Wer schreibt denn sowas?

Wer schreibt denn sowas?

By Richard HäuslerSociety & CultureScience
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Wer schreibt denn sowas? episodes

  • Wie hältst du’s mit der Klimawende?
    1987 brachte die Rockband R.E.M. ihren Song „It’s the End of the World as We Know It (And I Feel Fine)“ heraus und eroberte die Dancefloors des Planeten. Heute, beeindruckt von einem sich immer deutlicher abzeichnenden weltweiten Klimawandel, fragt der Buchautor Hermann Theisen, ob man diesen Song immer noch ohne Beklemmung hören könne. „Können wir wirklich ernsthaft fine sein – und die Party einfach endlos weitergehen lassen, so als wäre nichts gewesen und als gäbe es kein Morgen?“, fragt er. Und er fragt das nicht nur sich selbst, sondern 50 andere Vertreter unterschiedlicher Professionen und Altersgruppen, die er in dem Buch „Klimawende jetzt“ zu Wort kommen lässt. 

    Herausgekommen ist dabei beileibe keine Unisono-Beschwörung von Klimakrise und Handlungsnotwendigkeiten und keine Sammlung ultimativer Lösungsvorschläge. Sondern ein durchaus breites Spektrum der unterschiedlichsten Antworten auf die Gretchenfrage unserer Zeit: Wie hältst du’s mit dem Klima? 

    Dieses Spektrum reicht von tiefster Skepsis:

    „Es bleibt zu befürchten, dass alle Fortschritte am Votum der Wählerinnen und Wähler scheitern, die Angst vor Machtverlust überwiegt und sich das Fenster des Handelns endgültig schließt.“ (Uli Mayer-Johanssen Unternehmerin)

    … über radikale Selbstkritik:

    „Es gibt auf dieser Welt kein nachhaltiges Auto, keine nachhaltige Straße und kein nachhaltiges Flugzeug… Der religiös anmutende Glaube, Menschen könnten einfach die gesamte derzeit genutzte Energiemenge wahlweise durch erneuerbare Energien erzeugen, negiert deren umweltschädliche Rohstoffgewinnung.“ (Albert Denk, Soziologe und Politikwissenschaftler)

    … bis zu unerschütterlichem Optimismus:

    „Ich glaube daran, dass alle Menschen gute Menschen sein wollen. Ich glaube, dass alle Menschen ein gutes, friedliches, lebenswertes Dasein haben wollen. Und wenn wir ihnen zeigen, dass Klimagerechtigkeit der Weg genau dorthin ist, dann ist es nicht mehr ein »Was gebe ich auf für Klimaschutz?«, sondern ein »Was gewinne ich durch Klimaschutz?«. Und dann haben wir und der Planet gewonnen.“ (Nicco, 37 Jahre, Fridays for Future) 

    Die von Hermann Theisen vorgelegte Sammlung kann als eine Ermutigung verstanden werden, den eigenen Standpunkt als Teil eines größeren Spektrums von Ansichten einzuordnen und sich darauf einzulassen, ganz andere Aspekte und Perspektiven zuzulassen. Zu denen z.B. auch die Position gehört, die Felix Kruthaup, Mitglied der Students for Future, unter der Überschrift „Lieber Elon als Olaf“ formuliert:

    „Die Idee einer extraterrestrischen Menschheit bietet immerhin eine Antwort auf die ökologischen und ökonomischen Probleme der vollen Welt, während das Weiter-so nur sein Bestes versucht, diese Probleme zu kaschieren. Lassen Sie bitte nur die Finger vom Glauben, dass wir mit der Verhinderung eines Wahlsiegs der AfD oder Innovationen à la grüner Strom aus Müllverbrennungsanlagen schon irgendwas Positives erreicht hätten.“ 

    Hermann Theisen selbst lenkt unser Augenmerk auf einen Verursacher des Klimawandels, der bisher aus dieser Perspektive kaum gesehen wird. „Die Rolle von Militär, Rüstungsindustrie und militärischen Auseinandersetzungen für den Klimawandel“ würde „sowohl von Regierungen als auch vom Weltklimarat systematisch ausgeblendet“, stellt Theisen fest und resümiert: „Nichts ist umwelt- und klimaschädlicher als ein Krieg.“ 

    Das Buch „Klimawende jetzt“ ist nicht das, was der Titel suggerieren könnte – ein weiterer aktivistischer Appell, die Katastrophe abzuwenden. Die vielfältigen Beiträge ergeben zusammen stattdessen eher eine im Grundton optimistische und pragmatische Antwort auf die Klimafrage, die sogar phantasiereichen und humorvollen Aspekten Raum lässt:

