Christoph predigt

Aber


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Der Himmel ist leer.

Da ist niemand hinter der dunklen Wolkendecke. Niemand, der mich sieht. Niemand, der mich hört. Niemand, der sich überhaupt für mich interessiert: Wie es mir geht. Was ich brauche. Niemand, der mir helfen könnte.

Der Himmel ist leer.

Vielleicht war da mal einer. Einer, der mich gemacht hat und mir das Leben geschenkt. Vielleicht war mal einer da, der seine Freude an mir hatte. Vielleicht hat er sich einmal für mich interessiert. Vielleicht war es ihm sogar einmal wichtig, wie es mir geht.

So hat er es jedenfalls einmal versprochen. In der Taufe, wie bei der kleinen Maya heute. "Fürchte dich nicht. Siehe, ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein." Und: "Siehe, ich bin bei dir alle Tage, bis an der Welt Ende." Als ich das verstand, wenn ich mich erinnerte, dann schaute ich zum Himmel und die Sonne schien auf mein Gesicht. Ich konnte seine Liebe förmlich spüren. Er ist da. Für mich. Immer.

Jetzt ist der Himmel leer.

Ist er weggegangen? Hat er mich vergessen? Bin ich nicht mehr geliebt?


Der Himmel ist dunkel und voller Regenwolken. Im fahlen Licht des aufziehenden Sturms steht ein Ungetüm, ein riesiges Bauwerk, ein Schiff. Was haben sie noch gelacht über den Verrückten, der es gebaut hat. Der dann einzog mit seiner Familie und mit ganz vielen Tieren. Der hat sie doch nicht mehr alle! Jetzt lacht niemand mehr. Der Himmel ist dunkel geworden und große Regentropfen beginnen zu fallen. Das Wasser sammelt sich schon unter den Füßen. Ein Blick zum Schiff: Die Tür ist zu. Das Wasser steigt. Der Himmel scheint unerbittlich. Längst ist das höhnische Lachen zum Klagen geworden. Zum Hilfeschrei. Dann hört man nichts mehr.

Der Himmel ist geschlossen und schweigt.


Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?

Wenn es einen Schrei gibt, der durch die ganze Menschheitsgeschichte kreischt, dann dieser. Der Himmel ist leer. Der Himmel ist zu. Der Himmel ist dunkel und kalt. Und ich fühle mich ganz allein. Ganz. Allein.

Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?

"Deus abconditus" nennen die Theologen das schon seit vielen Jahrhunderten. Weil sie ihn alle gekannt haben, den "abwesenden Gott", der uns vor Rätsel stellt und vor Fragen. Ist er überhaupt da? Will er überhaupt etwas von uns wissen? Hilft er, wenn wir ihn brauchen? Warum hilft er nicht? Warum?

Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?


Der Himmel ist leer, sagen die Eltern, die gerade ihr kleines Kind beerdigt haben.

Der Himmel ist leer, sagt der Alte, der schon so lange krank ist und leidet und eigentlich nur sterben will. Aber nicht kann.

Der Himmel ist leer, sagt die Frau, deren alkoholisierter Ehemann sie prügelt.

Der Himmel ist leer, sagen die Kinder vor dem ausgebombten Haus in Bachmut, mit dem Donnergrollen des Gefechts im Hintergrund.

Der Himmel ist leer, sagt der junge Mann, der nach einem Autounfall im Rollstuhl sitzt.


Der Himmel ist leer, haben sie damals schon gesagt, in Babylon. Ihr Land war zerstört, ihre Hauptstadt in Trümmern, die Heimat weit weg, sie selbst in Gefangenschaft, im Exil. Früher, war alles ganz anders. Da hat der Himmel direkt die Erde berührt, in Jerusalem, wo sie lebten und Gott mitten unter ihnen, in seinem Tempel. Dann ist er gegangen und der Tempel ist nur noch Schutt und Asche.

Auch sie hatten sein Versprechen. Einen Bund hatte er gar mit ihnen geschlossen. Zugegeben, sie haben ihn nicht immer gehalten. Ob sie selbst schuld sind an seinem Weggehen? Am leeren Himmel? Man fängt schon an, sich solche Fragen zu stellen, wenn keine Antwort mehr vom Himmel kommt.


Ob der Prophet eine Antwort hat? Propheten sind "Sprachrohre Gottes". Ob in ihm der Himmel wieder mit ihnen redet?

Da kommt er. Er beginnt zu sprechen. Er spricht zu Jerusalem, der fernen Hauptstadt, als ob sie eine Person wäre. Und jeder, der zuhört, begreift: Er spricht zu uns. Jerusalem steht für uns alle. Und seine Worte sind Gottes Worte:

7 Ich habe dich einen kleinen Augenblick verlassen, aber mit großer Barmherzigkeit will ich dich sammeln. 8 Ich habe mein Angesicht im Augenblick des Zorns ein wenig vor dir verborgen, aber mit ewiger Gnade will ich mich deiner erbarmen, spricht der Herr, dein Erlöser. 9 Ich halte es wie zur Zeit Noahs, als ich schwor, dass die Wasser Noahs nicht mehr über die Erde gehen sollten. So habe ich geschworen, dass ich nicht mehr über dich zürnen und dich nicht mehr schelten will. 10 Denn es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen, und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen, spricht der Herr, dein Erbarmer. (Jesaja 54,7-10)


Schon beim ersten Satz haben sie zustimmend genickt. Was er sagt, das stimmt. Das kennen sie. Er beschreibt ihre Lage ganz genau. Er weiß, wie sie sich fühlen: Verlassen. Gottes Angesicht verborgen. Es ist, als sei einem der Boden unter den Füßen weggezogen worden. Als seien die alten Sicherheiten auf einen Schlag verschwunden: Berge weichen und Hügel fallen hin. Auf nichts kann man mehr vertrauen. Nichts bietet mehr einen sicheren Stand. Man ist dem Chaos hilflos ausgeliefert.

