Antonio Gramscis Gefängnishefte und der Kampf um Hegemonie
Antonio Gramsci (1891–1937), italienischer Marxist, Mitbegründer der Kommunistischen Partei Italiens und einer der einflussreichsten politischen Theoretiker des 20. Jahrhunderts, schrieb seine Gefängnishefte (Quaderni del carcere) zwischen 1929 und 1935 unter den extrem schwierigen Bedingungen der faschistischen Haft Mussolinis. Die insgesamt 33 Hefte mit über 3000 Seiten wurden erst nach dem Zweiten Weltkrieg veröffentlicht und bilden bis heute die Grundlage einer eigenständigen, nicht-orthodox-marxistischen Theorie der Gesellschaft und der Revolution im Westen.
Der zentrale Begriff, mit dem Gramsci die politische und gesellschaftliche Machtanalyse revolutioniert hat, ist die Hegemonie. Während Lenin und die klassische marxistische Tradition den Staat primär als Instrument der offenen Gewalt („Diktatur des Proletariats“ bzw. der Bourgeoisie) verstanden, unterscheidet Gramsci scharf zwischen Herrschaft (dominio/coercizione) und Hegemonie (direzione/egemonia). Herrschaft bedeutet die direkte Repression durch Polizei, Gerichte und Armee – das, was Gramsci den „Staatsapparat im engeren Sinne“ nennt. Hegemonie hingegen ist die intellektuelle und moralische Führung einer Klasse, die es ihr erlaubt, ihre besonderen Interessen als allgemeine Interessen der gesamten Gesellschaft darzustellen und damit die Zustimmung (consenso) der beherrschten Klassen zu gewinnen.
Diese ideologische und kulturelle Vorherrschaft wird nicht primär durch den Staat, sondern durch die Zivilgesellschaft ausgeübt: Schulen, Universitäten, Kirchen, Presse, Literatur, Vereine, Gewerkschaften – das, was Gramsci die „hegemonialen Apparate“ oder „privaten“ Organisationen der Hegemonie nennt. Im kapitalistischen Westen mit seiner entwickelten Zivilgesellschaft kann die Bourgeoisie daher weitgehend ohne permanente offene Gewalt herrschen, weil sie die „common sense“-Vorstellungen der Massen prägt.
Gramsci überträgt das militärische Bild des Stellungskriegs (guerra di posizione) auf die Politik. Während im zaristischen Russland ein frontaler Angriff auf den schwach entwickelten Staat („Sturm auf den Winterpalast“ – guerra di manovra) möglich war, erfordert der Westen einen langen, zermürbenden Kampf in den Gräben der Zivilgesellschaft: die Schaffung einer Gegenhegemonie. Das Proletariat (bzw. die von ihm geführten subalternen Klassen) muss eine eigene intellektuelle und moralische Führung entwickeln, neue Werte, neue Kulturformen und ein neues Verständnis von Welt (eine „philosophische Revolution“) durchsetzen, bevor die Eroberung der politischen Macht dauerhaft möglich ist.
Besonders wichtig ist dabei die Rolle der organischen Intellektuellen. Jede Klasse erzeugt ihre eigenen Intellektuellen, die organisch mit ihr verbunden sind. Die traditionellen Intellektuellen (Professoren, Priester, Journalisten usw.) neigen dazu, die alte Hegemonie zu verteidigen. Die revolutionäre Partei muss daher eine neue Schicht organischer Intellektueller heranbilden, die fähig sind, die Erfahrungen und Interessen der Arbeiterklasse theoretisch zu verallgemeinern und in eine kohärente Weltanschauung umzusetzen.
Die Gefängnishefte enden mit der berühmten Formel:
„Pessimismus des Verstandes, Optimismus des Willens.“
Trotz der Niederlage des italienischen Proletariats und seiner eigenen physischen Zerstörung bleibt Gramsci davon überzeugt, dass der langfristige Kampf um kulturelle Hegemonie die Voraussetzung für eine echte sozialistische Umwälzung im Westen ist.
Gramsci hat damit nicht nur die marxistische Staatstheorie grundlegend erneuert, sondern auch die Grundlage für spätere Ansätze der Kultur- und Ideologiekritik (Frankfurter Schule, Stuart Hall, Cultural Studies) sowie für die Strategie vieler linker Bewegungen nach 1945 gelegt – von Eurokommunismus bis hin zu Teilen der heutigen Identitätspolitik. Sein Begriff der Hegemonie bleibt ein unverzichtbares Werkzeug, um zu verstehen, warum Revolutionen im Westen so selten sind und warum der Kampf um Köpfe und Herzen oft entscheidender ist als der um Parlamente und Fabriken.