Christoph predigt

Achtung, Baustelle


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Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!

O, ihr wahren Gläubigen, wisst ihr, worüber ich heute mit euch reden will? -- Das ist ein Insiderwitz für die, die gestern abend beim unserem Theaterabend für alle Mitarbeitenden waren.

Es wird gebaut in Tailfingen.

Auf Stiegel wird erst einmal abgebaut. Wandverkleidungen und Böden, Heizung und Toilettenkabinen und die große Bühne im Saal verschwinden. Platz für Neues. Für das, was kommen soll. "Raum für dich -- Raum für die Zukunft" ist ja der Name unseres Bauprogramms. Nicht nur auf Stiegel wird gebaut: In der Peterskirche wird der Boden saniert. Im eFa|s wird die Decke repariert. Und wo einmal das ehrwürdige Gemeindehaus in der Moltkestraße stand, erkennen nur noch Eingeweihte dessen frühere Umrisse in dem neuen Wohngebäude, das da wächst. Es wird gebaut. Es geschieht etwas in Tailfingen. Dinge wachsen. Dinge verändern sich.

Raum für dich -- Raum für die Zukunft.

Es wird gebaut in Tailfingen. Auch im eher Verborgenen wird ganz viel gebaut. In Dienstbesprechungen und Sitzungen, auf der Klausur des Kirchengemeinderats, auf großen und kleinen Tischen, steht immer wieder die inzwischen berühmt (oder berüchtigt?) gewordene Kiste mit den Bauklötzchen, die wir Pfarrer Hartmann damals zur Investitur geschenkt haben. Die bunten Klötze illustrieren biblische Texte, Konzepte für die Gemeindearbeit, Visionen für die Zukunft. Sie dienen als Anzeige, wie es uns in unserem Dienst gerade geht. Sie helfen uns, miteinander durchzudenken, wie wir uns Kirche vorstellen. Hier am Ort. Auf die Zukunft hin. Gerade in allen Veränderungen, die da kommen. Von antiken Zeltlagern über Spielplätze bis hin zu Kathedralen haben wir schon alles mögliche gebaut, hier in Tailfingen. Zumindest mit Bauklötzen. Noch. Bis die Pläne dann in die Tat umgesetzt werden, und neue Dinge wachsen.

Raum für dich -- Raum für die Zukunft.

Es wird gebaut in Tailfingen. Und mittendrin ist er, der größte aller Baumeister. Die Ärmel hochgekrempelt, in blauer Latzhose, die Maurerkelle in der Hand. Er ist sich nicht zu schade, selbst mit Hand anzulegen. Und das ist gut so, denn was er baut, ist besser als alles, was wir uns ausdenken könnten. Selbst mit Bauklötzchen.

Raum für dich -- Raum für die Zukunft.

Aus dem ersten Petrusbrief, aus dem 2. Kapitel:

4 Zu ihm kommt als zu dem lebendigen Stein, der von den Menschen verworfen ist, aber bei Gott auserwählt und kostbar. 5 Und auch ihr als lebendige Steine erbaut euch zum geistlichen Hause und zur heiligen Priesterschaft, zu opfern geistliche Opfer, die Gott wohlgefällig sind durch Jesus Christus. 6 Darum steht in der Schrift (Jesaja 28,16): »Siehe, ich lege in Zion einen auserwählten, kostbaren Eckstein; und wer an ihn glaubt, der soll nicht zuschanden werden.« 7 Für euch nun, die ihr glaubt, ist er kostbar. Für die aber, die nicht glauben, ist er »der Stein, den die Bauleute verworfen haben; der ist zum Eckstein geworden« (Psalm 118,22) 8 und »ein Stein des Anstoßes und ein Fels des Ärgernisses« (Jesaja 8,14). Sie stoßen sich an ihm, weil sie nicht an das Wort glauben, wozu sie auch bestimmt sind. (1. Petrus 2,4-8)

Es wird gebaut in Tailfingen. Und der, der da Hand anlegt, ist niemand anders als Gott selbst. Weil es seine Kirche ist. Die einen sagen, er baut eine Kathedrale. Andere glauben, es wird ein Café. Eine Spielplatz glauben manche zu erkennen. Und Sitzbänke, für Senioren, die nicht mehr so gut zu Fuß sind. Raum für dich. Raum für alle.

