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Wie einige meiner Kolleg:innen hier bei Forum formerly known as Piqd möchte auch ich mich aus dem Picker-Dasein mit einem letzten Post verabschieden, der allen Lesenden die Gelegenheit gibt, meine redaktionelle Arbeit bei Bedarf auf anderen Kanälen weiter zu verfolgen.
In meinem Fall ist dies vor allem der Podcast LÄUFT, in dem ich zweiwöchentlich Medienthemen mit Interviewgästen aufgreife, aber auch ähnlich wie hier aktuelle Produktionen kritisch kuratiere. Gerade ist zum Jahresende eine zweiteilige Storytelling-Miniserie erschienen, die ich euch ans Herz legen möchte.
Darin geht es um die Geschichte eine Recherche, die vor 20 Jahren die Medienwelt erschütterte: Der Medienjournalist Volker Lilienthal fand heraus, dass in der ARD-Vorabendsoap Marienhof systematisch Produkte und Lobbybotschaften gegen Geld ins Drehbuch geschrieben wurden. Als er kurz davor war, seine Erkenntnisse zu veröffentlichen, verklagte ihn die Schleichwerbeagentur und machte ihn auf diese Art gut anderthalb Jahre mundtot. Wie sich das Blatt dann doch noch wendete, welche dreisten Platzierungen Lilienthal im Marienhof entdeckte und was danach passierte erfahrt ihr im Podcast. Es ist ein echter Journalismus-Krimi, der angesichts der heute total üblichen SLAPP-Klagen immer noch viel Aktualität besitzt.
Ich freue mich, wenn ihr reinhört und möchte mich an dieser Stelle noch einmal beim ganzen Team von Forum für die jahrelange besondere Arbeit auf dieser Plattform bedanken. Möge gute Kuration im Netz nicht untergehen!
Eine Band Blond zu nennen, ist ja schon mal ein Statement gegen die Komplexität unserer Zeit. Wer sich wie das Trashpop-Trio aus Chemnitz Blond nennt, will die Welt vermutlich nicht erklären, sondern ein bisschen unterhaltsamer machen. Damit hat es mittlerweile sogar richtig Erfolg. Mehr jedenfalls als mit seinem Podcast, der alles erklären will, nichts wirklich erklärbarer macht, dabei aber grenzenlos unterhaltsam ist.
In der mittlerweile, kein Scherz, 211. Folge von Da muss man dabei gewesen sein geht es zum Beispiel um, tja, also irgendwas mit Meer, Wassser, fischähnlichen Säugetieren wie Delfine, genauer: Delfine ohne Füße und Hände, also Neunaugen, die allerlei merkwürdiges Zeugs machen, worüber Nina und Lotta Kummer (ohne ihren Keyboarder Johann) eine halbe Stunde miteinander reden.
Wobei, miteinander... Eigentlich reden die zwei Schwestern zusammen getrennt durcheinander, sondern dabei Sätze wie "ein Säugetier ohne Hände, das ist peinlich" ab, gaukeln uns in keiner Sekunde mehr Bedeutung vor, als Episodentitel wie Hautschuppen-Kleinkind oder Brombeerbusch-Bestie suggerieren, und sind genau deshalb Montag für Montag absolut fantastisches Entertainment für zwischendurch.
Mitfühlend, idealistisch, fantasievoll und visionär, sensibel? Na klar, das bin doch ich! Zumindest, wenn ich meinem Myers-Briggs-Testergebnis INFJ glaube.
ISFP, ENTP oder doch ESFJ? Wer diese merkwürdigen Buchstabenkombinationen in Dating-Profilen oder auf Lebensläufen sieht, weiß, dass das Gegenüber einen Myers-Briggs-Persönlichkeitstest gemacht hat. In meiner Bubble war das vor etwa zehn Jahren der letzte Schrei, zumindest bis die kostenlosen Onlinefragebögen bei denselben Menschen immer wieder unterschiedliche Resultate erbrachten.
So ganz wissenschaftlich scheint das Prinzip "Es gibt genau 16 Persönlichkeitstypen und jede*r von uns entspricht genau einem davon" dann wohl doch nicht zu sein?
