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Gut ist nicht mehr gut genug
„Nobody is perfect“ – „Niemand ist perfekt“. Das wusste vor ein paar Jahrzehnten eigentlich jeder. Nichts ist perfekt: Kein Mensch und auch kein Gegenstand. Alles hat Schwachstellen. Und jeder seine Macken und Mängel. Ich meine aber, heute stellt sich die Situation ganz anders dar. Auf nahezu jedem Gebiet soll möglichst alles „perfekt“ sein. Oder kaufen Sie noch eine Zahnbürste, bevor sie nicht mindestens drei Testberichte dazu gegoogelt haben? Schließlich will ich ja das optimale Instrument für die tagtägliche Zahnpflege.
Soweit ich das überblicke, hat sich heute bei vielen Menschen das Denken grundsätzlich geändert. Was früher selbstverständlich war – nämlich: nichts ist perfekt –, das gilt so heute nicht mehr. Jedenfalls nicht mehr grundsätzlich. Denn das „Perfekte“ ist ausdrücklich das Ziel unzähliger Anstrengungen geworden. Ein Hersteller entwickelt z. B. ständig weiter an der perfekten Zahnbürste. Und jeder Betrieb müht sich ununterbrochen darum, seine Arbeitsabläufe zu verbessern. „Die Prozesse optimieren.“ So nennt sich das heute. Das ist auch sicherlich sinnvoll. Wenn z. B. die frischen Schokoküsse vom Band direkt in den Schmutz fallen – dann muss sich dringend jemand darum kümmern und den Fehler beheben. Wer jedoch nach der „optimalen“ Firma strebt, der jagt einer Fata Morgana hinterher.
Ich werde aber den Eindruck nicht los: das wollen viele gar nicht mehr wahrhaben. Die Feststellung „Nichts ist perfekt.“ – ist bei manchen längst ersetzt worden durch das überschwängliche „Nichts ist unmöglich.“ Und die Menschen selbst sollen natürlich nicht außen vor bleiben. Auch sie werden angehalten: entwickle dich ständig weiter. Firmen fordern von ihren Mitarbeitern deren „Selbstoptimierung“. Doch ist das überhaupt erreichbar: die perfekte Version meiner Person? Zumindest unterschwellig wird der „perfekte Mensch“ angestrebt. Manche Fachleute sprechen schon von einem „Optimierungswahn“. So jedenfalls der Journalist und Buchautor Klaus Werle. Er nennt das Beispiel von Studenten. Die achten schon heute ängstlich darauf, was die Firmen in fünf Jahren von ihren Mitarbeitern erwarten.
Warum Christen nicht perfekt sein müssen
Da verwundert es nicht, wenn auch Christen sich diesem allgegenwärtigen Aufruf nicht entziehen können: nämlich immer besser werden zu müssen. Und zwar bis hin zur Perfektion. Warum sollte das dann nicht auch für das Christsein gelten? Schließlich sagte Jesus einmal: „Deshalb sollt ihr vollkommen sein, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist.“ (Matthäus 5,48) Spricht Jesus hier nicht von einem perfekten Christsein?
Vollkommen sein – was meint das überhaupt?
Der Ausdruck „vollkommen sein“ gehört zu einer Wortfamilie mit der Grundbedeutung: „Ziel, Ende“ oder auch „höchstes Maß von etwas, das erreicht werden kann“. Dem entsprechend meinen auch die zugehörigen Tätigkeits- und Eigenschaftswörter so viel wie: „vollenden, vollendet sein und vollkommen sein“. Was also zu seinem Ziel gekommen ist, das ist vollendet. So galt z. B. ein Mensch in der Antike dann als „vollkommen“, wenn er „erwachsen“ geworden war. Er war ausgewachsen. „Vollkommen sein“ bedeutete demnach keineswegs „perfekt sein“. Sondern es ging mehr darum: das „Ziel“ ist erreicht. Und dann ist ein Mensch oder eine Sache „vollendet“ bzw. „vollständig“. So verwendet auch Paulus, der Zeltmacher und Gemeindegründer, den Ausdruck „vollkommen sein“. Nämlich in der …