    „Wenn Außerirdische auf die Erde schauen, werden sie denken, die Autos seien die herrschende Spezies. Diejenigen, welche die Autos von einem Ort zum anderen bewegen, die Menschen, sind nur Akteure im Auftrag der Autos.“ (Waltraud Schwab taz-Journalistin und Autorin)
    22 min
  • Aus jedem Stadtteil wird ein Dorf
    Johannes Liess hat sich einen Ruf als Dorfretter erworben. 2003 zog der weltläufige Architekt, der international als Büro- und Projektleiter für die österreichischen Stararchitekten von Coop Himmelb(l)au gearbeitet hat, mit seiner Familie ins mecklenburgische Lüchow, einem Nest, das außer einem Briefkasten, einer Bushaltestelle und fünf letzten Bewohnern im Rentenalter kaum mehr ein Lebenszeichen aussandte. Innerhalb von zehn Jahren gelang es ihm, das Dorf wiederzubeleben, heute wohnen über 60 Menschen in Lüchow, darunter fast die Hälfte Kinder. Bereits 2011 schrieb Liess darüber einen 300 Seiten dicken Roman unter dem Titel „Artgerecht leben: Von einem, der auszog, ein Dorf zu retten“. Jetzt hat er ein neues Buch geschrieben, keinen Roman, sondern ein Sachbuch, das sich streckenweise jedoch auch poetisch gibt. Es geht in dem Buch um Wege zu einer „lebensfördernden Ökonomie“, die der Autor sich als „Wirtschaften mit Herz & Verstand“ vorstellt. Liess glaubt nicht an die Verheißungen eines grünen Massenkonsums nach dem Motto „Wenn wir jetzt ganz schnell ganz viele Teslas produzieren, ist die Welt schon fast gerettet. Alles CO2-frei!“ Er predigt aber auch nicht den Verzicht, sondern setzt darauf, dass ein materiell weniger ausufernder Lebensstil nicht nur der Ökologie, sondern auch uns direkt zugutekommt: „Wir müssen unsere Wirtschaft wieder auf die Grundbedürfnisse unseres Lebens ausrichten, und wir müssen wieder lernen, mit der Natur zu leben und nicht gegen sie, und zwar auf der Grundlage der Erkenntnis, dass wir Menschen Teil der Natur sind und dass alles, was uns guttut, auch der Natur zugutekommt.“ Lapidar stellt er illustrierend fest, dass weltweit inzwischen mehr Menschen an Zu-viel-Essen als an Zu-wenig-Essen stürben. Obwohl es eine Reihe von Optionen gibt, mit denen jede/r Einzelne durch eigene Entscheidungen zu mehr lebensfördernden Verhältnissen beitragen kann („weniger Tiere essen“, „weniger neue Kleidung kaufen“, „Auto verkaufen“), liegt der wesentliche Hebel für eine positive Veränderung nach Auffassung des Autors bei der Politik und der Gestaltung lebensfördernder Rahmenbedingungen. Dazu gehörte dann z.B. eine konsequente Stadtplanung, die die „15-Minuten-Stadt“ anstrebt. Was bedeutet: „Alle täglichen Ziele sollen in maximal 15 Minuten zu Fuß, mit dem Rad oder dem ÖPNV, also ohne Auto, erreichbar sein. Hierzu bedarf es einer ausreichend engmaschigen Verteilung der täglichen Daseinsvorsorge. Insbesondere auch die strenge Trennung von Arbeit und Wohnen wäre aufgehoben. So wird jeder Stadtteil zu einem eigenen Dorf.“ Sozialpolitisch modelliert Johannes Liess eine wesentliche Verbreiterung der Vermögenssituation und verbindet dies mit einem wohnungspolitischen Vorschlag: „Den Hebel für die Erhöhung der Vermögensquote sehe ich vor allem im Wohneigentum. Würden alle ihre Wohnung selbst besitzen, wäre schon die Hälfte des Problems gelöst. Ist das utopisch? Und wie soll das gehen? Ganz einfach, alle Mieterinnen und Mieter bekommen ein Kaufrecht für ihre Wohnung, der Kaufpreis liegt beim Zehnfachen der Jahreskaltmiete. Abgesichert wird der Kauf über eine staatliche Bürgschaft. Statt dass jeder und jede einzeln kauft, wäre auch gemeinschaftliches Eigentum zum Beispiel in Genossenschaften sinnvoll.“ Erklärt Liess diesen Vorschlag selbst für gar nicht so utopisch, so gewinnt er mit anderen Vorschlägen dann doch wieder eine utopische Flughöhe. Dass in Deutschland ein Drittel aller Flächen unter Naturschutz steht, genügt ihm nicht. Er fragt stattdessen: „Wäre es nicht besser, das ganze Land unter Naturschutz zu stellen?“
    24 min
  • Kommt es auf die Opas an?
    Der 1949 geborene Achim Bubenzer hat ein erfolgreiches Leben als Physiker hinter sich, u.a. war er am Aufbau einer Pilotfertigungsanlage für Solarmodule beteiligt und Professor und Rektor einer Hochschule. Er könnte, wie er selbst schreibt, sein „Leben als rüstiger Pensionär beim Radeln und Baden am Starnberger See oder an lauen Sommerabenden bei einem Glas kühlen Weißwein genießen“. Er könnte auch an der Tankstelle für 150 Euro Diesel tanken und in seinem „bequemen Volvo 1.000 oder sogar 1.400 Kilometer fahren, auch im tiefsten Winter bei Eis und Schnee im gemütlich warmen Innenraum oder im Hochsommer bei über 40 Grad kurz vor Mailand mit Klimaanlage bei angenehmen 20 Grad“. Warum macht Achim Bubenzer das keinen Spaß (mehr)?

    Es ist zunächst eine schlichte Wahrnehmung: „Die Erderhitzung ist längst bei uns in Mitteleuropa angekommen, sie ist hier und jetzt. Sie kommt nicht erst, wenn wir Älteren schon unter der Erde sind. Sie findet direkt vor unserer Haustür statt.“ 

    Und da Bubenzer einerseits die Zeit hat und andererseits die wissenschaftliche Denkweise mitbringt, beschäftigt er sich mit der Situation genauer. Und er kommt zu dem Schluss, dass sie nicht hinnehmbar ist: „Wenn wir den Weg in die globale Klimaneutralität bis zur Mitte des Jahrhunderts nicht einschlagen, nehmen uns die Naturgesetze die Freiheit zum Handeln aus der Hand“.