Michael Hobbes und Aubrey Gordon debunken in ihrem viel gelobten Podcast "Maintenance Phase" normalerweise Diäten und Wellnesstipps, in dieser Folge nehmen sie sich nicht nur der Geschichte des Myers-Briggs-Tests an, sondern auch alle anderen Arten von Persönlichkeitstests unter die Lupe.
Das Problem liegt auf der Hand: Die Ergebnisse beruhen auf subjektiven, weil selbst berichteten Daten.
Du bist sehr selbstkritisch. In dir steckt noch sehr viel ungenutztes Potenzial. Du hast das Bedürfnis danach, von anderen Menschen gemocht und bewundert zu werden. Du bist ein*e unabhängige*r Denker*in und verlässt dich nur auf Fakten, die bewiesen werden können.
"Klingt total nach mir!" - dachten sich auch die Student*innen von Betram Forer, einem Psychologen, nachdem 1949 der Forer Effekt benannt wurde. Er gab seinen Student*innen einen Persönlichkeitsfragebogen und wertete eine Woche später die Ergebnisse aus - auf einer Skala von 1 bis 5 fanden die Student*innen ihre Persönlichkeit mit 4.3 ziemlich akkurat repräsentiert. Dumm nur: sie alle hatten dieselben Antworten erhalten. Und diese stammten aus einem Astrologiemagazin vom Kiosk. Der Forer Effekt besagt: Je schmeichelhafter die Ergebnisse sind, die so ein Test ergibt, für umso akkurater halten wir sie.
Deswegen glauben wir einem Horoskop, das Großes für uns bereithält, oder uns sagt, dass wir uns Mittwoch lieber schonen sollten, weil wir so hart gearbeitet haben, auch so besonders gerne.
Die Geschichte des bis heute in Firmen-Assessment und Datingapps genutzten Myers-Briggs-Tests ist ähnlich hanebüchen und wird in dieser Maintenance Phase Folge genüsslich zerpflückt. Nicht nur für introvertierte Skeptiker*innen mit Mondphase im Wassermann hörenswert.
Vor der Wahl des britischen Unterhauses im Juli wurde ordentlich Bilanz gezogen und der Vorgänger-Regierung ein vernichtendes Zeugnis ausgestellt. Keir Starmer, der Labour-Chef und seit dem 5. Juli 2024 der neue Premier-Minister Großbritanniens, versprach neben zahlreichen Reformen einen neuen Politikstil. Er gewann die Wahl unterm Strich damit, dass er vieles anders machen wollte als die konservativen Tories.
Viele Wähler:innen erwarteten, dass dieses Versprechen eine solidere Unterstützung der von Armut Betroffenen, ein Ende der undurchsichtigen Spendenflüsse und eine grundlegende Reform der sozialen Sicherungssysteme beinhalten würde. Doch zumindest bei den ersten beiden Punkten dieser Liste scheinen die Erwartungen bereits enttäuscht zu werden. Der Heizkostenzuschuss für bedürftige Rentner:innen wird gestrichen und sowohl das Ehepaar Starmer als auch die Vize-Vorsitzende der Labour-Partei und Ministerin für Wohnungsbau, Angela Rayner, fallen dadurch auf, dass sie seit 2019 luxuriöse Geschenke von großzügigen Spendern angenommen haben.
Die Finanzministerin Rachel Reeves sagt, sie habe ein 25 Milliarden großes Loch im Haushalt gefunden. Damit begründet Keir Starmer nun zahlreiche Einschnitte für Menschen, die auf den Sozialstaat angewiesen sind. So will er beispielsweise Leute, die sich soziale Leistungen erschleichen, härter sanktionieren. Doch auf der anderen Seite soll das britische Königshaus 45 Millionen Pfund mehr von den Steuerzahlern erhalten.
Immerhin hat er den streikenden Jungärzten Angebote gemacht, sodass sie ihren Protest (vorerst) niederlegten. Und auch die rassistischen Unruhen nach dem Mord an drei kleinen Mädchen in Nordengland Anfang August konnte er relativ schnell beruhigen – auch wenn im Nachgang 1000 Häftlinge aus den privatisierten Gefängnissen entlassen werden mussten, weil die Gefängnisse völlig überfüllt waren. Über die Privatisierung von Gefängnissen wird in UK bereits seit Jahren heftig diskutiert.
