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Jana Hassel war 15 Jahre Fachanwältin für Medizinrecht. Was sie in dieser Zeit gelernt hat: Arzthaftungsprozesse lösen keine Systemprobleme. Die Dokumentation bildet nicht ab, was wirklich passiert ist. Und Patienten gehen zum Anwalt, weil ihnen oft nichts anderes übrig bleibt.
Heute arbeitet sie als Referentin für Digitalpolitik bei der BAG SELBSTHILFE – dem Dachverband von über 120 Selbsthilfeorganisationen für chronisch kranke und behinderte Menschen – und ist seit 2024 Mitglied im Digitalbeirat der gematik.
Wir reden über das, was Jana „strukturelle Patientenbeteiligung“ nennt: nicht Anhörung, sondern echte Mitgestaltung mit Ressourcen und Zeit. Beim G-BA gibt es zumindest eine Stabsstelle. Bei der gematik nicht. Dabei sind es die Patientinnen und Patienten, die über ihre Beiträge das System finanzieren.
Konkret wird es bei den DiGA: Patienten sind in RCT-Studien Objekt, nicht Mitentscheider. Bewegungs-Apps schließen Menschen im Rollstuhl aus. Innovationsfonds-Projekte produzieren wertvolle Erkenntnisse – die dann brach liegen, weil niemand sie weiternutzt.
Wir kommen auch auf Gesundheitskompetenz: Jahrzehntelang wurde Verantwortung an den Arzt abgegeben. Jetzt wird erwartet, dass Menschen eigenverantwortlich mit ihrer Gesundheit umgehen – aber die Strukturen dafür fehlen weitgehend. Jana nennt ein einfaches Beispiel: Erstklässler sitzen täglich fünf Stunden, obwohl wir wissen, dass Bewegung beim Lernen hilft.
Und schließlich KI: In den Selbsthilfeverbänden, mit denen Jana arbeitet, passiert gerade etwas Interessantes. Menschen, die lange das Gefühl hatten, keine Kontrolle über ihre Gesundheitsversorgung zu haben, entwickeln mit KI eigene Anwendungen und Prozesse. Das verändert etwas.
Janas Antwort auf die Leitfrage des Podcasts: Gesundheit ist nichts, was mir jemand anderes geben kann. Ich muss das selbst mitgestalten.
Wir bauen Spezifikationen. Wir bauen selten Services.
In dieser Folge spricht Ingo mit Katina Sostmann, Associate Partner Health Platform & Design Principal bei IBM. Katina hat Produkt- und Interaktionsdesign an der UdK Berlin studiert und arbeitet seit mehr als 25 Jahren an der Grenze zwischen Design, Digitalisierung und Gesundheitswesen – von Hörgeräte-Apps über Startup-Begleitung bis zum Service- und Produktdesign der elektronischen Patientenakte.
Wir räumen erst einmal auf: Design Thinking ist eine Methode. Service Design ist eine Profession. Von dort geht es in Katinas Werkzeugkasten – qualitative User Research, Cultural Probes, Workshops und der Service Blueprint als „Riesentapete“, auf der Vor-, Während- und Nach-Phase eines Services zusammen mit allen Beteiligten sichtbar werden.
Danach wird es konkret. Warum ist Deutschland im Verwaltungs- und Versorgungs-Service so weit hinten? Warum stolpern so viele über den Login zur ePA? Was passiert eigentlich mit dem wertvollen User-Research-Wissen, das bei der gematik entsteht – und wäre „Open Data“ für Research-Ergebnisse öffentlich finanzierter Projekte nicht ein logischer nächster Schritt? Katina plädiert für einen sauberen Schnitt zwischen regulatorisch festgelegter, interoperabler Basis und einer Interaktionsschicht, in der Vielfalt möglich bleibt – und für „Spielwiesen“, auf denen Dinge früh ausprobiert werden können, statt erst in den Modellregionen.
