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Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!
Geliebte Gottes in Gäufelden,
Weil heute in Nebringen der Kirchenchor zur Jahreslosung singt, weiche ich an diesem Sonntag Invokavit, in Württemberg auch Landesbußtag, vom gewohnten Predigtplan ab und denke mit euch noch einmal über die Jahreslosung nach. Kennt ihr die noch? Ja, Januar ist schon wieder so lange her, nicht wahr? Es tut also vielleicht auch gut, diesen Vers, der uns ja eigentlich das ganze Jahr über begleiten soll, im März noch einmal zum Thema zu machen. Damit das Ganze nicht so schnell in Vergessenheit gerät.
Das ist auch für den Prediger herausfordernd. Schließlich handelt es sich um einen einzigen Satz, über den ich vor gerade einmal 2 Monaten schon einmal gepredigt habe. Nein, ich werde nicht dieselbe Predigt einfach noch einmal halten. Wer die Predigt vom Neujahrstag noch einmal hören oder lesen möchte, findet sie im Internet auf meiner Seite christoph-fischer.de. "Orange Plakette" war damals der Titel.
Für alle, die immer noch rätseln: Die Jahreslosung 2025 steht im 1. Brief des Apostels Paulus an die Thessalonicher, im 5. Kapitel. Dort ist es der 21. Vers.
"Prüfet aber alles und behaltet das Gute." (1. Thessalonicher 5,21).
Unsere neue Jahreslosung stammt aus dem allerersten Teil des Neuen Testaments, der niedergeschrieben wurde. In Thessaloniki in Griechenland machte Paulus auf seiner zweiten Missionsreise Station. Wie es seine Gewohnheit war, suchte er zunächst die jüdische Synagoge auf. Bei drei Sabbatfeiern hatte er dort Gelegenheit, das Evangelium von Jesus Christus zu verkündigen. Einige waren sofort überzeugt. Anderen gefiel die Botschaft des Paulus gar nicht. Vor den Stadtoberen machte man Stimmung gegen ihn: "Diese, die den ganzen Weltkreis erregen, sind jetzt auch hierher gekommen." (Apostelgeschichte, 17,6). Bei Nacht und Nebel muss Paulus die Stadt verlassen. Zurück bleibt eine kleine Gruppe von Menschen, die das Evangelium gehört und im Glauben ergriffen haben. Die Zeit vergeht. Der Alltag geht weiter. Dinge ereignen sich, die Fragen aufwerfen. Die kleine Gruppe weiß nur, was Paulus in drei Wochen erzählen konnte. Nicht jede Frage kann dadurch beantwortet werden. Zum Glück wirkt Gottes Geist unter ihnen. Antworten werden gefunden. Meinungen entstehen. Nicht jede ist richtig. Nicht jede ist von Gottes Geist inspiriert. Was ist Geist? Was ist Meinung? Worauf kann man sich verlassen?
Aus Korinth schreibt Paulus einen Brief. Er bejaht das Wirken des Heiligen Geistes. Er betont den Wert prophetischer Stimmen, die in den Alltag der Menschen hineinsprechen. Propheten haben immer auch unangenehme Fragen gestellt. Und das ist gut so! Aber nicht jeder, der eine Meinung hat, ist ein Prophet. Manche haben nur keine Ahnung--aber davon ziemlich viel. "Prüfet alles und behaltet das Gute", sagt Paulus.
"Es gibt so viel Gutes, lasst es uns entdecken", beginnt der dazu gehörige Song von Gottfried Heinzmann und Hans-Joachim Eißler. "Behaltet das Gute" lädt ja auch ein, über das Gute im eigenen Leben, in der Familie und der Umgebung, im Berufsleben und Alltag oder in der eigenen, frisch fusionierten Kirchengemeinde nachzudenken. Und da gibt es mit Sicherheit viel, an dem man sich freuen und für das man Gott loben kann!
Wenn da nur nicht dieser erste Teilsatz wäre. Ich habe schon seit dem Herbst, als die diversen Materialien zur Jahreslosung erschienen, den Verdacht, dass viele ganz schnell beim "behaltet das Gute" landen und die erste Hälfte heimlich, still und leise unter den Tisch fallen lassen. Ist ja auch viel schöner, das Gute zu feiern, als sich dieser Prozedur zu unterziehen: "Prüfet alles."