    In seinem Buch „Opa, du hast es doch gewusst!“ spricht er nicht, wie man zunächst vermuten könnte, mutmachend mit der Enkelgeneration, sondern fordernd mit seiner eigenen. Er schreibt: „Vor allem wir älteren Männer müssen jetzt – soweit wir es noch können – Verantwortung zum Handeln übernehmen, um den Klimawandel und die Erderhitzung mit allen Mitteln einzubremsen.“

    Das mag zum einen aus einem schlechten Gewissen heraus geschehen. Aber wesentlicher erscheinen die sachlichen Schlüsse, die Achim Bubenzer aus der eigenen Vergangenheit zieht. So stellt er fest, „dass die traditionell praktizierte Form der Kommunikation der Klimakrise als Thema aus Ökologie, Umwelt und Wissenschaft mit viel Zahlen und Physik zu wenig gesellschaftlich-politisches Bewusstsein für einen wirklich entschlossenen Klimaschutz entwickelt hat“ und erkennt in dieser „Form der Kommunikation einen Kardinalfehler der gesamten ‚grünen‘ Umwelt- und Klimaszene“. 

    Zum anderen rechnet Bubenzer seiner Generation einen fatalen Hang zum Kompromisse machen vor. Auch in seinem Berufsleben sei dies das Erfolgsprinzip gewesen, schreibt er: „Ich hatte fast täglich im Umgang mit Menschen dafür gekämpft, dass es nicht nur Schwarz und Weiß gibt, sondern fast immer Grauzonen, dass der Weg zu einem konstruktiven und erfolgreichen Miteinander über Verständnis und Kompromisse führt.“ Dieses Prinzip könne nicht länger gelten: Denn „beim Klimawandel gibt es tatsächlich keine Grauzone“. Politik als Kunst des Möglichen komme „in Zeiten der Erderhitzung“ an ihr Ende, sie stoße an „die unumstößliche Wand der Naturgesetze“.

    Was Bubenzer vor diesem Hintergrund, ebenso selbstkritisch wie kompromisslos, seiner eigenen Generation und insbesondere seinen Geschlechtsgenossen an konsequentem Handeln abverlangt, wird er uns auseinandersetzen.
    21 min
  • Inklusion verändert die Gesellschaft...
    Die UN-Behindertenrechtskonvention wurde im Jahr 2006 verabschiedet und 2008 von der deutschen Bundesregierung übernommen. Sie sollte einen Paradigmenwechsel einleiten. Die Verantwortung für die Inklusion sollte künftig nicht mehr bei den Menschen mit Behinderungen liegen, „die sich so anpassen müssen, dass sie zum Beispiel in der Schule oder Arbeitswelt integriert werden können, sondern die Schule bzw. Arbeitswelt muss so gestaltet sein, dass Menschen unabhängig von ihren körperlichen, geistigen, sinnlichen oder psychischen Voraussetzungen daran teilhaben können“. Jochen Mack untersucht in seinem Buch „Zusammen. Vielfalt. Leben!“, inwieweit dieser grundsätzliche Wandel in unserer Gesellschaft angekommen ist bzw. was wir noch tun sollten, um eine inklusive Gesellschaft zu werden. Der freiberufliche PR-Berater und Geschäftsführer einer Initiative für Down-Syndrom benennt mehrere Voraussetzungen dafür. Zuerst geht es darum, dass nicht nur Menschen mit körperlichen, kognitiven oder psychischen Beeinträchtigungen einen Anspruch auf Inklusion haben. Zwar denken „beim Thema Inklusion alle sofort an Menschen mit Beeinträchtigungen und konkret an eine Person, die im Rollstuhl sitzt“, aber tatsächlich betrifft Exklusion auch z.B. Menschen mit einer Migrationsgeschichte, mit einer Herkunft aus sozial schwächeren Familien oder ältere Menschen. „Es geht also um weit mehr als die Rollstuhlrampe vor einem nach wie vor nicht zugänglichen Gebäude“. Allzu oft sprechen wir auch von Inklusion, meinen aber in Wirklichkeit Integration, also den Versuch, gehandicapte Menschen in ein bestehendes System, z.B. die Schule, einzupassen. Jochen Mack nennt als Beispiel für diesen verkürzten Begriff die im Schulleben verbreitete Bezeichnung „Inklusionskind“. Nicht die Schule wird damit als inklusiv gedacht, sondern dem exklusiv gelabelten Individuum wird die Aufgabe übertragen, sich zu inkludieren - denn sonst würden wir ja von einer "Inklusionsschule" sprechen. Für den Autor ist das kein Streit um Worte. Bleiben wir bei der Schule. Ein Schul- und Bildungssystem, das inklusiv sein soll, müsse das bestehende drei- oder viergliedrige Schulsystem überwinden, "denn Inklusion kann nie und nimmer von einzelnen Lehrer:innen in einem Schulsystem verwirklicht werden, in dem die Schüler:innen nach wenigen Jahren des gemeinsamen Lernens nach kognitivem Leistungsvermögen separiert werden“. Jochen Mack stellt nicht nur bei der Bildung die Systemfrage. Auch das System der Werkstätten für behinderte Menschen (WfbM) schneidet angesichts des Inklusions-Postulats schlecht ab. Er berichtet: „Werkstattträger haben kein Interesse, ihre besten Leute an den allgemeinen Arbeitsmarkt ‚zu verlieren‘, und viele Firmen sind froh über günstige Produktionsstätten. Dies hat zur Folge, dass vor allem Menschen mit kognitiven Einschränkungen vom Arbeitsmarkt ferngehalten werden. Damit reduzieren sich dramatisch Kontaktmöglichkeiten von Menschen mit und ohne Behinderung, denn Werkstätten für behinderte Menschen sind sehr oft in Gewerbegebieten am Rande der Stadt zu finden. Die Beschäftigten werden in Extrabussen von ihren separaten Wohnstätten in die Werkstätten gefahren und abends wieder zurück. Damit entsteht ein in sich geschlossenes System, das kaum Kontakt zwischen Menschen mit und ohne Behinderung ermöglicht.“ Von über 300.000 Menschen in den WfbM schaffen deshalb allenfalls wenige Hundert pro Jahr den Übergang auf den allgemeinen Arbeitsmarkt. Freilich gesteht Jochen Mack auch ein, dass die bestehende Realität in den Wirtschaftsunternehmen keine guten Voraussetzungen für Inklusion bietet. „Nur in einem gemeinwohlorientierten Wirtschaftssystem wird es auf Dauer gut gelingen, inklusive Arbeitsstrukturen zu etablieren“, schreibt er. Nur wenn Betriebe massive Steuererleichterungen für die Beschäftigung von Menschen mit Einschränkungen ihrer Leistungsfähigkeit bekämen, bestehe die Chance, dass diese Menschen in größerer Zahl auf dem ersten Arbeitsmarkt erfolgreich sind. In letzter Konsequenz müsste eine inklusive Gesellschaft also eine sein, die den Kapitalismus in größeren Bereichen abschafft. Jochen Mack kommt deshalb zu dem Schluss: „In einer kapitalistisch organisierten Wirtschaftsordnung wird der Gedanke einer inklusiven Gesellschaft immer an sehr enge Grenzen stoßen.“  Dennoch behält er seinen Glauben daran, dass mehr Inklusion möglich ist. Neben aller systemkritischen Betrachtung schlägt er darum eine Reihe von kleinen Schritten und Projekten vor, die uns auf dem Weg zu mehr Inklusion voranbringen. Diese kleinen praktischen Schritte seien auch ein notwendiges Mittel, um der unheilvollen Bedrohung entgegenzuwirken, die vom politisch rechten Spektrum ausgeht. Bekanntermaßen fordert ein Björn Höcke von der AfD, dass die Schulen vom „ideologischen Konzept der Inklusion von behinderten Kindern befreit“ werden müssten.
    28 min
  • Nicht „Firma spielen“, sondern Flow ermöglichen
    Lähmende Meetings, endlose Diskussionen, entscheidungsschwache Teams und unflexibles Projektmanagement charakterisieren ein großen Teil der Arbeitswelt in Organisationen, Unternehmen und Verwaltungen. Wer darunter leidet, könne sich wahrscheinlich „gar nicht vorstellen, dass es Möglichkeiten gibt, diese Formate mit mehr Flow zu gestalten“, vermuten Laurent Burst und Nadja Schnetzler in ihrem Buch „Zusammenarbeit im FLOW“.

