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Autor, Sprecher und Episodenbild
Yeal Gabriel Gwyneth Spengler
Technik und Gestaltung
Thorsten Siefert
Es begann im Hintergrund. In aller Stille. Das Kommando Heer ermittelte, ebenso die Abteilung Schnelle Kräfte. Soldatinnen des Fallschirmjägerregiments 26, dieses ist stationiert im rheinland-pfälzischen Zweibrücken und im saarländischen Merzig, hatten offenbar genug gehabt und sich im Juni 2025 beim Wehrbeauftragten über die Zustände in ihrem Regiment und den Umgang damit beschwert.
Ende des vergangenen Jahres umfassten die Ermittlungsakten bereits 6000 Seiten. Und die Erkenntnisse sind erschreckend: Rechtsextremismus, Antisemitismus, offener Sexismus, Androhung sexueller Gewalt, Mobbing, dazu nicht nur bundeswehrübliche Saufgelage, auch Drogenkonsum seien bei der Eliteeinheit an der Tagesordnung gewesen.
Nach Bekanntwerden der Vorwürfe kam es recht schnell zu ersten Entlassungen von Soldaten. Verteidigungsminister Pistorius forderte eine vollständige Aufklärung. Auch darüber, wie die Führungskräfte vor Ort mit der Situation umgegangen, besser eben nicht umgegangen waren.
Zu Jahresbeginn verebbte die Berichterstattung zunächst. Mitte Januar erfuhr die Öffentlichkeit, dass gegen 55 Soldaten des Regiments mittlerweile ermittelt wurde. Weitere Entlassungen – nach neun bereits vollzogenen – seien geplant. Man wolle, so der Inspekteur des Heeres Freuding, mit konkreten Maßnahmen verhindern, dass sich das Geschehene wiederholen könne.
Nach diesen Ereignissen die Vorfälle herunterzuspielen ist vollkommen unverständlich. CDU Politiker aus dem Raum Zweibrücken sprachen von Einzelfällen.
Das scheint so nicht zu stimmen, weitere Berichte über Missstände im Regiment wurden bekannt, so auch die Vergewaltigung einer Soldatin durch zwei Fallschirmjäger im Jahr 2023. Im Juni 2025 führten durch Nahkampfausbilder angewiesene Schläge bei einem Soldaten dazu, dass dieser sich einer Notoperation unterziehen musste.
Und am 10. Dezember meldete der SWR, dass auf dem Zweibrückener Weihnachtsmarkt – die Bundeswehr unterhält dort traditionell einen Erbsensuppenstand – zwei Soldaten unter ihrem Weihnachtsmannkostüm ein nicht geladenes Sturmgewehr, ein nicht geladenes Maschinengewehr sowie eine geladene, aber immerhin gesicherte Pistole mit sich führten. Die von Besuchern alarmierte Polizei sorgte für den Abtransport der Waffen.
Bedauerliche Einzelfälle? Oder Geschehnisse, die nun mal an die Öffentlichkeit gelangt und nicht mehr zurückzuholen waren? Sehr wahrscheinlich Letzteres. Ein halbes Jahr dauerte es, bis das, was in Zweibrücken geschehen war, an die Öffentlichkeit kam. Und dann zeigte sich schnell, wie umfangreich die Ermittlungen bis dahin bereits gewesen waren. Wer also glaubt an bedauerliche Einzelfälle?
Was wir hier sehen, ist mehr als bundeswehrtypisch, in diesem Umfeld allerdings nicht erstaunlich.
Letztendlich ist es missverstandene Kameradschaft, ein unbedingtes Zueinanderhalten und Dichtmachen, wenn Kritik, Beschwerden oder Schlimmeres drohen. Man kann sich auf seine Leute verlassen. Man steht zusammen. Man steht füreinander ein, eine Art Mannschaft. Und wer quer schießt, sich nicht solidarisiert, hinterfragt, laut Kritik übt, sich vielleicht beschwert, wird ausgegrenzt, findet sich schnell an einem anderen Ort wieder. Sie oder er gehören dann nicht mehr zur Mannschaft missverstandenen Zusammenhalts.
