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Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater und von Jesus Christus, unserem Herrn!
Geliebte Gottes in Tailfingen,
Am Anfang steht eine Gabe. Das muss man sich erst einmal auf der Zunge zergehen lassen, bevor man sich auch nur einen Moment lang weiter mit dieser Geschichte beschäftigt, die Jesus den Menschen erzählt.
Es ist wie bei einem Mann, der verreisen wollte. Vorher rief er seine Diener zusammen und vertraute ihnen sein Vermögen an. Dem einen gab er fünf Talente, einem anderen zwei Talente und dem dritten ein Talent – jedem nach seinen Fähigkeiten. Dann reiste der Mann ab.Am Anfang steht eine Gabe. Da bekommt man etwas anvertraut. Für die Diener in der Geschichte ist es ein Vermögen. Fünf Talente. Zwei Talente. Ein Talent. Talente waren damals eine Gewichtseinheit, in der man Silber abmaß. 36 Kilo hatte ein Talent. 180 kg Silber stellt der Mann dem ersten seiner Angestellten zur Verfügung. Nach heutigem Wert wären das etwas 120.000 €. Eine stattliche Summe. Der zweite bekommt immerhin noch etwa 48.000 € und der dritte 24.000 €. Damit kann man schon was anfangen. Wir hier in Tailfingen, mit unserem großen Bauprojekt, wüssten schon, was wir mit solchen Summen machen würden.
Am Anfang steht eine Gabe. Man bekommt etwas anvertraut. Dass wir heute das Wort "Talent" nicht mehr benutzen, um Silber abzuwiegen, sondern damit die ganze Vielfalt von Gaben, Begabungen, Fähigkeiten und Stärken ganz unterschiedlicher Menschen beschreiben, zeigt, dass wir längst verstanden haben, dass es Jesus mit dieser Geschichte nicht um die Grundlagen christlichen Finanzwesens geht. Zumindest nicht nur. Sondern um viel, viel mehr.
Am Anfang steht eine Gabe. Man bekommt etwas anvertraut. So ist Gott nämlich. Er gibt von Anfang an. Im Überfluss. Bei ihm muss man sich nicht erst mühsam etwas verdienen; sich hocharbeiten, zu Rang und Standing. Gott gibt von Anfang an. Noch bevor wir überhaupt etwas wahrnehmen. Er gibt das Leben. Jedem einzelnen von uns, in einzigartiger Vielfalt. "So wie du bist, hat Gott dich ausgedacht. Er hat dich wirklich wunderbar gemacht.", heißt es in einem Lied. So ist Gott. Er schenkt dir das Leben. "Gott gab uns Atem, damit wir Leben." Und dann setzt er dich, wunderbar ausgedacht, einzigartig gemacht, hinein in diese Welt. Auch die ist eine Gabe. Auch die hat er uns anvertraut. Grundlage zum Leben. Chancen zur Entwicklung. Verantwortung für ihren Schutz. Alles das legt Gott in unsere Hände. Da setzt er dich hinein. Als einzigartigen Mensch, denn kein anderer ist genau wie du. Keiner hat deinen Fingerabdruck. Keiner hat Ohren, die so geformt sind, wie deine. Keiner hat genau diese Kombination aus Haarfarbe, Augenfarbe, Körperbau und -größe, und der Fähigkeit oder eben Unfähigkeit, mit der Zunge die Nasenspitze zu berühren. Kannst du ja mal ausprobieren. Und natürlich gehören noch ganz viele andere Faktoren dazu. Du bist einzigartig. Und was du bist, das hat Gott sich ausgedacht. Natürlich bist du aber noch viel mehr als nur die Äußerlichkeiten, über die ich bis jetzt geredet habe. Du hast Begabungen und Fähigkeiten. Du kannst Dinge. Manche fallen dir einfach wie von selbst zu. Manche musst du erst lernen. Aber das Potential, sie zu lernen, hat Gott in dich hineingelegt. Was du kannst und was du lernst, ist seine Gabe an dich. Das hat er dir anvertraut.
Am Anfang steht eine Gabe. Man bekommt etwas anvertraut. Damit meine ich das ganze Gesamtpaket von dem, was Gott in dir angelegt hat. Manches hast du vielleicht selbst noch gar nicht entdeckt. Dann möchte ich dir Mut machen: Pakete auspacken macht eigentlich immer Spaß. Vielleicht wirst du noch staunen über das, was du entdeckst! Wäre ja schade, wenn du gar nicht mitbekommst, was Gott da alles eingepackt hat. Also los: Mach dich neu auf Entdeckungsreise. Frag ruhig auch mal ein paar Leute, die dich gut kennen, um Hilfe. Du wirst vielleicht überrascht sein, was die alles an dir entdeckt haben.
