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Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!
Geliebte Gottes in Bitz/Burladingen,
304.805 Buchstaben.
304.805 Zeichen hat er geschrieben. Von Hand. Mit Gänsekiel und Tinte. Bis auf die letzten 12. Die sind nur mit Bleistift vorgezeichnet, damit besondere Ehrengäste sie bei der Einweihung nachschreiben dürfen. Die Einweihung, das war am 28. Mai 2017, als die jüdische Gemeinde Beth Schalom in München ihre neue Torarolle bekam.
304.805 Buchstaben.
42 Zeilen in jeder Spalte. 79 976 Worte. 5.844 Verse. Mehr als ein Jahr hat Bernard Benarroch aus London dazu gebraucht. Benarroch ist ein "Sofer", ein Schreiber, der Torarollen schreibt. Tora, das ist das jüdische Gesetz -- das, was wir oft als die "fünf Bücher Mose bezeichnen".
304.805 Buchstaben in penibler Handarbeit und höchster Konzentration. Nach dem jüdischen Gesetz muss eine Sefer Tora mit der schönsten Schrift und auf die beste und schönste Art und Weise geschrieben werden", erläutert der Rabbiner und Sofer Reuven Yaacobov aus Berlin. Wort für Wort lesen sich die Schreiber den Text bei ihrem Werk laut vor. Eine intensive Beschäftigung mit der Schrift, die sich dadurch ins Gedächtnis einbrennt. "Nach zwei, drei Jahren hat ein Sofer deshalb auch die ganze Tora im Kopf", sagt Yaacobov. Und hoffentlich auch korrekt auf dem Pergament: "Macht er auch nur einen einzigen Fehler, muss er von vorne anfangen." Cilly Kugelmann, viele Jahre lang Programmdirektorin des Jüdischen Museums in Berlin, begründet, warum das akkurate Schreiben und sogar der perfekte Schwung der Buchstaben so wichtig ist: "Der Text ist gedacht als von Gott gegeben und vom Menschen kopiert. Da es ein göttliches Wort ist, darf es keinen Fehler enthalten."
304.805 Buchstaben.
Besondere Regeln gelten auch für die Tinte und für die Pergamentseiten, die aus der Haut koscherer Tiere gewonnen werden. Die beschriebenen Pergamentseiten werden zu langen Bahnen zusammengenäht und dann auf zwei hölzerne Stäbe aufgerollt, mit einem besonderen Stoffband umwickelt und in einen kunstvoll verzierten Mantel gehüllt. Hinzu kommen der silberne Toraschmuck und ein silberner Lesestab, an dessen Ende eine kleine Hand mit ausgestrecktem Zeigefinger angebracht ist. Denn mit bloßen Händen berühren darf man die kostbare Schriftrolle nicht. Zu wertvoll und heilig ist Gottes Wort.
304.805 Buchstaben.
Es ist ein bewegender Moment, als sie vollendet sind. Den Gläubigen stehen die Tränen in den Augen. Der Rabbi küsst ganz bewegt die reich verzierte Schutzhülle der Schriftrolle. So wie jedes Jahr an "Simchat Tora", wenn die Gemeinde am Abend des letzten Tages des Laubhüttenfestes das Freudenfest der Heiligen Schrift feiert. Dann werden alle Schriftrollen der Synagoge aus dem Schrein gehoben und in einem fröhlichen Umzug, Hakafot genannt, siebenmal durch das Gebetshaus getragen. Anschließend wird der Segensspruch auf die Tora gesprochen.
304.805 Buchstaben.
Im Laufe eines Jahres liest die jüdische Gemeinde die Tora im Gottesdienst einmal komplett durch. An Simchat Tora werden das Ende und auch gleich wieder der Anfang der Heiligen Schrift gelesen. Auf diese Weise kommt die Lesung nie zu einem Ende.
Aus dem Evangelium nach Matthäus, aus dem 5. Kapitel, aus der sogenannten "Bergpredigt" -- Jesus Christus spricht:
17 Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen; ich bin nicht gekommen aufzulösen, sondern zu erfüllen. 18 Denn wahrlich, ich sage euch: Bis Himmel und Erde vergehen, wird nicht vergehen der kleinste Buchstabe noch ein Tüpfelchen vom Gesetz, bis es alles geschieht. 19 Wer nun eines von diesen kleinsten Geboten auflöst und lehrt die Leute so, der wird der Kleinste heißen im Himmelreich; wer es aber tut und lehrt, der wird groß heißen im Himmelreich. 20 Denn ich sage euch: Wenn eure Gerechtigkeit nicht besser ist als die der Schriftgelehrten und Pharisäer, so werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen. (Matthäus 5,17–20)304.805 Buchstaben.
