Eine Zirkusbühne ist ein Ort der Artistik, der außergewöhnlichen Fähigkeiten, der Zurschaustellung derselben, und ja: Es ist eine Show, die eben auch verhüllt, all die quälenden Übungsstunden, die überhaupt erst die bestaunenswerten Körper und Skills hervorbringen, hinter allerlei Tüchern, Kostümen, Stoffen verschleiert. Denn wir, die Staunenden, wollen Körperkunst und Schönheit bewundern – nicht etwa in Mitleid geraten ob der harten Schule des Trainings und der Dressuren.
Franz Kafkas „Auf der Galerie“ bringt die Ambivalenz in zwei Sätzen zur ästhetischen Darstellung, im Konjunktiv der eine, im Indikativ der andere. Im ersten könnte es so sein wie beschrieben – im zweiten ist es so, wie es ist. Was genau, legt der Titel des Textes nahe: Es geht um die Zuschauerränge, die Wahrnehmungen also, die Rezeption des in der Manege Geschehenden. Niemand sieht die Schinderei der Kunstreiterin durch den „peitschenschwingenden erbarmungslosen Chef“, ihre eigene, offenbar von Erkrankung oder extremer Erschöpfung gekennzeichnete körperliche Lage („hinfällige, lungensüchtige Kunstreiterin“), und das noch „auf schwankendem Pferd“ und stets „begleitet vom vergehenden und neu anschwellenden Beifallsklatschen der Hände, die eigentlich Dampfhämmer sind“. Dampfhämmer! Nein, die hören wir nicht, und das alles sehen wir nicht. Stattdessen „eine schöne Dame, weiß und rot“, die „hereinfliegt, zwischen den Vorhängen, welche die stolzen Livrierten vor ihr öffnen“, und den Direktor, der sie „vorsorglich (...) auf den Apfelschimmel hebt, als wäre sie seine über alles geliebte Enkelin, die sich auf gefährliche Fahrt begibt“. Nach der Aufführung gilt alle Aufmerksamkeit nur ihr, der Künstlerin, die „hoch auf den Fußspitzen, vom Staub umweht, mit ausgebreiteten Armen, zurückgelehntem Köpfchen ihr Glück mit dem ganzen Zirkus teilen will“. Und der Galeriebesucher? Legt „das Gesicht auf die Brüstung und, im Schlussmarsch wie in einem schweren Traum versinkend", beginnt zu weinen, ohne es zu wissen. Aus Rührung?
Kafkas Text (1919 entstanden) ist ebenso ein künstlerisches Meisterstück, virtuos gestaltet, bewundernswert im sprachlichen Ausdruck – „makellos“, wie der Autor selbst einmal notierte. Es liest Volker Drüke.