    Auf gut 200 Seiten versuchen die beiden Autoren, ihre Leserinnen und Leser davon zu überzeugen, dass eine andere, sehr viel produktivere und für die Beteiligten erfüllendere Art der Zusammenarbeit möglich ist. Und sie versprechen noch viel mehr: „Jede Person in der Organisation kann jetzt dafür sorgen, dass sich die Zusammenarbeit mit den Menschen, mit denen sie jeden Tag und regelmäßig zu tun hat, sofort einfacher, besser und befriedigender gestaltet. Dabei kommt es nicht darauf an, wo eine Person in der Hierarchie des Unternehmens steht, ob sie einfaches Teammitglied ist oder in der Teamleitung oder in der Geschäftsleitung tätig ist.“ Wie soll das gehen?

    Im Grunde sind es drei Dinge, die Teams im Flow-Modus anders machen: Sie erledigen Dinge tatsächlich gemeinsam, sie machen sich immer wieder bewusst, was der Sinn („purpose“) ihrer Arbeit ist, und sie lieben es, Dinge zu entscheiden.

    Damit diese Maximen täglich gelebte Praxis werden, geben uns Burst und Schnetzler ganz praktische und im Grunde sehr einfache Tools an die Hand. So lernen wir von ihnen, wie man die „Flow-Frage“ immer wieder stellt, wie alle Teammitglieder wirksam einbezogen werden (Methode „Schreiben & Zuhören“) und wie im Team tatsächlich gemeinsam Dinge erledigt werden (Methode „Get-it-done-Session“). Auf diese Weise wird ganz automatisch der „Entscheidungsmuskel“ von Teams trainiert und wir lernen: „Entscheiden ist kein geheimer Kult weniger Eingeweihter, sondern ein Handwerk für alle.“

