Walk & Talk mit Ida

Aggression. Eine philosophische Perspektive von Fromm bis Nietzsche.


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Hallo und herzlich willkommen zu Walk & Talk mit Ida, heute in der Sonntagsausgabe zum Philosophischen Sonntag. Und ich freue mich schon, mit dir wieder spazieren zu gehen. Wir bleiben beim Thema Aggression.

Am Dienstag habe ich ja schon mit meiner eigenen persönlichen, privat erfahrenen Aggression angefangen und mich dann so sehr für das Thema interessiert, dass ich beschlossen habe, die Wochenendserie tatsächlich auch zu dem Thema zu machen. Ich habe mich ganz viel eingelesen, und daran, dass die Podcasts alle erst heute live geschaltet werden, merkst du, dass ich mich bis heute damit beschäftigt habe und heute tatsächlich erst alle drei aufgenommen habe - Freitag, Samstag und Sonntag.
Weil es mir schwergefallen ist, Aggression nur als etwas Negatives zu sehen. In unserer Gesellschaft wird ja Aggression erst mal mit negativen Worten, mit etwas Zerstörerischem gleichgesetzt, aber das ist nicht unbedingt immer so. Wenn du dich an die Freitagsfolge erinnerst, da haben wir ja schon darüber gesprochen.
Jetzt fliegen mir hier die Blätter übrigens weg, wenn du Geräusche im Hintergrund hörst. Das sind fliegende Blätter. Wir haben schon darüber gesprochen, dass es auch etwas Positives gibt, nämlich die Tatkraft.
Erich Fromm: Die drei Gesichter der Aggression
Diese Tatkraft, diese Idee kommt eigentlich von Erich Fromm. Erich Fromm unterscheidet zwischen zwei Arten von positiver - eine Aggression halb positiv, eine ganz positiv - und einer sehr negativen Form. Ich habe es ein bisschen einfacher gemacht, ich habe sie in zwei geteilt, aber ich möchte dir das Modell von Erich Fromm jetzt trotzdem nochmal erklären.
Das eine ist eine defensive Aggression. Das heißt, wenn ich wirklich angegriffen werde, dann schütze ich mein Leben oder das Leben meiner Gruppe. Und das ist ja durchaus schon eine positive Art der Aggression. Wir haben ja auch vom Töten von Tieren gesprochen. Also wenn ich als Jäger und Sammler überleben möchte, dann muss ich Tiere töten, um sie essen zu können. Und auch das ist ja eine aktive Aggression - aber es ist trotzdem eine Funktion, denn ich muss ja irgendwie überleben.
Und wir Menschen, zumindest in der Altsteinzeit in Europa, in der Eiszeit, konnten nicht nur von Pflanzen leben. Und insgesamt ist der Mensch durchaus auch ein Fischer gewesen, auch ein Muschelsammler, aber eben auch ein Jäger.
Das Nächste ist die schöpferische Initiative, die Tatkraft, das, was ich im Allgemeinen als Tatkraft und als sehr positive Art der Aggression dargestellt habe. Das heißt, es ist eine Gestaltung der Welt, es ist ein Sich-Einbringen, es ist ein Hervorbringen, das, was wir auch häufig an etwas herangehen - ich verändere etwas, ich schaffe etwas. Das ist etwas sehr Positives und hat ganz viel mit Selbstverwirklichung zu tun.
Dann gibt es die wirklich negative, die destruktive, die zerstörerische Kraft. Das ist das, was ich auch tatsächlich als das Negative gesehen habe. Ich fand es einfacher, das jetzt Freitag und Samstag erstmal in zwei einzuteilen, statt in drei. Aber tatsächlich ist diese Verteidigung und der Überlebenszweck genauso wie die schöpferische Kraft beides etwas, was grundsätzlich positiv ist, während das Überschießen, nämlich die Zerstörung, etwas Negatives ist.