Heute will Starmer auf dem Labour-Parteitag eine Rede halten. Viele erwarten weitere Ankündigungen von Sparmaßnahmen. Solange sich jedoch die Parteispendenkultur nicht ändert und der Staatshaushalt Prioritäten im Sinne der Privilegierten setzt, dürfte sich der Eindruck der Bevölkerung weiter erhärten: "Politiker sind alle gleich" und "Es ist egal, wen ich wähle: Es ändert sich nichts." Ein neuer Politikstil geht anders.
Auch wenn der Eindruck in dieser Pauschalität nicht stimmt – das Gefühl der Ernüchterung droht den Blick zu trüben für die Ideen, die tatsächlich im Kontrast zur Politik der Vorgänger-Regierung stehen.
Dieses kurze Hörstück gibt einen kompakten Überblick zu den Diskussionen über die Labour-Regierung.
Ich hadere ein wenig mit dieser Empfehlung: Einerseits finde ich die Frage, warum die vielen aktuellen Aufstände in aller Welt so selten einen Wandel zum Bessern bewirkt haben, spannend, aber es gibt doch etliche Punkte, denen ich widerspreche. Vielleicht ist das jedoch gut für eine Diskussion.
Es geht in diesem gut 20minütigen Radiofeature um das Buch "If we burn" des US-Journalisten Vincent Bevens. Dieses untersucht Gemeinsamkeiten der Aufstände in Brasilien, Tunesien, Ägypten, den USA, Chile und Südkorea, von denen Bevens einige aus der Nähe miterlebt hat. Was also verbindet sie? Und warum sind sie letztlich gescheitert?
Folgende zwei Punkte des Features will ich nicht unkommentiert stehen lassen: Erstens die Behauptung, dass es eine Entwicklung von sozialen Revolutionen (1789 in Frankreich und 1918 in Russland) hin zu bürgerschaftlichen urbanen Revolutionen gegeben habe. Klingt als These gut, ist aber merkwürdig, schließlich fand die Revolution von 1789 nicht irgendwo auf dem Land, sondern mitten in Paris statt und wird allgemein als bürgerliche Revolution charakterisiert (der dritte Stand, also die Bauern, profitierte nicht davon). Und was die russische Revolution angeht: Auch sie fand mitten in der damaligen Hauptstadt Sankt Petersburg statt – war also urban. Zwar ging es dort 1917 auch um sozialen Fragen (Hunger), aber das war 2011 in Tunesien kaum anders, wo sich der Gemüsehändler Mohamed Bouazizi, der die Revolution in Gang setzte, bekanntermaßen fernab des (urbanen) Tunis selbst verbrannte.
Und zweitens halte ich die Behauptung, dass vor allem mangelnde Repräsentation zu den aktuellen Massenprotesten führt, allenfalls für die halbe Wahrheit. Entscheidender dürfte sein, dass autoritäre Staaten, wo die vehementesten Aufstände stattfinden, über keine internen Mechanismen verfügen, um Konflikte friedlich beizulegen. Fraglich ist auch, ob man Aufstand, Protest und Revolte einfach so in einen Topf werfen sollte.
Gleichwohl ist der Beitrag von Uli Hufen und Kathrin Kühn hörenswert, weil er einen darüber nachdenken lässt, warum so viele Aufstände trotz allem anfänglichen Optimismus letztlich ihre Ziele nicht erreichen. Sicher nicht falsch ist die Beobachtung, dass viele Proteste von Gruppen gekapert werden, die ganz andere Ziele haben als die ursprünglichen Demonstranten. Mal sehen, wie sich die Vergleichende Revolutionsforschung weiterentwickeln wird.
Nostalgie ist ein leicht cringes, aber sehr natürliches, ziemlich wärmendes, am Ende also eher schönes Gefühl. Und weil es abgesehen von Fotos und Musik von wenig leichter hervorgerufen wird als Film und Fernsehen, machen zwei Hamburger einen Podcast, der dabei hilft: Popkultur Plusquamperfekt. In der vollendeten Vergangenheitsform unterhalten sich Philipp Klein und Florian Westphal übers audiovisuelle Unterhaltungsangebot der Generationen X/Y.