    Solche Teams hören auf, „Firma zu spielen“, d.h. unproduktive Meetings, sinnbefreites Projektmanagement und das Hin- und Herschieben von Entscheidungen als die Normalität des Arbeitens zu verstehen. In ihrem Buch „Zusammenarbeit im FLOW“ dokumentieren Nadja Schnetzler und Laurent Burst an einem Fall aus ihrer Beratungspraxis, wie man mit den vorgestellten Tools sogar „ein ganzes Amt mit 500 Personen in den Flow“ bringen kann.
    20 min
  • Die neuen Grenzen des Wachstums sind – Chancen!
    Seit dem ersten Bericht des Club of Rome (CoR) sind über 50 Jahre vergangen. Können wir uns darüber freuen, dass der seinerzeit projektierte zivilisatorische Zusammenbruch nicht eingetreten ist? Vor allem Ökonomen würden dies zuweilen triumphierend ins Feld führen, berichten die Autoren des neuen CoR-Berichts, für den es jetzt eine spezielle Ausgabe zur Situation in Deutschland gibt, der mit Unterstützung von Wissenschaftler(inne)n des Wuppertal Instituts entstanden ist („Earth for All Deutschland. Aufbruch in eine Zukunft für Alle“). Also, wie steht es um unsere Erde?

    Erwartbar ist, dass die Autor(inn)en des Reports keine Entwarnung geben können. Schließlich sind inzwischen in sechs von neun Geosystemen die „planetaren Grenzen“ bereits erreicht oder überschritten worden. Ganz abgesehen von der weiter zunehmenden Klimaerwärmung. Wir wissen heute, dass sich Biodiversitätsverluste und Klimawandel gegenseitig verstärken. Und dennoch: Die Autor(inn)en von „Earth for All Deutschland“ malen keine neuen Katastrophenbilder. Dezidiert stellen sie fest, dass Resignation und Weltuntergangsstimmung unangebracht sind. Es gebe zahlreiche positive Trends in vielen Bereichen, die zum Optimismus Anlass geben, z.B.:

    • Die Green-Tech-Branchen verzeichnen weltweit ein erhebliches Wachstum
    • Sowohl in der EU als auch in Deutschland gibt es ernst gemeinte Initiativen, Stoffkreisläufe zu schließen und eine Kreislaufwirtschaft zu etablieren
    • Subventionen für fossile Energien werden sukzessive abgeschafft
    • Große institutionelle Investoren des Finanzkapitals orientieren sich immer stärker an Nachhaltigkeit
    • Unternehmen müssen Umweltkosten zunehmend selbst übernehmen (z.B. durch die CO2-Bepreisung).
    Diese Befunde sollen jedoch nicht als Entwarnung verstanden werden. Sie zeigen aber – und das ist die zentrale neue Erkenntnis – das notwendige Zusammenwirken mehrerer, bisher von der Politik immer noch getrennt und sektorbezogen betrachteter Hebel. Nur wenn es gelänge, „weg vom Silodenken und isolierten Maßnahmen einzelner Ressorts“ zu kommen, könne ein verlässlicher Pfad in Richtung eines nachhaltigen Erdmanagements eingeschlagen werden. Dann sei es gar nicht entscheidend, „ob es Wachstum gibt oder nicht“. Vielmehr würde eine integrative, die Interdependenzen der Hebelkräfte ins Kalkül ziehende Nachhaltigkeitspolitik den wirtschaftlichen und sozialen Strukturwandel bewirken, der tatsächlich die Treibhausgasneutralität Deutschlands erreichbar macht. Die fünf Hebel, die gleichzeitig und abgestimmt eingesetzt werden müssen, betreffen die Bereiche Armut, Ungleichheit, Empowerment, Ernährung und Energie.

    Die Autor(inn)en betrachten zwei Szenarien, je nachdem, ob in allen fünf Politikfeldern die richtigen Weichen schnell genug gestellt werden. Im Szenario „Giant Leap“ führt das Zusammenwirken der Maßnahmen in den fünf Bereichen zu einem positiven Kippmoment, ab dem der Weg in eine nachhaltige „Wohlergehensgesellschaft“ nahezu unumkehrbar ist. Werden die Politiken jedoch weiterhin unabhängig voneinander und unabgestimmt verfolgt, führt uns das in ein Szenario des „Too Little Too Late“. 

    Zu den wesentlichen Implikationen dieses Ansatzes gehört die Verbindung von sozialer Gerechtigkeit und Klimaneutralität. „Nur eine privilegierte und zumeist vermögende Minderheit wäre derzeit in der Lage, aus eigener Kraft klimaneutral zu leben“, stellt die Studie fest. Erst wenn die Klimapolitik „Lösungen entwickelt, die allen ein klimaneutrales Leben ermöglicht“, besteht die Chance auf Erfolg. 

    Die Autoren sind diesbezüglich nicht wirklich optimistisch, sie stellen fest: „Ob in Deutschland beim derzeitigen Zustand der (Parteien-)Demokratie, des Machtgefälles zwischen Reich und Arm und des Lobbyismus sowohl ein gerechter sozialer Ausgleich als auch ausreichender Klimaschutz gelingen, ist heute nicht mehr so klar wie noch vor einigen Jahren.“ Es sei deshalb „durchaus denkbar, dass Deutschland den Weg des zögerlichen ‚Weiter so‘ mit nur trippelschrittartigen Verbesserungen (Too Little Too Late) einschlagen wird“. Die Chance, dass Deutschland an seine frühere Vorreiterrolle bei der Energiewende wieder anknüpfen kann und diese Rolle nach dem Konzept der „fünf Hebel“ sogar ausbaut, sei jedoch genauso gegeben. Voraussetzung sei, dass „eine neue gestaltende Rolle des Staates“ sichtbar werde.