Mal Hand hoch: Wer von euch wird gerne geprüft?
Meine denkwürdigste Prüfung war irgendwann im fünften Studienjahr im Fach "Theologie des Alten Testamentes." Mündliche Prüfung, 20 Minuten Vorbereitungszeit zu einer Frage, dann 20 Minuten Prüfungsgespräch. Alles durchgetaktet -- wir saßen auf der Bank vor dem Büro des Professors und zitterten gemeinsam. Es gab ganz schön viel Stoff zu lernen! Dann war ich dran. Rein ins Büro, zum Professor. Das Gespräch begann mit einer relativ einfachen Einstiegsfrage. Wir redeten ein paar Minuten, dann klingelte das Telefon. Der Professor blickte aufs Display, schaute etwas verlegen drein und entschuldigte sich: "Meine Tochter ist heute allein zu Hause. Das müsste ich kurz annehmen." In der Tat war die Tochter am Telefon. Sie hatte versucht, sich etwas zu essen zu kochen, kam aber mit der Sicherheitsabschaltung des Gasherds ins Gehege. Offensichtlich war die auch ziemlich kompliziert, denn mein Professor brauchte schon einige Zeit, um ihr das Nötige zu erklären. Als in der Professorenwohnung schließlich der Herd funktionierte, war meine Prüfungszeit beinahe abgelaufen. Wir griffen noch einmal kurz den Faden vom Anfang auf. Dann war's das. "Das war doch alles ganz gut", meinte der Professor noch zum Abschied. Puh! Gut gelaufen!
Nicht jede Prüfung geht so locker ab. Das wissen nicht nur die, die studiert haben. Auch alle anderen kennen die Momente, wenn der Zahnarzt bei der Kontrolle plötzlich stutzig wird und "o oh" sagt. Wenn die Heizungsinstallateurin bei der Wartung deiner dreißig Jahre alten Heizung meint, "Wir müssen reden." Wenn die Werkstatt anruft, weil dein Auto so nicht durch den TÜV gekommen ist. Wenn deine Hausärztin die Cholesterinwerte sieht und die Augenbraue hochzieht. Wenn die Schwiegermutter zu Besuch kommt und mit dem Finger über die nicht abgestaubte Oberfläche wischt. Wenn das Finanzamt anruft und zur Steuererklärung noch ein paar Fragen hat. Wenn deine Zunge schneller war als dein Hirn und dir die Blicke der anderen sagen, dass du jetzt gerade eine gute Chance verpasst hast, um zu schweigen.
"Prüfet aber alles und behaltet das Gute." (1. Thessalonicher 5,21).
Prüfungen, egal ob an der Uni, beim Zahnarzt oder in der Werkstatt, sind selten angenehm. Da wird gedehnt und gebogen, gedrückt und komprimiert, belastet und gemessen. Manchmal wird Material entnommen. Manchen wird ein Auge abgeklebt. Du bist tagelang mit einem Messgerät unterwegs, musst in Becher pinkeln oder im Labor übernachten. Und darüber, was bei einer Darmspiegelung passiert, reden wir jetzt hier lieber nicht. Die wenigsten Prüfungen sind vergnügungssteuerpflichtig.
Deshalb nochmal: Wer von euch wird gerne geprüft?
"Prüfet aber alles und behaltet das Gute." (1. Thessalonicher 5,21).
Trotzdem würde kaum jemand von uns auf die Idee kommen, all die unangenehmen Prüfungen einfach abschaffen zu wollen. Schließlich sind wir doch ganz froh, wenn uns auf der Straße keine Autos mit kaputten Bremsen entgegenkommen. Wenn der Zahnarzt ein Loch entdeckt oder der Hausarzt einen auffälligen Pickel, dann ist es uns recht, wenn das behandelt wird, bevor es zu Schlimmerem kommt. Wenn die Heizung repariert werden muss, dann freuen wir uns zwar nicht, sind aber trotzdem froh, das zu erfahren, bevor sie im Winter plötzlich versagt. Wer sich nach viel Arbeit, Vorbereitung und Zittern nach der Prüfung "staatlich geprüfte:r" Erzieher:in, Techniker:in, Informatiker:in, Sozialassistent:in, Betriebswirt:in (oder was auch immer) nennen darf, ist zurecht stolz auf das Qualitätsmerkmal, das darin steckt. Und dass meine Ärztin studiert hat und am Ende die Prüfung bestand, macht es mir auch irgendwie leichter, mich ihr anzuvertrauen. Prüfungen haben den Erfolg, das Gute, Bleibenswerte hervorzuheben und das Schlechte, das wir ja gar nicht wollen, auszusieben.