Manche staunen nur und wundern sich über die Formen, die da entstehen. Er baut auf Bestehendes, über Jahrzehnte, Jahrhunderte Bewährtes. Auf Reihen von Steinen, gelegt zur Zeit unserer Eltern und Großeltern. Auf gute Zeiten in Tailfingen, mit vollen Kirchen und über Hundert Konfirmand:innen, auf geistlichen Tiefgang. Er baut auf manches, was krumm und schief war oder geworden ist mit der Zeit, auf Herausforderungen und Schwachpunkte. Er überbrückt und begradigt. Er macht was aus Dingen, die wir nur noch abgerissen hätten. Er behält traditionelle Baustile bei und bricht mit Traditionen an anderer Stelle. Manches von dem, was da entsteht, hat man so noch gar nie gesehen. Schon gar nicht in einer Kirche. Raum für die Zukunft. Eine veränderte Zukunft. Passender Raum genau dafür.

Dass er es ist, der baut, ist eine gute Nachricht für uns alle. Denn was er baut, das bleibt bestehen. Das ist nicht dem Zahn der Zeit unterworfen. Das zerbröselt nicht langsam von innen. Da schlägt nach 60 Jahren kein Statiker die Hände über dem Kopf zusammen wie bei der Dachkonstruktion auf Stiegel. Was er baut, hält allem Stand. Selbst den Erdbeben, die wir in Albstadt gut kennen. Als es hier 1978 ganz heftig wackelte, musste man die Mauern der Peterskirche mit Drahtseilen verspannen, damit sie nicht einstürzt. Die Pauluskirche hier hat ein riesiges Gerüst aus dicken Stahlträgern im Dachstuhl. Und neue, zusätzliche Wände aus Stahlbeton, von dem Fundamenten bis ganz hinauf zum Dachboden. Die große Orgel ist auch noch draufgegangen, bei den Sicherungsarbeiten. Nein, er baut stabil. "Die Sach' ist dein, Herr Jesu Christ, die Sach an der wir stehn. Und weil es deine Sache ist, wird sie nicht untergehen." Was er baut, das steht in Ewigkeit. Wenn sich an uns längst keiner mehr erinnert, wird es für alle sichtbar weiter stehen. Raum für dich. Und deine Kinder. Und Enkel. Und Ur-ur-urenkelinnen. Raum für die Zukunft.

Was er nämlich baut, das baut er auf das eine Fundament, das gelegt ist und für immer besteht. Einen anderen Grund kann keiner legen. Der Eckstein, auf dem das ganze Gebäude ruht, ist Jesus Christus. Gestern, heute und in Ewigkeit derselbe -- das ist wichtig bei Fundamenten, das sich da nichts bewegt. Der Eckstein, auf dem alles aufbaut, ist das Evangelium von ihm, der sich selbst gegeben hat und in dem Gott uns alles schenkt. Da fehlt nichts mehr. Da muss nichts hinzugefügt werden. Da wird nie etwas in Frage stehen. Dieses Fundament ist das eine, das immer Bestand hat. Dieses Fundament ist das, was das ganze Gebäude -- mit allen seinen auch immer wieder ganz neuen Formen -- von Anfang an zur Kirche macht. Zur "Kyriake", dem Herrn gehörig. Weil alles auf ihn ausgerichtet ist. Weil alles, was gebaut wird auf ihn gegründet ist. Mit ihm steht und fällt (nein: fällt nicht) das Ganze.

Sicher, ganz viele hätten das anders gemacht. Hätten nicht ausgerechnet ihn genommen. Nicht jeder Architektenwettbewerb ist mit ihm zu gewinnen. Er ist umstritten. Nicht jeder versteht, was Gott da tut. Am Kreuz, zu alledem! Ganz viele denken, das ist doch verrückt. Das war schon immer so und hat sich nicht geändert. Uns aber, die wir auf ihn gebaut sind, ist er alles und das Wertvollste, was es überhaupt geben kann. Nie wollten wir auf anderes gegründet sein als nur auf ihn. Weil er für uns ist, für mich und dich -- schon er, der Grundstein, wird auch das ganze restliche Gebäude das, was wir so dringend brauchen:

Raum für dich. Raum für die Zukunft.

