Autor, Sprecher und Episodenbild
Yeal Gabriel Gwyneth Spengler
Schon viele Jahre lang kann man beobachten, wie Pädagogen, nachdem sie den Schulvormittag bewältigt haben, sich auch den restlichen Tag hindurch bis in den Abend hinein mit ihren Schülern und deren Elternhäusern auseinandersetzen. Telefonate, Treffen, Hausbesuche, runde Tische, die Zusammenarbeit mit den Jugendämtern, Jugendhilfeorganisationen nehmen einen nicht unbeträchtlichen Teil der Arbeitszeit von Lehrern ein. Dabei geht es immer um eines: Irgendwie auch nur ansatzweise Bedingungen zu schaffen, die etwas mehr von dem, was die Pädagogen als „Normalität“ empfinden, herzustellen und Lernen so möglich zu machen. Nur zu häufig, und bei einer zunehmenden Anzahl von Schülern, scheitern all diese Bemühungen von Mal zu Mal. Und das liegt nicht nur an der steigenden Anzahl von Kindern und Jugendlichen, die einen konkreten Unterstützungsbedarf haben.
Die Bedingungen des Aufwachsens haben sich nachhaltig verändert. Materieller Mangel, wenig Zeit für ein familiäres Miteinander, der Einfluss sozialer Medien, die Art, wie Menschen einander zuhören, wie sie nebeneinander her leben. Dazu gesellt sich dann eine Selbstorganisation der Kinder, die oft scheitert und oder in falsche Richtungen führt. Sie mündet in Verselbstständigungsprozessen, die ein respektvolles Miteinander im Alltag unmöglich machen und häufig impulsgesteuert sind. Das sind nur ein paar der offensichtlichsten Faktoren, die den Schulalltag erschweren. Wenn das, was Müller in dem im letzten Todays Day vorgestellten Buch „Jugend im Elend der Lieblosigkeit“ beschrieben hat, noch hinzukommt, nämlich ausbleibende Zuwendung, fehlende Vorbilder, daraus resultierende Verwahrlosung, ggf. sogar vollständiger Bindungsverlust, dann ist wohl eines klar: Für das, was Schule inhaltlich vermitteln soll, ist hier kein Raum mehr.
Welche Momente der Veränderung könnten zentral sein, universell in ihrer Wirkung. Zurück zu Müller: Zuwendung, Zuwendung, Zuwendung. Beziehungsarbeit auf unterschiedlichen Ebenen – nicht als Nothammer – sondern als genereller Bestandteil des Umgangs der an Schule Beiteiligten. Schule ist bereits ein sozialer Raum. Doch wie erlebbar ist das Soziale?
Die Antwort darauf lautet häufig: Kaum oder zu wenig. Ein erster Schritt in Richtung einer Schule der Zukunft wäre, sie zu einer wirklichen Lebenswelt werden zu lassen. Sie muss mehr sein als eine Vormittagsverwahrung mit dem Auftrag, Schüler am Ende der Schulzeit dem Arbeitsprozess zur Verfügung zu stellen, in den sie sich dann bitte nahtlos und den Vorstellungen der Arbeitgeber entsprechend einfädeln sollen.
Beginnen wir mit dem Schultag. Eine Lebenswelt kann nur dann entstehen, wenn man ihr mehr Zeit einräumt. Die Richtung ist klar. Eine Ganztagsschule, die zumindest bis in den frühen Nachmittag hineinreicht, stellt dafür den richtigen äußeren Rahmen dar. Sie soll leisten, was in vielen Familien nicht mehr möglich ist: Lernen zusammenzuleben, sich auszutauschen, gemeinsam einen Tag zu gestalten. Dabei müssen die Bedürfnisse der Lernenden mit äußeren Bedingungen und auch Lernanforderungen zusammengebracht werden. Aber eben nicht von oben herab, sondern gleichberechtigt und gemeinsam.
Was braucht ein Lebensraum Schule: Räume. Räume zum Leben, zum Essen, zum Lernen, zum Beisammensein, zum Forschen und vielem mehr.
Dabei kommt dem Klassenraum eine hohe Bedeutung zu. Hier sollte der Ort sein, an dem sich ein Großteil des Miteinanders abspielt, in dem Gemeinschaft erlebt wird. Muss man dafür viel ändern? Eigentlich nicht. Lediglich das Nutzungskonzept muss überdacht werden und: der Raum darf nicht zu voll sein. Klassengrößen von 15 bis 20 Schülern sind das Maximum. Dann kann die Großfamilie Klasse gedeihen.
Zurück zum Raum. Gestaltet werden soll er von Schülern und nicht nach Vorgaben eines Schulleiters. Bunt oder auch nur lila, vielleicht auch grün? Mit wenigen oder erträglich vielen Pflanzen, mit individuellen Ablagemöglichkeiten. Mit einer kleinen Küchenzeile samt Spülmaschine. Wozu? Kein anonymes Mensagedöns mehr, es wird gemeinsam gefrühstückt, es wird gemeinsam gegessen. Was gebraucht wird, wird zentral eingekauft und bereitgestellt. Nach den Mahlzeiten alles wieder auf Vorderfrau bringen, kein Problem. Wie in einer Familie eben. Jeder hat Aufgaben, jeder wird gebraucht, jeder wird wertgeschätzt.
