Christoph predigt

Brunn allen Heils


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Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!

Aus dem dritten Kapitel des Johannesevangeliums:

Es war aber ein Mensch unter den Pharisäern mit Namen Nikodemus, ein Oberster der Juden. Der kam zu Jesus bei Nacht und sprach zu ihm: Rabbi, wir wissen, dass du ein Lehrer bist, von Gott gekommen; denn niemand kann die Zeichen tun, die du tust, es sei denn Gott mit ihm. Jesus antwortete und sprach zu ihm: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wenn jemand nicht von Neuem geboren wird, so kann er das Reich Gottes nicht sehen. Nikodemus spricht zu ihm: Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er alt ist? Kann er denn wieder in seiner Mutter Leib gehen und geboren werden? Jesus antwortete: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wenn jemand nicht geboren wird aus Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes kommen. Was aus dem Fleisch geboren ist, das ist Fleisch; und was aus dem Geist geboren ist, das ist Geist. Wundere dich nicht, dass ich dir gesagt habe: Ihr müsst von Neuem geboren werden. Der Wind bläst, wo er will, und du hörst sein Sausen wohl; aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er fährt. So ist ein jeder, der aus dem Geist geboren ist. (Johannes 1,3-8)


Zurückspulen

Liebe Schwestern und Brüder in Jesus Christus,

Kaum haben die Worte meinen Mund verlassen, da bereue ich sie schon. Der Bruchteil einer Sekunde hat genügt, um zu erkennen, dass es ein Fehler war, den letzten Satz zu sagen. Die Erkenntnis kam genau diesen Bruchteil einer Sekunde zu spät. Der entsetzte Blick auf dem Gesicht meines Gegenübers zeigt mir schon, dass es angekommen ist. Jetzt habe ich es ruiniert.

Das kann ganz schnell gehen. Vertrauen aufzubauen dauert, manchmal lange Zeit. Vertrauen zu zerstören geht ganz schnell. Da kann ein Satz reichen. Es gibt vieles im Leben, das man ganz schnell kaputt machen kann.

Manches Mal habe ich mir schon insgeheim eine Art Rückspultaste gewünscht. Wenn man doch nur ein Stück zurückspringen könnte und es noch einmal machen. "Hindsight is 20/20", sagt man im Englischen. "Im Rückblick hat man immer die perfekte Sehstärke." Wenn man doch nur die so gewonnene Erfahrung nutzen könnte, um es noch einmal, aber besser zu machen. Noch einmal ansetzen. Und wenn es nur ein paar Sekunden wären. In manchen Fällen aber auch gerne Tage, Wochen, oder Jahre. Entscheidungen noch einmal treffen, aber besser. Grobe Fehler nicht wiederholen. Feinfühliger in Gespräche hineingehen. Rücksichtsvoller in Beziehungen. Mit mehr Weisheit ans Leben herangehen.

Ein neuer Anfang. Das wäre doch was.

Weisheit für's Leben erhofft auch der sich, der sich da nachts ins Gespräch mit Jesus begibt. Nicht, weil er etwas zu verbergen hätte und bei Nacht halt alle Katzen grau sind. Ganz einfach, weil der späte Abend und die frühen Nachtstunden die normale Zeit sind, die ein Rabbi seiner Zeit mit Studien verbringt. Studien, Lernen, gewinnen an Weisheit -- das ist es auch, was er sich von dieser Konversation mit Jesus erhofft: "Rabbi, wir wissen, dass du ein Lehrer bist, von Gott gekommen; denn niemand kann die Zeichen tun, die du tust, es sei denn Gott mit ihm." Die Chance, von so einem zu lernen, will er sich nicht entgehen lassen.

Aber Lernen ist schwer, wenn gleich das Erste, was man zu hören bekommt, völlig unmöglich erscheint: "Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wenn jemand nicht avon Neuem geboren wird, so kann er das Reich Gottes nicht sehen."

Von Neuem geboren werden... Noch einmal ganz von vorne beginnen. Das wäre ja schon die Lösung für manches Problem. Das würde vieles anders machen. Selbst den schlimmsten Zeitgenossen würde ich es zutrauen, dass sie manches besser machen würden, wenn man ihnen die Chance noch einmal gäbe.

Aber: Von Neuem geboren werden -- wie soll das gehen? Das ist doch völlig unmöglich! Keiner kann einfach zurückgehen und noch einmal ganz klein werden. Ich kann ja nicht einmal diesen letzten Satz zurückholen, den ich so sehr bereue. Zurück an den Anfang? Alles wieder auf Null. Schön wär's. Aber leider ist klar, dass das keine Option ist.

Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er alt ist? Kann er denn wieder in seiner Mutter Leib gehen und geboren werden?

Er klingt ein wenig schockiert, der Nikodemus. So hat er sich das Gespräch mit dem weisen Lehrer wohl nicht vorgestellt. Dass Weisheit nicht immer gleich einfach zu schlucken ist, das muss ihm klar gewesen sein. Aber dass das Gespräch gleich im ersten Moment so ins Lächerliche abgleitet, das hat er dann doch nicht erwartet. Lohnt es sich denn überhaupt, hier weiterzureden? War es ein Fehler, hier her zu kommen? Was kann denn noch sinnvolles kommen nach so einem Anfang?

Neu geborenJesus antwortete: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wenn jemand nicht geboren wird aus Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes kommen. Was aus dem Fleisch geboren ist, das ist Fleisch; und was aus dem Geist geboren ist, das ist Geist. Wundere dich nicht, dass ich dir gesagt habe: Ihr müsst von Neuem geboren werden. Der Wind bläst, wo er will, und du hörst sein Sausen wohl; aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er fährt. So ist ein jeder, der aus dem Geist geboren ist.

