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Gnade mit euch und Friede mit Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!
Geliebte Gottes in Truchtelfingen,
Manchmal verstehe ich die Welt nicht mehr. Ich stehe da, fassungslos, und weiß nicht, was ich sagen soll. Wenn ich die Bilder sehe vom Erdbeben in der Türkei und in Syrien. Ganze Stadtviertel ein einziges Trümmerfeld. Verzweifelte Menschen, die in den Trümmerhaufen nach ihren Angehörigen suchen. Andere, die nur noch scheinbar teilnahmslos dasitzen und ins Leere starren. Sie wissen nicht, wie es weiter gehen soll. "Die Menschen haben furchtbare Angst. Ihre Häuser sind zusammengebrochen, sie haben kein Zuhause mehr und wissen nicht wohin“, berichtet Pfarrer Haroutune Selimian, der die ganze Nacht mit Schutzsuchenden in der Kirche verbracht und Hilfe und Seelsorge geleistet hat. Dabei sind die Gotteshäuser selbst gar nicht weniger betroffen. Was man gerade mühsam nach den Kriegsschäden wieder aufgebaut hatte, muss jetzt wieder ganz neu repariert werden. Wer soll das machen? Mit welchen Ressourcen? Wer soll den Menschen helfen? Warum das alles? Ich verstehe die Welt nicht mehr.
Ich verstehe die Welt nicht mehr. Wenn seit nun bald einem Jahr in der Ukraine Krieg herrscht. So nahe. In Europa. Dabei hatten wir doch gedacht, das wäre überwunden. Nach den großen Schrecken der Weltkriege und den panischen Spannungen des kalten Kriegs hätten wir nun endlich Frieden auf diesem Kontinent. Wir hatten gedacht, man hätte etwas gelernt aus den Fehlern der Vergangenheit und würde nun zusammenwachsen, statt den anderen anzugreifen. Stattdessen sehen wir täglich Bilder von zerbombten Häusern, von kaputter Infrastruktur, von frierenden Menschen ohne Strom und Wasser, von Massengräbern, die die Invasoren hinterlassen haben. Und ein Ende ist nicht in Sicht. Warum das alles? Ich verstehe die Welt nicht mehr.
Ich verstehe die Welt nicht mehr, wenn ich mit Angehörigen zusammensitze, die gerade auf schockierende Art einen geliebten Menschen verloren haben. Oft ganz plötzlich, völlig unerwartet. Sie haben noch kaum ein erstes bisschen Fassung wiedergewonnen, wenn sie mit mir reden. Eigentlich scheint alles noch gar nicht real. Nur langsam sinkt die grausame Wahrheit ein und reißt das Herz auf, dass es blutet. Die Mutter, die im Keller gestürzt war, allein im Haus und erst nach Stunden gefunden. Die Tochter, die mit 20 bei einem Autounfall ums Leben kommt. Der Vater, der wegen einer eigentlich harmlosen Behandlung ins Krankenhaus musste und dann wegen eines dummen Versehens eine Infektion bekommt, an der er stirbt. Warum? Ich verstehe die Welt nicht mehr.
Ich verstehe die Welt oft nicht mehr, wenn mir Menschen ihre persönliche Geschichte erzählen. Es ist entsetzlich, wie viel Leid manche ertragen mussten oder immer noch müssen. Wenn in Familien Gewalt herrscht statt Liebe. Wenn Kinder vernachlässigt werden, statt Zuwendung zu bekommen. Wenn alle Chancen im Leben vom Anfang an verbaut scheinen. Warum? Ich verstehe die Welt ganz oft nicht mehr.
Damit bin ich nicht alleine. In Dietrich Bonhoeffer finde ich einen, der das nachvollziehen kann. Dabei ist er ja selbst so einer, bei dessen Lebensgeschichte man die Welt nicht mehr versteht. Am 9. April 1945 wurde er im KZ Flossenbürg hingerichtet. 9. April 1945! Am 23. April erreichte die 90. Infanterie-Division der 3. US-Armee Flossenbürg. 1.600 Häftlinge wurden befreit. Dietrich Bonhoeffer war nicht darunter. Er war seit 14 Tagen tot! 14 Tage! Noch einmal zwei Wochen später war der Krieg zu Ende. 14 Tage vor der Befreiung! So unnötig! So unverständlich! Warum?