"Prüfet aber alles und behaltet das Gute." (1. Thessalonicher 5,21).
Eine Prüfung ganz anderer Art fand diese Woche im Gemeindehaus Nebringen statt. Der Bauausschuss war vor Ort. Wir haben nämlich--das ist die gute Nachricht--ab 1. April eine Vikarin in unserer Kirchengemeinde. Die braucht nun allerdings ein Arbeitszimmer, das wir ihr im Untergeschoss des Gemeindehauses einrichten werden. Dazu gab es erst einmal eine Bestandsaufnahme: Was ist schon da? Was muss gemacht werden? Was muss raus? Es war der letzte Punkt, der am meisten Arbeit bedeutete. Wie wahrscheinlich in jedem Gebäude hat sich halt auch in unseren Räumen im Lauf der Zeit so manches angesammelt. Da muss man erst einmal genau hinschauen. "Prüfen". Manches muss unbedingt aufbewahrt werden. Manches hat bleibenden Erinnerungswert. Anderes hätte schon längst entsorgt werden sollen. Mit einem großen Anhänger zum Wertstoffhof fahren--das hat auch etwas Befreiendes. Wir schleppen so vielen unnützen Ballast mit. Dinge, die die Räume zustellen und im Weg stehen. Dinge, die das Leben anfüllen und uns daran hindern, uns zu entfalten. Der "Landesbußtag" heute ist Gelegenheit, auch da mal wieder kritisch hinzuschauen. Braucht es auch bei mir eine Entrümpelungsaktion?
"Prüfet aber alles und behaltet das Gute." (1. Thessalonicher 5,21).
Lebe ich meinen Glauben im Alltag? Und, wenn ja: Wie? Nehme ich mir Zeit für das Gebet und die Stille mit Gott? Lese und höre ich Gottes Wort regelmäßig? Wie behandele ich meine Mitmenschen? Kann ich anderen vergeben und um Vergebung bitten? Bin ich dankbar für das, was ich habe? Übe ich Geduld in schwierigen Situationen? Bin ich ehrlich zu mir selbst und zu anderen? Kann ich meine Fehler eingestehen und daraus lernen? Trage ich zum Frieden in meiner Familie und Gemeinde bei? Setze ich mich für Gerechtigkeit und Fairness ein? Lebe ich bescheiden und teile ich mit anderen? Vertraue ich auf Gottes Führung, auch in schweren Zeiten? Pflege ich meine Beziehungen und bin ich für andere da? Übernehme ich Verantwortung für mein Handeln?
Trage ich Dinge mit mir herum, die mich belasten und vom Wesentlichen ablenken? Lässt mich der ständige Drang, perfekt zu sein, nicht zur Ruhe kommen? Machen alter Groll oder unverarbeitete Enttäuschungen mein Herz schwer? Häufe ich materielle Dinge an, obwohl sie mich nicht glücklicher machen? Lähmt mich die Angst vor der Zukunft oder das Festhalten an vergangenen Fehlern? Vergleiche ich mich ständig mit anderen und verliere dabei meine eigenen Ziele aus den Augen? Vertraue ich darauf, dass Gott mich führt, oder muss ich ständig die Kontrolle über alles haben?
"Prüfet aber alles und behaltet das Gute." (1. Thessalonicher 5,21).
Unser vorher chaotisch voll gestellter Abstellraum im Gemeindehaus ist jetzt übersichtlich sortiert. Natürlich haben wir nicht alles weggeworfen. Im Gegenteil: Das Gute, das sich dort findet, kommt jetzt wieder ganz neu zur Geltung. Wir wissen, was wir haben. Wir finden, was wir suchen.
Stell dir vor, das könnte im Leben auch so sein: Das Gute bekommt neu Raum, sich zu entfalten!
