Die Vision von Staat und Gesellschaft des Deutschen Soziologen Hans Freyer.
Fast hundert Jahre nach seinem Erscheinen strahlt Hans Freyer Der Staat eine selten gewordene intellektuelle Kraft und Schönheit aus. Das schmale Buch aus dem Jahr 1925 (bereits 1926 in zweiter Auflage) ist nicht nur eines der bedeutendsten Werke der klassischen deutschen Soziologie, sondern zugleich ein philosophisches Kunstwerk von bleibendem Rang.
Freyer unternimmt hier etwas höchst Seltenes: Er denkt den Staat nicht von seinen Funktionen, Institutionen oder seiner Geschichte her, sondern aus der tiefsten Frage nach dem Sinn der Kultur überhaupt. In drei großen, streng symmetrisch gebauten Teilen entfaltet er eine Philosophie der Geschichte, die zugleich eine Philosophie des Geistes und der Politik ist. Der doppelte Bogen – vom Geist zum Staat und vom Staat zurück zum Geist – ist von einer architektonischen Klarheit und Kühnheit, wie man sie sonst nur bei Hegel oder Schelling findet.
Was das Buch so stark macht, ist die Grundüberzeugung, dass der Mensch nicht einfach „lebt“, sondern dass echtes Menschsein erst beginnt, wo das Leben sich besinnt, sich objektiviert und sich in großen geschichtlichen Formen Gestalt gibt. Mythos, Sprache, Kunst, Wissenschaft, Recht und schließlich der Staat sind für Freyer keine beliebigen „Kulturleistungen“, sondern notwendige Stationen, in denen der Geist sich selbst findet und zugleich überwindet. Der Staat ist dabei die höchste, die „politische Wendung“ dieses Prozesses: Hier wird ein Volk nicht nur verwaltet oder regiert – hier setzt es sich als geschichtliches Ganzes, als sinnhaftes Subjekt.
Besonders beeindruckend ist die Sprache. Freyer schreibt nicht abstrakt-begrifflich, sondern dicht, bildhaft, fast hymnisch. Die berühmte metaphysische Einleitung „Vom Sinn der Kultur“ gehört zum Schönsten, was die deutsche Prosa des 20. Jahrhunderts hervorgebracht hat. Wer diese Seiten liest – die Meditation über Leben, Welt, Entwicklung, Schicksal und das Wunder der „theoretischen Wendung“ –, versteht sofort, warum Freyer einst als der „deutsche Heidegger der Soziologie“ galt. Seine Sätze haben Rhythmus, Tiefe und eine seltene suggestive Kraft.
Gleichzeitig ist das Buch ein großes Plädoyer für Gemeinschaft, Entscheidung und Form. In einer Zeit, in der viele nur noch das Private, das Materielle oder das bloß Technische sehen, erinnert Freyer daran, dass der Mensch nur in großen, sinnstiftenden Ganzheiten zu sich selbst kommt. Der Staat ist für ihn nicht Bürokratie oder Zwang, sondern die höchste Möglichkeit, dass ein Volk sich selbst will, sich selbst erkennt und sich selbst gestaltet. Das ist eine starke, ermutigende, ja erhebende Botschaft – besonders in Zeiten der Orientierungslosigkeit.
Natürlich ist Freyers Denken zeitgebunden und radikal anti-liberal, anti-individualistisch, anti-parlamentarisch. Wer das heute liest, wird spüren, dass hier eine andere Welt spricht. Aber gerade deshalb lohnt die Lektüre: Weil sie uns zwingt, über die Grundlagen unseres eigenen politischen und kulturellen Selbstverständnisses nachzudenken. Freyer zeigt, dass Politik mehr sein kann als Verwaltung und Interessenausgleich – dass sie Sinnstiftung, Schöpfung und geschichtliche Tat sein kann.
Der Staat ist ein Buch für Leser, die denken können und denken wollen. Es ist schwierig, dicht, manchmal fast esoterisch – aber es belohnt jede Anstrengung. Wer sich auf diese 200 Seiten einlässt, wird mit einer der kraftvollsten Visionen beschenkt, die das 20. Jahrhundert über das Wesen von Gemeinschaft, Geist und Politik hervorgebracht hat. Ein Klassiker, der nichts von seiner Wucht und Schönheit verloren hat – und der gerade heute wieder entdeckt zu werden verdient.