Dietrich Bonhoeffer selbst hat seine Fragen in ein Gebet gefasst. Schon seit 1943 schrieb er in der Haft Gebete für andere Gefangene. Gebete, die es "merkwürdigerweise noch nicht gibt", meinte er. So wie dieses hier:
Gott, zu dir rufe ich am frühen Morgen hilf mir beten und meine Gedanken sammeln; ich kann es nicht allein. In mir ist es finster, aber bei dir ist Licht. Ich bin einsam, aber du verläßt mich nicht. Ich bin kleinmütig, aber bei dir ist Hilfe. Ich bin unruhig, aber bei dir ist Frieden. In mir ist Bitterkeit, aber bei dir ist Geduld. Ich verstehe deine Wege nicht, aber du weißt den rechten Weg für mich.Ich verstehe deine Wege nicht.
Auch er ist damit nicht allein. Schon in Israel hätte man solche Gebete schreiben können. Hat es auch, wenn man die Psalmen mal genauer anschaut. Der Text, den wir heute miteinander anschauen, ist einer davon. Er kommt aus dem 55. Kapitel des Jesajabuchs. Er kommt aus einer Zeit, in der viele die Welt nicht mehr verstanden.
Das Jesajabuch ist aus ursprünglich mindestens drei Büchern zusammengestellt worden. Den Abschnitt, der heute die Kapitel 40 bis 55 bildet, nennen die Gelehrten "Deuterojesaja". Entstanden ist er wohl um das Jahr 539 vor Christus, gegen Ende der Zeit, die das Volk Israel im babylonischen Exil verbringen musste. In drei Wellen hatte sich das neubabylonische Großreich ab 605 das kleine Land Israel Stück für Stück einverleibt. Die zynische Politik der Babylonier sah vor, den Frieden innerhalb des großen Reiches dadurch zu bewahren, dass besiegte Völker entwurzelt und umgesiedelt wurden, um ihren Widerstand zu brechen. So musste auch Israel 586 die endgültige Niederlage erleben. Die kommt als unendlich großer Schock. Nie hätten sie damit gerechnet, dass das passieren könnte. War nicht das Land, in dem sie lebten, Gottes Versprechen an sie und ihre Vorfahren? War nicht Jerusalem, die Hauptstadt, Ort seines heiligen Tempels, in dem Gott selbst mitten unter seinem Volk lebte? Sie hatten sich sicher geglaubt. Nie würde Gott doch zulassen, dass sein Wohnplatz unter den Menschen zerstört würde. Oder? Dann kam die Katastrophe. Wer sich bei dem traurigen Abmarsch ins ferne Unbekannte noch einmal umdrehte, sah eine zerstörte Stadt Jerusalem mit den rauchenden Trümmern des Tempels. Der Schmerz ist unbeschreiblich. Hat Gott sein Volk verlassen?
Ich verstehe die Welt nicht mehr.
Fast 50 Jahre hat es gedauert, bis man überhaupt sprachfähig wurde, um den Schock zu formulieren. Herausgekommen ist ein Trostbuch: Prophetenworte, in denen Gott sich seinem Volk zuwendet. "Tröstet, tröstet mein Volk!" ist der erste Satz des Deuterojesajabuchs. Gott hat seine Leute nicht vergessen. Liebevoll wendet er sich ihnen zu. Er spricht hinein in ihren Schock, in ihre Trauer, in ihr Unverständnis. Er beweist seinen Beistand. Er zeigt neue Wege. Er gibt neue Hoffnung.
Aus dem 55. Kapitel des Jesajabuchs, dem letzten des Deuterojesaja:
8 Denn meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege, spricht der Herr, 9 sondern so viel der Himmel höher ist als die Erde, so sind auch meine Wege höher als eure Wege und meine Gedanken als eure Gedanken. 10 Denn gleichwie der Regen und Schnee vom Himmel fällt und nicht wieder dahin zurückkehrt, sondern feuchtet die Erde und macht sie fruchtbar und lässt wachsen, dass sie gibt Samen zu säen und Brot zu essen, 11 so soll das Wort, das aus meinem Munde geht, auch sein: Es wird nicht wieder leer zu mir zurückkommen, sondern wird tun, was mir gefällt, und ihm wird gelingen, wozu ich es sende. 12 Denn ihr sollt in Freuden ausziehen und im Frieden geleitet werden. Berge und Hügel sollen vor euch her frohlocken mit Jauchzen und alle Bäume auf dem Felde in die Hände klatschen. (Jesaja 55,8-12)Worte für Menschen, die die Welt nicht mehr verstehen. Worte für mich?