Da steht er jetzt also, der beste aller Baumeister. Die Ärmel hochgekrempelt, in blauer Latzhose, die Maurerkelle in der Hand. Er baut sein Haus, seine Kirche, hier in Tailfingen. Und er baut mit dir und mir. "Lebendige Steine". Er baut uns alle ein in sein Haus, die ganzen bunten Bauklötzchen. Rund und eckig. Lang und kurz. Auch ganz besondere Formen, die wir nie in einer Mauer unterbringen würden, wenn es nach unseren Planungen ginge. Gott baut mit all der wunderbaren Vielfalt, die er hier findet, die er hier hineingelegt hat, in seine bunte Gemeinde. Die Steine seines Hauses müssen nicht erst gleichförmig sein. Lauter genau gleiche Quader. Perfekt abgestimmt in Länge und Breite und Höhe, in Frömmigkeitsstil und Lebensgestaltung, in Charakter, Denken und Glauben. Er presst dich nicht erst in eine Form hinein. Er nimmt dich, mit deiner Einzigartigkeit und schaut dich an und findet, dass es genau dich braucht in der Mauer, die er baut. Da gibt es Raum für dich, in seinem Gebäude.

Natürlich wird so eine Mauer nicht immer gerade und rechtwinklig. Aber es sind ja nicht unsere Schönheitsideale, die den Plan vorgeben, sondern seine Vision, seine Ideen für Tailfingen. Die Wände die er baut, sind rund und eckig, manchmal schräg und mit Nischen, die wir uns nicht erklären können. Mehr noch, sie sind in Bewegung, weil sie aus lebendigen Steinen sind. Er fordert ja nicht von dir, ab jetzt gefälligst still zu stehen und für immer in genau der Position auszuharren, in der du dich jetzt im Augenblick befindest. Du sollst ja kein toter Stein werden in dem Moment, in dem du dich einbauen lässt. Er selbt hat dir doch das Leben geschenkt und niemand hat mehr Respekt vor dem Leben als er, dessen Schöpfer. Gott baut ein Haus in Bewegung, ein lebendiges Haus, eine Kirche, mitten aus dem Leben heraus. Und genau deshalb ist da auch Raum für die Zukunft.

Da stehst du jetzt, mittendrin, in diesem ungewöhnlichen, andersartigen, manchmal seltsamen, aber vor allem absolut wunderbaren Gebilde, das er baut -- wenn du dich von ihm einbauen lässt. Da findest du deinen Platz mittendrin, und der Stein neben dir sieht völlig anders aus, als du. Blau und eckig oder bogenförmig und gelb. Ihr schaut euch an und seid verwundert übereinander. Und vielleicht reibt ihr euch auch aneinander, so dicht Stein an Stein, ganz anders geformt und dann auch noch in einem Gebäude, das sich bewegt. Nicht alle Nachbar:innen hättest du dir ausgesucht. Aber das macht nichts. Der, der baut, weiß es zum Glück besser. Du wirst finden, wo er dich einbaut, da passt du perfekt hin. Da ist Raum für dich. Und ohne dich wäre das ganze Gebäude nicht das, was er bauen will hier in Tailfingen. Deshalb heute: Danke an alle, die sich schon von ihm gebrauchen und einbauen lassen!

Ich könnte noch lange erzählen von diesem wunderbaren Gebäude. Kein Architekturführer der Welt kann all seine Eigenheiten fassen -- auch, weil es lebt und atmet und sich bewegt. Und weil es noch lange nicht fertig ist, obwohl er schon länger dran ist am Bau als die Spanier in Barcelona an der Sagrada Familia. Ich hätte noch so viel Überraschendes und Staunenswertes zu berichten von dem, was man schon sehen kann an diesem größten aller Bauprojekte. Und so viele gute Nachrichten wie die, liebe Kirchengemeinderät:innen, dass Gott selbst längst die Rechnung bezahlt und die Finanzierung geklärt hat und das ganze -- Schocker -- nicht einmal erst vom Oberkirchenrat genehmigt werden muss. Aber was soll ich noch lange reden. Viel besser ist es doch zu sehen und -- sozusagen "am Objekt" selbst zu staunen. Viel besser ist es, selbst ein Teil des lebendigen Ganzen zu sein. Deshalb: Auf zur Baustelle. Denn dort gilt, wie überall, wo Gott Hand anlegt: Betreten strengstens erlaubt.

Wer weiß, was in Tailfingen dieses Jahr noch alles gebaut werden wird.

Raum für dich. Raum für die Zukunft.

Gottes Raum.

Danke, dass du ein Teil davon bist!

Amen.

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Christoph predigtBy Christoph Fischer


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