Wir haben gestern schon gesehen, dass trotz alledem der Schutz des Lebens, die Bedrohung vitaler Interessen, in chronischen Stresssituationen in etwas Negatives umschießen kann - nämlich in eine überschießende Reaktion. Und dann sind wir bei dieser Dritten, bei der Destruktivität.
Wenn ich alles als Gefahr einschätze und mich immer krass verteidigen muss, weil ich es wirklich als gefährlich einschätze, dann kann das auch mal sein - übers Ziel hinausgehen, oder auf die Art und Weise, wie ich das dann tue, andere verletzen, ohne dass das nötig ist.
Und Erich Fromm hat das tatsächlich schon unterschieden und gesagt, dass die positiven Aspekte - also wenn ich meine Aggression positiv auslebe - dass das sehr häufig die negativen Seiten blockieren kann. Denn wenn ich positiv tatkräftig bin - und das finde ich eine schöne Perspektive, und ich möchte heute auch wieder eine echt schöne Perspektive drauf geben, nachdem gestern ja fast so ein bisschen destruktiv war, wenn man sich überlegt, was alles dazu führen kann, dass wir unseren Wächter anschalten und überanschalten.
Ja, das heißt… Es ist gut, wenn wir unsere Aktivität, unsere Tatkraft ausleben können. Wenn wir lernen, wann wir uns verteidigen müssen und wann nicht - und das gut unterscheiden können. Wenn wir also unsere Kinder wild und frei und tatkräftig sein lassen und uns selber wild und frei und tatkräftig sein lassen. Ja, das kann sehr, sehr gut helfen, um die destruktive Seite der Aggression gar nicht erst leben zu brauchen, dass die sich gar nicht ihren Weg suchen muss.
Fritz Perls: Die dentale Aggression - Kauen statt Schlucken
Es gibt eine Perspektive auf die Aggression von Fritz Perls, dem Begründer der Gestalttherapie, und die finde ich auch total spannend. Es gibt ja viele Menschen, die Kieferprobleme haben. Ich habe die hier in der Therapie auch schon ganz oft gesehen, und das hat in vielerlei Hinsicht - nicht immer, aber in vielerlei Hinsicht - auch eine psychosomatische Komponente, oder es kann eine psychosomatische Komponente haben. So kann ich das am besten sagen. Nichts ist nur psychosomatisch. Bitte versteht mich hier nicht falsch.
Diese psychosomatische Komponente ist… Das Kauen statt des reinen Schluckens. Das Kauen selbst sieht Fritz Perls als einen aggressiven Akt. Das Kauen ist aktiv, das beißt und zerbeißt die Nahrung. Und dieser aggressive Akt, das kann sich positiv auswirken, denn wir leben unsere Aggression, die wir ja eben haben, positiv aus, indem wir unsere Themen zerbeißen, bevor wir sie runterschlucken. Wir schlucken nicht einfach alles runter.
Das tun wir auch gerne mit Emotionen. Aber ganz oft hören wir: "Ja, das… das weiß ich nicht, das solltest du nicht, das gehört sich nicht." Und dann schlucken wir es halt, wenn wir es nicht zerbeißen sollen.
Ja, das ist etwas ganz Wichtiges. Ich hoffe, dass ich dich damit ein bisschen inspirieren kann - gerade wenn du vielleicht nachts viele Probleme mit Knirschen hast. Es ist nicht gesagt, dass es davon kommt, aber mal zu gucken, was es da so alles gibt, was man im Leben durchbeißen will und vielleicht nicht macht, kann an der Stelle helfen. Und ich finde das eigentlich echt eine schöne Sache.
Er sagt auch, dass wenn man eben die Aggression unterdrückt, wenn man dieses Zerkauen, dieses Beißen, diesen aktiven Akt unterdrückt, dass das ganz oft eben am Ende dann doch zur Aggression führen kann. Und dass man ja auch eine Grenze setzt mit den Beißerchen - bis hier und nicht weiter. Und auch das ist ein aktiver Akt, und das finde ich echt eine schöne Sache.
