Erzählkünstler

"Das Erdbeben in Chili" (Heinrich von Kleist)


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Was für eine Erzählung! Sie beginnt, wie viele Novellen, mit einer Katastrophe, genau genommen: mit zwei Katastrophen, einer individuellen und einer natürlichen, und endet mit einer gesellschaftlichen. Und die hat es in sich! Ein durch einen fanatischen Prediger aufgeputschter Mob jagt in einem an Splatter-Movies viel späterer Zeit erinnernden Gemetzel zwei einander liebende junge Menschen und erschlägt sie brutal. Sie müssen als Sündenböcke für die Naturkatastrophe (das Erdbeben) herhalten, die für Gläubige im 17. Jahrhundert natürlich die Strafe Gottes für privates Fehlverhalten, für sündiges Leben ist. Die Beziehung einer adeligen Frau und eines einfachen Hauslehrers war nicht standesgemäß und gehörte bestraft.

Die Novelle „Das Erdbeben in Chili“ gleicht einer Anti-Apokalypse. Hier folgt auf das erste katastrophische Geschehen (das Beben) zwar eine kurze idyllische Zeit auf einer fruchtbaren Wiese (inkl. Granatapfelbaum!), in einer bunten Gesellschaft ohne Standes- und Glaubensgrenzen, aber dann eben kein Neuanfang, kein Neues Jerusalem, wie in der neutestamentarischen "Offenbarung". Doch immerhin hält das Ende eine kleine Hoffnung bereit, zumindest für eine Figur, die jüngste im Text. Das alles und noch viel mehr erzählt Heinrich von Kleist in der ihm eigenen, distanziert wirkenden, nüchternen Sprache. Der Text erschien zuerst im Jahr 1807 und wird hier empathisch vorgelesen von Heide Bertram.

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ErzählkünstlerBy Volker Drüke