Und jeder davon ist wichtig. Für jüdische Gläubige enthält diese Rolle mehr als nur Gesetzestexte und alte Geschichten. Sie ist Zeugnis des Bundes, den Gott mit seinem Volk Israel schloss. Die Tora selbst berichtet vom Auszug aus Ägypten, vom Durchzug durch's Rote Meer, von Gott der sein Volk befreit. Von Gott, der sein Volk zusammenruft dort in der Wüste, am Fuß des Bergs Sinai und der durch Mose zum Volk redet:
Und der Herr rief [Mose] vom Berge zu und sprach: So sollst du sagen zu dem Hause Jakob und den Israeliten verkündigen: Ihr habt gesehen, was ich an den Ägyptern getan habe und wie ich euch getragen habe auf Adlerflügeln und euch zu mir gebracht. Werdet ihr nun meiner Stimme gehorchen und meinen Bund halten, so sollt ihr mein Eigentum sein vor allen Völkern; denn die ganze Erde ist mein. Und ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk sein. Das sind die Worte, die du den Israeliten sagen sollst. (Exodus 19,3-6)304.805 Buchstaben.
Für Israel sind sie ein Zeichen von Gottes Gnade. Dafür, dass er sich sein Volk erwählt hat, aus allen Völkern -- ja, aus einem Haufen von Sklaven in Ägypten, die keiner zweimal angeschaut hätte, hat er sich seine Leute ausgewählt. Ein Geschenk, zu ihm zu gehören.
304.805 Buchstaben.
Sie prägen die Identität eines Volkes. Sie sind Ausdruck von Gottes Gnade und wer sie liest und hört und hält, der gibt dem Gott Israels die Ehre. Gott beschenkt sein Volk, indem er sie befreit, ihnen vorangeht, unter ihnen wohnt und zu ihnen redet. Was er sagt, ist wertvoll und gut. Was er sagt, ist Ausdruck seiner Liebe zu den Menschen. Was er sagt, zeugt von seiner Sorge um sein Volk und um dessen Wohlergehen. Diese 304.805 Buchstaben reden von Gottes Güte zu Israel. Diese 304.805 Buchstaben haben Menschen zusammengehalten durch dick und dünn, über die Jahrhunderte und in der Zerstreuung. Als Jahrhunderte später die politischen Machthaber der Welt Israel längst besiegt und gefangen weggeführt haben, als kleine, mutlose Neuanfänge aus den Ruinen einstiger Größe die Menschen herausfordern -- oder: überfordern? --, da sind es diese 304.805 Buchstaben, die sie motivieren, weiterzumachen.
In 304.805 Buchstaben finden sie den Herzschlag Gottes. Aus 304.805 Buchstaben spricht sein Verlangen, den Menschen Frieden und Gerechtigkeit zu schenken. Sie zusammenzuführen, zu einander, als ein Volk, als Brüder und Schwestern, die in Einheit und gegenseitiger Fürsorge miteinander leben. "Schalom" heißt das auf Hebräisch. Viel mehr als nur "Friede". Schalom kommt oft vor in diesen 304.805 Buchstaben.
Die sind nur der Anfang der Konversation. Denn diese 304.805 Buchstaben sind eine Einladung, nachzudenken, nachzusinnen, ganz in das einzutauchen, was Gott zu seinem Volk spricht. Sie sind eine Einladung, miteinander ins Gespräch zu kommen, sich immer neu damit zu beschäftigen, was Gott in seiner Gnade schenkt und wie das im Leben ganz praktisch zum Ausdruck kommen kann.
