Ludwig Tiecks Literatur ist anders als die seiner Zeitgenossen. Wer wissen möchte, worin das Spezielle in seinen Werken liegt, der höre die in diesem Podcast sehr erfolgreichen Aufnahmen „Des Lebens Überfluss“ und „Der blonde Eckbert“. Oder eben jene Geschichte, die wir heute vorstellen. Ihre Ausgangslage ist einfach: Ein Kunsthändler ist auf dem Weg zu einem armen Maler, um bei ihm ein, wie er hofft, nun fertiggestelltes Bild abzuholen. Der Händler hat durchaus eine starke Bindung zur Kunst, ja, er scheint gar fixiert zu sein auf dieses eine, „sein“ Kunstwerk, das er freilich noch gar nicht erworben hat, und wirkt enttäuscht, wenn Vorüberlaufende nicht wie Figuren aus diesem Bild aussehen. Auch beneidet er den Maler um dessen Leben, das dieser allein der Kunst zu widmen scheint, idealisiert dabei, wie wir hören, deutlich die Künstlerexistenz. Was folgt, ist aber ein dann doch schroffes Aufeinandertreffen der Kaufmannswelt und jener des Kunstproduzierenden. Geschäftssphäre vs. Kunstsphäre mitten im aufkeimenden Kapitalismus. Das kennen wir aus etlichen Texten aus dem späten 18. und gesamten 19. Jahrhundert. Doch Tieck ist, wie erwähnt, ein spezieller Autor. Hier verharren die Haltungen nicht in Opposition, hier wandeln sie sich, genauer: Eine wandelt sich. Auf dem Nachhauseweg begegnet der Händler einem Schäfer, und diese Interaktion, diese Spiegelgeschichte in Tiecks Text verändert die Haltung des Erzählers. Noch immer zeigt er sich eitel, und die kapitalistische Arroganz weicht sicher nicht komplett, aber immerhin ein wenig auf. Sein emotionales Empfinden wird offenbar bereichert durch Empathie und „Rührung“ (wie es im Text heißt). Und so geht er in die zweite Verhandlungsrunde, die sich ganz im Sinne des Künstlers entwickelt. Die erstaunliche Verwandlung des Händlers zeigt Tieck auch semiotisch an, über die Zeichen der Sprache, indem er den Erzähler so lange von „meinem“ Werk schreiben lässt, solange es noch dem Maler gehört, und – umgekehrt – von „seinem Bild“, also dem des Künstlers, nachdem er selbst es längst erworben hatte.
„Eine Erzählung, aus einem italienischen Buche übersetzt“ ist eine Künstler- und Wandelgeschichte, die sich gleichsam hin zur Darstellung einer von Empathie geprägten zwischenmenschlichen Beziehung bewegt, ohne in Kitsch abzugleiten. Sie erschien im Jahr 1973. Das eigentliche Entstehungsjahr ist unbekannt, und die Frage, ob Ludwig Tieck den Text aus einem italienischen Werk übersetzt oder ihn nachgedichtet hat oder ob der Titel schlicht nicht ernst zu nehmen ist und das alles genuin von Tieck selbst stammt – all das ist unklar, doch es ist auch gar nicht wichtig. Wir begegnen einem ästhetisch schönen Werk. Das reicht. Es liest Volker Drüke.