Auffällig ist zuallererst, was Gott nicht tut. Er liefert nämlich keine Erklärungen. Die große Frage nach dem "Warum" bleibt ungeklärt. Was haben Menschen sich schon gequält mit dieser Frage! Wir haben es so verinnerlicht, dass alles immer eine Erklärung haben muss. An vielen Stellen macht das ja auch Sinn. Wenn der Betriebsablauf einer unserer Maschinen gestört ist, dann muss man den Fehler verstehen, um die Störung beheben zu können. Meist ergeben sich aus der Antwort auf die "Warum?"-Frage ganz logische Schritte zur Lösung des Problems. Das Leben, die Welt, machen es nicht immer so einfach. Krampfhaft versuchen wir immer wieder, den Dingen, die wir nicht verstehen, eine Erklärung abzuringen. Wir leben von der Illusion, dass alles doch irgendwie einen Sinn haben muss. Einen Sinn, der alles irgendwie erträglich macht. Der den Schmerz irgendwie wegnimmt.
Glaubst du wirklich, dass es so einfach ist? Glaubst du wirklich, für die Mutter, die um ihr Kind trauert, gibt es eine Erklärung, die den Schmerz verschwinden lässt? Glaubst du, die Menschen im Erdbebengebiet oder in der Ukraine, die vor den Trümmern ihrer Existenz sitzen, finden eine Erklärung, nach der sie sagen können: "Ach so ist das! Na dann ist es ja nicht so schlimm."
Gott gibt keine solche Erklärung ab. Das Schreckliche des Lebens bleibt unverständlich. Er stößt uns sogar mit der Nase genau darauf: "Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege, spricht der Herr!" Vielleicht ist der erste Schritt aus dem Schrecken gerade die Einsicht, dass ich nicht verstehen kann, was unverständlich ist. Dass es keine einfachen Antworten gibt. Vielleicht gar keine. Dass meine menschlichen Grenzen mir nicht erlauben, den Durchblick zu gewinnen, der all den Nebel lichtet. Ich bin ein Mensch und nicht Gott. Dass ich mir deshalb diese Fragen auch gar nicht zumuten muss. Dass die "Warum"-Frage nur dazu führt, dass wir uns weiter quälen.
Es fällt uns nicht leicht, die Suche nach Antworten aufzugeben. Aber genau dieser Schritt macht Platz, schafft Raum für die nächsten Etappen.
Statt eigene Antworten zu suchen, darf ich stattdessen hören. Hören auf Gott, der an meiner Seite ist. Der trösten kann und will. "Tröstet, tröstet mein Volk." Denn, auch wenn er keine Erklärungen liefert, schweigt er keineswegs. Im Gegenteil: Er spricht ganz viel zu denen, die völlig orientierungslos sind. Und sein Wort ist das Beste, was mir in diesem Moment passieren kann. Sein Wort verändert Dinge. Sein Wort berührt mein Herz. Sein Wort macht, was weder meine Worte noch meine Taten noch irgendeine menschliche Aktion sonst zu tun vermag.
Denn gleichwie der Regen und Schnee vom Himmel fällt und nicht wieder dahin zurückkehrt, sondern feuchtet die Erde und macht sie fruchtbar und lässt wachsen, dass sie gibt Samen zu säen und Brot zu essen, 11 so soll das Wort, das aus meinem Munde geht, auch sein: Es wird nicht wieder leer zu mir zurückkommen, sondern wird tun, was mir gefällt, und ihm wird gelingen, wozu ich es sende.Sein Wort lässt Neues wachsen. Sein Wort gibt Leben. Sein Wort macht aus trockener Wüste fruchtbaren Boden. Sein Wort lässt Grünes sprießen in der hoffnungslosen Trümmerlandschaft. Sein Wort gibt Hoffnung auf Neues, das entsteht, wo das Alte für immer verloren ist. Sein Wort gibt Nahrung, Grundlage zum Leben. Grundlage zum Weiterleben.