"Ja, Nikodemus", sagt Jesus. "Du hast recht." Keiner kann das. Es gibt nichts Menschliches, das das bewirken kann. Es gibt keinen einfachen Trick, keine Lebensweisheit, keine tolle Methode, mit der du alles recht machen kannst und deshalb auch hineinkommst in Gottes Reich. Was es braucht, ist eine ganz andere Kategorie. Unerreichbar, unverfügbar für uns Menschen wie der Wind, den wir zwar wahrnehmen, nicht aber machen und lenken können. Es braucht Gott, der etwas tut. Nur er kann es machen.

Eine neue Geburt. Ein neuer Anfang. Nichts menschliches, sondern "aus Wasser und Geist", von Gott gewirkt. Das ist es, was es braucht.

Nikodemus, dem gebildeten Theologen, muss hier aufgegangen sein, dass er Jesu Wortspiel nur zur Hälfte verstanden hat. Nicht nur von einer "neuen Geburt" redet Jesus. Der Neuanfang, von dem er spricht -- so lässt es zumindest das Wortspiel des griechischen Urtexts zu -- ist gleichsam einer "von oben." Und spätestens als Jesus von "Wasser und Geist" spricht, entsteht vor dem Bild des gelehrten Rabbi ein Bild, das ihm gut gekannt ist. Neue Gläubige, Übertritte zum jüdischen Glauben, wie es sie auch damals immer wieder gab, wurden in die Glaubensgemeinschaft durch ein rituelles Bad eingeführt. Das Alte wird sprichwörtlich abgewaschen. Ein ganz neuer Lebensabschnitt beginnt, wenn der Gläubige dieses Bad verlässt. Ja, das kann Nikodemus verstehen.

Als Jahrzehnte später das Johannesevangelium von diesem Gespräch berichtet, ist die Taufe als markanter Punkt des neuen Anfangs längst allen Lesern ein Begriff. Das sichtbare Zeichen des Wassers -- Symbol der Reinigung, aber auch Grundlage des Lebens -- verbindet sich mit dem unsichtbaren Wirken von Gottes Geist. Ein neuer Anfang. Neues Leben. Gott selbst tut etwas an einem Menschen -- etwas, dass der Mensch nie hätte selbst tun können. Unverfügbar, wie der Wind. Und das ist erst der Anfang. Hier beginnt ein neues Leben. Von hier an weht der dieser Windhauch des Geistes beständig durch ein Leben. Gott ist gegenwärtig: Christus in uns -- durch seinen Geist. Niemand hätte das je irgendwie selbst hervorbringen können.

Trinitatis

Wir feiern heute Trinitatis. Das Fest des dreieinigen Gottes: Vater, Sohn und Heiliger Geist. Unbegreiflich, größer als alles, was ich begreifen kann.

Irgendwie hätte ich mir heute zuerst einen anderen Text gewünscht. Einen, der das irgendwie aufdröselt. Der Vater, Sohn und Heiligen Geist irgendwie greifbar macht in ihrem unterschiedlichen Sein und Wirken und mir einen Gott erklärt, der drei in eins oder eins in drei ist und den ich einfach nicht verstehe. Wie Nikodemus hätte ich das alles gerne etwas griffiger gehabt.

Das kann dieser Text nicht leisten. Das will er auch gar nicht. Man könnte jetzt wohl auf die Suche gehen und etwas finden über den Vater, den Schöpfer, der mir überhaupt das Leben gibt. Über den Sohn, durch den ein neuer Anfang möglich wird. Schließlich steht nur wenige Zeilen später der wohl berühmteste Vers der Bibel: "Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren gehen, sondern das ewige Leben haben." Man hätte vom Heiligen Geist reden können, der diesen Neuanfang in mir wirkt und durch den Christus in mir lebt an jedem Tag.

Aber das macht dieser Text gar nicht mit. Stattdessen führt mich der Text an Trinitatis zurück zu etwas ganz Grundlegendem: zu Gottes Wirken an mir in seiner Gänze, in seiner Fülle. Zu dem, was man mit dem Wort "Heil" bezeichnen könnte. Denn dieser Gott, der mir als Vater, Schöpfer, Allmächtiger, als Sohn, als Mensch-gewordener, Gestorbener, Auferstandener, als Kraft und Windhauch des Geistes, begegnet; dieser Gott, dessen dreieiniger Name bei der Taufe über meinem Leben ausgesprochen wurde; dieser Gott, der durch den Geist in mir lebt und wirkt; dieser Gott begegnet mir in allem mit genau dieser Absicht: zu meinem Heil. Er begegnet mir, um das zu machen, was ich nicht kann. Er begegnet mir und schenkt mir Leben (in jedem Sinn des Wortes), das ich nicht produzieren und machen kann. Er begegnet mir und macht mich neu, macht mich ganz, macht mich Heil.

Ich bin Gott dankbar für all die unterschiedlichen Facetten seines Wirkens. Ich bin dem Schöpfer dankbar; dem Christus, der für mich gestorben und auferstanden ist; dem Heiligen Geist, der in mir lebt. Ich brauche das gar nicht auseinanderzusortieren. Ich muss es nicht einmal verstehen können. Ich darf es einfach annehmen, wie Gott es mir gibt. Und dankbar dafür sein.

Der dreieinige Gott wird mir weiterhin ein Rätsel bleiben. Seine Größe lässt mich nur staunend stehen. Und noch viel mehr staunen muss ich, wenn sich dieser große Gott mir zuwendet und mir sein Heil schenkt.

Brunn allen Heils, dich ehren wir.

Dass ist es, was mir am Ende bleibt. Das Staunen. Das Wundern. Und das Loben des Gottes, der mir zum Heil geworden ist.

Amen.


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