Sei nur getrost und ganz unverzagt, dass du hältst und tust in allen Dingen nach dem Gesetz, das dir Mose, mein Knecht, geboten hat. Weiche nicht davon, weder zur Rechten noch zur Linken, auf dass du es recht ausrichten kannst, wohin du auch gehst. Und lass das Buch dieses Gesetzes nicht von deinem Munde kommen, sondern betrachte es Tag und Nacht, dass du hältst und tust in allen Dingen nach dem, was darin geschrieben steht. Dann wird es dir auf deinen Wegen gelingen, und du wirst es recht ausrichten. (Josua 1,7-8)Tag und Nacht. Tag um Tag. Als Israel nach dem Exil in Babylon unter völlig veränderten Umständen ganz neu um seine Identität ringt, erhalten diese Worte ganz neue Bedeutung. Aus dem Nachdenken, dem Reden, dem Ringen mit Gottes Worten entstehen ganz neue Berufszweige: Schriftgelehrte, Menschen, die sich vollzeitlich mit Gottes Wort beschäftigen. Aus dem Nachsinnen und Ringen, dem gemeinsamen Reden und Beten und Suchen nach Gottes Wort entsteht eine große, fortdauernde Konversation, ein Gespräch über Generationen hinweg, das dann auch aufgeschrieben wird, damit es weitergeht. Mischna heißt die erste Niederschrift der Gedanken der Lehrer Israels zu Gottes Tora. Auch sie ist wieder eine Einladung zum Weiterreden, Weiterdenken und Weiterbeten. Gemara heißt die Sammlung der Gedanken über die Mischna und Tosefta heißt die Sammlung anderer, vorher mündlicher Traditionen dazu. Im Jerusalemer und im Babylonischen Talmud schreiben die Lehrer des Volkes die Worte der Tora, die Sätze der Mischna, der Gemara und der Tosefta und ihre eigene Fortführung dieses großen Gesprächs auf Pergament. Und längst geht das Reden und Ringen und Beten weiter. Bis heute. Zeugnis von Gottes Gnade, von seinem Reden und Handeln an Israel.
304.805 Buchstaben. Und viele mehr, die seither geschrieben wurden.
79.976 Worte. Und viele mehr werden immer noch geredet.
So viele Buchstaben. So viele Worte. Und mittendrin kommt Jesus.
17 Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen; ich bin nicht gekommen aufzulösen, sondern zu erfüllen. 18 Denn wahrlich, ich sage euch: Bis Himmel und Erde vergehen, wird nicht vergehen der kleinste Buchstabe noch ein Tüpfelchen vom Gesetz, bis es alles geschieht. 19 Wer nun eines von diesen kleinsten Geboten auflöst und lehrt die Leute so, der wird der Kleinste heißen im Himmelreich; wer es aber tut und lehrt, der wird groß heißen im Himmelreich. 20 Denn ich sage euch: Wenn eure Gerechtigkeit nicht besser ist als die der Schriftgelehrten und Pharisäer, so werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen. (Matthäus 5,17–20)Zu oft hat man Jesus unterstellt, der Glaube an ihn, die Nachfolge in das Reich Gottes, zu der er einlädt, sei ein kompletter Bruch mit all dem. Als habe das Reden und Ringen und Beten die Menschen weggebracht von Gott. Als hätten all die Buchstaben und Worte, dieses lange, laute, angeregte Gespräch der Generationen, Gottes wahres Reden überdeckt. Und dann käme Jesus und räumte auf mit all dem Müll, der das Gute zudeckt und sagte, wie Gott wirklich ist. Ganz anders nämlich. Ganz ohne 304.805 Buchstaben.
Zu oft hat man von Israel, Gottes auserwähltem Volk, eine Karikatur gezeichnet, die der Realität überhaupt nicht entspricht. Man hat den jüdischen Gläubigen einen strengen Buchstabenglauben unterstellt. 304.805-fach. Einen Glauben, der nur Gesetze kennt, deren penibelst genaue Einhaltung zu Gottes Zuwendung und Segen führt. Und die kleinste Überschreitung zu Gottes Zorn und furchtbarem Strafgericht. Und dieser Karikatur hat man dann versucht, Jesus Christus entgegenzustellen, der die 304.805 Buchstaben einfach abtue und durch Gottes Gnade ersetze. 304.805 Buchstaben gehörten dann eben zum "Alten Testament", dem Jesus ja zum Glück das "Neue" entgegensetze. In diesem Bild waren die jüdischen Gläubigen dann immer die, die am "alten", "falschen" System festhielten und sich der wahren Offenbarung Gottes in Jesus Christus verweigerten. Die Geschichte zeigt die antisemitischen Extreme, die aus dieser Darstellung entstanden sind. Die gerade wieder viel diskutierte "Judensau" von Wittenberg ist nur eines von vielen Beispielen -- und leider noch eines der Harmloseren.