Hannah Arendt: Handeln als Wiedergeburt
Eine Perspektive auf die Aggression, auf das Handeln, hat auch Hannah Arendt, und ich mag es. Sie sieht es als eine Art Wiedergeburt. Jedes Mal, wenn man aufsteht, wenn man sich bewegt, wenn man die Tatkraft einsetzt, dann werden wir im Grunde wieder geboren. Also jedes Mal haben wir eine neue Chance, etwas zu tun und zu handeln. Und ja, ich mag das. Ich finde die Idee gut.
Man kann ihrer Meinung nach - und es kommt ja so aus ihrer Geschichte auch rund um die Politik, sie war ja auch eine Autorin, die sich mit politischen Themen philosophisch beschäftigt hat - und sie sagt, dass man aber auch durch dieses Handeln aktiv werden kann, also politisch aktiv werden kann, sozial wirksam werden kann. Und dass dann die Aggression die Kraft ist, aus dem Hamsterrad auszubrechen.
Es ist eigentlich die höchste Form der menschlichen Tätigkeit. Und statt dass wir nur produzieren und konsumieren, was ja eher eine - also ihrer Meinung nach - eine passive Tätigkeit ist, ist es, uns aktiv einzusetzen, eine aktive Tätigkeit. Und damit auch ein positives Herangehen an die Aggressivität.
Friedrich Nietzsche: Wille zur Macht als Selbstüberwindung
Einen letzten Philosophen, den ich dir hier mitgeben möchte, ist Friedrich Nietzsche und sein Thema, dass Wille zur Macht auch ein Stück Selbstüberwindung ist. Es geht dabei gar nicht um Herrschaft über andere bei ihm, sondern über die Überwindung der eigenen Statik - das Herauskommen aus der Faulheit, aus der Komfortzone, eher mit dem Thema "Werde, wer du bist!"
Also die tägliche Aggression gegen das Alte, was an… an Schichten auf uns draufgeklebt wurden. Und das finde ich eine schöne Geschichte. Hätte ich so von ihm gar nicht gesehen. Ja, mag ich die Perspektive.
Er sagt auch, dass der letzte Mensch keine Sehnsucht mehr hat danach, etwas zu tun, denn es gibt ja… Er sagt auch, der letzte Mensch hätte ja gar keine Sehnsucht mehr danach, etwas aktiv zu tun. Denn wofür? Wenn er doch der letzte Mensch ist, wofür sollte er dann etwas tun?
Es ist also aus der Hinsicht ein Aktivsein für die Gruppe, für die Gesellschaft. Und da sind wir zumindest in meiner Welt schon wieder ganz nah an der Altsteinzeit. Du weißt ja, wie sehr ich die Altsteinzeit liebe.
Insofern ist die Idee, dass wir diese Tatkraft nicht nur für das Überleben von uns selber haben - oder vielleicht gar nicht für das Überleben nur von uns selber, sondern für die Gruppe, für die Gemeinschaft, für die Zeit mit Menschen - finde ich eine unglaublich schöne Perspektive darauf.
Abschluss
Ich hoffe, ich konnte dir in den letzten Tagen eine sehr differenzierte Perspektive auf das Thema Aggression, auf das Thema Gewalt, auf das Thema Handeln und Tatkraft geben. Und langsam wird es kalt hier draußen, und ich mache mich auf den gemütlichen Rückweg und möchte das eigentlich ganz ohne Frage diesen Sonntag mit dir ausklingen lassen.
Ich wünsche dir einen wunderschönen Tag. Und wenn du Lust hast, die Bücher - wie das auch von Nietzsche, in dem er über dieses Thema spricht - sind alle in den Shownotes. Und ja, wenn du Lust hast, beschäftige dich selber nochmal tiefer damit. Ich werde es mit Sicherheit in den nächsten Wochen und Monaten tun.