Das ist dann wohl der zweite Schritt: Das Hören auf Gott, der zu mir redet. Wo die quälenden Fragen endlich verstummen, ist es still genug, dass ich ihn höre. Wo nicht mehr nur meine eigene Stimme in der Echokammer meiner Gedanken widerhallt und alles übertönt, da kann ich plötzlich wahrnehmen: Ich bin gar nicht allein. Ich bin nicht so verloren, wie ich dachte. Ich bin nicht einsam und verlassen. Ich muss diese Situation, die mich so restlos überfordert, gar nicht selbst meistern. Gott ist da. Er ist an meiner Seite.
Sein Wort ist der sanfte Zuspruch von Hoffnung und Geliebtsein, den ich brauche in meiner Verlorenheit. Es ist das Angebot eines lieben Freundes, eines guten Vaters, eines treuen Hirten, der mir helfen möchte. Ein Angebot, wohlgemerkt. Er treibt mich nicht an. Er herrscht mich nicht an, mich nun endlich zusammenzureißen. Er sagt mir nicht: "Du MUSST das überwinden." Er reicht mir die Hand in seinem Wort. Er lässt mich wissen, dass er da ist, wenn ich ihn brauche. Dass er mitgeht, wenn ich bereit bin, weiterzugehen. Dass er den Weg bahnt, wenn es vorwärtsgehen soll.
O, dass ich lerne auf ihn zu hören, wenn ich die Welt nicht mehr verstehe!
Dann ist er da, wenn ich bereit bin, aufzustehen. Wenn ich Schritte wage, ins Neue, Unbekannte. Täuscht euch nicht: Das wird nicht einfach. Niemand, dessen Welt gerade zusammengebrochen ist, springt nach dem ersten Zuspruch auf und rennt begeistert nach vorne. Es wird Zeit brauchen. Ganz viel Mut, überhaupt einen Schritt zu wagen. Sich aufzurappeln. Wieder neu Vertrauen zu wagen. Es gibt niemandem, dem das alles leicht fällt.
Aber wenn ich zagend bereit bin, meine Fuß zu bewegen, dann ist Gott da. Der dritte Schritt. Wo es hingeht, weiß ich nicht, aber er weiß es schon. Er malt mir Bilder vor Augen. Bilder von der Zukunft, die ich dachte, die gibt es nicht mehr. Bunte Bilder, voll Hoffnung und Leben, wo ich doch nur noch Trümmer sehe.
Denn ihr sollt in Freuden ausziehen und im Frieden geleitet werden. Berge und Hügel sollen vor euch her frohlocken mit Jauchzen und alle Bäume auf dem Felde in die Hände klatschen. (Jesaja 55,8-12)Freude. Frieden. Jauchzen und Klatschen. Dinge, die man sich nicht vorstellen kann, wenn man die Welt nicht mehr versteht. Das alles selbst zu machen, würde mich völlig überfordern. Das muss ich aber auch nicht. Ich darf mit Gott vorwärts gehen in eine neue Zukunft. Ihm vertrauen, dass er schenkt, was ich nicht machen kann.
Da wird sicher vieles anders als im Alten, das für immer verloren ist. Neu und oft auch ungewohnt. An manches werde ich mich gewöhnen müssen. Manches werde ich mit großen Augen staunend entdecken. Vielleicht sogar mit einem Lächeln auf dem Gesicht. Wer hätte das gedacht, dass ich je wieder lächeln würde. Und die Bäume dabei in die Hände klatschen! Dass es gut wird, wenn Gott mit mir geht...
Die Welt verstehe ich immer noch nicht. Aber das muss ich wohl auch nicht. Solange er bei mir ist.
In mir ist es finster, aber bei dir ist Licht. Ich bin einsam, aber du verläßt mich nicht. Ich bin kleinmütig, aber bei dir ist Hilfe. Ich bin unruhig, aber bei dir ist Frieden. In mir ist Bitterkeit, aber bei dir ist Geduld. Ich verstehe deine Wege nicht, aber du weißt den rechten Weg für mich.Amen.