Passenderweise hat während des Schreibens dieser Predigt die Post bei mir geklingelt und ein Päckchen abgegeben. Ich wusste schon gar nicht mehr, dass ich vor einiger Zeit etwas bestellt hatte und -- glaub mir -- ich war sehr neugierig und habe sofort meine Predigt Predigt sein lassen und das Paket ausgepackt.
Am Anfang steht eine Gabe. Man bekommt etwas anvertraut. Es ist wie an Weihnachten. Alle sitzen da und packen ihre Päckchen aus und bestaunen, was da alles zum Vorschein kommt. Die eine kann Stricken. Ich produziere da nur unbrauchbare Knoten. Ein anderer kann wunderbar singen. Eine kann unglaublich gut und spannend Geschichten erzählen. Einer ist schwindelfrei. Eine hat eine Wahnsinns-Körperkoordination. Ich kann da nur staunen. Einer verpasst nie eine Chance, mit anzupacken und anderen zu helfen. Eine hat ein Auge und ein Händchen für wunderschön aussehende Dekorationen. Einer kann zuhören und die Leute kommen ganz von selbst zu ihm, um ihr Herz auszuschütten. Eine kann genial tanzen. Einer kann einfach den Augenblick genießen. Eine hat ein unglaublich gutes Gedächtnis. Einer versteht physikalische Zusammenhänge, als ob es Bilderbücher wären. Oder Kochrezepte. Dafür braucht eine andere kein Rezept, um traumhaft gut zu kochen. Einer versteht sich gut auf Zahlen, eine andere versteht die Menschen gut. Einer denkt praktisch und behält den Überblick. Eine trifft jeden Nagel auf den Kopf. In jedem Päckchen ist etwas anderes drin. Lauter wunderbare Sachen.
Am Anfang steht eine Gabe. Man bekommt etwas anvertraut. Und zwischen all den "Ohs" und "Ahs", wenn wir miteinander staunen, fällt vielleicht irgendjemandem auf, dass es in dieser Jesusgeschichte gar keine wertende Unterscheidung zwischen all den verschiedenen Gaben gibt. "Dem einen gab er fünf Talente, einem anderen zwei Talente und dem dritten ein Talent – jedem nach seinen Fähigkeiten." Auch wenn da Zahlen stehen, gibt es hier keine Werteskala, sondern es werden einfach ganz sachlich unterschiedliche Befähigungen benannt. Die gibt es, weil es unterschiedliche Menschen gibt. Weil Gott Menschen so gemacht hat. Und das ist gut so.
Es ist wichtig, das zu verstehen. Wir Menschen sind äußerst gut darin, eine einzige Skala für alle anwenden zu wollen. Bevorzugt greift dafür jeder gerne auf den Bereich zurück, der ihm selbst besonders liegt. Oder auch gerade nicht auf den, sondern auf den, den er bei anderen bewundert, bei sich selbst aber schmerzlich vermisst. Egal wie rum -- es ist nie gut, alle über einen Kamm scheren zu wollen. Das bekannte Bild von Affe, Elefant, Ente und Goldfisch, die alle die Aufgabe bekommen, auf einen Baum zu klettern, illustriert das wunderbar. In diesem Bild verstehen wir das. Im Leben vergessen wir es leider viel zu oft und messen andere an uns selbst oder uns selbst an anderen. Gott tut das nicht. Gott misst nicht. Gott gibt. Auf vielfältige, unterschiedliche und einzigartige Weise packt er für jeden das Päckchen, dass er dir zum Leben mitgibt. Schiel nicht nach rechts oder links! Frag dich nicht, ob dein Geschenk mehr wert ist als das der anderen oder vielleicht auch weniger. Pack es aus! Gebrauche es! Nur dann wird es zum Geschenk für dich und für die anderen -- zum Geschenk für diese Welt.