    Das Defizit, das die Autor(inn)en von „Earth for All Deutschland“ beklagen, hängt unmittelbar mit dieser Rolle zusammen. Sie stellen fest: „Im Kern ist es gar nicht die in Zahlen beschreibbare finanzielle Ungleichheit, die das Vertrauen in die Gesellschaft beschädigt. Es sind die dadurch eingeschränkten Handlungsspielräume, die Angst vor dem Abgehängtsein, der Mangel an Aufstiegsperspektiven und das Gefühl, dass es nicht gerecht zugeht im Land.“
    Eine Gesellschaft, die die Grenzen des Wachstums überwindet, hätte nicht nur ökologische Probleme gelöst, sondern vor allem auch soziale. Insofern sind diese Grenzen nicht nur Risiko, sondern auch Chance für das gesellschaftliche Zusammenleben.

    15 min
  • Klein, aber fein
    Bei der Mobilitätswende geht es nicht nur um eine Lösung für das Energieproblem. Sondern auch um die Frage, wie wir den städtischen Lebensraum sozial verträglich gestalten. In dieser Diskussion wurde bisher ein Aspekt total vernachlässigt. Während wir in der verkehrspolitischen Stadtentwicklung Alternativen diskutieren, die die Vermeidung unnötiger Mobilität, das Verkehrsmittelangebot, die Nutzungsformen und die Antriebstechnologie betreffen, wird der fünfte Aspekt völlig ausgeblendet: die Frage, wie viel Raum die genutzten und bereitgestellten Verkehrsmittel eigentlich beanspruchen. Drei Verkehrsplaner der Universität Kassel haben jetzt zusammen mit dem kreativen Mobilitäts-Vordenker Konrad Otto-Zimmermann das erste Standardwerk zu diesem Thema erarbeitet, das sie unter dem Begriff „Feinmobilität“ publizieren. Sie nennen es das „Gegenkonzept zum Verkehr mit immer größer und schwerer werdenden Kraftfahrzeugen“ und beschäftigen sich systematisch und umfassend mit allen Mobilitätsoptionen im Zwischenraum zwischen Fuß und Auto. 

    Obwohl der durchschnittliche Besetzungsgrad pro Pkw in den letzten 60 Jahren mit 1,5 Personen pro Fahrzeug konstant geblieben ist, sind „allein die Grundflächen der in Europa verkauften neuen Pkw-Fahrzeugmodelle zwischen den 1960er- und den 2010er-Jahren um etwa 18 % angestiegen“. Da die Fahrzeuge auch immer höher geworden sind, schränken sie obendrein die optische Raumwahrnehmung ein und verringern damit die Sicherheit des nicht motorisierten Verkehrs.

    Die Alternativen, die die Autoren diskutieren, basieren auf einer neuen Klassifikation von Fortbewegungsmitteln, die sie die G-Klasse nennen. Die Einstufung nach Fahrzeuggröße ergibt sieben neue Klassen zwischen XXS und XXL. Die drei niedrigsten Klassen zählen die Autoren zur „Feinmobilität“. Neben den technischen und konstruktiven Merkmalen von Kleinfahrzeugen behandeln sie auch die verschiedenen potenziellen Nutzergruppen anhand von typischen Personas und beschäftigen sich mit der Frage, warum „der überwiegende Marktanteil hierzulande gehandelter Mikromobile aus Asien, vornehmlich China“ stammt.

    Von der Industrie hierzulande erhoffen sich die Autoren keine Unterstützung der Feinmobilität. „Die deutsche Automobilindustrie leitet keine Trendwende zu feinerer Mobilität ein, sondern ist dabei, den Trend zu XL- und XXL-Fahrzeugen zu festigen“, stellen sie fest. Umso mehr müsse die Verkehrspolitik und die kommunale Stadtentwicklung aktiv werden, um die fünfte Dimension der Mobilitätswende zu nutzen. Dazu bedarf es eines Umdenkens in der Verkehrsplanung: „Die bisherige Aufteilung des Straßenraums nach den üblichen Verkehrsmodi Fuß, Rad, ÖV und MIV bedarf der Erweiterung bzw. Modifizierung, denn sie wird der zunehmenden Bedeutung von Feinmobilen, aber auch der Heterogenität ihrer Größen und bauartbedingten Geschwindigkeiten nicht gerecht. Dies kann zu mehr Klarheit in der Benutzung einzelner Flächen sowie zu mehr Verkehrssicherheit für die feineren Bewegungsmittel führen.“

    In ihrem Buch illustrieren die Autoren außerdem an praktischen Beispielen, wie der öffentliche Verkehrsraum umgestaltet und neu organisiert werden könnte, um Feinmobilität zu unterstützen. Das Potenzial eines weniger raumgreifenden Mobilitätskonzepts wäre jedenfalls enorm, denn: „Feinmobile taugen grundsätzlich auf Strecken bis 180 km zur Beförderung von mehreren Menschen und bis zu 400 kg Gütern, sind fernstraßentauglich und damit für Pendler-, Dienst- und Freizeitfahrten geeignet.“ Nachdem das (große) Auto als Statussymbol eigentlich ausgedient hat, könnte sich „Klein, aber fein“ in den Köpfen der Stadtmenschen allmählich festsetzen…