"Genau, Jesaja", nicken sie. Der Himmel ist leer.


"ABER" sagt der Prophet.

"ABER" sagt Gott.

"ABER", sie horchen auf.

"ABER" ist neu. ABER könnte Hoffnung sein. Ein kleiner Lichtschein am Horizont des kalten, dunklen Himmels.

ABER.

ABER ist vielleicht das schönste Wort, das ich je gehört habe.

ABER birgt das Potential, dass alles ganz anders ist, als ich dachte.

ABER könnte der Anfang eines neuen Lebens sein.

"ABER" sagt Gott.

ABER...

Vielleicht ist der Himmel doch nicht leer?


Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?

Der Himmel ist dunkel -- und das mitten am Tag. Seltsam, was hier geschieht. Da hängt er, der Verurteilte, an diesem schrecklichen Folterinstrument der Römer, dem Kreuz. Er schreit gequält, nach Stunden des Leidens.

Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?

Und manche die ihn hören, merken: Er betet. Was er da schreit sind Worte aus einem Psalm. Dem 22. Einem alten Gebet, vertraut für die, die nach Hilfe suchen. Es ist kein leere Verzweiflungsschrei. Es ist Teil eines Rufens zu Gott, dem wenig später vertrauensvoll folgen wird: "Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist."

Der Himmel ist leer.

Der Himmel ist leer in diesem Moment. Der Himmel hängt selbst an diesem Kreuz. Gott selbst ist es, der hier hängt in seinem Sohn und das ganze Leid der Welt, die ganze verdammte Gottverlassenheit unter diesem dunklen Himmel auf sich nimmt. Selbst aushält. Mit trägt. Für uns alle trägt.

So ist das mit dem leeren Himmel.


"ABER" sagt der Prophet.

"ABER" sagt Gott.

Aber mit großer Barmherzigkeit will ich dich sammeln.

Aber mit ewiger Gnade will ich mich deiner erbarmen.

Aber meine Gnade soll nicht von dir weichen.

Aber der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen.

Glaubt ihr den wirklich, ich würde euch ausgerechnet in euren größten Nöten vergessen? Glaubt ihr denn wirklich, ich würde euch in euren schwersten Momenten im Stich lassen? Glaubt ihr denn, ich weiß nicht mehr, was ich versprochen habe, heute bei der Taufe von Maya und bei eurer Taufe und in so vielen anderen Momenten, dass ein Leben nicht ausreicht, um all die Verheißungen zu bedenken, die ihr von mit habt?

Der Himmel ist leer ABER ich bin da.


Der Himmel reißt auf. Schnell vertreibt der Wind die letzten Fetzen der Regenwolken. Die Pfützen beginnen zu trocknen. Dampf liegt in der Luft. Und Hoffnung. Die Sonne scheint. In ihrem hellen Licht steht ein wahres Ungetüm. Ein Schiff. Man sieht ihm die Stürme der letzten Wochen an. Es liegt genau da, wo die letzte Welle es hingeworfen hat.

Eine Luke öffnet sich. Sie kommen heraus. Sie blinzeln im hellen Sonnenlicht. Sie blinzeln in eine hoffnungsvolle Zukunft. Sie schauen zum blauen Himmel und stehen gebannt unter dem leuchtenden Regenbogen.

Und Gott sprach: Das ist das Zeichen des Bundes, den ich geschlossen habe zwischen mir und euch und allem lebendigen Getier bei euch auf ewig: Meinen Bogen habe ich gesetzt in die Wolken; der soll das Zeichen sein des Bundes zwischen mir und der Erde. Und wenn es kommt, dass ich Wetterwolken über die Erde führe, so soll man meinen Bogen sehen in den Wolken. Alsdann will ich gedenken an meinen Bund zwischen mir und euch und allem lebendigen Getier unter allem Fleisch, dass hinfort keine Sintflut mehr komme, die alles Fleisch verderbe. Darum soll mein Bogen in den Wolken sein, dass ich ihn ansehe und gedenke an den ewigen Bund zwischen Gott und allem lebendigen Getier unter allem Fleisch, das auf Erden ist. (Genesis 9,12-16)


ABER sagt Gott und der Himmel reißt auf. Sein Bogen beleuchtet mein Gesicht mit allen Farben seiner Liebe.

Die Sonne der Hoffnung scheint in mein Herz und sie sagt mir:

Vielleicht ist der Himmel leer. Aber dann nur, weil Gott hier bei mir ist.


7 Ich habe dich einen kleinen Augenblick verlassen, aber mit großer Barmherzigkeit will ich dich sammeln. 8 Ich habe mein Angesicht im Augenblick des Zorns ein wenig vor dir verborgen, aber mit ewiger Gnade will ich mich deiner erbarmen, spricht der Herr, dein Erlöser. 9 Ich halte es wie zur Zeit Noahs, als ich schwor, dass die Wasser Noahs nicht mehr über die Erde gehen sollten. So habe ich geschworen, dass ich nicht mehr über dich zürnen und dich nicht mehr schelten will. 10 Denn es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen, und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen, spricht der Herr, dein Erbarmer. (Jesaja 54,7-10)


Amen.

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