Raum und Mahlzeiten also stellen den äußeren Rahmen dar. Von außen auch gegeben: Was gelernt werden soll. Lehrplankommissionen beschäftigen sich immer wieder mit diesen Fragen. Die Sache ist so furchtbar einfach: Gelernt werden sollte, was zukünftig gebraucht wird. Zentrale Kulturtechniken – eingeübt und praktiziert mit welchen Medien auch immer – lassen sich nicht umgehen. Aber wie viel ist wovon notwendig? Der Blick geht dabei in Haupt- und Realschulen – sofern es sie noch gibt und sie nicht im Zwangsverbund vegetieren – nach oben zum Gymnasium. Das sagt bislang an, was man können muss um dort mitzuspielen. Und die Handwerkskammern sagen es auch.
Es ist wie bei einer überfüllten Wohnung. Zeit für eine Entrümpelungsaktion in allen Stockwerken des großen Bildungshauses. Leer machen und mit Bedacht und unter dem Primat der Zukunftsrelevanz neu einrichten. Es dürfen auch Antiquitäten dabei sein. Aber es braucht vor allem viel Neues. Sowohl vom Möbeldiscounter als auch vom nachhaltig arbeitenden Schreiner, der Einrichtungen herstellt, die man über eine Schülergeneration hinaus nutzen kann. Und was nach der großen Inhaltsrenovierung bleiben darf, was wieder raus muss, das muss jedes Jahr neu überlegt werden. Zusammen mit Lernenden und Lehrenden, nicht nur in einem fernen Ministerium.
Was in einem Schuljahr dem Verstand der Schüler nahegebracht werden soll, wie es verteilt wird, welche Methoden man verwendet, das darf kein ewiges Wiederholungsprogramm sein. Ich entsinne mich an die Arbeitsblätter meines Rechnungswesenlehrers. Die waren in den frühen siebziger Jahren entstanden und hatten bis zum Ende der achtziger Jahre überlebt, ganz und gar unbeschadet. So können wir nicht weitermachen.
Das Lernprogramm ist methodisch, ggf. auch inhaltlich, an die Lernenden anzupassen. Es soll ihnen auch bekannt sein, sie sollen zu Veränderungen anregen können, Einfluss haben. Schüler können mehr als nur lernen, sie können auch abwägen, mitbestimmen, was wann vielleicht sogar wie drankommt, wenn man es mit ihnen einübt. Materialien als Lehrender oder mit Lernenden für den Unterricht zu erstellen ist heute in Zeiten der Künstlichen Intelligenz viel einfacher als noch vor wenigen Jahren. Man muss sich nur von seinen alten Ordnern trennen. Und von Gewohntem.
In unterschiedlichen Bundesländern erlauben Programme genau davon abzuweichen, Neues zu erproben. Sie ermutigen dazu, Netzwerke werden geknüpft, Erfahrungen ausgetauscht, Modellprojekte vorgestellt und Vieles mehr.
Im Bundesland Rheinland-Pfalz findet dies unter dem Titel „Schule der Zukunft“ statt. Und tatsächlich können einzelne Schulen Veränderungen und Erfolge aufzeigen, Transformationsprozesse einleiten, gestalten und so den Bildungsstätten neues Leben einhauchen. Auf diesem Weg entstehen zum Teil Leuchtturmprojekte, auf die das Land sodann immer wieder hinweist. Lehrer anderer Schulen werden auf Pilgerfahrt dorthin geschickt, sollen mithilfe dieser Beispiele Impulse für die eigene Bildungsarbeit erhalten.
Andere Schulen navigieren, ebenso am Projekt teilnehmend, eher unsicher durch die neuen Weltmeere der Bildung. Manche stranden ratlos, andere retten sich auf Inseln, kommen aber nicht über das Aufstellen von Sonnenschirmen und Liegewiesen hinaus. Das alles sind zunächst einmal zu lobende erste Schritte, weil jede Bewegung zählt. Die Bewegung aber, sie muss erhalten bleiben. Aus einzelnen Stunden oder Tagen des Projektarbeitens, des vielleicht offenen Lernens oder anderer Formate, mit deren Hilfe Schüler selbstbestimmter und selbstorganisierter lernen können, muss eine Weiterentwicklung hervorgehen.
Formate, die erfolgreich erprobt wurden, bedürfen – nach Anpassung an die jeweiligen Lerngruppen – der Übertragung. Sie müssen wie eine Welle durch den kleinen Ozean eines Schulmeeres gehen, nicht als Tsunami, sondern wohldosiert. Stagnation ist dabei der größte Feind.
Vielleicht braucht es einfach mehr Zeit. Unklar ist, wie groß der Anteil der Lehrenden ist, die solche Veränderungen nur zögernd begleiten, sie vielleicht auch versuchen zu ignorieren. Das ist nicht weiter verwunderlich, denn in einem Lehrerleben wurden immer wieder neue Projekte in Schulen getragen und erprobt, um dann doch im Alltag zu verebben.
Wenn ich die Menschen, die an Schulen die zentrale und wichtigste Arbeit leisten motivieren und auf eine unerhörte Reise zu neuen Ufern der Bildung mitnehmen möchte – und viele Häfen, die auf diesem Weg liegen, habe ich inhaltlich hier gar nicht ansteuern können – dann muss ich ihnen den Rücken dafür freihalten, ihnen ein gutes und seetaugliches Schiff und genug Proviant investieren.
Die Entwicklung neuer Konzepte und Formate sowie deren Verbreitung reicht nicht aus. Lehrer können mit einem Deputat von 27 Stunden und Klassengrößen mit bis zu 30 Schülern das alles nicht leisten. Das Rezept ist einfach: Weniger Stunden, kleinere Klassen, multiprofessionelle Teams, dazu das Konzept von Schule als Lebenswelt. Das kostet Geld, Geld das jetzt gut angelegt wäre, wenn man eine wirkliche „Schule der Zukunft“ auf den Weg bringen möchte.