Wer Jesus hier zuhört, der wird eines Besseren belehrt. Jesus sieht sich selbst nicht als Bruch mit dem gnädigen Handeln Gottes an Israel, mit seinem Bund und seinem Reden -- auch in 304.805 Buchstaben. Jesus sieht sich selbst mittendrin in dieser langen Kette von Menschen, die von Gottes Gnade leben und sein Wort hören und danach handeln. Er schafft das Gesetz nicht ab. Er "erfüllt es", sagt er.
Was das genau heißt, darüber haben seine Nachfolger in den folgenden, inzwischen fast 2.000 Jahren immer wieder nachgedacht. Ist das ein Hinweis darauf, dass Jesus sicher der einzige war, der überhaupt von sich sagen kann, er habe das Gesetz völlig eingehalten? Heißt das, dass letztlich die ganze Tora nur ein großer Zeiger, ein Hinweis auf Jesus Christus ist, in dem sich alles erfüllt? Dass wir aus dem Gesetz vor allem lernen, was wir alles nicht zu erfüllen schaffen, um dann Gottes Gnade in Christus um so mehr schätzen zu können? Oder steckt da mehr dahinter?
Die Gelehrten streiten sich bis heute. Fakt ist, dass Jesus keinen Bruch sieht. Im Gegenteil: In Jesus Christus wird Gott noch einmal ganz neu selbst Teil der großen Konversation. Jetzt redet er nämlich nicht mehr nur durch spezielle Menschen -- "Propheten" -- oder lässt die Menschen über sich reden. In Jesus Christus wird er selbst Mensch. Das Johannesevangelium würde sogar sagen: "[Gottes] Wort wird Fleisch und wohnte unter uns." (Johannes 1,14). Gott redet mit -- klar und deutlich wie nie zuvor. Und uns, die wir Jesus folgen, ist dieses Reden Gottes seither zum Schlüssel geworden, für die ganze, lange Konversation. Für 304.805 Buchstaben und alles das, was darauf (und daraus) folgt. Martin Luther würde sagen, wir lesen die Schrift von Christus her. Oder: Wir suchen, "was Christum treibet".
Genauso wichtig ist aber das, was ich hier jetzt stillschweigend vorausgesetzt habe: Dass wir nämlich überhaupt einen Platz haben, um Teil dieser Konversation zu werden -- also Teil dieses Wegs hin zu Gottes Reich von Gerechtigkeit, Freude und Frieden. Das ist ja nicht selbstverständlich. 304.805 Buchstaben waren ja nicht für uns geschrieben, sondern Grundlage des Bundes, den Gott mit einem bestimmten Volk schließt. Nämlich mit Israel. Teil der Konversation zu werden, mit unterwegs zu sein, setzte doch immer voraus, dass man eben zu diesem Volk gehörte. Und wer von uns kann das von sich behaupten? Im Sinne der Tora sind wir die Fremden, die "Heiden".
Und da hat Christus uns die Tür geöffnet. In ihm hat Gott uns, "die wir fern waren", wie Paulus sagen würde, mit hineingenommen in den Bund, den er mit seinem Volk geschlossen hat. Wir dürfen Teil sein derer, die zu ihm gehören. Wir dürfen Anteil haben an seiner Gnade. Wir dürfen mit auf dem Weg sein in das Land seiner Verheißung, zu dem er die Menschen sammeln möchte. "Reich Gottes" würde Jesus das nennen. "In das Himmelreich kommen", heißt das im Matthäusevangelium. Statt "Fremder" und "Heiden" sind wir nun Brüder und Schwestern, "Miterben", wie Paulus schreibt, mit hineingenommen in Gottes Israel. Durch Christus sind wir Teil der langen Kette von Menschen geworden, die nachdenken, nachsinnen, reden, ringen und beten und sich an Gottes offenbarter Gnade freuen. In Christus finden wir die Zusammenfassung, nicht die Abschaffung, all dieser 304.805 Buchstaben. Und mehr.
Gott sei Dank dafür.
Amen.