Die neue Folge, Nr. 22 bereits, handelt von der Kindersendung Löwenzahn aka. Pusteblume, Peter Lustig, Bauwagen, legendär bis heute. Wenn das Duo über die Endlosserie der Achtziger plaudert, geht es aber nicht nur um das Format an sich, sondern Kinderfernsehen im Allgemeinen, die Gesellschaft ringsum und vor allem: mit welchen Augen man Entertainment vergangener Epochen heute sieht.
Das haben sie bislang bereits mit Baywatch oder Benjamin Blümchen, Dirty Dancing oder Prince von Bel-Air, Full House oder Alf, TKKG oder Die ??? (also auch Hörspielen) gemacht, und oft entstehen beim Hören abseits vom wohligen Gefühl der Nostalgie Aha-Momente und Erkenntnisprozesse. Auch wenn die rund zweistündigen Gespräche manchmal ein wenig unstrukturiert wirken: mehr kann ein Podcast kaum wollen.
Heute ein Podcast, eine Neuentdeckung von mir: Der (neun Jahre alte) US-Podcast Acquired behandelt in Deep Dives die Geschichten hinter großen Unternehmen oder Marken. Besonders spannend war die dreistündige Folge über Renaissance Technologies, das in der Masse kaum bekannte Unternehmen des genialen Mathematikers James „Jim“ Simons (der im Mai gestorben ist).
Kurzfassung: Der Medallion-Fund des Unternehmens wird von einem nicht im Detail bekannten Computersystem unterstützt, das gigantische Datenmengen live auswertet. Diese „geheime Soße“ hat den Fund zur Legende gemacht, erfolgreich wie vermutlich kein anderer. Astronomisch hohe zweistellige Renditen und das über Jahrzehnte – Medallion ist so etwas wie der Königsfonds der Wall Street. Investieren dürfen seit Jahren leider nur noch Mitarbeiter (Kritik am Fonds übrigens hier bei Gerd Kommer). Das Besondere: Renaissance ist keine der üblichen Wall-Street-Buden, sondern eine Art Geldmaschinen-Uni, mit einer sehr eigenen Kultur, bestückt mit Top-PhDs aus verschiedensten Naturwissenschaften. Sie verfeinern das Computermodell immer weiter und schlagen so den Markt regelmäßig.
Die Folge ist ein schönes Beispiel für das Acquired-Rezept. Die beiden Hosts Ben Gilbert and David Rosenthal sind auf ihre Weise brillant, sie haben die Themen intensiv recherchiert und sprechen, wenn es sein muss, stundenlang über das jeweilige Unternehmen, von Nvidia bis Porsche (Acquired ist ein bisschen wie eine Wirtschaftsnerd-Variante des Super-Podcasts „Hardcore History“). Ihr Enthusiasmus reißt mit, es ist manchmal etwas zu viel Begeisterung und zu wenig Kritik, aber die kann man ja notfalls woanders nachlesen, wir haben ja alle Internet.
Acquired – mein Tipp für lange Autofahrten.
Very demure, very mindful - schon bevor dieser (zum Glück satirische) Tiktok-Trend losging, liess sich beobachten, wie Frauen ins Internet säuseln. Oft sind es Trad Wives in gestärkten Leinenkleidchen, die für ihre Kinder in teuren Küchen hingebungsvoll Mozzarella selbst käsen und dabei gleichzeitig Sauerteigfoccaccia "from scratch" backen.
Dass das alles in Echt nicht halb so romantisch ist, wie es auf Instagram und Tiktok aussieht, kann man sich natürlich schon denken. Doch in diesem Podcastinterview mit dem ehemaligen Trad Wife Tia Levings, Autorin von "A Well-Trained Wife: My Escape from Christian Patriarchy" zeigt sich, wie weit der Missbrauch wirklich gehen kann. Neben finanziellem, körperlichem und emotionalem Missbrauch geht es auch um die Art und Weise, wie man als brave Christin zu sprechen hat: säuselig, kindlich und submissiv.