"Prüfet aber alles und behaltet das Gute." (1. Thessalonicher 5,21).
Vielleicht liegt ja aber genau an dieser Stelle auch der Haken. Wir wissen doch alle, dass eine kritische Bestandsaufnahme eben nicht nur Gutes zu Tage fördern wird. Dass kein Proband die Prüfung mit wehenden Fahnen und 100 von 100 Punkten besteht. Es sind die Prozente die fehlen, die kleinen Dinge, die auftauchen, die uns das Ganze so schwer machen. Kratzer in der Fassade unseres Selbstbilds. Sie stellen uns in Frage. Sie zeigen, dass wir nicht vollkommen sind. Und wenn das einmal anfängt, wo wird es aufhören? Sind wir noch im grünen Bereich? Sind wir schon bei "knapp vorbei ist auch daneben"? Werden wir am Ende gar durchfallen bei dieser Prüfung? Alles vermasselt, für immer vergeigt--Versager:innen vor uns selbst, vor den anderen und vor Gott?
"Prüfet aber alles und behaltet das Gute." (1. Thessalonicher 5,21).
Geliebte Gottes,
An einer ehrlichen Prüfung führt nichts vorbei. Nicht, wenn wir das Gute wirklich wollen--und den Rest eher nicht. Zu unserem Glück sind die biblischen Texte da ausreichend schonungslos, wenn es darum geht, uns den Spiegel vorzuhalten. Besonders, wenn Christus selbst dieser Prüfspiegel ist. In seinem Licht lässt sich kein Kratzer, kein dunkler Fleck, mehr verstecken. Am Ende ist das Prüfergebnis eindeutig: "Wir alle sind Sünder und ermangeln des Ruhmes vor Gott" (Römer 3,23), so formuliert es der Apostel Paulus.
"Prüfet aber alles und behaltet das Gute." (1. Thessalonicher 5,21).
Gibt es denn da noch irgendetwas Gutes zu behalten? Aber ja! Gerade da, wo wir bereit sind, unsere eigene Fehlerhaftigkeit einzugestehen, da leuchtet Gottes Gnade umso mehr auf. Denn das ist doch der Kern der guten Nachricht: Dass Gott, mit prüfendem Blick, beschlossen hat, nicht auf unsere Leistung, sondern auf Christus zu sehen. Dass er uns Christi Gerechtigkeit als unsere anrechnet. Dass er uns seine Gerechtigkeit schenkt! Dass wir in seinem Prüflicht am Ende so dastehen, wie es nur Christus kann: als Begnadete. Als gerecht gesprochene. Als von Gott angenommene. Als mit seinem Geist beschenkte. Als Kinder. Als Erben. Als Menschen mit Hoffnung.
Das ist es, was uns Christus heute morgen, auch und besonders in Brot und Wein, wieder zuspricht.
"Es gibt so viel Gutes, lasst es uns entdecken...". Da werden wir lange zu entdecken haben. Ein ganzes Leben könnte gerade die richtige Zeitspanne dafür sein.
"Prüfet aber alles und behaltet das Gute." (1. Thessalonicher 5,21).
Am Ende ist Gott der, der das Gute schenkt, wo wir bereit sind, uns auch dem Nachteiligen in unserem Leben zu stellen. Wo er sein Gutes, seine Gnade, hineinlegt, da trennt sich die Spreu vom Weizen. Da wird sichtbar, was bleiben kann und was gehen muss. Wo Gott selbst mit uns, in uns, entrümpelt, da entstehen neue Freiräume um das Gute, was auch jetzt schon vorhanden ist, zur Entfaltung zu bringen. Denn hinter all unseren Unzulänglichkeiten verstecken sich doch wunderbare Menschen, die Gott geschaffen hat, einzigartig, begnadet und geliebt. Die Welt wäre ärmer, ohne die Person, als die Gott dich gemacht hat. Das ist das Gute, das wir auf keinen Fall verlieren wollen. Wenn dafür anderes weichen muss, damit Gottes Licht umso klarer leuchtet, dann soll es eben so sein.
Deshalb: "Prüfet aber alles und behaltet das Gute." (1. Thessalonicher 5,21).
Damit wir uns am Ende miteinander freuen können.
Amen.
