Willkommen bei „Beziehung wirkt - Der Bildungswert-Podcast“. Heute geht es um ein Thema, dass gerade sehr präsent ist. Vielleicht hast du in den letzten Tagen und Wochen öfters in deiner Klasse gesessen und gemerkt, irgendwie ist die Stimmung anders. Die vergangene Landtagswahl in Sachsen-Anhalt, die anstehenden Kommunalwahlen in Niedersachsen genauso wie die Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern und die Wahlen in Berlin sind omnipräsent. Aber eigentlich geht es heute gar nicht um Parteien und auch nicht darum, wen junge Menschen wählen sollen. Mich interessiert eine ganz andere Frage: Was brauchen Kinder und Jugendliche gerade von uns Erwachsenen. Denn politische Zeiten können verunsichern. Vielleicht erleben junge Menschen Streit in der Familie. Sie sehen politische Inhalte auf TikTok. Sie hören Nachrichten. Sie bekommen mit dass Menschen sehr unterschiedliche Meinungen haben und vielleicht entstehen dabei Fragen: Was passiert mit unserer Zukunft? Wem kann ich vertrauen? Warum sind die Menschen so wütend? Was wenn sich wirklich etwas verändert? Nicht jedes Kind wird diese Fragen laut stellen. Manche werden wütend. Manche ziehen sich zurück. Manche machen Witze darüber und manche wirken einfach irgendwie ganz unbeeindruckt. Aber auch das kann eine Form sein, mit Unsicherheit umzugehen. Für uns als pädagogische Fachkräfte kann deshalb ein erster Schritt sein, nicht sofort zu reagieren, sondern erst einmal zu beobachten: Was verändert sich gerade? Welche Themen beschäftigen die Gruppe? Wo entstehen Konflikte? Wer zieht sich zurück? und vielleicht auch: Was davon könnte mit der aktuellen gesellschaftlichen Situation zusammenhängen? Und dabei geht es mir nicht darum, jedes Verhalten politisch zu erklären, aber darum genauer hinzuschauen, wenn ein junger Mensch beispielsweise sagt: „Alles wird doch sowieso immer schlimmer!“ Dann müssen wir nicht sofort antworten: „Das stimmt doch gar nicht!“ Wir könnten zunächst fragen: „Was macht dir daran Sorgen?“ oder „Was hast du dazu gehört?“ Denn hinter einer starken Aussage kann vieles stecken: Angst, Frust, Ohnmacht, das Bedürfnis nach Zugehörigkeit oder einfach die Suche nach Orientierung. Verstehen bedeutet dabei nicht, jede Aussage gut zu heißen. Es bedeutet den Menschen hinter der Aussage wahrzunehmen. Und dann stellt sich die Frage: Was können wir konkret tun? Eine Idee ist ganz einfach: Nehmt euch in den nächsten Tagen 10 Minuten Zeit. Schafft einen ruhigen Gesprächsraum und fragt: „Was beschäftigt dich gerade, wenn du an die Wahlen oder die politische Situation denkst? Mehr braucht es zunächst gar nicht. Wir müssen nicht sofort erklären, nicht sofort korrigieren, nicht sofort diskutieren - zuhören und wenn Sorgen auftauchen, ernst nehmen ohne sie größer zu machen. Wenn Informationen fehlen, gemeinsam nach verlässlichen Quellen suchen. Wenn Grenzen überschritten werden, klar Stellung beziehen, denn auch das gehört zu unserer pädagogischen Verantwortung. Wir können sagen: „Du darfst eine andere Meinung haben, aber Menschen abzuwerten, ist keine akzeptable Form des Umgangs.“ Das ist für mich ein wichtiger Punkt: Beziehung bedeutet nicht, alles gut zu heißen. Beziehung bedeutet: Ich bleibe in Kontakt. Ich höre zu. Ich gebe Orientierung. Ich setze Grenzen und ich mache deutlich: Auch wenn wir unterschiedlicher Meinung sind, bist du mit deinen Fragen nicht allein. Vielleicht ist genau das in dieser Zeit besonders wichtig: Junge Menschen brauchen keine Erwachsenen, die auf jede politische Frage eine Antwort haben. Sie brauchen Erwachsene, die aushalten können, dass Fragen offen bleiben. Die gemeinsam nach Antworten suchen. Die Unsicherheit nicht weg reden und die trotzdem Hoffnung und Handlungsmöglichkeiten vermitteln. Denn Demokratie lernen wir nicht nur im Unterricht, wir lernen sie in Beziehung. Wenn wir erleben: Ich werde gehört. Ich darf widersprechen. Andere dürfen anders denken. Wir können Konflikte austragen ohne uns gegenseitig abzuwerten und meine Stimme hat Bedeutung. Vielleicht ist das deshalb unser Bildungswert-Impuls für die kommenden Tage und Wochen: Schaffen wir Gesprächsräume. Nicht um junge Menschen von einer Meinung zu überzeugen, sondern um ihnen zu zeigen: Deine Fragen haben Platz. Deine Sorgen haben Platz. Und: Wir bleiben miteinander im Gespräch, denn genau hier wirkt Beziehung.
Meiner Meinung nach haben wir auch dann die Möglichkeit, Haltung zu zeigen. Wir sind verpflichtet, Haltung zu zeigen. Das Neutralitätsgebot für Lehrkräfte bedeutet nicht, dass ich es aushalten muss, wenn Menschen, junge Menschen, andere Menschen rechtsextremistische Gedanken in den Raum bringen. SDs müssen wir nicht aushalten. In dem Moment, wo die Verfassung infrage gestellt wird, darf ich sagen, dass das nicht in Ordnung ist. In dem Moment, wo Menschenrechte infrage gestellt werden, darf ich dagegen etwas sagen, denn es ist nicht in Ordnung, Menschenrechte abzusprechen.
In diesem Sinne wünsche ich uns allen gute Wahlen - demokratische Wahlen - ich wünsche uns, dass wir alle unsere Stimme nutzen. Denn wir haben diese eine Stimme. Lasst uns losgehen und den Zettel ausfüllen, damit am Ende die demokratischen Parteien gewinnen können - damit die Demokratie gewinnen kann. Denn es geht hier auch um ganz viel mehr als nur um eine Wahl. Es geht hier darum, dass eine rechtsextremistische Partei nicht die Macht übernehmen kann in diesem Land.
Ich wünsche euch eine gute Woche. Habt viel Kraft für das, was auf uns zukommt. Ich wünsche euch unglaublich viele wertvolle Begegnungen mit wundervollen Menschen und in diesem Sinne: Das war Beziehung wirkt - Der Bildungswert-Podcast. Bis zum nächsten Mal.