Zum Schluss geht es um KI und Vertrauen. Warum Service Design gerade dann wichtiger wird, wenn Interfaces sich vom Screen weg in Sprache, Haptik und „intelligente Objekte“ verlagern. Warum Erklärbarkeit, Verantwortung und die Fähigkeit, diese Verantwortung auch tragen zu können, Gestaltungsaufgaben sind – nicht Anhängsel. Und warum Katinas Antwort auf die Leitfrage des Podcasts überraschend einfach ist: zuhören, bevor man fragt, was hilft.
Laut Harvard Business Review ist „Therapie und Companionship“ seit 2025
der meistgenutzte Anwendungsfall generativer KI weltweit — noch vor Code
und Content. Millionen Menschen laden ihre seelische Last bei einem
Chatbot ab, der dafür weder gebaut noch zugelassen ist. Gleichzeitig
warten Betroffene in Deutschland drei bis fünf Monate auf einen
Therapieplatz, und die Honorare für Psychotherapeut*innen geraten unter
Kürzungsdruck.
Max Rank ist Mitgründer und CEO von Aury, einem Berliner Startup, das
KI-gestützte Therapiebegleitung entwickelt — und den Weg zur
Medizinprodukt-Zertifizierung geht. Im Gespräch mit Ingo erklärt er,
warum ein gut geprompteter ChatGPT-Wrapper kein Therapieprodukt ist,
warum Aury stattdessen auf eine Multiagentenarchitektur setzt, und
warum die eigentliche Gefahr freier Chatbots nicht der falsche Rat ist,
sondern die Bestätigung ungesunder Muster.
Es geht um Zugangshürden, die genau die überfordern, die sie überwinden
müssten. Um Stigma, F-Diagnosen und Verbeamtung. Um latente Suizidalität,
die selbst Profis übersehen. Und um die Frage, ob Europas benannte
Stellen überhaupt wissen, wie sie ein LLM im Kern eines Medizinprodukts
prüfen sollen.
Am Ende landen wir beide bei derselben Vision — Hybrid Care, Prävention,
Kontinuität — und bei derselben Diagnose: Es fehlt nicht an Technologie
und nicht an Regulatorik. Es fehlt an Menschen, die den Mut haben,
Verantwortung zu übernehmen.
Timo Frank ist in der neuen Stabsstelle Versorgung der gematik tätig. Zuvor war er dort als Produktmanager für den TI-Messenger verantwortlich. In seiner bisherigen Laufbahn arbeite er unter anderem für Ada Health und Vivy. Sein Studium der Gesundheitsökonomie hat er an der Universität Bayreuth (M.Sc.) und der Hochschule RheinMain in Wiesbaden (B.Sc.) abgeschlossen sowie ein Auslandssemester an der University of North Carolina at Chapel Hill absolviert. Er ist Gründer und ehemaliger Vorstandsvorsitzender des Vereins Hashtag Gesundheit e.V. und engagiert sich für eine Stärkung der Patientenperspektive bei der Digitalisierung im Gesundheitswesen.
Die GKV steht vor einer Finanzierungslücke von rund 15 Milliarden Euro im Jahr 2027 – und wenn nichts passiert, werden es bis 2030 etwa 40 Milliarden sein. Um gegenzusteuern, wurde im September 2025 die FinanzKommission Gesundheit (FKG) eingesetzt. Ende März 2026 legte sie ihren ersten Bericht vor: 66 Empfehlungen für kurzfristig wirksame Maßnahmen auf Einnahmen- und Ausgabenseite.
In dieser Folge nehmen sich Ingo Werren und Karsten Knöppler (fbeta) den Bericht vor – nicht als Insider-Briefing, sondern als ehrliche Lagebesprechung: Was will die Kommission wirklich? Warum kommen diese Debatten jetzt, obwohl die Grundprobleme schon vor 25 Jahren bekannt waren? Was bedeuten die Reformvorhaben rund um Primärversorgung, GeDIG und Präventionsoffensive zusammengenommen? Und warum sind die Anreizsysteme im deutschen Gesundheitswesen so gebaut, dass Gesundheit strukturell unattraktiv ist – für Ärzte, Kassen und Patienten gleichermaßen?
_hilft legt heute die Basis – für alle weiteren Folgen, in denen wir in einzelne Maßnahmen, Sektoren und Perspektiven tiefer einsteigen werden.