Eine Sprachtrainerin und Theaterprofessorin beschreibt die "Fundie Baby Voice" in der Huffington Post so:
I would describe ‘fundie baby voice’ as a woman’s voice that is higher than average in both pitch and breathiness […] While the average woman’s voice is higher-pitched than the average man’s due to a combination of anatomical and social factors, some women who speak this way seem to be intentionally placing their voices higher than their natural pitch range in order to convey submission to male authority and childlike innocence.
Tia Levings erklärt im (auch sonst sehr empfehlenswerten) Culture Study Podcast, wie sie von älteren weiblichen Kirchenmitgliedern dazu gebracht wurde, sich diese kindlich-säuselige Sprache anzutrainieren - und wie auch dieser Tonfall dazu beiträgt, dass es zu noch mehr Missbrauch kommt:
Vocal training and forced modulation in Christian fundamentalism is more than “fundie baby voice.” It’s the denial of our voices, the suppression of our natural sound and range of emotion, and the terms used to train us are reflective of the agenda and abusive system we were in. They want us to sound like sexualized children.
Wer einmal anfängt, darauf zu achten, hört die Fundie Baby Voice auf einmal überall. (Nicht) gern geschehen.
Frankreich. Italien. Großbritannien. USA.
Alles Länder mit einer langen demokratischen Tradition. Oder zumindest so lange, dass man annehmen könnte, sie seien gegen Populismus gewappnet. Gegen antidemokratische Akteure, die nicht nur ihr demokratisches Fundament, sondern auch ein gemeinsames Europa angreifen.
Aber das Gegenteil ist der Fall: In Frankreich hat sich die linke Neue Volksfront nur mit Mühe gegen den rechtsextremen Rassemblement National durchgesetzt. Großbritannien leidet unter den Folgen des Brexit, der der populistischen Stimmungsmache von Boris Johnson und Co. geschuldet ist. In Italien regiert die postfaschistische Giorgia Meloni. Und in den USA stellt die im November anstehende Präsidentschaftswahl die Demokratie auf eine Zerreißprobe.
Auch in Deutschland schauen viele mit Sorge auf die anstehenden Landtagswahlen in Ostdeutschland. Wie sind antidemokratische Kräfte so eine große Gefahr für ausgerechnet die Länder geworden, die sich mit demokratischen Werten rühmen? Dieser Frage nimmt sich die Politikwissenschaftlerin Catherine Fieschi in ihrem Buch "Populocracy" an. Im Podcast "Democracy in Question" spricht sie mit der Sozialanthropologin Shalini Randeria, die auch Rektorin des Instituts für die Wissenschaften vom Menschen (IWM) ist.
Wie der Politikwissenschaftler Aiko Wagner definiert Fieschi Populismus als eine politische Strategie, die eine Kluft zwischen einer angeblich korrupten Elite und dem "wahren" Volk erzeugt. Laut Fieschi spielen Populist*innen diese Strategie mit zwei Karten: Authentizität, und Unmittelbarkeit (immediacy). Dass Trumps Beliebtheit auch von seinem Rowdytum rührt, ist schon eine Weile kein Geheimnis mehr. Doch Fieschi bringt seine Strategie im Podcast um 09:45 Minuten auf den Punkt:
Hörenswert ist der Podcast auch, weil Fieschi die populistische Figur in Bezug auf Gender untersucht: Kann jede*r ein bombastischer Populist wie Trump sein? Und welche Strategie fahren weibliche Populistinnen wie Meloni? Fieschi erklärt, wie Populist*innen es gelingt, die Stärke der liberalen Demokratien - die Toleranz gegenüber der Opposition - gegen sie zu verwenden. Eine Taktik, die sie Jiu-Jitsu-Politik nennt. Und sie verdeutlicht, wie soziale und digitale Medien die stärksten Karten eines Populisten - Authentizität und Unmittelbarkeit - stützen.