Am Anfang steht eine Gabe. Man bekommt etwas anvertraut. Es muss an dieser Stelle auch noch gesagt werden, dass Gottes Geschenk noch weit über alles bisher genannte hinaus reicht. Dass Gott nicht misst, sondern voraussetzungslos gibt, ist das, was wir Gnade nennen. Dass er das immer wieder und immer noch tut, obwohl längst allen klar ist, wie oft wir Menschen "daneben langen", uns egoistisch verhalten, wenig nach Gott, der Welt und unseren Mitgeschöpfen fragen -- wie oft wir Menschen Gottes Gaben nicht ge-, sondern vielleicht sogar mißbrauchen -- das nennen wir "Gnade". Und das erinnert uns vielleicht daran, dass Gott uns sein größtes Geschenk in der Taufe zugesagt hat: Dass wir nämlich ohne irgendwelche vorhergehenden Leistungsmessungen zu ihm gehören. Weil er uns liebt. Weil er sein "Ja" zu uns sagt. Weil sein Verlangen zu uns so groß ist, dass Jesus Christus dafür Mensch wird und für uns -- mit uns -- durch Leben und Sterben und Tod geht und uns sein Leben, neues Leben, Gottes Leben gibt. Das ist es, was uns Gott in der Taufe versprochen hat. Und dazu: Ich bin bei euch alle Tage, bis an das Ende der Welt.
Am Anfang steht eine Gabe. Eine riesengroße. Man bekommt etwas anvertraut, das nur Gott geben kann. Das Leben. Sein Leben. Und weil davon längst nicht alle etwas mitbekommen haben, muss die Freude und die Dankbarkeit und die Begeisterung über dieses Geschenk raus in die ganze Welt. Am besten geschieht das da, wo wir unser Päckchen auspacken und das uns Anvertraute gebrauchen. Darum geht es in dieser Jesusgeschichte.
Am Anfang steht eine Gabe.
In der Geschichte allerdings geht es nicht um den Anfang. Der ganze Zusammenhang dieses Texts aus dem Matthäusevangelien sind die sogenannten "Endzeitreden" Jesu. Was jetzt vielleicht irgendwie beklemmend oder gar bedrohlich klingt, ist bei Gott eine gute Nachricht. Gott lässt die Welt nicht in ihrem jetzigen Zustand -- zu dem neben all den schönen Seiten eben auch unglaublich viel Ungerechtigkeit und Leid gehört. Gott schaut auch nicht einfach stillschweigend zu, wenn wir die Welt zerstören, die er uns anvertraut hat. Nein, er wird selbst kommen und sein Reich, das mit Jesus begonnen hat, in Fülle aufrichten. Sein Friedensreich. Dann ist es vorbei mit Krieg und Leid und Sterben. Sein Reich der Gerechtigkeit. Er kommt, um zu richten. Er kommt, geradezurichten, was in eine Schieflage geraten ist. Um aufzurichten, was am Boden zerstört ist. Er kommt, um die Dinge wieder zurechtzurücken. Wenn Gott kommt, mit Gerechtigkeit und Frieden, dann ist das eine gute Nachricht. Kein Wunder, dass Christ:innen seit 2.000 Jahren beten: "Komm, Herr Jesus!"
Auch darum geht es in dieser Jesusgeschichte.
Am Anfang steht eine Gabe. Aber diese Gabe ist kein Geschenk, das für immer übergeben wird und mit dem jeder tun und lassen kann, was er will. Es ist eine anvertraute Gabe, die mit der Verantwortung kommt, etwas damit zu tun. In der Geschichte, die Jesus erzählt, geht es nicht um den Anfang, sondern um das Ende. Der Herr der drei Diener kommt nämlich zurück. Jetzt muss jeder Rechenschaft ablegen über das, was er mit dem ihm anvertrauten getan hat.
Wenig überraschend ist, dass es viel gutes bewirken kann, wenn man Gottes Gaben gebraucht und einsetzt. Entsprechend können auch zwei der drei Diener von großartigen Ergebnissen berichten. Wenn du das, was Gott dir anvertraut hast -- Gaben und Fähigkeiten, Zeit, Energie, Geld und Kraft -- dein Leben -- investierst, dann verändert sich etwas in der Welt. Dann geschieht Gutes. Dann wachsen Frieden und Gerechtigkeit. Dann wächst Gottes Reich in dieser Welt ein kleines Stückchen. Und am Ende steht Freude.
So erzählt Jesus von den ersten zwei Dienern. Viel tragischer ist das, was er über den Dritten erzählt. Der hat sein Päckchen nie ausgepackt. Der hat nie gebraucht, was Gott ihm anvertraut hat. Da ist nichts gewachsen. Da hat sich die Welt nicht verändert. Da gibt es nichts, wovon man freudig berichtet.