By Christoph FischerGnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!
Geliebte Gottes in Gäufelden,
Weil heute in Nebringen der Kirchenchor zur Jahreslosung singt, weiche ich an diesem Sonntag Invokavit, in Württemberg auch Landesbußtag, vom gewohnten Predigtplan ab und denke mit euch noch einmal über die Jahreslosung nach. Kennt ihr die noch? Ja, Januar ist schon wieder so lange her, nicht wahr? Es tut also vielleicht auch gut, diesen Vers, der uns ja eigentlich das ganze Jahr über begleiten soll, im März noch einmal zum Thema zu machen. Damit das Ganze nicht so schnell in Vergessenheit gerät.
Das ist auch für den Prediger herausfordernd. Schließlich handelt es sich um einen einzigen Satz, über den ich vor gerade einmal 2 Monaten schon einmal gepredigt habe. Nein, ich werde nicht dieselbe Predigt einfach noch einmal halten. Wer die Predigt vom Neujahrstag noch einmal hören oder lesen möchte, findet sie im Internet auf meiner Seite christoph-fischer.de. "Orange Plakette" war damals der Titel.
Für alle, die immer noch rätseln: Die Jahreslosung 2025 steht im 1. Brief des Apostels Paulus an die Thessalonicher, im 5. Kapitel. Dort ist es der 21. Vers.
"Prüfet aber alles und behaltet das Gute." (1. Thessalonicher 5,21).
Unsere neue Jahreslosung stammt aus dem allerersten Teil des Neuen Testaments, der niedergeschrieben wurde. In Thessaloniki in Griechenland machte Paulus auf seiner zweiten Missionsreise Station. Wie es seine Gewohnheit war, suchte er zunächst die jüdische Synagoge auf. Bei drei Sabbatfeiern hatte er dort Gelegenheit, das Evangelium von Jesus Christus zu verkündigen. Einige waren sofort überzeugt. Anderen gefiel die Botschaft des Paulus gar nicht. Vor den Stadtoberen machte man Stimmung gegen ihn: "Diese, die den ganzen Weltkreis erregen, sind jetzt auch hierher gekommen." (Apostelgeschichte, 17,6). Bei Nacht und Nebel muss Paulus die Stadt verlassen. Zurück bleibt eine kleine Gruppe von Menschen, die das Evangelium gehört und im Glauben ergriffen haben. Die Zeit vergeht. Der Alltag geht weiter. Dinge ereignen sich, die Fragen aufwerfen. Die kleine Gruppe weiß nur, was Paulus in drei Wochen erzählen konnte. Nicht jede Frage kann dadurch beantwortet werden. Zum Glück wirkt Gottes Geist unter ihnen. Antworten werden gefunden. Meinungen entstehen. Nicht jede ist richtig. Nicht jede ist von Gottes Geist inspiriert. Was ist Geist? Was ist Meinung? Worauf kann man sich verlassen?
Aus Korinth schreibt Paulus einen Brief. Er bejaht das Wirken des Heiligen Geistes. Er betont den Wert prophetischer Stimmen, die in den Alltag der Menschen hineinsprechen. Propheten haben immer auch unangenehme Fragen gestellt. Und das ist gut so! Aber nicht jeder, der eine Meinung hat, ist ein Prophet. Manche haben nur keine Ahnung--aber davon ziemlich viel. "Prüfet alles und behaltet das Gute", sagt Paulus.
"Es gibt so viel Gutes, lasst es uns entdecken", beginnt der dazu gehörige Song von Gottfried Heinzmann und Hans-Joachim Eißler. "Behaltet das Gute" lädt ja auch ein, über das Gute im eigenen Leben, in der Familie und der Umgebung, im Berufsleben und Alltag oder in der eigenen, frisch fusionierten Kirchengemeinde nachzudenken. Und da gibt es mit Sicherheit viel, an dem man sich freuen und für das man Gott loben kann!
Wenn da nur nicht dieser erste Teilsatz wäre. Ich habe schon seit dem Herbst, als die diversen Materialien zur Jahreslosung erschienen, den Verdacht, dass viele ganz schnell beim "behaltet das Gute" landen und die erste Hälfte heimlich, still und leise unter den Tisch fallen lassen. Ist ja auch viel schöner, das Gute zu feiern, als sich dieser Prozedur zu unterziehen: "Prüfet alles."