By Christoph FischerGnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!
Geliebte Gottes in Bitz/Burladingen,
304.805 Buchstaben.
304.805 Zeichen hat er geschrieben. Von Hand. Mit Gänsekiel und Tinte. Bis auf die letzten 12. Die sind nur mit Bleistift vorgezeichnet, damit besondere Ehrengäste sie bei der Einweihung nachschreiben dürfen. Die Einweihung, das war am 28. Mai 2017, als die jüdische Gemeinde Beth Schalom in München ihre neue Torarolle bekam.
304.805 Buchstaben.
42 Zeilen in jeder Spalte. 79 976 Worte. 5.844 Verse. Mehr als ein Jahr hat Bernard Benarroch aus London dazu gebraucht. Benarroch ist ein "Sofer", ein Schreiber, der Torarollen schreibt. Tora, das ist das jüdische Gesetz -- das, was wir oft als die "fünf Bücher Mose bezeichnen".
304.805 Buchstaben in penibler Handarbeit und höchster Konzentration. Nach dem jüdischen Gesetz muss eine Sefer Tora mit der schönsten Schrift und auf die beste und schönste Art und Weise geschrieben werden", erläutert der Rabbiner und Sofer Reuven Yaacobov aus Berlin. Wort für Wort lesen sich die Schreiber den Text bei ihrem Werk laut vor. Eine intensive Beschäftigung mit der Schrift, die sich dadurch ins Gedächtnis einbrennt. "Nach zwei, drei Jahren hat ein Sofer deshalb auch die ganze Tora im Kopf", sagt Yaacobov. Und hoffentlich auch korrekt auf dem Pergament: "Macht er auch nur einen einzigen Fehler, muss er von vorne anfangen." Cilly Kugelmann, viele Jahre lang Programmdirektorin des Jüdischen Museums in Berlin, begründet, warum das akkurate Schreiben und sogar der perfekte Schwung der Buchstaben so wichtig ist: "Der Text ist gedacht als von Gott gegeben und vom Menschen kopiert. Da es ein göttliches Wort ist, darf es keinen Fehler enthalten."
304.805 Buchstaben.
Besondere Regeln gelten auch für die Tinte und für die Pergamentseiten, die aus der Haut koscherer Tiere gewonnen werden. Die beschriebenen Pergamentseiten werden zu langen Bahnen zusammengenäht und dann auf zwei hölzerne Stäbe aufgerollt, mit einem besonderen Stoffband umwickelt und in einen kunstvoll verzierten Mantel gehüllt. Hinzu kommen der silberne Toraschmuck und ein silberner Lesestab, an dessen Ende eine kleine Hand mit ausgestrecktem Zeigefinger angebracht ist. Denn mit bloßen Händen berühren darf man die kostbare Schriftrolle nicht. Zu wertvoll und heilig ist Gottes Wort.
304.805 Buchstaben.
Es ist ein bewegender Moment, als sie vollendet sind. Den Gläubigen stehen die Tränen in den Augen. Der Rabbi küsst ganz bewegt die reich verzierte Schutzhülle der Schriftrolle. So wie jedes Jahr an "Simchat Tora", wenn die Gemeinde am Abend des letzten Tages des Laubhüttenfestes das Freudenfest der Heiligen Schrift feiert. Dann werden alle Schriftrollen der Synagoge aus dem Schrein gehoben und in einem fröhlichen Umzug, Hakafot genannt, siebenmal durch das Gebetshaus getragen. Anschließend wird der Segensspruch auf die Tora gesprochen.
304.805 Buchstaben.
Im Laufe eines Jahres liest die jüdische Gemeinde die Tora im Gottesdienst einmal komplett durch. An Simchat Tora werden das Ende und auch gleich wieder der Anfang der Heiligen Schrift gelesen. Auf diese Weise kommt die Lesung nie zu einem Ende.
Aus dem Evangelium nach Matthäus, aus dem 5. Kapitel, aus der sogenannten "Bergpredigt" -- Jesus Christus spricht:
17 Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen; ich bin nicht gekommen aufzulösen, sondern zu erfüllen. 18 Denn wahrlich, ich sage euch: Bis Himmel und Erde vergehen, wird nicht vergehen der kleinste Buchstabe noch ein Tüpfelchen vom Gesetz, bis es alles geschieht. 19 Wer nun eines von diesen kleinsten Geboten auflöst und lehrt die Leute so, der wird der Kleinste heißen im Himmelreich; wer es aber tut und lehrt, der wird groß heißen im Himmelreich. 20 Denn ich sage euch: Wenn eure Gerechtigkeit nicht besser ist als die der Schriftgelehrten und Pharisäer, so werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen. (Matthäus 5,17–20)304.805 Buchstaben.