Fieschis Buch ist bereits um die fünf Jahre alt. Seitdem hat in Frankreich hat ein linkes Bündnis die Wahl gewonnen. In Großbritannien regiert das erste Mal seit 14 Jahren eine sozialdemokratische Regierung. Und die österreichische Stadt Graz hat seit Oktober 2021 eine kommunistische Bürgermeisterin.
Trotzdem ist rechter Populismus immer noch die größte Bedrohung liberaler Demokratien in Europa und den USA (auch wenn Populismus nicht ausschließlich ein Phänomen der politischen Rechten ist). Fieschi zeigt die Schwächen der Demokratie, und wie Populist*innen sie ausnutzen, um die Stimmen jener Menschen zu gewinnen, die die Demokratie enttäuscht hat.
Vor 30 Jahren starb der unsterbliche Elias Canetti, der Nobelpreisträger des Jahres 1981.
Da sein Leben und Werk ein Puzzle Europas zwischen Bulgarien und England, Österreich und der Schweiz darstellt, könnte der Vielsprachige der Schutzpatron oder auch der "Schutzautor" von Forum sein und werden.
In seinen Texten vom Roman bis zum Theaterstück, vom Essay bis zu Autobiographischem erscheint der Kontinent in vielen Orts- und Blickwechseln; erst mit acht Jahren lernte er als vierte Sprache Deutsch. Sie entwickelte sich zu seiner Literatursprache und - wie er sagte - zu seiner Heimat.
Deshalb stellt die Deutschlandfunkkultur Elias Canetti (1905-1994) als Denker Europas vor.
Das beliebte Format "Lange Nacht" zu diesem in jeder Hinsicht Jahrhundertautor wird so angekündigt:
So berichtet der Autor Elias Canetti in seiner Autobiografie. Was als Kinderspiel begann, entwickelte sich sehr schnell zum Ernstfall seiner persönlichen und künstlerischen Existenz. Mehr als einmal wurde während seines Lebens Europa zersägt und neu wieder zusammengesetzt. Als Nachkomme einer Kaufmannsfamilie mit spanischen Wurzeln wuchs Elias Canetti in Bulgarien auf, lebte in Österreich-Ungarn, in Deutschland und in England. Sein Leben umspannte fast das gesamte 20. Jahrhundert, und es umspannte fast den gesamten Kontinent. Wer also, wenn nicht er, war dazu prädestiniert, das Puzzle Europa ins Werk zu setzen? In ein Werk, das selbst wie ein Puzzle in disparate Teile zerfällt, aber vielleicht gerade dadurch seinem Gegenstand gerecht wird. So, wie Elias Canetti in seinen Texten Europa seziert, auseinandernimmt und wieder zusammenfügt, soll auch in dieser „Langen Nacht“ aus den Puzzleteilen seiner zentralen Motive - Berühren, Einverleiben, Wachsen, Überleben und Verwandeln – das Bild Canettis und seines Werks zusammengesetzt werden.
Wem das nicht genügt, der schaue diesen Film, in dem der SRF anlässlich des Todes von Elias Canetti im Jahre 1994 die wenigen erhaltenen Fernsehdokumente mit dem Schriftsteller zu einem Porträt verdichtet.
Ja, der Tod spielt eine zentrale Rolle im Leben und Werk des großen Autors. Auf Canettis Wunsch erschien Postum "Das Buch gegen den Tod", hier bei Yourbookshop. Und zum Todestag dieses als Hörspiel in der Bearbeitung und Regie von Hans Gerd Krogmann, das ein herausragendes Ensemble in Szene und Ton setzt: Samuel Finzi, Ingo Hülsmann, Ulrich Noethen, Friedhelm Ptok, Mathias Lange, Tatja Seibt, Gerd Wameling, Lisa Hrdina, Max von Pufendorf, Eckhard Roelcke und Pola Szymczak.
Das durch Gewalt immer wieder zerstückelte Europa vereinte Elias Canetti in seinem Werk vielfältig und vielstimmig zu neuer Einheit.
Dieser Pick ist der Start einer unregelmäßigen Reihe, die auf dieser Beobachtung beruht:
Bei vielen Einschätzungen fällt auf, dass die unterschiedlichen Perspektiven von Ost und West zu wenig beachtet werden - national, europäisch, global.
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