Mal Hand hoch: Wer von euch wird gerne geprüft?
Meine denkwürdigste Prüfung war irgendwann im fünften Studienjahr im Fach "Theologie des Alten Testamentes." Mündliche Prüfung, 20 Minuten Vorbereitungszeit zu einer Frage, dann 20 Minuten Prüfungsgespräch. Alles durchgetaktet -- wir saßen auf der Bank vor dem Büro des Professors und zitterten gemeinsam. Es gab ganz schön viel Stoff zu lernen! Dann war ich dran. Rein ins Büro, zum Professor. Das Gespräch begann mit einer relativ einfachen Einstiegsfrage. Wir redeten ein paar Minuten, dann klingelte das Telefon. Der Professor blickte aufs Display, schaute etwas verlegen drein und entschuldigte sich: "Meine Tochter ist heute allein zu Hause. Das müsste ich kurz annehmen." In der Tat war die Tochter am Telefon. Sie hatte versucht, sich etwas zu essen zu kochen, kam aber mit der Sicherheitsabschaltung des Gasherds ins Gehege. Offensichtlich war die auch ziemlich kompliziert, denn mein Professor brauchte schon einige Zeit, um ihr das Nötige zu erklären. Als in der Professorenwohnung schließlich der Herd funktionierte, war meine Prüfungszeit beinahe abgelaufen. Wir griffen noch einmal kurz den Faden vom Anfang auf. Dann war's das. "Das war doch alles ganz gut", meinte der Professor noch zum Abschied. Puh! Gut gelaufen!
Nicht jede Prüfung geht so locker ab. Das wissen nicht nur die, die studiert haben. Auch alle anderen kennen die Momente, wenn der Zahnarzt bei der Kontrolle plötzlich stutzig wird und "o oh" sagt. Wenn die Heizungsinstallateurin bei der Wartung deiner dreißig Jahre alten Heizung meint, "Wir müssen reden." Wenn die Werkstatt anruft, weil dein Auto so nicht durch den TÜV gekommen ist. Wenn deine Hausärztin die Cholesterinwerte sieht und die Augenbraue hochzieht. Wenn die Schwiegermutter zu Besuch kommt und mit dem Finger über die nicht abgestaubte Oberfläche wischt. Wenn das Finanzamt anruft und zur Steuererklärung noch ein paar Fragen hat. Wenn deine Zunge schneller war als dein Hirn und dir die Blicke der anderen sagen, dass du jetzt gerade eine gute Chance verpasst hast, um zu schweigen.
"Prüfet aber alles und behaltet das Gute." (1. Thessalonicher 5,21).
Prüfungen, egal ob an der Uni, beim Zahnarzt oder in der Werkstatt, sind selten angenehm. Da wird gedehnt und gebogen, gedrückt und komprimiert, belastet und gemessen. Manchmal wird Material entnommen. Manchen wird ein Auge abgeklebt. Du bist tagelang mit einem Messgerät unterwegs, musst in Becher pinkeln oder im Labor übernachten. Und darüber, was bei einer Darmspiegelung passiert, reden wir jetzt hier lieber nicht. Die wenigsten Prüfungen sind vergnügungssteuerpflichtig.
Deshalb nochmal: Wer von euch wird gerne geprüft?
"Prüfet aber alles und behaltet das Gute." (1. Thessalonicher 5,21).
Trotzdem würde kaum jemand von uns auf die Idee kommen, all die unangenehmen Prüfungen einfach abschaffen zu wollen. Schließlich sind wir doch ganz froh, wenn uns auf der Straße keine Autos mit kaputten Bremsen entgegenkommen. Wenn der Zahnarzt ein Loch entdeckt oder der Hausarzt einen auffälligen Pickel, dann ist es uns recht, wenn das behandelt wird, bevor es zu Schlimmerem kommt. Wenn die Heizung repariert werden muss, dann freuen wir uns zwar nicht, sind aber trotzdem froh, das zu erfahren, bevor sie im Winter plötzlich versagt. Wer sich nach viel Arbeit, Vorbereitung und Zittern nach der Prüfung "staatlich geprüfte:r" Erzieher:in, Techniker:in, Informatiker:in, Sozialassistent:in, Betriebswirt:in (oder was auch immer) nennen darf, ist zurecht stolz auf das Qualitätsmerkmal, das darin steckt. Und dass meine Ärztin studiert hat und am Ende die Prüfung bestand, macht es mir auch irgendwie leichter, mich ihr anzuvertrauen. Prüfungen haben den Erfolg, das Gute, Bleibenswerte hervorzuheben und das Schlechte, das wir ja gar nicht wollen, auszusieben.