Diese Mechanik finden Sie fast überall in unterschiedlichem Umfange und von unterschiedlicher Ausprägung freilich. Menschen wie ich, die sich wie wir alle in Gemeinschaften bewegen, auf keinen Fall Teil einer solchen sein wollen, unabhängig artikulieren und handeln, was bzw. wie sie denken, kennen die Folgeeffekte mangelnden Mannschaftssinns gut.
Eine geschlossene Gemeinschaft, eine militärische Einheit, ja eine Elitegruppe, geprägt von männlichen Denkmustern und hierarchischen Strukturen ist für diese Mechanik noch anfälliger. Nicht zuletzt deshalb hat man in der Bundesrepublik stets Werte- und Demokratieerziehung in die Bundeswehrausbildung integriert. Die Rede war vom Bürger in Uniform. Und der sollte doch eigentlich sagen können, was ihm auffällt, Missstände, hier sogar Verbrechen, offen benennen können, damit diese abgestellt und aufgeklärt werden können.
Es muss gehandelt werden bei den Streitkräften. Eine angekündigte Dunkelfeldstudie zum Thema sexualisiertes Fehlverhalten – 2024 war sie von der Wehrbeauftragten Eva Högel angeregt und vom Bundesverteidigungsministerium auch beauftragt worden – kann noch keine Ergebnisse vorweisen.
Notwendig wäre eine detaillierte Untersuchung der Handlungsmuster und -strukturen in der Truppe, das Etablieren einer Kultur der Nichtverheimlichung, einer Kultur des offenen Dialogs, auch einer Kultur der Angstfreiheit, sicher auch einer Kultur der Befreiung von scheinbaren Tugenden missverstandener Solidarität, männlich geprägt. Ein langer Weg liegt vor dir, liebe Bundeswehr.
By Hans-Christian Spengler und Thorsten A. SiefertAutor, Sprecher und Episodenbild
Yeal Gabriel Gwyneth Spengler
Technik und Gestaltung
Thorsten Siefert
Es begann im Hintergrund. In aller Stille. Das Kommando Heer ermittelte, ebenso die Abteilung Schnelle Kräfte. Soldatinnen des Fallschirmjägerregiments 26, dieses ist stationiert im rheinland-pfälzischen Zweibrücken und im saarländischen Merzig, hatten offenbar genug gehabt und sich im Juni 2025 beim Wehrbeauftragten über die Zustände in ihrem Regiment und den Umgang damit beschwert.
Ende des vergangenen Jahres umfassten die Ermittlungsakten bereits 6000 Seiten. Und die Erkenntnisse sind erschreckend: Rechtsextremismus, Antisemitismus, offener Sexismus, Androhung sexueller Gewalt, Mobbing, dazu nicht nur bundeswehrübliche Saufgelage, auch Drogenkonsum seien bei der Eliteeinheit an der Tagesordnung gewesen.
Nach Bekanntwerden der Vorwürfe kam es recht schnell zu ersten Entlassungen von Soldaten. Verteidigungsminister Pistorius forderte eine vollständige Aufklärung. Auch darüber, wie die Führungskräfte vor Ort mit der Situation umgegangen, besser eben nicht umgegangen waren.
Zu Jahresbeginn verebbte die Berichterstattung zunächst. Mitte Januar erfuhr die Öffentlichkeit, dass gegen 55 Soldaten des Regiments mittlerweile ermittelt wurde. Weitere Entlassungen – nach neun bereits vollzogenen – seien geplant. Man wolle, so der Inspekteur des Heeres Freuding, mit konkreten Maßnahmen verhindern, dass sich das Geschehene wiederholen könne.
Nach diesen Ereignissen die Vorfälle herunterzuspielen ist vollkommen unverständlich. CDU Politiker aus dem Raum Zweibrücken sprachen von Einzelfällen.