Und jeder davon ist wichtig. Für jüdische Gläubige enthält diese Rolle mehr als nur Gesetzestexte und alte Geschichten. Sie ist Zeugnis des Bundes, den Gott mit seinem Volk Israel schloss. Die Tora selbst berichtet vom Auszug aus Ägypten, vom Durchzug durch's Rote Meer, von Gott der sein Volk befreit. Von Gott, der sein Volk zusammenruft dort in der Wüste, am Fuß des Bergs Sinai und der durch Mose zum Volk redet:
Und der Herr rief [Mose] vom Berge zu und sprach: So sollst du sagen zu dem Hause Jakob und den Israeliten verkündigen: Ihr habt gesehen, was ich an den Ägyptern getan habe und wie ich euch getragen habe auf Adlerflügeln und euch zu mir gebracht. Werdet ihr nun meiner Stimme gehorchen und meinen Bund halten, so sollt ihr mein Eigentum sein vor allen Völkern; denn die ganze Erde ist mein. Und ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk sein. Das sind die Worte, die du den Israeliten sagen sollst. (Exodus 19,3-6)304.805 Buchstaben.
Für Israel sind sie ein Zeichen von Gottes Gnade. Dafür, dass er sich sein Volk erwählt hat, aus allen Völkern -- ja, aus einem Haufen von Sklaven in Ägypten, die keiner zweimal angeschaut hätte, hat er sich seine Leute ausgewählt. Ein Geschenk, zu ihm zu gehören.
304.805 Buchstaben.
Sie prägen die Identität eines Volkes. Sie sind Ausdruck von Gottes Gnade und wer sie liest und hört und hält, der gibt dem Gott Israels die Ehre. Gott beschenkt sein Volk, indem er sie befreit, ihnen vorangeht, unter ihnen wohnt und zu ihnen redet. Was er sagt, ist wertvoll und gut. Was er sagt, ist Ausdruck seiner Liebe zu den Menschen. Was er sagt, zeugt von seiner Sorge um sein Volk und um dessen Wohlergehen. Diese 304.805 Buchstaben reden von Gottes Güte zu Israel. Diese 304.805 Buchstaben haben Menschen zusammengehalten durch dick und dünn, über die Jahrhunderte und in der Zerstreuung. Als Jahrhunderte später die politischen Machthaber der Welt Israel längst besiegt und gefangen weggeführt haben, als kleine, mutlose Neuanfänge aus den Ruinen einstiger Größe die Menschen herausfordern -- oder: überfordern? --, da sind es diese 304.805 Buchstaben, die sie motivieren, weiterzumachen.
In 304.805 Buchstaben finden sie den Herzschlag Gottes. Aus 304.805 Buchstaben spricht sein Verlangen, den Menschen Frieden und Gerechtigkeit zu schenken. Sie zusammenzuführen, zu einander, als ein Volk, als Brüder und Schwestern, die in Einheit und gegenseitiger Fürsorge miteinander leben. "Schalom" heißt das auf Hebräisch. Viel mehr als nur "Friede". Schalom kommt oft vor in diesen 304.805 Buchstaben.
Die sind nur der Anfang der Konversation. Denn diese 304.805 Buchstaben sind eine Einladung, nachzudenken, nachzusinnen, ganz in das einzutauchen, was Gott zu seinem Volk spricht. Sie sind eine Einladung, miteinander ins Gespräch zu kommen, sich immer neu damit zu beschäftigen, was Gott in seiner Gnade schenkt und wie das im Leben ganz praktisch zum Ausdruck kommen kann.