"Prüfet aber alles und behaltet das Gute." (1. Thessalonicher 5,21).
Eine Prüfung ganz anderer Art fand diese Woche im Gemeindehaus Nebringen statt. Der Bauausschuss war vor Ort. Wir haben nämlich--das ist die gute Nachricht--ab 1. April eine Vikarin in unserer Kirchengemeinde. Die braucht nun allerdings ein Arbeitszimmer, das wir ihr im Untergeschoss des Gemeindehauses einrichten werden. Dazu gab es erst einmal eine Bestandsaufnahme: Was ist schon da? Was muss gemacht werden? Was muss raus? Es war der letzte Punkt, der am meisten Arbeit bedeutete. Wie wahrscheinlich in jedem Gebäude hat sich halt auch in unseren Räumen im Lauf der Zeit so manches angesammelt. Da muss man erst einmal genau hinschauen. "Prüfen". Manches muss unbedingt aufbewahrt werden. Manches hat bleibenden Erinnerungswert. Anderes hätte schon längst entsorgt werden sollen. Mit einem großen Anhänger zum Wertstoffhof fahren--das hat auch etwas Befreiendes. Wir schleppen so vielen unnützen Ballast mit. Dinge, die die Räume zustellen und im Weg stehen. Dinge, die das Leben anfüllen und uns daran hindern, uns zu entfalten. Der "Landesbußtag" heute ist Gelegenheit, auch da mal wieder kritisch hinzuschauen. Braucht es auch bei mir eine Entrümpelungsaktion?
"Prüfet aber alles und behaltet das Gute." (1. Thessalonicher 5,21).
Lebe ich meinen Glauben im Alltag? Und, wenn ja: Wie? Nehme ich mir Zeit für das Gebet und die Stille mit Gott? Lese und höre ich Gottes Wort regelmäßig? Wie behandele ich meine Mitmenschen? Kann ich anderen vergeben und um Vergebung bitten? Bin ich dankbar für das, was ich habe? Übe ich Geduld in schwierigen Situationen? Bin ich ehrlich zu mir selbst und zu anderen? Kann ich meine Fehler eingestehen und daraus lernen? Trage ich zum Frieden in meiner Familie und Gemeinde bei? Setze ich mich für Gerechtigkeit und Fairness ein? Lebe ich bescheiden und teile ich mit anderen? Vertraue ich auf Gottes Führung, auch in schweren Zeiten? Pflege ich meine Beziehungen und bin ich für andere da? Übernehme ich Verantwortung für mein Handeln?
Trage ich Dinge mit mir herum, die mich belasten und vom Wesentlichen ablenken? Lässt mich der ständige Drang, perfekt zu sein, nicht zur Ruhe kommen? Machen alter Groll oder unverarbeitete Enttäuschungen mein Herz schwer? Häufe ich materielle Dinge an, obwohl sie mich nicht glücklicher machen? Lähmt mich die Angst vor der Zukunft oder das Festhalten an vergangenen Fehlern? Vergleiche ich mich ständig mit anderen und verliere dabei meine eigenen Ziele aus den Augen? Vertraue ich darauf, dass Gott mich führt, oder muss ich ständig die Kontrolle über alles haben?
"Prüfet aber alles und behaltet das Gute." (1. Thessalonicher 5,21).
Unser vorher chaotisch voll gestellter Abstellraum im Gemeindehaus ist jetzt übersichtlich sortiert. Natürlich haben wir nicht alles weggeworfen. Im Gegenteil: Das Gute, das sich dort findet, kommt jetzt wieder ganz neu zur Geltung. Wir wissen, was wir haben. Wir finden, was wir suchen.
Stell dir vor, das könnte im Leben auch so sein: Das Gute bekommt neu Raum, sich zu entfalten!