Ich frage mich, warum er das getan hat. Er selbst gibt ja ein paar Anhaltspunkte dafür in dem, was er in der Jesusgeschichte entgegnet:
Herr, ich wusste, dass du ein harter Mann bist. Du erntest, wo du nicht gesät hast, und du sammelst ein, wo du nichts ausgeteilt hast. Deshalb hatte ich Angst."Mensch", möchte ich ihm da zurufen, "hast du denn gar nichts kapiert? Du hast ihn ja komplett falsch eingeschätzt. Hast du denn nicht verstanden, wie gut er es mit dir meint? Hast du denn nicht kapiert, wie liebevoll er dir dein Päckchen gepackt hat? Hast du denn nicht gemerkt, wie gut es dir und anderen getan hätte, es auszupacken und zu gebrauchen?"
Ich frage mich, wie viele Menschen bis heute mit so einem Bild von Gott unterwegs sind. Die nur den harten, Rechenschaft fordernden, Richter in ihm sehen. Die gar nicht sehen und begreifen, dass Gottes Handeln von Anfang an von seiner Liebe zu uns bestimmt wird. Denen völlig entgeht, wie umfassend er sie längst beschenkt hat. Die völlig vergessen haben, dass er sein abschließendes Urteil über mich nicht am Ende spricht, sondern in Jesus Christus längst gesprochen hat. Sein "Ja" zu mir hat er doch längst gesagt!
Ich habe den Verdacht, dass so viele -- und auch der Diener in der Geschichte -- vielleicht zu sehr abgelenkt werden durch den Blick auf das, was andere aus ihrem Päckchen hervorziehen. Ich glaube, dass viel zu viele darauf schauen, was andere alles können. Wie toll die das machen! Wie gut sie darin sind. Ich befürchte, dass da unter uns viel zu sehr gemessen wird. Und dass wir, statt uns miteinander an dem zu freuen, was in jedem Einzelnen steckt, am Ende verzagen und für uns selbst feststellen, dass unser Paket ja viel weniger wiegt als das von Diener 1 und 2. Vielleicht denkst du dann, "Was ich tue, fällt ja sowieso nicht ins Gewicht." Vielleicht denkst du dann, "Ja, wenn ich so wäre, wie ____, dann könnte ich etwas bewegen.
Das ist ja, wie wenn das Weihnachtspäckchen originalverpackt stehen bleibt. "Ich glaube eh nicht, dass du mir etwas Gutes schenkst. Deshalb habe ich es gar nicht erst ausgepackt."
Es ist erschütternd, festzustellen, dass da, wo am Ende Freude, Friede und Gerechtigkeit stehen könnten, am Ende dann manchmal Finsternis, Heulen und Zähneklappern stehen. Erschütternd, traurig und beschämend.
Und deshalb möchte ich, anders als der Text des Matthäusevangeliums, euren Blick am Ende noch einmal auf den Anfang lenken.
Am Anfang steht eine Gabe. Man bekommt etwas anvertraut. Jeder. Jede. Du auch. Am Anfang bekommst du von Gott etwas anvertraut, was einzigartig, wunderbar und perfekt dazu geeignet ist, in dieser Welt etwas zu verändern. Was jeder und jede Einzelne bekommt, ist natürlich unterschiedlich. Aber das braucht es auch. Die Welt ist groß und bunt und es gibt so viele Stellen, an denen Friede, Freude und Gerechtigkeit noch wachsen müssen. Willst du wirklich die Gelegenheit verpassen, einem traurigen Menschen ein Lächeln auf die Lippen zu zaubern, nur weil ein anderer oder eine andere vielleicht kranke Kinder in Afrika operiert? Kann man das messen und gegeneinander aufrechnen? Muss man das? Wozu.
Das eine tun und das andere nicht lassen. Keine:r von uns steht allein in dieser Welt. Wenn du dich umschaust und andere siehst, die ihre Gaben gebrauchen, dann freu dich mit an dem, was dabei entsteht. Aber da, wo du stehst, da gibt es nur Eine:n mit deinen Gaben und Fähigkeiten. Pack sie aus. Nutze sie. Gebrauche sie.
Damit Gott durch uns alle die Welt verändert. Damit Friede, Gerechtigkeit und Freude wachsen. Das brauchen wir dringend in dieser Welt. Und ein Stück von dem, was wir dazu brauchen, liegt in dir. In deinem Päckchen.
Amen.