Sei nur getrost und ganz unverzagt, dass du hältst und tust in allen Dingen nach dem Gesetz, das dir Mose, mein Knecht, geboten hat. Weiche nicht davon, weder zur Rechten noch zur Linken, auf dass du es recht ausrichten kannst, wohin du auch gehst. Und lass das Buch dieses Gesetzes nicht von deinem Munde kommen, sondern betrachte es Tag und Nacht, dass du hältst und tust in allen Dingen nach dem, was darin geschrieben steht. Dann wird es dir auf deinen Wegen gelingen, und du wirst es recht ausrichten. (Josua 1,7-8)Tag und Nacht. Tag um Tag. Als Israel nach dem Exil in Babylon unter völlig veränderten Umständen ganz neu um seine Identität ringt, erhalten diese Worte ganz neue Bedeutung. Aus dem Nachdenken, dem Reden, dem Ringen mit Gottes Worten entstehen ganz neue Berufszweige: Schriftgelehrte, Menschen, die sich vollzeitlich mit Gottes Wort beschäftigen. Aus dem Nachsinnen und Ringen, dem gemeinsamen Reden und Beten und Suchen nach Gottes Wort entsteht eine große, fortdauernde Konversation, ein Gespräch über Generationen hinweg, das dann auch aufgeschrieben wird, damit es weitergeht. Mischna heißt die erste Niederschrift der Gedanken der Lehrer Israels zu Gottes Tora. Auch sie ist wieder eine Einladung zum Weiterreden, Weiterdenken und Weiterbeten. Gemara heißt die Sammlung der Gedanken über die Mischna und Tosefta heißt die Sammlung anderer, vorher mündlicher Traditionen dazu. Im Jerusalemer und im Babylonischen Talmud schreiben die Lehrer des Volkes die Worte der Tora, die Sätze der Mischna, der Gemara und der Tosefta und ihre eigene Fortführung dieses großen Gesprächs auf Pergament. Und längst geht das Reden und Ringen und Beten weiter. Bis heute. Zeugnis von Gottes Gnade, von seinem Reden und Handeln an Israel.
304.805 Buchstaben. Und viele mehr, die seither geschrieben wurden.
79.976 Worte. Und viele mehr werden immer noch geredet.
So viele Buchstaben. So viele Worte. Und mittendrin kommt Jesus.
17 Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen; ich bin nicht gekommen aufzulösen, sondern zu erfüllen. 18 Denn wahrlich, ich sage euch: Bis Himmel und Erde vergehen, wird nicht vergehen der kleinste Buchstabe noch ein Tüpfelchen vom Gesetz, bis es alles geschieht. 19 Wer nun eines von diesen kleinsten Geboten auflöst und lehrt die Leute so, der wird der Kleinste heißen im Himmelreich; wer es aber tut und lehrt, der wird groß heißen im Himmelreich. 20 Denn ich sage euch: Wenn eure Gerechtigkeit nicht besser ist als die der Schriftgelehrten und Pharisäer, so werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen. (Matthäus 5,17–20)Zu oft hat man Jesus unterstellt, der Glaube an ihn, die Nachfolge in das Reich Gottes, zu der er einlädt, sei ein kompletter Bruch mit all dem. Als habe das Reden und Ringen und Beten die Menschen weggebracht von Gott. Als hätten all die Buchstaben und Worte, dieses lange, laute, angeregte Gespräch der Generationen, Gottes wahres Reden überdeckt. Und dann käme Jesus und räumte auf mit all dem Müll, der das Gute zudeckt und sagte, wie Gott wirklich ist. Ganz anders nämlich. Ganz ohne 304.805 Buchstaben.
Zu oft hat man von Israel, Gottes auserwähltem Volk, eine Karikatur gezeichnet, die der Realität überhaupt nicht entspricht. Man hat den jüdischen Gläubigen einen strengen Buchstabenglauben unterstellt. 304.805-fach. Einen Glauben, der nur Gesetze kennt, deren penibelst genaue Einhaltung zu Gottes Zuwendung und Segen führt. Und die kleinste Überschreitung zu Gottes Zorn und furchtbarem Strafgericht. Und dieser Karikatur hat man dann versucht, Jesus Christus entgegenzustellen, der die 304.805 Buchstaben einfach abtue und durch Gottes Gnade ersetze. 304.805 Buchstaben gehörten dann eben zum "Alten Testament", dem Jesus ja zum Glück das "Neue" entgegensetze. In diesem Bild waren die jüdischen Gläubigen dann immer die, die am "alten", "falschen" System festhielten und sich der wahren Offenbarung Gottes in Jesus Christus verweigerten. Die Geschichte zeigt die antisemitischen Extreme, die aus dieser Darstellung entstanden sind. Die gerade wieder viel diskutierte "Judensau" von Wittenberg ist nur eines von vielen Beispielen -- und leider noch eines der Harmloseren.
