Christoph predigt

Auf Gottsuche


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[Christoph] Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!

Liebe Konfis, liebe Familien der Konfis, liebe Gemeindeglieder,

von Gott geliebte in Tailfingen,

Nie wird "sie" diesen Tag vergessen. Es war im November 2007. Ein College in London. Sie war eine von 100 geladenen Gästen an diesem Tag. Eine Absolventin, die man eingeladen hatte, um so viele andere zu repräsentieren. Hoher Besuch war angekündigt und da wollte das College sich von seiner besten Seite zeigen. Alles war ganz genau geplant: Die genaue Aufstellung der Tische. Die kleinen Gruppen, in die man die geladenen Gäste einteilte. Die genauen Instruktionen, die alle vorher unter den strengen Blicken der Sekretärin bekamen: "Kein Körperkontakt, außer wenn man die Hand gereicht bekommt. Nicht reden, außer man wird direkt angesprochen. Die korrekte Anrede der Besucherin, der man nie den Rücken zukehren sollte. Keine persönlichen Fragen. Keine Gespräche über Politik oder aktuelle Nachrichten. Und, bitte, kein peinliches Schweigen, wenn sie den Raum betritt."

Selbst im Smalltalk und Diplomatie erfahrene Gäste vergaßen manche dieser Regeln, als die Spannung schließlich ins Unermessliche gestiegen war, bis sich endlich die großen, reich verzierten Flügeltüren öffneten und eine kleine, ältere Dame den Saal betrat. "Ihre Majestät Elisabeth die Zweite, von Gottes Gnaden Königin des Vereinigten Königreiches Großbritannien und Nordirland und Ihrer anderen Königreiche und Territorien, Oberhaupt des Commonwealth, Verteidigerin des Glaubens."

Und dann stand sie da, im braun-beigen Anzugkleid und natürlich mit dem passenden Hut. Der Collegedirektor, ein ehemaliger Admiral im Ritterstand stellte die einzelnen Gäste in der kleinen Gruppe vor. Bei einem rumänischen Diplomaten hielt die Queen inne. "Haben wir uns nicht schon einmal getroffen?", fragte sie und nannte einen konkreten Anlass. Der Rumäne lächelte hocherfreut, dass sie sich an ihn erinnerte und vergaß prompt die korrekte Anrede.

Die Queen hielt ihr Glas in der Hand, während sie plauderte. Voll, fast bis zum Rand. Es zitterte ein wenig, fast, als würde es gleich wüste Spuren auf der beigen Anzugjacke hinterlassen. Ob es wohl okay wäre, sie darauf hinzuweisen?

Während sie noch überlegt ist da plötzlich Blickkontakt. "Und sie sind, wie ich höre, die einzige Journalistin, die dieses College absolviert hat", sagt die Queen in freundlichem Ton und erkundigt sich interessiert nach Beweggründen, nach der Finanzierung des Studiums und nach Erlebnissen der Studienzeit.

Und dann war sie auch schon wieder weg, die Queen. Würdevoll schritt sie an Prinz Philips Hand die große Eingangstreppe hinunter. Die Gäste blieben zurück. Auch wenn es kein Foto von diesem kurzen Gespräch gibt, wird "sie" dieses Gespräch nie vergessen.

"The day I met the queen." "Der Tag, als ich die Queen traf." Tausende erzählen von ihren Erinnerungen in diesen Tagen nach Queen Elizabeths Tod. Auf viele hat sie einen unauslöschlichen Eindruck hinterlassen.

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[Gottfried] Der Tag, als ich die Queen traf. "Der Tag, an dem ich Jesus traf", könnte als Überschrift über seinem Bericht stehen. Denn ganz sicher wird er diesen Tag nie, nie vergessen haben. Schon dass er überhaupt Gelegenheit hatte, jemanden zu treffen, war etwas sehr Besonderes. Er konnte zwar nichts dafür, aber er litt nun einmal an einer dieser ansteckenden Hautkrankheiten, die im alten Orient so gefürchtet waren, weil sie das Leben der Menschen überall ruinierten. Waren einmal Symptome aufgetreten, so konnte man sich nur noch damit behelfen, dass man die Kranken möglichst schnell isolierte. Nichts wie weg. Für die so Betroffenenen war dann kein Platz mehr in der Gesellschaft, in der Familie, an dem Ort, der bisher ihre Heimat war. Zu gefährlich für alle anderen! Nur aus sicherer Entfernung traute man sich noch in den Kontakt mit ihnen, um ihnen vielleicht aus Mitleid ein paar Almosen zum überleben zu bringen. Kam jemand ihnen zu nahe, so waren sie selbst verpflichtet, laut und deutlich vor ihrer Krankheit zu warnen, um jeden Kontakt zu unterbinden.