By Christoph FischerGnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater und von Jesus Christus, unserem Herrn!
Geliebte Gottes in Tailfingen,
Am Anfang steht eine Gabe. Das muss man sich erst einmal auf der Zunge zergehen lassen, bevor man sich auch nur einen Moment lang weiter mit dieser Geschichte beschäftigt, die Jesus den Menschen erzählt.
Es ist wie bei einem Mann, der verreisen wollte. Vorher rief er seine Diener zusammen und vertraute ihnen sein Vermögen an. Dem einen gab er fünf Talente, einem anderen zwei Talente und dem dritten ein Talent – jedem nach seinen Fähigkeiten. Dann reiste der Mann ab.Am Anfang steht eine Gabe. Da bekommt man etwas anvertraut. Für die Diener in der Geschichte ist es ein Vermögen. Fünf Talente. Zwei Talente. Ein Talent. Talente waren damals eine Gewichtseinheit, in der man Silber abmaß. 36 Kilo hatte ein Talent. 180 kg Silber stellt der Mann dem ersten seiner Angestellten zur Verfügung. Nach heutigem Wert wären das etwas 120.000 €. Eine stattliche Summe. Der zweite bekommt immerhin noch etwa 48.000 € und der dritte 24.000 €. Damit kann man schon was anfangen. Wir hier in Tailfingen, mit unserem großen Bauprojekt, wüssten schon, was wir mit solchen Summen machen würden.
Am Anfang steht eine Gabe. Man bekommt etwas anvertraut. Dass wir heute das Wort "Talent" nicht mehr benutzen, um Silber abzuwiegen, sondern damit die ganze Vielfalt von Gaben, Begabungen, Fähigkeiten und Stärken ganz unterschiedlicher Menschen beschreiben, zeigt, dass wir längst verstanden haben, dass es Jesus mit dieser Geschichte nicht um die Grundlagen christlichen Finanzwesens geht. Zumindest nicht nur. Sondern um viel, viel mehr.
Am Anfang steht eine Gabe. Man bekommt etwas anvertraut. So ist Gott nämlich. Er gibt von Anfang an. Im Überfluss. Bei ihm muss man sich nicht erst mühsam etwas verdienen; sich hocharbeiten, zu Rang und Standing. Gott gibt von Anfang an. Noch bevor wir überhaupt etwas wahrnehmen. Er gibt das Leben. Jedem einzelnen von uns, in einzigartiger Vielfalt. "So wie du bist, hat Gott dich ausgedacht. Er hat dich wirklich wunderbar gemacht.", heißt es in einem Lied. So ist Gott. Er schenkt dir das Leben. "Gott gab uns Atem, damit wir Leben." Und dann setzt er dich, wunderbar ausgedacht, einzigartig gemacht, hinein in diese Welt. Auch die ist eine Gabe. Auch die hat er uns anvertraut. Grundlage zum Leben. Chancen zur Entwicklung. Verantwortung für ihren Schutz. Alles das legt Gott in unsere Hände. Da setzt er dich hinein. Als einzigartigen Mensch, denn kein anderer ist genau wie du. Keiner hat deinen Fingerabdruck. Keiner hat Ohren, die so geformt sind, wie deine. Keiner hat genau diese Kombination aus Haarfarbe, Augenfarbe, Körperbau und -größe, und der Fähigkeit oder eben Unfähigkeit, mit der Zunge die Nasenspitze zu berühren. Kannst du ja mal ausprobieren. Und natürlich gehören noch ganz viele andere Faktoren dazu. Du bist einzigartig. Und was du bist, das hat Gott sich ausgedacht. Natürlich bist du aber noch viel mehr als nur die Äußerlichkeiten, über die ich bis jetzt geredet habe. Du hast Begabungen und Fähigkeiten. Du kannst Dinge. Manche fallen dir einfach wie von selbst zu. Manche musst du erst lernen. Aber das Potential, sie zu lernen, hat Gott in dich hineingelegt. Was du kannst und was du lernst, ist seine Gabe an dich. Das hat er dir anvertraut.
Am Anfang steht eine Gabe. Man bekommt etwas anvertraut. Damit meine ich das ganze Gesamtpaket von dem, was Gott in dir angelegt hat. Manches hast du vielleicht selbst noch gar nicht entdeckt. Dann möchte ich dir Mut machen: Pakete auspacken macht eigentlich immer Spaß. Vielleicht wirst du noch staunen über das, was du entdeckst! Wäre ja schade, wenn du gar nicht mitbekommst, was Gott da alles eingepackt hat. Also los: Mach dich neu auf Entdeckungsreise. Frag ruhig auch mal ein paar Leute, die dich gut kennen, um Hilfe. Du wirst vielleicht überrascht sein, was die alles an dir entdeckt haben.