Wer Jesus hier zuhört, der wird eines Besseren belehrt. Jesus sieht sich selbst nicht als Bruch mit dem gnädigen Handeln Gottes an Israel, mit seinem Bund und seinem Reden -- auch in 304.805 Buchstaben. Jesus sieht sich selbst mittendrin in dieser langen Kette von Menschen, die von Gottes Gnade leben und sein Wort hören und danach handeln. Er schafft das Gesetz nicht ab. Er "erfüllt es", sagt er.
Was das genau heißt, darüber haben seine Nachfolger in den folgenden, inzwischen fast 2.000 Jahren immer wieder nachgedacht. Ist das ein Hinweis darauf, dass Jesus sicher der einzige war, der überhaupt von sich sagen kann, er habe das Gesetz völlig eingehalten? Heißt das, dass letztlich die ganze Tora nur ein großer Zeiger, ein Hinweis auf Jesus Christus ist, in dem sich alles erfüllt? Dass wir aus dem Gesetz vor allem lernen, was wir alles nicht zu erfüllen schaffen, um dann Gottes Gnade in Christus um so mehr schätzen zu können? Oder steckt da mehr dahinter?
Die Gelehrten streiten sich bis heute. Fakt ist, dass Jesus keinen Bruch sieht. Im Gegenteil: In Jesus Christus wird Gott noch einmal ganz neu selbst Teil der großen Konversation. Jetzt redet er nämlich nicht mehr nur durch spezielle Menschen -- "Propheten" -- oder lässt die Menschen über sich reden. In Jesus Christus wird er selbst Mensch. Das Johannesevangelium würde sogar sagen: "[Gottes] Wort wird Fleisch und wohnte unter uns." (Johannes 1,14). Gott redet mit -- klar und deutlich wie nie zuvor. Und uns, die wir Jesus folgen, ist dieses Reden Gottes seither zum Schlüssel geworden, für die ganze, lange Konversation. Für 304.805 Buchstaben und alles das, was darauf (und daraus) folgt. Martin Luther würde sagen, wir lesen die Schrift von Christus her. Oder: Wir suchen, "was Christum treibet".
Genauso wichtig ist aber das, was ich hier jetzt stillschweigend vorausgesetzt habe: Dass wir nämlich überhaupt einen Platz haben, um Teil dieser Konversation zu werden -- also Teil dieses Wegs hin zu Gottes Reich von Gerechtigkeit, Freude und Frieden. Das ist ja nicht selbstverständlich. 304.805 Buchstaben waren ja nicht für uns geschrieben, sondern Grundlage des Bundes, den Gott mit einem bestimmten Volk schließt. Nämlich mit Israel. Teil der Konversation zu werden, mit unterwegs zu sein, setzte doch immer voraus, dass man eben zu diesem Volk gehörte. Und wer von uns kann das von sich behaupten? Im Sinne der Tora sind wir die Fremden, die "Heiden".
Und da hat Christus uns die Tür geöffnet. In ihm hat Gott uns, "die wir fern waren", wie Paulus sagen würde, mit hineingenommen in den Bund, den er mit seinem Volk geschlossen hat. Wir dürfen Teil sein derer, die zu ihm gehören. Wir dürfen Anteil haben an seiner Gnade. Wir dürfen mit auf dem Weg sein in das Land seiner Verheißung, zu dem er die Menschen sammeln möchte. "Reich Gottes" würde Jesus das nennen. "In das Himmelreich kommen", heißt das im Matthäusevangelium. Statt "Fremder" und "Heiden" sind wir nun Brüder und Schwestern, "Miterben", wie Paulus schreibt, mit hineingenommen in Gottes Israel. Durch Christus sind wir Teil der langen Kette von Menschen geworden, die nachdenken, nachsinnen, reden, ringen und beten und sich an Gottes offenbarter Gnade freuen. In Christus finden wir die Zusammenfassung, nicht die Abschaffung, all dieser 304.805 Buchstaben. Und mehr.
Gott sei Dank dafür.
Amen.

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