Er war einer dieser Ausgestoßenen.

Bis zu dem Tag, an dem Jesus kam. Bis er ihm begegnete.

Von Jesus haben sogar sie schon gehört -- er und, die anderen, die sein Schicksal teilen. Dass es bei ihm Hoffnung gibt, selbst für aussichtlose Fälle. Das Blinde sehen und Lahme gehen und taube Ohren plötzlich wieder hören können. Ob er auch ihnen helfen können würde. Dürfte man es wagen, ihn darum zu bitten?

Aus sicherer Enfernung rufen sie ihm ihr Anliegen zu: "Jesus, Meister, hab Mitleid mit uns!"

Er hat tatsächlich einen Blick für sie übrig. "Geht, und zeigt euch den Priestern!" Er schickt sie zu denen, in deren Autorität es lag, eine Heilung zweifelsfrei festzustellen. Und als sie weggehen von dieser Begegnung, da sind sie gesund.

Nie wird er diesen Tag vergessen. Den Tag, an dem er Jesus begegnete. Den Tag, an dem sich alles veränderte.

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[Christoph] "Der Tag, an dem euch Gott begegnet."

Jesaja war ein Prophet in Israel. Einer, der für Gott zu den Menschen sprach. Der hörbar machte, was Gott wollte, dass alle wissen. Was er bisher gesagt hatte, sorgte nicht unbedingt für Freude. Gnadenlos legte er in Gottes Namen den Finger in die Wunde all der Orte, an denen die Menschen in Israel Gottes Gebote übertreten hatte. Er rief zur Umkehr. Er warnte vor den Konsequenzen, wenn sich nicht bald etwas ändern sollte. Denn die Taten (oder besser: Untaten) der Menschen tragen ihre Folgen in sich-- konkret und schrecklich in Form feindlicher Armeen, die das Land in ihre Gewalt bringen würden. Unsagbares Leid für so viele, wie es Krieg bis heute mit sich bringt.

Aber der Gott, für den Jesaja redet, ist nicht einfach der strenge Richter aller Übertretungen. Er ist vor allem auch der gnädige, barmherzige Gott, der seine Menschen liebt. Der sich von Menschen mit Fehlern nicht einfach abwendet, sondern seine Menschen immer wieder neu mit Liebe und Freundlichkeit anschaut. Der zweite Chancen gibt. Und dritte. Und dreihundertsiebenundzwanzigste.

Auch in den drohenden Konsequenzen eurer Verfehlungen wird euch dieser gnädige Gott begegnen, weiß Jesaja. Es gibt Hoffnung. Gott wird alles verändern.

Und dann kommt ein Lied. Das Lied der Erlösten.

1 Zu der Zeit wirst du sagen: Ich danke dir, Herr! Du bist zornig gewesen über mich. Möge dein Zorn sich abkehren, dass du mich tröstest. 2 Siehe, Gott ist mein Heil, ich bin sicher und fürchte mich nicht; denn Gott der Herr ist meine Stärke und mein Psalm und ist mein Heil. 3 Ihr werdet mit Freuden Wasser schöpfen aus den Brunnen des Heils. 4 Und ihr werdet sagen zu der Zeit: Danket dem Herrn, rufet an seinen Namen! Machet kund unter den Völkern sein Tun, verkündiget, wie sein Name so hoch ist! 5 Lobsinget dem Herrn, denn er hat sich herrlich bewiesen. Solches sei kund in allen Landen! 6 Jauchze und rühme, die du wohnst auf Zion; denn der Heilige Israels ist groß bei dir! (Jes 12,1–6)

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[Gottfried] "Der Tag, an dem euch Gott begegnet."

Heil. Sicherheit. Keine Angst. Stärke. Freudiger Gesang.

Heil.