Passenderweise hat während des Schreibens dieser Predigt die Post bei mir geklingelt und ein Päckchen abgegeben. Ich wusste schon gar nicht mehr, dass ich vor einiger Zeit etwas bestellt hatte und -- glaub mir -- ich war sehr neugierig und habe sofort meine Predigt Predigt sein lassen und das Paket ausgepackt.
Am Anfang steht eine Gabe. Man bekommt etwas anvertraut. Es ist wie an Weihnachten. Alle sitzen da und packen ihre Päckchen aus und bestaunen, was da alles zum Vorschein kommt. Die eine kann Stricken. Ich produziere da nur unbrauchbare Knoten. Ein anderer kann wunderbar singen. Eine kann unglaublich gut und spannend Geschichten erzählen. Einer ist schwindelfrei. Eine hat eine Wahnsinns-Körperkoordination. Ich kann da nur staunen. Einer verpasst nie eine Chance, mit anzupacken und anderen zu helfen. Eine hat ein Auge und ein Händchen für wunderschön aussehende Dekorationen. Einer kann zuhören und die Leute kommen ganz von selbst zu ihm, um ihr Herz auszuschütten. Eine kann genial tanzen. Einer kann einfach den Augenblick genießen. Eine hat ein unglaublich gutes Gedächtnis. Einer versteht physikalische Zusammenhänge, als ob es Bilderbücher wären. Oder Kochrezepte. Dafür braucht eine andere kein Rezept, um traumhaft gut zu kochen. Einer versteht sich gut auf Zahlen, eine andere versteht die Menschen gut. Einer denkt praktisch und behält den Überblick. Eine trifft jeden Nagel auf den Kopf. In jedem Päckchen ist etwas anderes drin. Lauter wunderbare Sachen.
Am Anfang steht eine Gabe. Man bekommt etwas anvertraut. Und zwischen all den "Ohs" und "Ahs", wenn wir miteinander staunen, fällt vielleicht irgendjemandem auf, dass es in dieser Jesusgeschichte gar keine wertende Unterscheidung zwischen all den verschiedenen Gaben gibt. "Dem einen gab er fünf Talente, einem anderen zwei Talente und dem dritten ein Talent – jedem nach seinen Fähigkeiten." Auch wenn da Zahlen stehen, gibt es hier keine Werteskala, sondern es werden einfach ganz sachlich unterschiedliche Befähigungen benannt. Die gibt es, weil es unterschiedliche Menschen gibt. Weil Gott Menschen so gemacht hat. Und das ist gut so.
Es ist wichtig, das zu verstehen. Wir Menschen sind äußerst gut darin, eine einzige Skala für alle anwenden zu wollen. Bevorzugt greift dafür jeder gerne auf den Bereich zurück, der ihm selbst besonders liegt. Oder auch gerade nicht auf den, sondern auf den, den er bei anderen bewundert, bei sich selbst aber schmerzlich vermisst. Egal wie rum -- es ist nie gut, alle über einen Kamm scheren zu wollen. Das bekannte Bild von Affe, Elefant, Ente und Goldfisch, die alle die Aufgabe bekommen, auf einen Baum zu klettern, illustriert das wunderbar. In diesem Bild verstehen wir das. Im Leben vergessen wir es leider viel zu oft und messen andere an uns selbst oder uns selbst an anderen. Gott tut das nicht. Gott misst nicht. Gott gibt. Auf vielfältige, unterschiedliche und einzigartige Weise packt er für jeden das Päckchen, dass er dir zum Leben mitgibt. Schiel nicht nach rechts oder links! Frag dich nicht, ob dein Geschenk mehr wert ist als das der anderen oder vielleicht auch weniger. Pack es aus! Gebrauche es! Nur dann wird es zum Geschenk für dich und für die anderen -- zum Geschenk für diese Welt.