By Christoph FischerGnade mit euch und Friede mit Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!
Geliebte Gottes in Truchtelfingen,
Manchmal verstehe ich die Welt nicht mehr. Ich stehe da, fassungslos, und weiß nicht, was ich sagen soll. Wenn ich die Bilder sehe vom Erdbeben in der Türkei und in Syrien. Ganze Stadtviertel ein einziges Trümmerfeld. Verzweifelte Menschen, die in den Trümmerhaufen nach ihren Angehörigen suchen. Andere, die nur noch scheinbar teilnahmslos dasitzen und ins Leere starren. Sie wissen nicht, wie es weiter gehen soll. "Die Menschen haben furchtbare Angst. Ihre Häuser sind zusammengebrochen, sie haben kein Zuhause mehr und wissen nicht wohin“, berichtet Pfarrer Haroutune Selimian, der die ganze Nacht mit Schutzsuchenden in der Kirche verbracht und Hilfe und Seelsorge geleistet hat. Dabei sind die Gotteshäuser selbst gar nicht weniger betroffen. Was man gerade mühsam nach den Kriegsschäden wieder aufgebaut hatte, muss jetzt wieder ganz neu repariert werden. Wer soll das machen? Mit welchen Ressourcen? Wer soll den Menschen helfen? Warum das alles? Ich verstehe die Welt nicht mehr.
Ich verstehe die Welt nicht mehr. Wenn seit nun bald einem Jahr in der Ukraine Krieg herrscht. So nahe. In Europa. Dabei hatten wir doch gedacht, das wäre überwunden. Nach den großen Schrecken der Weltkriege und den panischen Spannungen des kalten Kriegs hätten wir nun endlich Frieden auf diesem Kontinent. Wir hatten gedacht, man hätte etwas gelernt aus den Fehlern der Vergangenheit und würde nun zusammenwachsen, statt den anderen anzugreifen. Stattdessen sehen wir täglich Bilder von zerbombten Häusern, von kaputter Infrastruktur, von frierenden Menschen ohne Strom und Wasser, von Massengräbern, die die Invasoren hinterlassen haben. Und ein Ende ist nicht in Sicht. Warum das alles? Ich verstehe die Welt nicht mehr.
Ich verstehe die Welt nicht mehr, wenn ich mit Angehörigen zusammensitze, die gerade auf schockierende Art einen geliebten Menschen verloren haben. Oft ganz plötzlich, völlig unerwartet. Sie haben noch kaum ein erstes bisschen Fassung wiedergewonnen, wenn sie mit mir reden. Eigentlich scheint alles noch gar nicht real. Nur langsam sinkt die grausame Wahrheit ein und reißt das Herz auf, dass es blutet. Die Mutter, die im Keller gestürzt war, allein im Haus und erst nach Stunden gefunden. Die Tochter, die mit 20 bei einem Autounfall ums Leben kommt. Der Vater, der wegen einer eigentlich harmlosen Behandlung ins Krankenhaus musste und dann wegen eines dummen Versehens eine Infektion bekommt, an der er stirbt. Warum? Ich verstehe die Welt nicht mehr.
Ich verstehe die Welt oft nicht mehr, wenn mir Menschen ihre persönliche Geschichte erzählen. Es ist entsetzlich, wie viel Leid manche ertragen mussten oder immer noch müssen. Wenn in Familien Gewalt herrscht statt Liebe. Wenn Kinder vernachlässigt werden, statt Zuwendung zu bekommen. Wenn alle Chancen im Leben vom Anfang an verbaut scheinen. Warum? Ich verstehe die Welt ganz oft nicht mehr.
Damit bin ich nicht alleine. In Dietrich Bonhoeffer finde ich einen, der das nachvollziehen kann. Dabei ist er ja selbst so einer, bei dessen Lebensgeschichte man die Welt nicht mehr versteht. Am 9. April 1945 wurde er im KZ Flossenbürg hingerichtet. 9. April 1945! Am 23. April erreichte die 90. Infanterie-Division der 3. US-Armee Flossenbürg. 1.600 Häftlinge wurden befreit. Dietrich Bonhoeffer war nicht darunter. Er war seit 14 Tagen tot! 14 Tage! Noch einmal zwei Wochen später war der Krieg zu Ende. 14 Tage vor der Befreiung! So unnötig! So unverständlich! Warum?