In Fülle, wie aus einem gut gefüllten Brunnen, dessen Wasser Leben verspricht in einer dürren, heißen Gegend.

Grund zum Dank. Grund zur Freude. Grund, zu singen. Grund, mit der ganzen Welt zu teilen, wie gut und groß und herrlich Gott ist.

Jesaja zählt auf, was geschehen wird an diesem Tag, wenn Gott seinem Volk begegnet.

"Jauchze und rühme, die du wohnst auf Zion; denn der Heilige Israels ist groß bei dir!"


Heil. Sicherheit. Keine Angst. Stärke. Das könnte ich durchaus auch brauchen, in vielen Momenten meines Lebens. Sicher, mein Schicksal ist im Moment nicht so verzweifelt und aussichtlos wie das des unheilbar kranken Mannes. Mein Leben ist auch nicht akut vom Krieg bedroht, hier im immer noch sicheren Deutschland (ganz anders, als anderswo). Auch wenn die Nachrichten dieser Tage es mir manchmal auch Angst und bange werden lassen um das, was noch kommt -- in diesem Winter oder danach.

"Der Tag, an dem euch Gott begegnet."

Heil. Sicherheit. Keine Angst. Stärke.

Wenn ich doch nur auch so eine alles verändernde Begegnung haben könnte!

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[Christoph] "Sie sehen bezaubernd aus", meinte der Taxifahrer damals, im November 2007, als er sie im Rückspiegel sah, schick gekleidet, mit einer Blume im Haar und zwei gelben Rosen in der Hand. "Geht es zu einem besonderen Anlass." "Nein, von dem komme ich gerade: Ich habe die Queen getroffen." Er schaute noch etwas länger in seinen Rückspiegel und meinte dann, wie viel Glück sie gehabt habe. "Manche Menschen werden 100 Jahre alt und haben die Queen noch nie getroffen."

Glück gehabt.

Kann man Gott treffen? Kann man ihm so einfach begegnen? Eine Begegnung, die so viel verändern würde?


"Konfis auf Gottsuche" heißt das gelbe Buch, das jeder von euch Konfis am Anfang bekommen hat. Der Name ist Programm. Gemeinsam mit euch machen wir uns in diesem Jahr auf diese Suche. Wir wollen euch helfen, Gott zu entdecken. In eurem Glauben an ihn zu wachsen. Zu verändert zu werden durch die Begegnung mit ihm. Dass es die nämlich gibt, davon sind wir überzeugt.

"Auf Gottsuche" heißt deswegen auch diese Predigt heute. Weil wir nicht nur die Konfis einladen wollen, sich auf die Suche nach solchen Begegnungen mit Gott zu machen, sondern euch alle, die ihr heute zuhört.

"Wenn Ihr mich von ganzem Herzen sucht, so will ich mich finden lassen", sagt er nämlich selbst, unser Gott. (Jesaja 29,13-14)

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[Gottfried] Wo kann man ihn den finden? Auf den ersten Schritten unserer Gottsuche haben wir erst einmal versucht, aufzuräumen. Wir haben uns mit Gottesbildern beschäftigt -- mit Vorstellungen von Gott, mit denen wir alle unterwegs sind. Wir haben miteinander entdeckt, dass nicht alle davon immer hilfreich sind. Und keines davon ist unbedingt und uneingeschränkt wahr. Wir dürfen Gott nicht in eine Schublade stecken, indem wir mit einem festgelegten Bild davon unterwegs sind, wer er ist, wie er ist, und wo er sich möglicherweise finden lässt. Wer das tut, der verpasst Gott ganz oft. Wer offen bleibt, der wird an ganz unerwarteten Orten von ihm überrascht. Was es also viel eher braucht, ist ein offenes Herz, offenen Augen und offene Herzen und den innigen Wunsch nach einer Begegnung mit ihm.

"Wenn Ihr mich von ganzem Herzen sucht, so will ich mich finden lassen."


Für den kranken Mann damals hatte die alles verändernde Begegnung eine ganz konkrete Form. Gott begegnet ihm als Mensch. Er heißt Jesus. Wir sagen von ihm, er sei der Christus, der von Gott zu den Menschen gesandte. Sein Sohn.

