen. Das sind schöne Begriffe, die aber sehr viel herausfordernder sind, als man auf den ersten Blick meint. Was heißt es, einen Sterbenden ernst zu nehmen? Ihn ernstnehmen besteht darin, dass ich akzeptiere, dass er nicht sterben möchte. Das ist das Hauptbedürfnis von Sterbenskranken: „Ich möchte nicht sterben. Und schon gar nicht so, wie ich jetzt sterben muss.“ Außerdem möchten sie Wertschätzung erfahren. Ein Bedürfnis …