Metapolitik und Kulturkampf

HG Stoker Kampf um die Ordnungen


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Hendrik Gerhardus Stoker (1899–1993) gilt als einer der bedeutendsten südafrikanischen Philosophen des 20. Jahrhunderts. Als Begründer der reformatorischen Philosophie (auch Philosophie der Schöpfungsidee oder calvinistische Philosophie) in Südafrika hat er entscheidend zur Ausbildung einer eigenständigen afrikaansen philosophischen Tradition beigetragen. Sein 1941 erschienenes Buch Stryd om die Ordes (deutsch: „Der Kampf um die Ordnungen“) zählt zu seinen einflussreichsten und zugleich umstrittensten Werken. Es handelt sich nicht um eine rein akademische Abhandlung, sondern um einen polemischen und programmatischen Text, der in einer Zeit weltweiter ideologischer Auseinandersetzungen eine christlich-philosophische Deutung von Gesellschaft, Staat und Kultur entwickelt. Historischer und geistesgeschichtlicher Kontext Das Buch entstand 1941, mitten im Zweiten Weltkrieg und kurz nach der Hochphase der Ossewa-Brandwag-Bewegung in Südafrika. Stoker steht deutlich in der Tradition der niederländischen calvinistischen Denker Abraham Kuyper und Herman Dooyeweerd, insbesondere in der Lehre von der „Souveränität in eigener Sphäre“ (souvereiniteit in eie kring). Gleichzeitig reagiert er auf die totalitären Ideologien seiner Zeit: Nationalsozialismus, Faschismus und Kommunismus. Diese Systeme sieht er als konsequente Auswüchse eines humanistischen Weltbildes, das die Schöpfungsordnungen verabsolutiert und damit die Souveränität Gottes angreift. Der Titel „Der Kampf um die Ordnungen“ bringt das zentrale Anliegen auf den Punkt: Es tobt ein kosmischer und geschichtlicher Kampf um das rechte Verständnis und die rechte Gestaltung der verschiedenen von Gott geschaffenen Lebenssphären. Dieser Kampf ist primär nicht militärisch oder politisch, sondern philosophisch-religiös. Die zentrale These: Schöpfungsordnungen und Sündenfall Stoker unterscheidet verschiedene „Ordnungen“ oder Lebenssphären, die jeweils eine eigene, von Gott gegebene Struktur und Normen besitzen:
  • Staat
  • Kirche
  • Ehe und Familie
  • Wirtschaft
  • Kunst
  • Wissenschaft usw.
Diese Sphären sind nicht hierarchisch geordnet, sondern stehen gleichberechtigt nebeneinander – alle jedoch unter der alleinigen Souveränität Gottes. Jede Sphäre hat ihren eigenen „Gesetzeskreis“ und darf weder von einer anderen Sphäre vereinnahmt noch selbst verabsolutiert werden. Wenn etwa der Staat totale Herrschaft über alle anderen Bereiche anstrebt, entsteht Totalitarismus. Die tiefste Ursache solcher Übergriffe sieht Stoker in der Sünde: Der Mensch will selbst souverän sein und Gottes Platz einnehmen. Hier folgt er der reformatorischen Einsicht, dass Religion die tiefste Triebkraft alles menschlichen Handelns ist. Jede Weltanschauung ist letztlich religiös geprägt – auch das vermeintlich „neutrale“ Liberalismus oder Humanismus. Der Kampf um die Ordnungen ist daher im Kern ein Kampf zwischen christlicher und antichristlicher Religion. Kritik an Totalitarismus und Liberalismus Stoker übt scharfe Kritik am nationalsozialistischen Staat, den er als das deutlichste Beispiel einer verabsolutierten Staatsordnung betrachtet. Die Rassenlehre verwirft er als Götzendienst von Blut und Boden. Ebenso kritisch steht er jedoch dem westlichen demokratischen Liberalismus gegenüber, der das Individuum verabsolutiert und dadurch organische Gemeinschaftsstrukturen wie Volk und Familie untergräbt. Problematisch bleibt jedoch seine Verwendung der Begriffe „Volk“ und „Volkseigenes“, die später in der Apartheid-Theologie missbraucht wurden. Wirkung und Nachwirkung Der Kampf um die Ordnungen hatte großen Einfluss auf die afrikaanse intellektuelle Welt, besonders an der Potchefstroom-Universität für Christliches Höheres Bildungswesen (heute Teil der Nordwest-Universität). Denker wie J. D. Vorster, H. J. Strauss und später Ponti Venter bauten darauf auf. Das Werk lieferte in den 1940er- und 1950er-Jahren auch eine (wenn auch indirekte) philosophisch-theologische Grundlage für die Idee der „getrennten Entwicklung“ (Apartheid), obwohl Stoker selbst nie ein ausdrücklicher Apartheid-Befürworter war und später sogar Kritik daran übte. Heute wird das Buch ambivalent bewertet:
  • Positiv wird die Analyse totalitärer Tendenzen und das Plädoyer für Sphärensouveränität geschätzt – gerade in einer Zeit, in der der Staat wieder verstärkt in Familie, Schule und Kirche eingreift.
  • Kritisch gesehen wird hingegen die teilweise essentialistische Volks-Theologie und die unbeabsichtigte ideologische Anschlussfähigkeit für rassistische Trennungskonzepte.
Schluss Der Kampf um die Ordnungen bleibt ein zentrales Dokument in der Geschichte der afrikaansen Philosophie und des calvinistischen politischen Denkens. Es ist ein Werk, das gleichzeitig visionär und zeitgebunden ist: visionär in seiner Diagnose der totalitären Versuchung des modernen Staates, zeitgebunden in seiner Reaktion auf die Krise der 1930er- und 1940er-Jahre. Wer die reformatorische Tradition verstehen will – sei es zur Wertschätzung oder zur kritischen Auseinandersetzung –, kommt an Stoker nicht vorbei. Das Buch erinnert uns eindrücklich daran, dass alle politischen Ordnungen letztlich in tieferen religiösen Überzeugungen wurzeln und dass der Kampf um die rechte Ordnung der Gesellschaft niemals rein technisch oder neutral sein kann.
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Metapolitik und KulturkampfBy Metapolitik Gedanken