Dietrich Bonhoeffer selbst hat seine Fragen in ein Gebet gefasst. Schon seit 1943 schrieb er in der Haft Gebete für andere Gefangene. Gebete, die es "merkwürdigerweise noch nicht gibt", meinte er. So wie dieses hier:
Gott, zu dir rufe ich am frühen Morgen hilf mir beten und meine Gedanken sammeln; ich kann es nicht allein. In mir ist es finster, aber bei dir ist Licht. Ich bin einsam, aber du verläßt mich nicht. Ich bin kleinmütig, aber bei dir ist Hilfe. Ich bin unruhig, aber bei dir ist Frieden. In mir ist Bitterkeit, aber bei dir ist Geduld. Ich verstehe deine Wege nicht, aber du weißt den rechten Weg für mich.Ich verstehe deine Wege nicht.
Auch er ist damit nicht allein. Schon in Israel hätte man solche Gebete schreiben können. Hat es auch, wenn man die Psalmen mal genauer anschaut. Der Text, den wir heute miteinander anschauen, ist einer davon. Er kommt aus dem 55. Kapitel des Jesajabuchs. Er kommt aus einer Zeit, in der viele die Welt nicht mehr verstanden.
Das Jesajabuch ist aus ursprünglich mindestens drei Büchern zusammengestellt worden. Den Abschnitt, der heute die Kapitel 40 bis 55 bildet, nennen die Gelehrten "Deuterojesaja". Entstanden ist er wohl um das Jahr 539 vor Christus, gegen Ende der Zeit, die das Volk Israel im babylonischen Exil verbringen musste. In drei Wellen hatte sich das neubabylonische Großreich ab 605 das kleine Land Israel Stück für Stück einverleibt. Die zynische Politik der Babylonier sah vor, den Frieden innerhalb des großen Reiches dadurch zu bewahren, dass besiegte Völker entwurzelt und umgesiedelt wurden, um ihren Widerstand zu brechen. So musste auch Israel 586 die endgültige Niederlage erleben. Die kommt als unendlich großer Schock. Nie hätten sie damit gerechnet, dass das passieren könnte. War nicht das Land, in dem sie lebten, Gottes Versprechen an sie und ihre Vorfahren? War nicht Jerusalem, die Hauptstadt, Ort seines heiligen Tempels, in dem Gott selbst mitten unter seinem Volk lebte? Sie hatten sich sicher geglaubt. Nie würde Gott doch zulassen, dass sein Wohnplatz unter den Menschen zerstört würde. Oder? Dann kam die Katastrophe. Wer sich bei dem traurigen Abmarsch ins ferne Unbekannte noch einmal umdrehte, sah eine zerstörte Stadt Jerusalem mit den rauchenden Trümmern des Tempels. Der Schmerz ist unbeschreiblich. Hat Gott sein Volk verlassen?
Ich verstehe die Welt nicht mehr.
Fast 50 Jahre hat es gedauert, bis man überhaupt sprachfähig wurde, um den Schock zu formulieren. Herausgekommen ist ein Trostbuch: Prophetenworte, in denen Gott sich seinem Volk zuwendet. "Tröstet, tröstet mein Volk!" ist der erste Satz des Deuterojesajabuchs. Gott hat seine Leute nicht vergessen. Liebevoll wendet er sich ihnen zu. Er spricht hinein in ihren Schock, in ihre Trauer, in ihr Unverständnis. Er beweist seinen Beistand. Er zeigt neue Wege. Er gibt neue Hoffnung.
Aus dem 55. Kapitel des Jesajabuchs, dem letzten des Deuterojesaja:
8 Denn meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege, spricht der Herr, 9 sondern so viel der Himmel höher ist als die Erde, so sind auch meine Wege höher als eure Wege und meine Gedanken als eure Gedanken. 10 Denn gleichwie der Regen und Schnee vom Himmel fällt und nicht wieder dahin zurückkehrt, sondern feuchtet die Erde und macht sie fruchtbar und lässt wachsen, dass sie gibt Samen zu säen und Brot zu essen, 11 so soll das Wort, das aus meinem Munde geht, auch sein: Es wird nicht wieder leer zu mir zurückkommen, sondern wird tun, was mir gefällt, und ihm wird gelingen, wozu ich es sende. 12 Denn ihr sollt in Freuden ausziehen und im Frieden geleitet werden. Berge und Hügel sollen vor euch her frohlocken mit Jauchzen und alle Bäume auf dem Felde in die Hände klatschen. (Jesaja 55,8-12)Worte für Menschen, die die Welt nicht mehr verstehen. Worte für mich?