Am Anfang steht eine Gabe. Man bekommt etwas anvertraut. Es muss an dieser Stelle auch noch gesagt werden, dass Gottes Geschenk noch weit über alles bisher genannte hinaus reicht. Dass Gott nicht misst, sondern voraussetzungslos gibt, ist das, was wir Gnade nennen. Dass er das immer wieder und immer noch tut, obwohl längst allen klar ist, wie oft wir Menschen "daneben langen", uns egoistisch verhalten, wenig nach Gott, der Welt und unseren Mitgeschöpfen fragen -- wie oft wir Menschen Gottes Gaben nicht ge-, sondern vielleicht sogar mißbrauchen -- das nennen wir "Gnade". Und das erinnert uns vielleicht daran, dass Gott uns sein größtes Geschenk in der Taufe zugesagt hat: Dass wir nämlich ohne irgendwelche vorhergehenden Leistungsmessungen zu ihm gehören. Weil er uns liebt. Weil er sein "Ja" zu uns sagt. Weil sein Verlangen zu uns so groß ist, dass Jesus Christus dafür Mensch wird und für uns -- mit uns -- durch Leben und Sterben und Tod geht und uns sein Leben, neues Leben, Gottes Leben gibt. Das ist es, was uns Gott in der Taufe versprochen hat. Und dazu: Ich bin bei euch alle Tage, bis an das Ende der Welt.
Am Anfang steht eine Gabe. Eine riesengroße. Man bekommt etwas anvertraut, das nur Gott geben kann. Das Leben. Sein Leben. Und weil davon längst nicht alle etwas mitbekommen haben, muss die Freude und die Dankbarkeit und die Begeisterung über dieses Geschenk raus in die ganze Welt. Am besten geschieht das da, wo wir unser Päckchen auspacken und das uns Anvertraute gebrauchen. Darum geht es in dieser Jesusgeschichte.
Am Anfang steht eine Gabe.
In der Geschichte allerdings geht es nicht um den Anfang. Der ganze Zusammenhang dieses Texts aus dem Matthäusevangelien sind die sogenannten "Endzeitreden" Jesu. Was jetzt vielleicht irgendwie beklemmend oder gar bedrohlich klingt, ist bei Gott eine gute Nachricht. Gott lässt die Welt nicht in ihrem jetzigen Zustand -- zu dem neben all den schönen Seiten eben auch unglaublich viel Ungerechtigkeit und Leid gehört. Gott schaut auch nicht einfach stillschweigend zu, wenn wir die Welt zerstören, die er uns anvertraut hat. Nein, er wird selbst kommen und sein Reich, das mit Jesus begonnen hat, in Fülle aufrichten. Sein Friedensreich. Dann ist es vorbei mit Krieg und Leid und Sterben. Sein Reich der Gerechtigkeit. Er kommt, um zu richten. Er kommt, geradezurichten, was in eine Schieflage geraten ist. Um aufzurichten, was am Boden zerstört ist. Er kommt, um die Dinge wieder zurechtzurücken. Wenn Gott kommt, mit Gerechtigkeit und Frieden, dann ist das eine gute Nachricht. Kein Wunder, dass Christ:innen seit 2.000 Jahren beten: "Komm, Herr Jesus!"
Auch darum geht es in dieser Jesusgeschichte.
Am Anfang steht eine Gabe. Aber diese Gabe ist kein Geschenk, das für immer übergeben wird und mit dem jeder tun und lassen kann, was er will. Es ist eine anvertraute Gabe, die mit der Verantwortung kommt, etwas damit zu tun. In der Geschichte, die Jesus erzählt, geht es nicht um den Anfang, sondern um das Ende. Der Herr der drei Diener kommt nämlich zurück. Jetzt muss jeder Rechenschaft ablegen über das, was er mit dem ihm anvertrauten getan hat.
Wenig überraschend ist, dass es viel gutes bewirken kann, wenn man Gottes Gaben gebraucht und einsetzt. Entsprechend können auch zwei der drei Diener von großartigen Ergebnissen berichten. Wenn du das, was Gott dir anvertraut hast -- Gaben und Fähigkeiten, Zeit, Energie, Geld und Kraft -- dein Leben -- investierst, dann verändert sich etwas in der Welt. Dann geschieht Gutes. Dann wachsen Frieden und Gerechtigkeit. Dann wächst Gottes Reich in dieser Welt ein kleines Stückchen. Und am Ende steht Freude.
So erzählt Jesus von den ersten zwei Dienern. Viel tragischer ist das, was er über den Dritten erzählt. Der hat sein Päckchen nie ausgepackt. Der hat nie gebraucht, was Gott ihm anvertraut hat. Da ist nichts gewachsen. Da hat sich die Welt nicht verändert. Da gibt es nichts, wovon man freudig berichtet.
