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Jugend im Elend der Lieblosigkeit


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Autor, Sprecher und Episodenbild

Yeal Gabriel Gwyneth Spengler

Technik und Gestaltung

Thorsten Siefert

„Jugend im Elend der Lieblosigkeit“ von Klaus Dieter Müller. Das Buch beschreibt mithilfe unterschiedlicher Beispiele das Leben und Aufwachsen von Kindern in einem Umfeld, das wir heute mit dem Begriff „prekäre Verhältnisse“ beschreiben würden. Der Aneinanderreihung von kleinen Reportagen gemein ist die Beobachtung eines zentralen und vorherrschenden Mangels, eines Mangels an Zuwendung. 

Müller verwendet dafür den Begriff Lieblosigkeit. Diese sieht er jenseits von materiellem Mangel als eigentliche Ursache dessen, was man gerne mit dem exkludierenden Attribut „verhaltensauffällig“ beschreibt. Es sind die Verhältnisse, in denen junge Menschen aufwachsen, die sie prägen, die sie schwierig werden lassen. Klar ist, dass sich nur durch Zuwendung, durch das vorsichtige Aufbauen von für Kinder und Jugendliche verlässlichen und stabilen Beziehungen überhaupt etwas bewirken lässt. Sicherlich nicht durch Disziplinierung. 

Müllers kleines Buch, es war die erste Literatur, die mir in meinem Lehramtsstudium begegnete, sein Seminar zur Einführung in die Erziehungswissenschaften meine erste Pädagogikveranstaltung. Die in Müllers Werk gesammelten Fallbeispiele stammen meiner Erinnerung nach aus den sechziger und siebziger Jahren. War schon meine Kindheit eine Achterbahn aus Zuwendung und Missachtung gewesen – die Verhältnisse aus denen ich kam, sie waren schwierig und widersprüchlich – so ließen mich die kurzen, aber beeindruckend intensiven Reportagen schaudern und zum Teil ungläubig zurück.

Die Berichte und Müllers Gedanken dazu, sie haben mich nicht mehr losgelassen, geprägt, meiner Arbeit eine Richtung gegeben. Gemeinsam mit meinen eigenen Erfahrungen des Mangels definierten Müllers Grundsätze des pädagogischen Handelns – ich habe es nicht einmal wirklich bemerkt – die Art und Weise, wie ich meinen Beruf bis heute ausgeübt habe. 

Es geht immer wieder darum, sich auf die jungen Menschen einzulassen, sie so zu nehmen, wie sie eben sind mit all dem, was sie bereits erlebt haben, was sie mitbringen. Das war und ist nicht immer einfach und mitunter auch misslungen. Die Erfahrungen des Scheiterns lassen mich nie los. Sie sind aber zugleich auch Motivation es besser zu machen, immer wieder. Und andere Wege zu gehen, Neues zu versuchen. 

Eines steht über allem: Das Herstellen und Sichern einer für Kinder und Jugendlichen stabilen Beziehung in der ohnehin sehr herausfordernden Zeit der Pubertät. Sie durch die restliche Schulzeit zu bekommen, sie bei der Orientierung zu unterstützen, den für jeden möglichst besten Weg in die Zukunft zu finden und in den Situationen zu stützen und dazusein, in denen es aus unterschiedlichen Gründen nicht weiterzugehen scheint, darum geht es. 

Diese Arbeit, man kann es überall hören, nachlesen, sie ist in den letzten Jahren schwieriger geworden. Lehrer sehen sich immer häufiger mit einer Generation von jungen Menschen konfrontiert, die in zunehmend prekärer werdenden Verhältnissen aufwächst. Schulen, an denen diese Kinder unterrichtet werden, kommen schnell an ihre Grenzen. Die Vermittlung von Bildungsinhalten scheitert, Konflikte zwischen den Kindern, Kindern und Eltern und mit den Eltern beherrschen den Alltag der Lehrer, die auf all das nicht vorbereitet sind. Und die Forderung nach mehr Disziplin sowie die oft verzweifelten Versuche, diese durchzusetzen, all dies ist zur Erfolglosigkeit verurteilt. So wie es Müller beschreiben hat. 

Wer glaubt, als Lehrer im Wesentlichen Wissensvermittler zu sein und sich vielleicht hier und da als Problemlösungshelfer betätigen zu können, der liegt falsch. Das Aufgabenfeld hat sich in den letzten Jahren – eine über mehrere Jahrzehnte beobachtbare Entwicklung – erweitert. Dabei hat sich der Handlungsschwerpunkt von Unterricht hin zum Herstellen von Bedingungen, die diesen überhaupt erst im ermöglichen, verschoben. Es ist die pädagogische Arbeit, die im Mittelpunkt steht und damit das, was Müller bereits in den siebziger Jahren als unbedingt notwendig beschrieb: Das Herstellen von verlässlichen, belastbaren Beziehungen über eine konkrete Situation hinaus. Langfristig. Geprägt vom „Aushalten können“ auf der Seite der Pädagogen. Sie müssen bereit sein, unvermeidliche Scherbenhaufen immer wieder zusammenzukehren und neu zu beginnen. Eine fast übermenschliche Aufgabe. 

Im zweiten Teil dieses Beitrags wird es darum gehen, was Lehrer heute schon alles tun, um die Beziehungen zu Schülern zu gestalten und Lernen zu ermöglichen. Das Engagement vieler Pädagogen geht häufig bis an die Grenzen ihrer Belastbarkeit. Wo muss eine Reform der Lebenswelt Schule ansetzen, wie sieht eine wirkliche „Schule der Zukunft aus“, die weit mehr sein muss, als eine Lernfabrik?

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netkiosk.digitalBy Hans-Christian Spengler und Thorsten A. Siefert