Auffällig ist zuallererst, was Gott nicht tut. Er liefert nämlich keine Erklärungen. Die große Frage nach dem "Warum" bleibt ungeklärt. Was haben Menschen sich schon gequält mit dieser Frage! Wir haben es so verinnerlicht, dass alles immer eine Erklärung haben muss. An vielen Stellen macht das ja auch Sinn. Wenn der Betriebsablauf einer unserer Maschinen gestört ist, dann muss man den Fehler verstehen, um die Störung beheben zu können. Meist ergeben sich aus der Antwort auf die "Warum?"-Frage ganz logische Schritte zur Lösung des Problems. Das Leben, die Welt, machen es nicht immer so einfach. Krampfhaft versuchen wir immer wieder, den Dingen, die wir nicht verstehen, eine Erklärung abzuringen. Wir leben von der Illusion, dass alles doch irgendwie einen Sinn haben muss. Einen Sinn, der alles irgendwie erträglich macht. Der den Schmerz irgendwie wegnimmt.
Glaubst du wirklich, dass es so einfach ist? Glaubst du wirklich, für die Mutter, die um ihr Kind trauert, gibt es eine Erklärung, die den Schmerz verschwinden lässt? Glaubst du, die Menschen im Erdbebengebiet oder in der Ukraine, die vor den Trümmern ihrer Existenz sitzen, finden eine Erklärung, nach der sie sagen können: "Ach so ist das! Na dann ist es ja nicht so schlimm."
Gott gibt keine solche Erklärung ab. Das Schreckliche des Lebens bleibt unverständlich. Er stößt uns sogar mit der Nase genau darauf: "Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege, spricht der Herr!" Vielleicht ist der erste Schritt aus dem Schrecken gerade die Einsicht, dass ich nicht verstehen kann, was unverständlich ist. Dass es keine einfachen Antworten gibt. Vielleicht gar keine. Dass meine menschlichen Grenzen mir nicht erlauben, den Durchblick zu gewinnen, der all den Nebel lichtet. Ich bin ein Mensch und nicht Gott. Dass ich mir deshalb diese Fragen auch gar nicht zumuten muss. Dass die "Warum"-Frage nur dazu führt, dass wir uns weiter quälen.
Es fällt uns nicht leicht, die Suche nach Antworten aufzugeben. Aber genau dieser Schritt macht Platz, schafft Raum für die nächsten Etappen.
Statt eigene Antworten zu suchen, darf ich stattdessen hören. Hören auf Gott, der an meiner Seite ist. Der trösten kann und will. "Tröstet, tröstet mein Volk." Denn, auch wenn er keine Erklärungen liefert, schweigt er keineswegs. Im Gegenteil: Er spricht ganz viel zu denen, die völlig orientierungslos sind. Und sein Wort ist das Beste, was mir in diesem Moment passieren kann. Sein Wort verändert Dinge. Sein Wort berührt mein Herz. Sein Wort macht, was weder meine Worte noch meine Taten noch irgendeine menschliche Aktion sonst zu tun vermag.
Denn gleichwie der Regen und Schnee vom Himmel fällt und nicht wieder dahin zurückkehrt, sondern feuchtet die Erde und macht sie fruchtbar und lässt wachsen, dass sie gibt Samen zu säen und Brot zu essen, 11 so soll das Wort, das aus meinem Munde geht, auch sein: Es wird nicht wieder leer zu mir zurückkommen, sondern wird tun, was mir gefällt, und ihm wird gelingen, wozu ich es sende.Sein Wort lässt Neues wachsen. Sein Wort gibt Leben. Sein Wort macht aus trockener Wüste fruchtbaren Boden. Sein Wort lässt Grünes sprießen in der hoffnungslosen Trümmerlandschaft. Sein Wort gibt Hoffnung auf Neues, das entsteht, wo das Alte für immer verloren ist. Sein Wort gibt Nahrung, Grundlage zum Leben. Grundlage zum Weiterleben.