Ich frage mich, warum er das getan hat. Er selbst gibt ja ein paar Anhaltspunkte dafür in dem, was er in der Jesusgeschichte entgegnet:
Herr, ich wusste, dass du ein harter Mann bist. Du erntest, wo du nicht gesät hast, und du sammelst ein, wo du nichts ausgeteilt hast. Deshalb hatte ich Angst."Mensch", möchte ich ihm da zurufen, "hast du denn gar nichts kapiert? Du hast ihn ja komplett falsch eingeschätzt. Hast du denn nicht verstanden, wie gut er es mit dir meint? Hast du denn nicht kapiert, wie liebevoll er dir dein Päckchen gepackt hat? Hast du denn nicht gemerkt, wie gut es dir und anderen getan hätte, es auszupacken und zu gebrauchen?"
Ich frage mich, wie viele Menschen bis heute mit so einem Bild von Gott unterwegs sind. Die nur den harten, Rechenschaft fordernden, Richter in ihm sehen. Die gar nicht sehen und begreifen, dass Gottes Handeln von Anfang an von seiner Liebe zu uns bestimmt wird. Denen völlig entgeht, wie umfassend er sie längst beschenkt hat. Die völlig vergessen haben, dass er sein abschließendes Urteil über mich nicht am Ende spricht, sondern in Jesus Christus längst gesprochen hat. Sein "Ja" zu mir hat er doch längst gesagt!
Ich habe den Verdacht, dass so viele -- und auch der Diener in der Geschichte -- vielleicht zu sehr abgelenkt werden durch den Blick auf das, was andere aus ihrem Päckchen hervorziehen. Ich glaube, dass viel zu viele darauf schauen, was andere alles können. Wie toll die das machen! Wie gut sie darin sind. Ich befürchte, dass da unter uns viel zu sehr gemessen wird. Und dass wir, statt uns miteinander an dem zu freuen, was in jedem Einzelnen steckt, am Ende verzagen und für uns selbst feststellen, dass unser Paket ja viel weniger wiegt als das von Diener 1 und 2. Vielleicht denkst du dann, "Was ich tue, fällt ja sowieso nicht ins Gewicht." Vielleicht denkst du dann, "Ja, wenn ich so wäre, wie ____, dann könnte ich etwas bewegen.
Das ist ja, wie wenn das Weihnachtspäckchen originalverpackt stehen bleibt. "Ich glaube eh nicht, dass du mir etwas Gutes schenkst. Deshalb habe ich es gar nicht erst ausgepackt."
Es ist erschütternd, festzustellen, dass da, wo am Ende Freude, Friede und Gerechtigkeit stehen könnten, am Ende dann manchmal Finsternis, Heulen und Zähneklappern stehen. Erschütternd, traurig und beschämend.
Und deshalb möchte ich, anders als der Text des Matthäusevangeliums, euren Blick am Ende noch einmal auf den Anfang lenken.
Am Anfang steht eine Gabe. Man bekommt etwas anvertraut. Jeder. Jede. Du auch. Am Anfang bekommst du von Gott etwas anvertraut, was einzigartig, wunderbar und perfekt dazu geeignet ist, in dieser Welt etwas zu verändern. Was jeder und jede Einzelne bekommt, ist natürlich unterschiedlich. Aber das braucht es auch. Die Welt ist groß und bunt und es gibt so viele Stellen, an denen Friede, Freude und Gerechtigkeit noch wachsen müssen. Willst du wirklich die Gelegenheit verpassen, einem traurigen Menschen ein Lächeln auf die Lippen zu zaubern, nur weil ein anderer oder eine andere vielleicht kranke Kinder in Afrika operiert? Kann man das messen und gegeneinander aufrechnen? Muss man das? Wozu.
Das eine tun und das andere nicht lassen. Keine:r von uns steht allein in dieser Welt. Wenn du dich umschaust und andere siehst, die ihre Gaben gebrauchen, dann freu dich mit an dem, was dabei entsteht. Aber da, wo du stehst, da gibt es nur Eine:n mit deinen Gaben und Fähigkeiten. Pack sie aus. Nutze sie. Gebrauche sie.
Damit Gott durch uns alle die Welt verändert. Damit Friede, Gerechtigkeit und Freude wachsen. Das brauchen wir dringend in dieser Welt. Und ein Stück von dem, was wir dazu brauchen, liegt in dir. In deinem Päckchen.
Amen.

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