    23 min
  • Sind gute Führungskräfte glücklich?
    Können Philosophen der Antike, die vor 2000 Jahren gelebt haben, für unsere Zeit nützlich sein? Oder uns sogar sagen, wie erfolgreiches Führen und Managen geht? Unternehmensberater wie Alexander Zock bejahen das. In seinem Buch „Der Weg der Stoa in der Führung“ verrät uns Zock auch, warum und wie. Tatsächlich dürften nicht wenige Führungskräfte die Vorstellung haben – und darunter leiden -, dass es von ihnen abhängt, ob ihr Unternehmen oder die Organisationseinheit, für die sie zuständig sind, ihre Ziele erreichen. Sie verbinden ihre persönliche Zufriedenheit und ihr individuelles Glück damit. Und kämpfen täglich mit all den Widerständen und Spannungen, die von außen auf sie zukommen. Würden Sie durch die Schule der Stoa gegangen sein und bei Seneca, Epiktet oder Marc Aurel anstatt im MBA-Studiengang Führen und Managen gelernt haben, dann wüssten sie, „dass wir auch für die vorher noch im Außen verorteten Spannungsquellen selbst verantwortlich sind“. Als Stoiker würden sie das Konzept der inneren Freiheit leben und sich nicht selbst für Dinge verantwortlich machen, die außerhalb ihrer Macht liegen. Auch eine Führungsrolle ist keine Allmachts-Rolle und die Gestaltungsfreiheit von Führungskräften mag zwar groß sein, wird aber immer an Grenzen stoßen. Alexander Zock weist darauf hin, dass wir als Führungskräfte „nicht frei in der Ausübung der uns übertragenen Rollenaufgaben (sind). In der Ausübung dieser Aufgaben können wir jederzeit gehindert werden, können äußere Umstände dafür sorgen, dass wir unsere Ziele nicht erreichen.“ Zock hält diese Auffassung für „absolut konträr zu jeder Management-Philosophie“. Es ist sozusagen die Absage an den gängigen Machbarkeitswahn und fordert zu einer demütigeren Grundhaltung auf. Eine gute Führungskraft ist nun die, die in der Ausübung ihrer Rolle mit einer „inneren Freiheit“ agiert, die das eigene Seelenheil nicht am Erfolg der Rollenerfüllung misst. Zwar können beruflicher Erfolg, Karriere, Status und materieller Wohlstand mit Führungs- und Managementaufgaben einhergehen, aber all das kann einem auch wieder genommen werden. Der Stoiker Zock rät uns: „In keinem Fall sollte ich das Erreichen dieser Ziele mit dem Erreichen meiner inneren Seelenruhe und Glückseligkeit verwechseln.“ Dahinter steht die gelebte Weisheit der Stoa, die Epiktet so formulierte: „Nicht die Dinge selbst beunruhigen die Menschen, sondern die Meinungen von den Dingen.“ Und diese, meine Meinungen von den Dingen, liegen in meiner Macht. Es ist nicht die Welt, die uns enttäuscht, es sind unsere Erwartungen an die Welt, die gegebenenfalls unpassend zu sein scheinen.  Wenn ich als Führungskraft diese Unterscheidung beherrsche, werde ich wesentlich gelassener und offener mit meinem Umfeld umgehen, werde innere und äußere Widersprüche besser aushalten und Konflikte erfolgreicher moderieren und Spannungen auflösen können – also tatsächlich die Anforderungen erfüllen, die an Führungskräfte gestellt werden. „Im Kern gipfelt diese Anforderung in der Einsicht“, so der Autor, „dass ich auch in einer Führungsrolle kein ‚Anrecht auf einen ungestörten Verlauf der Dinge habe‘.“  In seinem Buch gibt er uns eine Reihe von Beispielen und praktischen Übungen an die Hand, die zeigen, dass stoisches Führen immer auch Persönlichkeitsentwicklung der Führenden bedeutet. Konkret bietet er ein sechsstufiges Entwicklungsmodell an, das von affektiv-impulsiven Reaktionsweisen, die häufig in Überforderungs- und Belastungssituationen führen, bis zu einem systemischen „Konstrukt-Bewusstsein“ führt, das innere und äußere Widersprüche aushält und die Vorstellung von Kohärenz in den Vordergrund stellt. Eine Nutzanwendung dieses Entwicklungsmodells liegt darin, festzustellen, auf welcher Stufe sich beispielsweise ein Team befindet, damit gewährleistet wird, dass die Teamführung dieser Stufe entspricht, d.h. mindestens auf einer Stufe darüber agieren kann. 
    30 min
  • Nicht Wende, sondern Kehrtwende
    50 Jahre nach den Grenzen des Wachstums legt der Club of Rome wieder eine dringliche Warnung vor. In fünf Lebensbereichen gehe es jetzt nicht mehr um eine bloße Wende unseres Wirtschaftens und Lebens, jetzt sei die Kehrtwende in vielen Bereichen notwendig, um ein erträgliches Leben für alle Menschen dieses Planeten sicherzustellen. Studentinnen und Studenten der Leuphana Universität (Lüneburg) haben zusammen mit ihren Professor(inn)en den „Survivalguide für unseren Planeten“ analysiert und sind zu dem Schluss gekommen: In dem Buch werden zwar die Ziele dargestellt, also was geschehen müsste, aber nicht das Wie. Deshalb tauge „Earth for All“ „nur bedingt als tatsächliche Überlebensanleitung“, sei zu vage und unkonkret.
     
    Die jungen Leute belassen es aber nicht bei der Kritik, sondern sie legen ein eigenes Buch vor mit dem Titel „Wie genau die Welt retten?“ In etlichen Beiträgen zu bestimmten Handlungsfeldern setzen sie sich darin mit dieser Frage auseinander. Neben den klassischen Feldern wie Energie, Ernährung oder Armutsbekämpfung geht es auch um übergreifende Themen wie die Frage, wieviel Ungleichheit mit Nachhaltigkeit vereinbar ist, oder welche Bevölkerungsgruppen mit mehr Macht ausgestattet werden müssten.