Dieser Jesus Christus wird in unserer Gottsuche immer wieder auftauchen. Es ist nämlich in ihm, dass Gott uns nahe kommt. In ihm macht sich Gott für Menschen erfahrbar. An ihm sehen wir, wie Gott ist. Und schon darin stecken ganz viele, tiefe Gottesbegegnungen. Wer Gott finden will, muss zu allererst auf diesen Jesus schauen.

Von dem hat Jesaja noch nichts geahnt. Er lebte schließlich Jahrhunderte vorher. Aber er wusste schon, dass Gott bereit ist, den Menschen verändernd zu begegnen. "Dann werdet ihr schöpfen mit Freuden aus den Brunnen des Heils."

Im Rückblick betrachtet blitzt in vielen seiner Texte schon die Hoffnung auf Jesus auf. "Es wird nicht dunkel bleiben über denen, die in Angst sind. ... Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell. ... Denn uns ist ein Kind geboren. Ein Sohn ist uns gegeben und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter. Und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friedefürst." (Jesaja 8,23a+9,1.5) "Und es wird ein Reis hervorgehen aus dem Stamm Isais und ein Zweig aus seiner Wurzel Frucht bringen. Auf ihm wird ruhen der Geist des HERRN, der Geist der Weisheit und des Verstandes, der Geist des Rates und der Stärke, der Geist der Erkenntnis und der Furcht des HERRN." (Jesaja 11,1-2). Texte der Hoffnung, die wir heute im Advent lesen, weil sie für uns direkt hindeuten auf den Jesus, in dem Gott uns ganz nahe kommt.

Auch im "Loblied der Erlösten" scheint diese Hoffnung auf. "Heil" ist dort das große Thema, das ständig wiederkehrt. Und wer sich heute als Christ:in die Mühe macht, einmal in den ursprünglich hebräischen Text hineinzuschauen, der entdeckt dahinter die Wortwurzel, von der später einmal ein bekannter Name kommen wird. "Gott ist Heil. Gott hilft. Gott rettet." "Jeschua", auf Hebräisch. Wir kennen diesen Namen als "Jesus". In ihm begegnet uns Gott mit seinem Heil.

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[Christoph] "Der Tag, an dem euch Gott begegnet."

Für den kranken Mann ist er durch Jesus Realität geworden. Für Jesajas Zuhörer liegt er noch in unbekannter Zukunft. Dass da noch manche Schwierigkeit dazwischen liegen wird, weiß jeder, der Jesaja bis dahin zugehört hat. Und gerade da ist es besonders wichtig, schon auf diese Begegnung vorauszuschauen. Auf Heil und Sicherheit, keine Angst und freudigen Gesang, die Gott denen schenkt, denen er begegnet. Denn das Wissen, dass das noch kommt, das gibt Hoffnung. Hoffnung, aus der man zwischendurch leben kann. Hoffnung und Trost und Kraft für all die leidigen Momente dazwischen.

Hoffnung vergisst nicht: ""Dann werdet ihr schöpfen mit Freuden aus den Brunnen des Heils."

Heute sitzen hier in der Kirche "Konfis auf Gottsuche". Und ganz viele andere, die auch eine alles verändernde Begegnung mit ihm gebrauchen könnten. Wir sitzen ganz unterschiedlich hier: Manche von uns könnten Geschichten erzählen von dem, was Gott schon getan hat in ihrem Leben. Spannender als jede Audienz bei der Queen! Andere haben noch keine solche Geschichten. Die sind einfach auf der Suche. Selbst für die von uns, die Gott schon in ihren Begegnungen entdeckt haben, ist noch manches offen, was zum "Schöpfen aus dem Brunnen des Heils gehört."

Deshalb brauchen wir alle diese Hoffnung: dass Gott uns begegnen wird. Dass sein Heil und sein Friede, seine Gerechtigkeit und Freude, dass seine alles verändernde Hilfe kommen wird. Dass die Gottsuche ein Ziel hat, an dem wir alle das Lied der Erlösten singen werden.

Denn eines ist sicher: "Wenn Ihr mich von ganzem Herzen sucht, so will ich mich finden lassen."

Und dann schöpfen wir mit Freuden aus den Brunnen des Heils.

Bis dahin trägt uns die Hoffnung, die uns Kraft und Flügel verleiht.

Amen.

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Christoph predigtBy Christoph Fischer


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