Literaturverzeichnis

Erich Fromm - Defensive und schöpferische Aggression:
Fromm, E. (1973). The anatomy of human destructiveness. Holt, Rinehart and Winston.
Fromm, E. (1974). Anatomie der menschlichen Destruktivität (L. Walentini, Übers.). Deutsche Verlags-Anstalt. (Originalwerk veröffentlicht 1973)
Fromm, E. (1973). Aggression and freedom. Panarchy.org. Retrieved February 15, 2026, from https://www.panarchy.org/fromm/aggression.html
Auer, A. (1975). Erich Fromms „Anatomie der menschlichen Destruktivität". OPUS - Erich Fromm Dokumentationszentrum. Retrieved February 15, 2026, from https://opus4.kobv.de/opus4-Fromm/files/4632/AuerA1975.pdf
Fritz Perls - Dentale Aggression und Gestalttherapie:
Perls, F. S. (1969). Das Ich, der Hunger und die Aggression: Die Überwindung der Schüchternheit und der Scham. Klett-Cotta. (Originalwerk veröffentlicht 1944)
Blankertz, S., & Doubrawa, E. (2017). Aggression. In Lexikon der Gestalttherapie. GIK Press. Retrieved February 15, 2026, from http://www.gestalttherapie-lexikon.de/aggression.htm
Staemmler, F.-M. (2014). The origins of the concept of aggression in gestalt-therapy: Freud, Reich and others. British Gestalt Journal, 23(2), 15-27. https://doi.org/10.53841/bpggj.2014.23.2.15
Psych-Med. (n.d.). Gestalttherapie. Retrieved February 15, 2026, from https://psych-med.de/wiki/index.php?title=Gestalttherapie
Hannah Arendt - Natalität und Handeln:
Arendt, H. (1960). Vita activa oder Vom tätigen Leben. Piper.
Arendt, H. (1958). The human condition. University of Chicago Press.
Grunenberg, A. (2006). Das Politische bei Hannah Arendt. HannahArendt.net. Retrieved February 15, 2026, from https://www.hannaharendt.net/index.php/han/article/view/349/637
Philosophie Magazin. (2020). Hannah Arendt: Was ist die "Vita Activa"? EINFACH ERKLÄRT [Video]. YouTube. Retrieved February 15, 2026, from https://www.youtube.com/watch?v=6CmYf7TWyB8
Friedrich Nietzsche - Wille zur Macht:
Nietzsche, F. (1968). Also sprach Zarathustra. Reclam. (Originalwerk veröffentlicht 1883–1885)
Nietzsche, F. (1901). Der Wille zur Macht: Versuch einer Umwertung aller Werte. Kröner.
Gerhardt, V. (1996). Vom Willen zur Macht: Anthropologie und Metaphysik der Macht am exemplarischen Fall Friedrich Nietzsches. Walter de Gruyter.
Stegmaier, W. (2012). Kreativität und Determination: Studien zu Nietzsche, Freud und Adler. Vandenhoeck & Ruprecht. Retrieved February 15, 2026, from https://dokumen.pub/kreativitt-und-determination-studien-zu-nietzsche-freud-und-adler-9783666462078-3525462077-9783525462072.html
Joachim Bauer - Neurobiologische Perspektive:
Bauer, J. (2011). Schmerzgrenze: Vom Ursprung alltäglicher und globaler Gewalt. Blessing Verlag.
Bauer, J. (2011). Neurobiologische und soziale Kontexte von Aggression und Gewalt. SBT-in-Berlin. Retrieved February 15, 2026, from https://sbt-in-berlin.de/cip-medien/05.Bauer_.pdf
Der perfekte Ratgeber. (n.d.). Joachim Bauer - Schmerzgrenze (Zusammenfassung). Retrieved February 15, 2026, from https://www.derperfekteratgeber.de/joachim-bauer-schmerzgrenze/

Disclaimer

Dieser Podcast ist ein virtueller Spaziergang und dient ausschließlich der Information und Inspiration. Die Inhalte stellen keine Psychotherapie, kein Coaching und keine professionelle Beratung dar und ersetzen diese auch nicht. Alle hier formulierten Aussagen sind wissenschaftlich recherchiert. Die entsprechenden Referenzen und Quellen findest du im Literaturverzeichnis dieser Folge. Ich übernehme keine Verantwortung für die Richtigkeit der wissenschaftlichen Aussagen oder deren Anwendung. Die Inhalte dieses Podcasts sind nicht als Anleitung zu verstehen, etwas Bestimmtes zu tun, sondern dienen rein der Inspiration und Anregung zum Nachdenken. Bei gesundheitlichen oder psychischen Problemen wende dich bitte an entsprechende Fachkräfte oder Beratungsstellen.

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Walk & Talk mit IdaBy Ida Hameete