Das ist dann wohl der zweite Schritt: Das Hören auf Gott, der zu mir redet. Wo die quälenden Fragen endlich verstummen, ist es still genug, dass ich ihn höre. Wo nicht mehr nur meine eigene Stimme in der Echokammer meiner Gedanken widerhallt und alles übertönt, da kann ich plötzlich wahrnehmen: Ich bin gar nicht allein. Ich bin nicht so verloren, wie ich dachte. Ich bin nicht einsam und verlassen. Ich muss diese Situation, die mich so restlos überfordert, gar nicht selbst meistern. Gott ist da. Er ist an meiner Seite.
Sein Wort ist der sanfte Zuspruch von Hoffnung und Geliebtsein, den ich brauche in meiner Verlorenheit. Es ist das Angebot eines lieben Freundes, eines guten Vaters, eines treuen Hirten, der mir helfen möchte. Ein Angebot, wohlgemerkt. Er treibt mich nicht an. Er herrscht mich nicht an, mich nun endlich zusammenzureißen. Er sagt mir nicht: "Du MUSST das überwinden." Er reicht mir die Hand in seinem Wort. Er lässt mich wissen, dass er da ist, wenn ich ihn brauche. Dass er mitgeht, wenn ich bereit bin, weiterzugehen. Dass er den Weg bahnt, wenn es vorwärtsgehen soll.
O, dass ich lerne auf ihn zu hören, wenn ich die Welt nicht mehr verstehe!
Dann ist er da, wenn ich bereit bin, aufzustehen. Wenn ich Schritte wage, ins Neue, Unbekannte. Täuscht euch nicht: Das wird nicht einfach. Niemand, dessen Welt gerade zusammengebrochen ist, springt nach dem ersten Zuspruch auf und rennt begeistert nach vorne. Es wird Zeit brauchen. Ganz viel Mut, überhaupt einen Schritt zu wagen. Sich aufzurappeln. Wieder neu Vertrauen zu wagen. Es gibt niemandem, dem das alles leicht fällt.
Aber wenn ich zagend bereit bin, meine Fuß zu bewegen, dann ist Gott da. Der dritte Schritt. Wo es hingeht, weiß ich nicht, aber er weiß es schon. Er malt mir Bilder vor Augen. Bilder von der Zukunft, die ich dachte, die gibt es nicht mehr. Bunte Bilder, voll Hoffnung und Leben, wo ich doch nur noch Trümmer sehe.
Denn ihr sollt in Freuden ausziehen und im Frieden geleitet werden. Berge und Hügel sollen vor euch her frohlocken mit Jauchzen und alle Bäume auf dem Felde in die Hände klatschen. (Jesaja 55,8-12)Freude. Frieden. Jauchzen und Klatschen. Dinge, die man sich nicht vorstellen kann, wenn man die Welt nicht mehr versteht. Das alles selbst zu machen, würde mich völlig überfordern. Das muss ich aber auch nicht. Ich darf mit Gott vorwärts gehen in eine neue Zukunft. Ihm vertrauen, dass er schenkt, was ich nicht machen kann.
Da wird sicher vieles anders als im Alten, das für immer verloren ist. Neu und oft auch ungewohnt. An manches werde ich mich gewöhnen müssen. Manches werde ich mit großen Augen staunend entdecken. Vielleicht sogar mit einem Lächeln auf dem Gesicht. Wer hätte das gedacht, dass ich je wieder lächeln würde. Und die Bäume dabei in die Hände klatschen! Dass es gut wird, wenn Gott mit mir geht...
Die Welt verstehe ich immer noch nicht. Aber das muss ich wohl auch nicht. Solange er bei mir ist.
In mir ist es finster, aber bei dir ist Licht. Ich bin einsam, aber du verläßt mich nicht. Ich bin kleinmütig, aber bei dir ist Hilfe. Ich bin unruhig, aber bei dir ist Frieden. In mir ist Bitterkeit, aber bei dir ist Geduld. Ich verstehe deine Wege nicht, aber du weißt den rechten Weg für mich.Amen.

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