    Beginnen wir mit der Energiefrage, die ja auch im derzeit laufenden Wahlkampf in Deutschland eine große Rolle spielt. Bei uns ist Mareike Andert, die einen Bachelor in Politikwissenschaft und Rhetorik hat und jetzt Ihren Master in Nachhaltigkeitswissenschaft an der Leuphana Universität Lüneburg macht. Ihre fachliche Herkunft macht bereits klar, dass es ihr wohl weniger um die technische Seite des Energieproblems geht. Mareike stellt vielmehr der herrschenden Technik- und Effizienzlogik das Konzept der Suffizienz gegenüber. Also nicht mehr Wachstum mit weniger Energieeinsatz, sondern mehr Glück und Zufriedenheit mit weniger Ressourcenverbrauch überhaupt. Wie müssen wir uns das konkret vorstellen?

    Luise Land ist Kommunikationswissenschaftlerin und sie blickt auf das Thema nachhaltige Transformation vor allem unter sozialen Gesichtspunkten. In dem Buch „Wie genau die Welt retten?“ knüpft sie an die Überlegung des Club of Rome an, der feststellt, dass patriarchale gesellschaftliche Strukturen die notwendige Transformation unserer Gesellschaft hin zu einer nachhaltigen, ökologisch beständigen Lebensweise letztlich nicht verhindern können, auch wenn sie diese Entwicklung doch erschweren und verlangsamen. In ihrem Essay bohrt Luise Land zusammen mit ihrer Ko-Autorin an dieser Stelle etwas tiefer und stellt die Frage, wer die notwendige Machtumverteilung gegen die Interessen des Patriarchats denn vorantreiben könnte: die Akteure mit oder die ohne Macht? Zu welchem Schluss gelangt Luise Land?
    19 min
  • Neue Arbeitswelt in alter Branche
    Würden Sie solche Hinweise auf der Website einer Steuerberaterkanzlei vermuten?

    Wir sind eine Steueroase! Nein, es ist nicht so, wie Sie denken. Wir haben mit den Caymanislands nichts am Hut. Bis auf das Klima vielleicht, denn in unserer Kanzlei pflegen wir ein warmes Miteinander. Oder wie man im Steuerjargon sagt: Work-Life-Bilanz. Eine gute Atmosphäre ist uns wichtig. Sie hilft uns dabei, immer mit Freude an die Sachen ranzugehen und Höchstleistungen zu vollbringen. (https://schmale-raabe.de/kanzlei)

    Wichtiger Hinweis: Seit 01.01.2023 leben wir die 4-Tage-Woche. Montags bis donnerstags sind wir von 9.00 Uhr bis 15.30 Uhr erreichbar. (
    https://www.bhatti.pro/)

    Zugegeben, das sind zwei Kanzleien, die in ihrer Branche herausstechen, die gemeinhin als konservativ, effizienzgetrieben und extrem sachlich gilt. Ralf Haase sieht darin jedoch einen starken Trend: Auch solche alteingesessenen und veränderungsresistenten Branchen wie Steuerberater können sich der Herausforderung nicht mehr entziehen, agiler, kreativer und menschlicher zu werden.

    Die Gründe dafür liegen einerseits in den Möglichkeiten der Digitalisierung, die zunehmend Routine- und Kontrollaufgaben übernimmt. Andererseits stellen die jungen Fachkräfte, die in Steuerkanzleien, Buchhaltungs-Services und bei Wirtschaftsprüfern genauso dringend gesucht werden wie in allen anderen Bereichen der Wirtschaft, höhere Ansprüche an das Betriebsklima und die Personalführung. Der Autor des Buches „Neue Arbeitswelt in der Steuerberatung“ bezieht seine Expertise daher – er ist Leiter der Personalabteilung bei der AIOS Tax AG Steuerberatungsgesellschaft, wo er dafür verantwortlich ist, talentierte Mitarbeiter/innen zu gewinnen und eine effektive Zusammenarbeit in den Teams zu fördern.

    In seinem Buch stellt er nicht nur die besonderen Herausforderungen dar, denen sich heute sogar konservative Branchen stellen müssen, sondern zeigt auch auf, welche Methoden, Konzepte und neuen Denkweisen dabei helfen können, „einer ‚Betriebswirtschaftslehre 2.0‘ Platz zu machen, die nicht mehr Effizienz als Gradmesser hat, sondern dauernde Innovationsfähigkeit und extrem hohe Adaptivität“. 

    Wahrscheinlich ist es Haases Verankerung in der eher konservativen Steuerberatungswelt zu verdanken, dass er dabei kritisch bleibt und nicht einfach den gängigen Management-Moden hinterherläuft. Führungskräfte, so Haase, müssten sich heute bei allem Veränderungsdruck auch gegen „einen Erneuerungs- und Transformations¬wahn immunisieren“. Das tun sie am besten, so ist der Autor überzeugt, wenn sie ein systemtheoretisches Verständnis ihrer Organisation entwickeln. 

    23 min

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Wir interviewen Autorinnen und Autoren zu ihren neuen Büchern. Bücher, die den Anspruch haben, irgendwie die Welt zu verbessern. Wie genau das gehen soll, finden wir heraus.