Mit Karsten Knöppler von fbeta reden wir über digitale Disease Management Programme. Er hat mit an einer Studie für das Bundesgesundheitsministerium gearbeitet, welche die Grundlagen für die zukünftigen dDMPs bilden soll.
Wie digitale Disease-Management-Programme die Versorgung chronisch Kranker revolutionieren kann – von smarten Apps bis hin zu vernetzten Behandlungspfaden, die das Gesundheitssystem effizienter und patientenfreundlicher machen.
Im Gespräch beleuchten wir die Entwicklung von Disease-Management-Programmen (DMPs) und deren digitale Zukunft.
Disease-Management-Programme sind strukturierte Behandlungsprogramme für chronische Erkrankungen wie Diabetes. Sie basieren auf medizinischen Leitlinien und operationalisieren diese in Arbeitsschritte und idealtypische Abläufe für Ärzte und Patienten. DMPs wurden in Deutschland um die 2000er Jahre eingeführt, um die Versorgung chronisch Kranker zu verbessern und zu standardisieren .
Karsten berichtet von seiner frühen Erfahrung mit einem Pilotprojekt zur Diabetesversorgung vor Einführung der DMPs. Das Projekt setzte auf individuelles telefonisches Coaching durch Betroffene und digitale Datenübermittlung. Im Gegensatz dazu waren die später eingeführten DMPs eher nach dem „One-Size-Fits-All“-Prinzip konzipiert und anfangs stark mit dem Morbiditätsorientierten Risikostrukturausgleich (Morbi-RSA) verknüpft, was für Krankenkassen finanzielle Anreize zur Patienteneinschreibung schuf.
Als zentrale Schwäche der bisherigen DMPs wird die mangelnde Unterstützung bei Lebensstilveränderungen identifiziert. Während Ärzte Medikamente leicht verschreiben können, fehlen wirksame Strukturen für die Begleitung von Patienten bei der Umstellung von Ernährung, Bewegung oder Rauchentwöhnung – obwohl diese Faktoren für den Therapieerfolg oft entscheidend sind .
Digitale DMPs (DDMPs) sollen diese Lücke schließen. Sie integrieren verschiedene digitale Elemente:
Für die Umsetzung digitaler DMPs wurden drei Ausbaustufen konzipiert:
Wir identifizieren mehrere strukturelle Probleme im Gesundheitswesen:
Fehlende digitale Strukturplanung: Während es Planungen für Krankenhäuser und Arztpraxen gibt, fehlt eine systematische Planung digitaler Infrastrukturen.
Sektorenübergreifende Koordination: Die Übergänge zwischen verschiedenen Leistungserbringern (Hausarzt, Facharzt, Pflege, etc.) sind oft ineffizient und unkoordiniert.
Regionale Netzwerkeffekte: Digitale Plattformen entfalten ihre Wirkung erst, wenn in einer Region eine kritische Masse von Nutzern erreicht wird.
Fehlende Standards für Therapiesteuerung: Es gibt kaum etablierte Systeme, die eine strukturierte, sektorenübergreifende Therapieplanung ermöglichen.
Wir sehen großes Potenzial in regionalen Initiativen zur Etablierung digitaler Versorgungsplattformen. Durch bessere Koordination und digitale Unterstützung könnten 20-40% der Fälle bei chronischen Erkrankungen reduziert werden, was den finanziellen Druck durch den demografischen Wandel teilweise kompensieren könnte.
Krankenkassen beginnen bereits, eigene digitale Portfolios aufzubauen. Die neue Rechtsverordnung zu digitalen DMPs wird als erster Schritt gesehen, wobei innovative Kassen bereits darüber hinausgehen können.
Endlich geht es los. Die ersten Folgen sind in Kasten und weitere in Planung. Ein guter Zeitpunkt uns und das neue Projekt den _hilft Podcast vorzustellen. Ulrike und ich (Ingo) erzählen ein wenig zu unserem Hintergrund, wie wir zum Thema „Gesundheit“ gekommen sind und was unsere Ideen, Pläne und Ziele für den Podcast sind. Hört rein und freut Euch auf die kommenden Folgen.
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