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Es gibt biblische Geschichten, die einen guten Inhalt haben und trotzdem einen Widerhaken in der Seele hinterlassen. Der Text, in der Jesus den Gelähmten am Teich Bethesda heilt, ist für mich ein solcher Bericht. Warum heilt Jesus nur diesen einzigen Kranken und lässt die vielen anderen liegen, die sich mit ihrer letzten Hoffnung auf Gesundheit in diesem Heilbad aufhalten? Wann immer ich diese Geschichte höre oder lese, stelle ich mir neben der Freude des Geheilten auch die langen Gesichter der anderen und ihre Enttäuschung vor. Außerdem werde ich den Eindruck nicht los, dass ich vielleicht auch zu denen gehört hätte, die krank zurück bleiben und dem Gesunden nur neidisch hinterherschauen können, wenn er diesen trostlosen Ort verlässt.
Wenn ich mir den Text genauer anschaue, bekomme ich allerdings eine Ahnung, warum Jesus vielleicht so gehandelt hat. Der Mann, dem Jesus sich zugewandt hat, lag schon 38 Jahre krank an diesem Ort und hatte anscheinend keine Menschenseele, die sich um ihn kümmerte. Er muss eine Art traurige Berühmtheit erlangt haben und ich stelle mir vor, wie einer der Jünger Jesus zuraunt: „Schau Dir mal den Verkrüppelten dahinten an. Der arme Tropf liegt schon jahrelang hier, ohne dass sich jemand um ihn kümmert. Wirklich schlimm, so etwas." Ob das die Initialzündung war, warum Jesus sich ausgerechnet diesem Kranken zuwendet?
Gott hilft mit Vorliebe hoffnungslosen Fällen
Auf jeden Fall spricht Jesus den behinderten Mann an und fragt ihn, ob er gesund werden will. Was für eine Frage! Aber für den Gelähmten öffnet sie sämtliche Schleusen und seine ganze Not bricht aus ihm heraus: dass er niemand hat, der sich um ihn sorgt; dass er immer zu spät dran ist, um das heilende Wasser zu erreichen; dass andere immer mehr Glück haben, als er. Darauf spricht Jesus die heilenden Worte und der gute Mann kann seine Schlafmatte zusammenrollen und gehen – als Gesunder. Später hat die Geschichte noch ein Nachspiel, denn die frommen Führer kritisieren Jesus dafür, dass er den armen Mann ausgerechnet an einem Sabbat geheilt hat. Woraufhin Jesus nur kurz und bündig meint: „Mein Vater hat bis heute nicht aufgehört zu wirken und deshalb wirke ich auch." (Johannes 5,17; NL)
Gott hat nicht aufgehört zu wirken – ich kann mir gut vorstellen, dass der Gelähmte in der langen Zeit seiner Krankheit Grund genug hatte, genau daran zu zweifeln. Und dann erlebt er aus erster Hand und ganz unverhofft, dass Gott sich mit Vorliebe denen zuwendet, denen es wirklich schlecht geht. Denen, die kaum eine Perspektive haben, dass sich etwas für sie ändert. Die anderen Kranken am Teich schienen zumindest Angehörige oder Freunde gehabt zu haben, die sie bei ihrem Versuch, gesund zu werden, unterstützten. Vielleicht waren sie auch noch nicht so lange krank und konnten sich zumindest teilweise noch selbst fortbewegen. Jesus heilt nun ganz bewusst den, der wirklich am wenigsten vorweisen oder sein Schicksal selbst in die Hand nehmen kann. Darin spiegelt sich ganz zentral etwas von der Kernbotschaft des christlichen Glaubens:
Gott wendet sich uns in seiner Gnade zu, und zwar völlig unabhängig davon, ob wir ihm in unseren Augen etwas vorweisen können oder nicht.
Zu „durchschnittlich" für Gottes Wirken?
Trotzdem bleibt die Frage, warum Jesus nicht auch die anderen Kranken geheilt hat. Es wäre für ihn doch eine Kleinigkeit gewesen. Warum lässt er die anderen zurück, ohne ebenso spektakulär in ihr Leben einzugreifen? Damit bin ich wieder bei dem Gedanken, ob ich vielleicht auch zu denen gehöre, die in ihrem Leben mit Gott zu kurz kommen. Sicher, …