Das scheint so nicht zu stimmen, weitere Berichte über Missstände im Regiment wurden bekannt, so auch die Vergewaltigung einer Soldatin durch zwei Fallschirmjäger im Jahr 2023. Im Juni 2025 führten durch Nahkampfausbilder angewiesene Schläge bei einem Soldaten dazu, dass dieser sich einer Notoperation unterziehen musste.
Und am 10. Dezember meldete der SWR, dass auf dem Zweibrückener Weihnachtsmarkt – die Bundeswehr unterhält dort traditionell einen Erbsensuppenstand – zwei Soldaten unter ihrem Weihnachtsmannkostüm ein nicht geladenes Sturmgewehr, ein nicht geladenes Maschinengewehr sowie eine geladene, aber immerhin gesicherte Pistole mit sich führten. Die von Besuchern alarmierte Polizei sorgte für den Abtransport der Waffen.
Bedauerliche Einzelfälle? Oder Geschehnisse, die nun mal an die Öffentlichkeit gelangt und nicht mehr zurückzuholen waren? Sehr wahrscheinlich Letzteres. Ein halbes Jahr dauerte es, bis das, was in Zweibrücken geschehen war, an die Öffentlichkeit kam. Und dann zeigte sich schnell, wie umfangreich die Ermittlungen bis dahin bereits gewesen waren. Wer also glaubt an bedauerliche Einzelfälle?
Was wir hier sehen, ist mehr als bundeswehrtypisch, in diesem Umfeld allerdings nicht erstaunlich.
Letztendlich ist es missverstandene Kameradschaft, ein unbedingtes Zueinanderhalten und Dichtmachen, wenn Kritik, Beschwerden oder Schlimmeres drohen. Man kann sich auf seine Leute verlassen. Man steht zusammen. Man steht füreinander ein, eine Art Mannschaft. Und wer quer schießt, sich nicht solidarisiert, hinterfragt, laut Kritik übt, sich vielleicht beschwert, wird ausgegrenzt, findet sich schnell an einem anderen Ort wieder. Sie oder er gehören dann nicht mehr zur Mannschaft missverstandenen Zusammenhalts.
Diese Mechanik finden Sie fast überall in unterschiedlichem Umfange und von unterschiedlicher Ausprägung freilich. Menschen wie ich, die sich wie wir alle in Gemeinschaften bewegen, auf keinen Fall Teil einer solchen sein wollen, unabhängig artikulieren und handeln, was bzw. wie sie denken, kennen die Folgeeffekte mangelnden Mannschaftssinns gut.
Eine geschlossene Gemeinschaft, eine militärische Einheit, ja eine Elitegruppe, geprägt von männlichen Denkmustern und hierarchischen Strukturen ist für diese Mechanik noch anfälliger. Nicht zuletzt deshalb hat man in der Bundesrepublik stets Werte- und Demokratieerziehung in die Bundeswehrausbildung integriert. Die Rede war vom Bürger in Uniform. Und der sollte doch eigentlich sagen können, was ihm auffällt, Missstände, hier sogar Verbrechen, offen benennen können, damit diese abgestellt und aufgeklärt werden können.
Es muss gehandelt werden bei den Streitkräften. Eine angekündigte Dunkelfeldstudie zum Thema sexualisiertes Fehlverhalten – 2024 war sie von der Wehrbeauftragten Eva Högel angeregt und vom Bundesverteidigungsministerium auch beauftragt worden – kann noch keine Ergebnisse vorweisen.
Notwendig wäre eine detaillierte Untersuchung der Handlungsmuster und -strukturen in der Truppe, das Etablieren einer Kultur der Nichtverheimlichung, einer Kultur des offenen Dialogs, auch einer Kultur der Angstfreiheit, sicher auch einer Kultur der Befreiung von scheinbaren Tugenden missverstandener Solidarität, männlich geprägt. Ein langer Weg liegt vor dir, liebe Bundeswehr.