"Prüfet aber alles und behaltet das Gute." (1. Thessalonicher 5,21).
Vielleicht liegt ja aber genau an dieser Stelle auch der Haken. Wir wissen doch alle, dass eine kritische Bestandsaufnahme eben nicht nur Gutes zu Tage fördern wird. Dass kein Proband die Prüfung mit wehenden Fahnen und 100 von 100 Punkten besteht. Es sind die Prozente die fehlen, die kleinen Dinge, die auftauchen, die uns das Ganze so schwer machen. Kratzer in der Fassade unseres Selbstbilds. Sie stellen uns in Frage. Sie zeigen, dass wir nicht vollkommen sind. Und wenn das einmal anfängt, wo wird es aufhören? Sind wir noch im grünen Bereich? Sind wir schon bei "knapp vorbei ist auch daneben"? Werden wir am Ende gar durchfallen bei dieser Prüfung? Alles vermasselt, für immer vergeigt--Versager:innen vor uns selbst, vor den anderen und vor Gott?
"Prüfet aber alles und behaltet das Gute." (1. Thessalonicher 5,21).
Geliebte Gottes,
An einer ehrlichen Prüfung führt nichts vorbei. Nicht, wenn wir das Gute wirklich wollen--und den Rest eher nicht. Zu unserem Glück sind die biblischen Texte da ausreichend schonungslos, wenn es darum geht, uns den Spiegel vorzuhalten. Besonders, wenn Christus selbst dieser Prüfspiegel ist. In seinem Licht lässt sich kein Kratzer, kein dunkler Fleck, mehr verstecken. Am Ende ist das Prüfergebnis eindeutig: "Wir alle sind Sünder und ermangeln des Ruhmes vor Gott" (Römer 3,23), so formuliert es der Apostel Paulus.
"Prüfet aber alles und behaltet das Gute." (1. Thessalonicher 5,21).
Gibt es denn da noch irgendetwas Gutes zu behalten? Aber ja! Gerade da, wo wir bereit sind, unsere eigene Fehlerhaftigkeit einzugestehen, da leuchtet Gottes Gnade umso mehr auf. Denn das ist doch der Kern der guten Nachricht: Dass Gott, mit prüfendem Blick, beschlossen hat, nicht auf unsere Leistung, sondern auf Christus zu sehen. Dass er uns Christi Gerechtigkeit als unsere anrechnet. Dass er uns seine Gerechtigkeit schenkt! Dass wir in seinem Prüflicht am Ende so dastehen, wie es nur Christus kann: als Begnadete. Als gerecht gesprochene. Als von Gott angenommene. Als mit seinem Geist beschenkte. Als Kinder. Als Erben. Als Menschen mit Hoffnung.
Das ist es, was uns Christus heute morgen, auch und besonders in Brot und Wein, wieder zuspricht.
"Es gibt so viel Gutes, lasst es uns entdecken...". Da werden wir lange zu entdecken haben. Ein ganzes Leben könnte gerade die richtige Zeitspanne dafür sein.
"Prüfet aber alles und behaltet das Gute." (1. Thessalonicher 5,21).
Am Ende ist Gott der, der das Gute schenkt, wo wir bereit sind, uns auch dem Nachteiligen in unserem Leben zu stellen. Wo er sein Gutes, seine Gnade, hineinlegt, da trennt sich die Spreu vom Weizen. Da wird sichtbar, was bleiben kann und was gehen muss. Wo Gott selbst mit uns, in uns, entrümpelt, da entstehen neue Freiräume um das Gute, was auch jetzt schon vorhanden ist, zur Entfaltung zu bringen. Denn hinter all unseren Unzulänglichkeiten verstecken sich doch wunderbare Menschen, die Gott geschaffen hat, einzigartig, begnadet und geliebt. Die Welt wäre ärmer, ohne die Person, als die Gott dich gemacht hat. Das ist das Gute, das wir auf keinen Fall verlieren wollen. Wenn dafür anderes weichen muss, damit Gottes Licht umso klarer leuchtet, dann soll es eben so sein.
Deshalb: "Prüfet aber alles und behaltet das Gute." (1. Thessalonicher 5,21).
Damit wir uns am Ende miteinander freuen können.
Amen.

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